Khouri hatte von biotechnisch manipulierten menschlichen Untergattungen gehort, die aus Meeresbewohnern gezuchtet wurden fur ein Leben in vollig gefluteten Raumschiffen oder auf Welten wie Europa unter dem Eis. Sula war sozusagen die leibhaftige Verkorperung solcher Mythen, ein groteskes Hybridwesen. Aber vielleicht war auch alles ganz anders. Vielleicht hatte sie sich den Transformationen nur aus einer Laune heraus unterzogen. Vielleicht waren sie vollig zweckfrei oder dienten nur dem tieferen Zweck, eine andere Identitat vollkommen zu kaschieren. Wie auch immer, sie hatte sich schon auf Planeten aufgehalten und offenbar kam es nur darauf an.
Naturlich hatte auch Sajaki Planetenerfahrung vorzuweisen, aber er befand sich bereits auf Resurgam. Welche Rolle er eventuell bei Sylvestes Ergreifung spielen sollte, war allerdings nicht klar. Von Triumvir Hegazi wusste Khouri nur wenig, aber sie hatte aus zufallig aufgeschnappten Bemerkungen den Eindruck gewonnen, dass sein Fu? noch nie naturlichen Boden beruhrt hatte. Kein Wunder, dass Sajaki und Volyova dazu neigten, Triumvir Hegazi in den Verwaltungsbereich abzuschieben. Er sollte an der Exkursion nach Resurgam nicht teilnehmen, wenn es Ernst wurde — und wollte es auch nicht.
Damit blieb nur noch Khouri. Mangelnde Erfahrung konnte ihr niemand vorhalten; im Gegensatz zu allen anderen Besatzungsmitgliedern war sie nicht nur nachweislich auf einem Planeten geboren worden und aufgewachsen, sondern hatte auch — unter Einsatz ihres Lebens — auf einer Welt gekampft. Wahrscheinlich — jedenfalls hatte sie bisher nichts gehort, was daran Zweifel aufkommen lie? — hatte der Krieg auf Sky’s Edge sie mit Gefahren konfrontiert, wie die Crew sie au?erhalb des Schiffes noch nie erlebt hatte. Deren Erfahrungen beschrankten sich auf Einkaufsbummel, Geschaftsverhandlungen oder touristische Ausfluge; man besuchte eine Welt, um sich am engen Dasein der Kurzlebigen zu weiden. Khouri erinnerte sich an Situationen, in denen es bisweilen mehr als unwahrscheinlich gewesen war, dass sie uberlebte. Dennoch — sie war immer ein fahiger Soldat gewesen und hatte auch Gluck gehabt — war sie bisher noch immer mit halbwegs heiler Haut davongekommen.
Das wurde auch von niemandem auf dem Schiff bestritten.
»Es ist nicht so, dass wir Sie nicht dabei haben wollten«, hatte ihr Volyova nicht lange nach dem Vorfall mit dem Weltraumgeschutz erklart. »Weit gefehlt. Ich bezweifle nicht, dass Sie mit einem Raumanzug ebenso gut zurechtkamen wie jeder von uns, und Sie wurden auch nicht beim ersten Schuss vor Schreck erstarren.«
»Aber…«
»Aber ich kann es mir nicht leisten, schon wieder einen Waffenoffizier zu verlieren.« Die Diskussion fand im Spinnenraum statt, dennoch hatte Volyova die Stimme gesenkt. »Wir brauchen auf Resurgam nur drei Personen, und das hei?t, wir mussen Sie nicht einsetzen. Au?er mir sind Sudjic und Kjarval mit den Raumanzugen vertraut. Wir haben sogar schon mit dem Training begonnen.«
»Dann lassen Sie mich wenigstens daran teilnehmen.«
Volyova hatte schon abwehrend den Arm gehoben, doch im letzten Moment anderte sie ihre Meinung. »Schon, Khouri. Sie trainieren mit uns. Aber das hat nichts zu bedeuten, ist das klar?«
O ja, nur allzu klar. Das Verhaltnis zwischen Khouri und Volyova hatte sich verandert — seit Khouri Volyova die Luge von der feindlichen Crew aufgetischt hatte, fur die sie angeblich als Infiltrator tatig war. Die Mademoiselle hatte ihren Schutzling auf dieses kleine Gesprach lange vorbereitet, und offenbar hatte alles geklappt wie am Schnurchen, bis hinunter zu der Masche, die — naturlich vollig unschuldige —
»Ich verstehe«, sagte Khouri.
»Trotzdem ist es ein Jammer.« Volyova lachelte. »Ich habe den Eindruck, Sie wollten Sylveste schon immer gern kennen lernen. Aber die Gelegenheit dazu bekommen Sie naturlich, wenn wir ihn an Bord bringen…«
Khouri lachelte. »Und damit muss ich mich wohl zufrieden geben?«
Saal zwei war ein leerer Doppelganger des Gewolbes mit den Weltraumgeschutzen.
Anders als der Geschutzpark war er allerdings beluftet und hatte Standarddruck. Das war kein reiner Luxus; Saal zwei enthielt die gro?te Menge atembarer Luft auf dem ganzen Lichtschiff und diente deshalb als Reservoir, aus dem man sonst luftleere Schiffsregionen versorgte, wenn sie von Menschen ohne Raumanzug betreten werden mussten.
Normalerweise hatte der Antrieb die Illusion von 1 Ge Schwerkraft geliefert, denn er wirkte entlang der Langsachse des Schiffs, und die ging auch durch den annahernd zylindrischen Raum. Aber jetzt war der Antrieb abgestellt — das Schiff kreiste um Resurgam —, und so wurde der Raum im Ganzen gedreht, um das Gefuhl von Schwere zu erzeugen. Das hie?, dass die Schwerkraft in einem Winkel von neunzig Grad zur Langsachse wirkte und von der Mitte strahlenformig nach au?en druckte. Im Zentrum war kaum etwas davon zu spuren; hier schwebte ein Gegenstand Minuten lang, bis ihn der unvermeidliche kleine Anfangsschub langsam nach au?en trug. Dann wurde der Winddruck der ebenfalls rotierenden Luft starker und zog ihn immer schneller immer weiter nach unten. Aber nichts ›fiel‹ in diesem Raum in gerader Linie zu Boden, jedenfalls nicht aus dem Blickwinkel eines Beobachters, der an der rotierenden Wand stand.
Sie betraten den Zylinder an einem Ende durch eine gepanzerte Turklappe, die an der Innenseite zahlreiche Brandspuren und Projektileinschlage aufwies. Die ubrigen sichtbaren Flachen waren in ganz ahnlichem Zustand; so weit Khouri sehen konnte (und dank der Sichtverstarkungsprogramme des Anzugs konnte sie so weit sehen, wie sie wollte), gab es keinen Quadratmeter Wand, der nicht von irgendeiner Waffe aufgerissen, verkratzt, durchlochert, verschrammt, ausgebeult, geschmolzen oder korrodiert gewesen ware. Ursprunglich mochten die Wande silbern gewesen sein; jetzt leuchtete das Metall so purpurrot wie ein gigantischer Bluterguss. Beleuchtet wurde der Saal nicht aus einer stationaren Lichtquelle, sondern mit Dutzenden von frei schwebenden Drohnen, von denen jede einen Bereich der Wand in strahlend helles Scheinwerferlicht tauchte. Die Drohnen waren wie aufgescheuchte Gluhwurmchen in standiger Bewegung. Infolgedessen blieb kein Schatten langer als eine Sekunde lang an derselben Stelle, und man konnte nicht langer als eine Sekunde in eine Richtung schauen, bevor ein blendend heller Beleuchtungskorper ins Blickfeld schwebte und alles andere ausloschte.
»Kommst du damit auch wirklich klar?«, fragte Sudjic, als die Tur hinter ihnen zufiel. »Du solltest den Anzug nicht beschadigen. Was man zerbricht, hat man gekauft, verstehst du?«
»Kummere dich lieber um deine eigenen Angelegenheiten«, gab Khouri zuruck. Dann schaltete sie auf die Privatverbindung um, so dass nur Sudjic allein sie horen konnte. »Vielleicht bilde ich es mir ein, aber ich werde das Gefuhl nicht los, dass du mich nicht besonders leiden kannst.«
»Wie kommst du blo? auf die Idee?«
»Vielleicht hat es etwas mit Nagorny zu tun.« Khouri hielt inne. Ihr war eingefallen, dass die Privatverbindungen moglicherweise gar nicht so privat waren, andererseits wollte sie nichts sagen, was nicht jedem Lauscher und erst recht Volyova ohnehin langst bekannt gewesen ware. »Ich wei? nicht genau, was ihm zugesto?en ist, ich wei? nur, dass ihr eng befreundet wart.«
»Befreundet ist nicht das richtige Wort, Khouri.«
»Dann eben ein Liebespaar. Ich wollte das nicht sagen, um dich nicht zu kranken.«
»Zerbrich dir nicht den Kopf daruber, ob ich gekrankt bin, Madchen. Dafur ist es zu spat.«
Volyovas Stimme unterbrach sie. »Alle drei zur Wand hin absto?en.«
Gehorsam schalteten sie den Antrieb ihrer Anzuge etwas hoher und sprangen von der Platte am Zylinderende. Seit sie den Raum betreten hatten, waren sie im freien Fall, doch als sie nun mit zunehmender Geschwindigkeit zur Wand/Boden hinab sanken, verstarkte sich das Gefuhl der Schwere. Die Veranderung war nur gering und wurde vom Luftgel abgefedert, lieferte aber immerhin so viele kleine Hinweise, dass sie ein Gefuhl fur oben und unten entwickeln konnten.
»Ich kann verstehen, warum du mich ablehnst«, sagte Khouri.
»Und ob du das kannst.«
»Ich habe seinen Platz eingenommen. Bin in seine Rolle geschlupft. Nach allem, was mit ihm passiert ist, musstest du plotzlich auch mich noch ertragen.« Khouri bemuhte sich, moglichst sachlich zu sprechen, als nahme sie das alles nicht personlich. »Wenn ich in deinen Schuhen steckte, wurde ich vermutlich ebenso empfinden, da bin ich ganz sicher. Aber deshalb ist es noch lange nicht richtig. Ich bin nicht dein Feind, Sudjic.«
»Mach dir keine Illusionen.«
