hangen wollen, sonst wurden Sie nicht alles tun, um es zu vertuschen.«
Volyova nickte. Leugnen ware sinnlos gewesen. Vielleicht hatte Khouri sogar einen Verdacht, was ihre Beziehung zum Captain anging. »Worauf wollen Sie hinaus?«
»Ich finde, dass alles, was ich Ihnen jetzt erzahle, unter uns bleiben sollte. Ist das kein vernunftiger Vorschlag?«
»Ich sagte eben, ich konnte Sie toten, Khouri. Sie sind nicht gerade in einer starken Position.«
»Richtig, Sie konnten mich toten — oder es zumindest versuchen —, aber ich bezweifle, dass sich mein Tod so leicht vertuschen lie?e wie der von Nagorny. Einen Waffenoffizier zu verlieren ist Pech. Bei zweien sieht es allmahlich nach Schlamperei aus, nicht wahr?«
Eine Ratte huschte vorbei und bespritzte sie mit Wasser. Gereizt warf Volyova dem Tier ihre Zigarettenkippe hinterher, aber es war bereits durch eine Offnung in der Wand verschwunden. »Soll das hei?en, ich darf den anderen nicht einmal erzahlen, dass ich Sie als Infiltrator enttarnt habe?«
Khouri zuckte die Achseln. »Tun Sie, was Sie wollen. Aber wie wurde Sajaki das wohl aufnehmen? Wer ware denn dafur verantwortlich, dass der Infiltrator uberhaupt an Bord genommen wurde?«
Volyova lie? sich mit der Antwort Zeit. »Sie haben auf alles eine Antwort, wie?«
»Ich hatte damit gerechnet, dass Sie mir fruher oder spater gewisse Fragen stellen wurden, Triumvir.«
»Dann fangen wir mit den naheliegendsten an. Wer sind Sie und fur wen arbeiten Sie?«
Khouri ergab sich seufzend in ihr Schicksal. »Was Sie wissen, entspricht in gro?en Teilen der Wahrheit. Ich hei?e Ana Khouri und war Soldat auf Sky’s Edge… allerdings etwa zwanzig Jahre fruher, als Sie dachten. Das Ubrige…« Sie hielt inne. »Ich konnte jetzt wirklich einen Kaffee vertragen.«
»Es gibt aber keinen, also finden Sie sich damit ab.«
»Schon. Ich habe fur eine andere Crew gearbeitet. Die Namen kenne ich nicht — es kam nie zu einem direkten Kontakt —, aber diese Crew versucht schon seit langerem Ihre Weltraumgeschutze in die Hand zu bekommen.«
Volyova schuttelte den Kopf. »Unmoglich. Niemand wei? von den Geschutzen.«
»Das hatten Sie wohl gerne. Aber Sie haben einzelne Waffen eingesetzt, richtig? Dabei muss es Uberlebende, Zeugen gegeben haben, von denen Sie nichts wussten. Mit der Zeit hat sich herumgesprochen, dass Sie auf Ihrem Schiff wirklich harte Sachen mitfuhren. Vielleicht kannte niemand die ganze Geschichte, aber meine Gruppe wusste jedenfalls genug, um ein Stuck von diesem Kuchen abhaben zu wollen.«
Volyova schwieg. Khouris Erklarung traf sie wie ein Schock — als hatte sie erfahren, dass alle Welt uber ihre intimsten Gewohnheiten Bescheid wusste. Aber sie musste zugeben, dass sie nicht vollig von der Hand zu weisen war. Naturlich konnte etwas durchgesickert sein. Schlie?lich hatten etliche Besatzungsmitglieder — nicht in jedem Fall freiwillig — das Schiff verlassen. Von den Betreffenden hatte zwar eigentlich niemand Zugang zu vertraulichen Informationen — schon gar nicht uber den Geschutzpark — gehabt, dennoch lie? sich ein Versehen nie ganz ausschlie?en. Vielleicht hatte es beim Einsatz eines der Geschutze auch tatsachlich uberlebende Zeugen gegeben, und die hatten die Information weitergetragen.
»Diese andere Besatzung — auch wenn Sie den Namen der Leute nicht kennen, wissen Sie denn wenigstens, wie das Schiff hie??«
»…nein. So unvorsichtig waren sie nicht. Sonst hatten sie mir doch auch gleich direkt sagen konnen, wer sie sind, oder?«
»Was wussten Sie dann uberhaupt? Wie wollte man uns die Geschutze denn abnehmen?«
»Da kommt Sonnendieb ins Spiel. Sonnendieb ist ein militarisches Virus, das man bei Ihrem letzten Aufenthalt im Yellowstone-System eingeschleust hat. Ein hochentwickeltes, ausnehmend anpassungsfahiges Infiltrationsprogramm, dessen Spezialitat es ist, in gegnerische Systeme einzudringen, einen psychologischen Krieg gegen deren Besitzer zu fuhren und sie durch Manipulation des Unterbewusstseins in den Wahnsinn zu treiben.« Khouri legte eine Pause ein, um Volyova Zeit zu geben, das zu verarbeiten. »Aber Ihre Abwehr war zu gut. Sonnendieb wurde geschwacht, und so konnte die Strategie nicht richtig aufgehen. Also wartete man ab. Die nachste Chance bot sich erst, als Sie fast hundert Jahre spater wieder ins Yellowstone-System kamen. Diesmal wahlte man eine andere Strategie: ein menschlicher Infiltrator sollte an Bord. Ich.«
»Wie gelangte das erste Virus in unsere Systeme?«
»Uber Sylveste. Die fremde Besatzung wusste, dass Sie ihn an Bord holen wollten, um Ihren Captain zu heilen. Sie unterschob ihm die Software, ohne dass er etwas davon ahnte, und als er bei der Behandlung des Captains mit Ihrem medizinischen Zentrum verbunden war, infizierte sie Ihre Systeme.«
Die Erklarung war einleuchtend, dachte Volyova, und gab damit Anlass zu tiefer Besorgnis. Andere Crews waren also ebenso raubgierig wie man selbst. Welch ungeheure Arroganz, einfach davon auszugehen, List und Tucke seien ein Privileg von Sajakis Triumvirat.
»Und was war Ihre Aufgabe?«
»Festzustellen, inwieweit Sonnendieb die Systeme im Leitstand unterwandert hatte. Wenn moglich, das Schiff unter meine Kontrolle zu bringen. Bei einer Machtubernahme hatte es au?er vielleicht einigen Kolonisten keine Zeugen gegeben.« Khouri seufzte. »Aber glauben Sie mir, der Plan ist endgultig und fur alle Zeiten vom Tisch. Das Sonnendieb-Programm hatte Fehler; es war zu gefahrlich, zu anpassungsfahig. Es erregte zu viel Aufmerksamkeit, als es Nagorny in den Wahnsinn trieb — andererseits war er der Einzige, an den es herankam. Als es dann auch noch selbst im Geschutzpark herumpfuschte…«
»Das Geschutz, das sich selbstandig machte.«
»Ja. Das war auch mir nicht mehr geheuer.« Khouri frostelte. »Von da an wusste ich, dass Sonnendieb zu machtig geworden war. Ich konnte ihn nicht mehr kontrollieren.«
In den nachsten Tagen stellte Volyova weitere Fragen, um Khouris Geschichte von verschiedenen Seiten zu uberprufen und an den wenigen bekannten Fakten zu messen. Sonnendieb konnte tatsachlich ein Infiltrationsprogramm gewesen sein… auch wenn sie in ihrer jahrelangen Erfahrung noch keine Software von so heimtuckischer Raffinesse kennen gelernt hatte. Aber konnte sie die Erklarung deshalb so ohne weiteres verwerfen? Nein; naturlich nicht. Immerhin wusste sie ja, dass das Ding existierte. Khouris Interpretation war die erste, die auch objektiv vernunftig klang. Sie erklarte, warum alle Versuche, Nagorny zu heilen, gescheitert waren. Nicht eine unvorhersehbare Kombination von Nebenwirkungen ihrer Leitstandsimplantate hatte ihn in den Wahnsinn getrieben, sondern schlicht und einfach eine Entitat, die genau zu diesem Zweck geschaffen worden war. Kein Wunder, dass es ihr so schwer gefallen war, Nagornys Probleme zu verstehen. Ungelost blieb naturlich die hartnackige Frage, warum sich Nagornys Wahn so stark und gerade in dieser Form geau?ert hatte — die hektisch hingekritzelten, beklemmenden Vogelgestalten, die Muster auf seinem Sarg —, aber wer wusste, ob Sonnendieb nicht einfach eine schon bestehende Psychose verstarkt hatte, weil es leichter war, Nagornys Unterbewusstsein mit seinen eigenen Bildern arbeiten zu lassen?
Auch die mysteriose feindliche Besatzung lie? sich nicht so einfach aus der Welt schaffen. An Bord gab es Unterlagen, die bewiesen, dass ein zweites Lichtschiff — die
Im Moment war diese Erklarung so gut wie jede andere. Und eins stand vollkommen fest. Khouri hatte Recht, der Rest des Triumvirats durfte von diesen Dingen nichts erfahren. Sajaki wurde Volyova tatsachlich beschuldigen, die Sicherheit des Schiffes aufs Schwerste gefahrdet zu haben. Bestrafen wurde er naturlich Khouri — aber auch Volyova musste mit irgendeiner Form von Vergeltung rechnen. So angespannt, wie ihr Verhaltnis in letzter Zeit war, mochte es durchaus sein, dass Sajaki sie zu toten versuchte. Vielleicht gelang es ihm sogar — er war mindestens so stark wie Volyova. Dass er damit seinen besten Waffenexperten und die einzige Person verlore, die sich halbwegs mit dem Geschutzpark auskannte, wurde ihn nicht weiter storen. Seine Begrundung ware zweifellos, sie hatte ihre Unfahigkeit auf diesem Gebiet zur Genuge bewiesen. Aber da war noch ein dritter Punkt, den Volyova nicht ganzlich au?er Acht lassen konnte. Was immer wirklich hinter dem Geschutz passiert sein mochte, Volyova konnte nicht an der Tatsache vorbeigehen, dass Khouri ihr das Leben gerettet hatte.
So verhasst ihr die Vorstellung auch sein mochte, sie war dem Infiltrator verpflichtet.
Bei nuchterner Betrachtung der Situation gab es nur eine Moglichkeit: sie musste so tun, als ware nichts geschehen. Khouris Auftrag hatte sich mit Sicherheit erledigt; sie wurde nicht mehr den Versuch machen, das Schiff in ihre Gewalt zu bringen. Die verborgenen Motive, aus denen sie an Bord gekommen war, gefahrdeten nicht den Plan, Sylveste ein zweites Mal auf das Schiff zu holen, au?erdem war Khouri als Besatzungsmitglied
