inzwischen fast unentbehrlich geworden. Nachdem Volyova jetzt die Wahrheit kannte und Khouri ihr ursprungliches Ziel nicht weiter verfolgen konnte, wurde sie sich sicher nach Kraften bemuhen, die ihr zugewiesene Position auszufullen. Ob die Loyalitatsbehandlung angeschlagen hatte, spielte kaum noch eine Rolle: Khouri musste in jedem Fall so tun als ob, und irgendwann waren Sein und Schein nicht mehr voneinander zu trennen. Womoglich wollte sie das Schiff dann gar nicht mehr bei erster Gelegenheit verlassen. Es gab immerhin schlechtere Alternativen. So konnte sie uber Monate oder Jahre subjektiver Zeit wahrhaftig zu einem Teil der Besatzung werden und ihr anfangliches Doppelspiel bliebe ihr und Volyovas Geheimnis und geriete fruher oder spater sogar bei Volyova in Vergessenheit.
Irgendwann war Volyova uberzeugt, die Infiltrationsfrage sei erledigt. Das Problem Sonnendieb blieb naturlich bestehen — aber mit Khouris Hilfe lie? es sich vor Sajaki geheim halten. Es war ja nicht das Einzige, wovon der Triumvir nichts zu erfahren brauchte. Volyova nahm sich vor, alle Beweise dafur zu vernichten, dass der Vorfall mit dem Weltraumgeschutz jemals stattgefunden hatte, und zwar, bevor Sajaki und die anderen geweckt wurden. Aber wie sich herausstellte, war das nicht so einfach. Als Erstes mussten die Schaden am Lichtschiff selbst repariert und die Stellen am Rumpf ausgebessert werden, die bei der Explosion des Geschutzes getroffen worden waren. Das hie? vor allem, die Selbstreparaturprogramme zu Hochstleistungen anzuspornen, aber sie musste auch sicherstellen, dass alle bereits vorhandenen Narben, alle Einschlagskrater und alle schlecht ausgefuhrten Reparaturen der Vergangenheit exakt kopiert wurden. Danach musste sie auf den Selbstreparatur- Speicher zugreifen und alles loschen, was darauf hinwies, dass uberhaupt Reparaturen stattgefunden hatten. Anschlie?end musste der Spinnenraum wieder instand gesetzt werden, auch wenn Sajaki und die anderen von seiner Existenz eigentlich gar nichts wissen sollten. Sicher war sicher; au?erdem war diese Reparatur die einfachste von allen. Zum Schluss mussten alle Spuren fur den Aufruf des Patey-Programms geloscht werden; damit hatte sie mindestens eine Woche zu tun.
Der Verlust des Shuttles war viel schwerer zu verheimlichen. Eine Weile spielte sie mit dem Gedanken, im ganzen Schiff winzige Mengen an Rohstoffen zu sammeln, bis sie genugend beisammen hatte, um ein neues bauen zu lassen. Sie brauchte nicht mehr als ein Neunzigtausendstel der gesamten Schiffsmasse. Aber das Risiko war zu gro?, und sie hatte Bedenken, ob es ihr gelingen wurde, das neue Shuttle au?erlich ausreichend altern zu lassen. So wahlte sie die einfachere Moglichkeit. Sie nahm entsprechende Veranderungen in der Datenbank des Schiffes vor, so dass es aussah, als hatten sie schon immer ein Shuttle weniger an Bord gehabt. Sajaki wurde den Schwindel vielleicht bemerken — moglicherweise auch die anderen —, aber sie konnten ihr nichts beweisen. Zuletzt stellte sie naturlich eine Kopie des Weltraumgeschutzes her. Es war nur eine Attrappe, die im Lagerraum stehen und einen bedrohlichen Eindruck machen sollte, wenn Sajaki ihrem Reich einen seiner seltenen Besuche abstattete. Sechs Tage lang hatte sie wie eine Wahnsinnige gearbeitet, um ihre Spuren zu verwischen. Am siebenten Tag hatte sie geruht, um sich so weit zu erholen, dass keiner von den anderen bemerkte, welche Strapazen sie hinter sich hatte. Am achten Tag war Sajaki erwacht und hatte gefragt, was sie in den Jahren getrieben habe, wahrend er im Kalteschlaf lag.
»Ach«, hatte sie gesagt. »Nichts, woruber man nach Hause schreiben konnte.«
Seine Reaktion war schwer einzuschatzen — wie so oft in letzter Zeit. Selbst wenn es ihr diesmal gelungen sein sollte, ihn zu tauschen, einen weiteren Fehler durfte sie sich nicht leisten. Dabei spielten sich schon jetzt Dinge ab, die uber ihren Horizont gingen — obwohl sie noch nicht einmal Kontakt zu den Kolonisten aufgenommen hatten. Sie brauchte nur an die Neutrinosignatur zu denken, die sie in der Nahe des Neutronensterns des Systems entdeckt hatte, und an das Unbehagen, das sie seither verfolgte. Die Quelle war immer noch da. Sie war sehr schwach, aber Volyova hatte sie jetzt so weit analysiert, um sagen zu konnen, dass sie nicht nur um den Neutronenstern kreiste, sondern auch um den mondgro?en Felsensatelliten, der den Stern begleitete. Bei der ersten Erkundung des Systems Jahrzehnte zuvor war die Quelle sicher noch nicht da gewesen, und das legte den Schluss nahe, dass sie irgendwie mit der Kolonie auf Resurgam zu tun hatte. Aber wie hatten die Kolonisten sie an Ort und Stelle bringen sollen? Sie fuhrten ja nicht einmal Fluge in den Orbit durch, wie sollten sie da eine Sonde an den Rand ihres Systems schicken? Volyova vermisste sogar das Schiff, mit dem sie hier angekommen waren. Sie hatte erwartet, die
»Ilia?«, fragte Hegazi. »Wir sind fast so weit. Gleich kommt von der Nachtseite her die Hauptstadt in Sicht.«
Sie nickte. Die Telekameras, die uberall am Schiffsrumpf angebracht waren, wurden ein ganz bestimmtes Gelande mehrere Kilometer jenseits der Stadtgrenzen anvisieren und sich auf eine Stelle konzentrieren, auf die man sich vor Sajakis Abreise geeinigt hatte. Wenn ihm kein Ungluck zugesto?en war, musste er jetzt genau dort im Freien auf einer Mesa stehen und in die aufgehende Sonne schauen. Die Zeitabstimmung war nicht ganz einfach, aber Volyova zweifelte nicht, dass Sajaki punktlich zur Stelle sein wurde.
»Ich habe ihn«, sagte Hegazi. »Die Bildstabilisatoren schalten sich zu…«
»Lassen Sie sehen.«
Nahe der Hauptstadt offnete sich ein Fenster in der Kugel und wurde rasch gro?er. Zunachst war noch nicht viel zu erkennen, nur ein verschwommener Fleck, vielleicht tatsachlich ein Mann auf einem Felsen. Aber das Bild wurde rasch scharfer, und es zeigte unverwechselbar Sajaki. An Stelle des klobigen Schutzanzugs, in dem ihn Volyova zum letzten Mal gesehen hatte, trug er jetzt einen aschgrauen Mantel mit langen Scho?en, die ihm um die Stiefel flatterten — ein Zeichen, dass ein leichter Wind uber die Mesa strich. Den Kragen hatte er bis zu den Ohren hochgeschlagen, aber das Gesicht war frei.
Nur war es nicht sein eigenes Gesicht. Bevor Sajaki das Schiff verlie?, hatte man seine Zuge leicht verandert und sich dabei an einem Durchschnittsideal orientiert, das von den genetischen Profilen der ursprunglichen Resurgam-Kolonisten abgeleitet war, die wiederum die franko-chinesischen-Gene der Yellowstone-Siedler in sich trugen. Wenn Sajaki jetzt am hellen Tag durch die Stra?en der Hauptstadt spazierte, erntete er hochstens neugierige Blicke. Als Fremder war er nicht zu erkennen, nicht einmal an seinem Akzent. Man hatte mit linguistischen Analyseprogrammen die zehn bis zwolf Stoner-Dialekte der Expeditionsmitglieder untersucht und sie mit Hilfe komplexer lexikostatistischer Modelle zu einem neuen, fur ganz Resurgam brauchbaren Planetendialekt verschmolzen. Wenn Sajaki jetzt mit einem Kolonisten sprach, konnte er mit seinem Aussehen, seiner Geschichte und seiner Sprechweise jeden uberzeugen, dass er nicht etwa ein Au?enweltler war, sondern nur aus einer der abgelegeneren Siedlungen kam.
So war es zumindest geplant.
Sajaki hatte mit Ausnahme seiner subkutanen Implantate keinerlei technische Ausrustung bei sich, die ihn verraten konnte. Ein konventionelles Kommunikationssystem fur Gesprache in die Umlaufbahn ware zu leicht zu entdecken und viel zu schwer zu erklaren gewesen, falls man ihn aus irgendeinem Grund gefangen genommen hatte. Dennoch horte man ihn jetzt sprechen. Er wiederholte jeden Satz mehrmals, und das Schiff ma? mit seinen Infrarot-Sensoren die Durchblutung in seiner Mundregion und erstellte ein Modell der zugrunde liegenden Muskel- und Kieferbewegungen. Diese Bewegungen verglich es mit aufgezeichneten Gesprachen in seinen umfangreichen Archiven und erschloss daraus die Laute, die er erzeugte. Aus denen wurden nun in einem letzten Schritt mit Hilfe grammatikalischer, syntaktischer und semantischer Modelle die Worte gebildet, die Sajaki wahrscheinlich sprach. Das horte sich kompliziert an — und war es auch —, aber Volyova konnte zwischen den Lippenbewegungen, die sie sah, und der unheimlich klaren und deutlichen Simulationsstimme, die sie horte, keine Verzogerung feststellen.
»Ich gehe davon aus, dass Sie mich horen konnen«, sagte Sajaki. »Fur das Protokoll: Dies ist mein erster Bericht von Resurgam nach meiner Landung. Sie werden verzeihen, wenn ich gelegentlich abschweife oder wenn meine Formulierungen eine gewisse Eleganz vermissen lassen. Ich habe den Bericht vorher nicht schriftlich ausformuliert; ich wollte nicht, dass er bei mir gefunden wurde, falls man mich beim Verlassen der Hauptstadt aufgegriffen hatte. Also:
Die Situation stellt sich ganz anders dar, als wir erwartet hatten.«
Das kann man wohl sagen, dachte Volyova. Die Kolonisten — wenigstens eine Partei — wussten genau, dass ein Schiff vor Resurgam eingetroffen war. Sie hatten es heimlich mit einem Radarstrahl erfasst. Aber sie hatten keinen Versuch unternommen, mit der
