Versteck zum anderen wie eine Krabbe vor der anrollenden Flut. Khouri spurte nichts Menschliches; keinen Hinweis darauf, dass diese dritte Prasenz im Leitstand ganz einfach eine heruntergeladene Personlichkeitssimulation sein konnte; Sonnendieb fuhlte sich an wie reiner Geist, als ware er nie etwas anderes gewesen als eine Datensimulation und konnte auch nie etwas anderes sein.
Er fuhlte sich an wie das absolute Nichts — aber ein Nichts, das einen erschreckend hohen Organisationsgrad erreicht hatte.
Konnte sie wirklich ernsthaft daran denken, sich mit einem solchen Wesen zu verbunden?
Vielleicht. Wenn sich auf diese Weise die Mademoiselle stoppen lie?e.
»Noch konnen sie zuruck«, sagte die Frau. »Er ist im Moment beschaftigt — hat nicht genugend freie Energie, um in Sie einzudringen. Aber das wird sich gleich andern.«
Jetzt hatte Khouri zumindest die Zielsuchsysteme unter Kontrolle, obwohl sie nur trage reagierten. Sie erfasste das Weltraumgeschutz, umgab es in seiner Gesamtheit mit einer Sphare potenzieller Vernichtung. Jetzt brauchte die Mademoiselle nur noch fur eine Mikrosekunde die Kontrolle uber die Waffen abzugeben, das wurde genugen, um zu zielen, zu feuern, zu vernichten.
Sie spurte, wie der Widerstand nachlie?. Sie — oder vielmehr sie und Sonnendieb — sollten offenbar Sieger bleiben.
»Tun Sie es nicht, Khouri. Sie wissen nicht, was auf dem Spiel steht…«
»Dann klaren Sie mich auf, verdammt. Was ist so wichtig? Sagen Sie es mir!«
Das Weltraumgeschutz entfernte sich weiter, ein sicheres Zeichen dafur, dass die Mademoiselle um seine Sicherheit furchtete. Aber die Gravitationsstrahlung verstarkte sich, die Wellen kamen jetzt so schnell, dass sie kaum noch auseinander zu halten waren. Niemand wusste, wie lange es noch dauerte, bis das Geschutz feuerte, aber Khouri vermutete, dass es sich nur noch um Sekunden handeln konnte.
»Horen Sie, Khouri!«, sagte die Mademoiselle. »Sie wollen die Wahrheit wissen?«
»Ja, verdammt noch mal!«
»Dann machen Sie sich auf etwas gefasst. Gleich kommt die geballte Ladung.«
Und dann — kaum dass sie sich an die Umgebung des Waffenraums gewohnt hatte — wurde sie in eine ganz andere Realitat gerissen. Seltsam war, dass es sich dabei um einen Teil ihrer selbst handelte, den sie bis zu diesem Augenblick vollkommen ubersehen hatte.
Sie waren auf einem Schlachtfeld, auf dem Gelande eines Nothospitals oder eines vorgeschobenen Kommandopostens, umgeben von aufblasbaren Chamaleo-Zelten und provisorischen Umzaunungen. Uber dem Lager spannte sich ein azurblauer Himmel mit wei?en Wolken, zwischen die sich schmutzige Qualmstreifen mischten, als spritze ein weltumspannender Oktopus seine Tinte in die Stratosphare. Zahlreiche Dusenflugzeuge mit gepfeilten Flugeln erzeugten die Kondensstreifen und tauchten unter ihnen hindurch. Weiter unten schwebten Drohnenluftschiffe und noch tiefer jagten bullige Transporthubschrauber mit Kippflugeln und Tandemfahrwerk am Rand des Lagers entlang. Sie gingen gelegentlich zu Boden, um Schutzenpanzer oder Fu?truppen, Krankenwagen oder gepanzerte Servomaten auszuspucken. Vor einer Seite des Lagers erstreckte sich ein verbrannter Grasstreifen, das Vorfeld. Dort standen sechs fensterlose Deltaflugler, Senkrechtstarter mit ausgefahrenen Kufen, die ihre Farbe exakt dem sonnengebleichten Boden angepasst hatten. Ihre Irisblenden waren zur Inspektion geoffnet.
Khouri stolperte und fiel ins Gras. Sie trug einen Chamaleo-Anzug, der zurzeit in verschiedenen Khakitonen gefleckt war. In den Handen hielt sie eine leichte Projektilwaffe. Der Metallgriff schmiegte sich wie selbstverstandlich gegen ihre Handflachen. Auf dem Kopf hatte sie einen Helm, von dessen Rand ein 2-D-Monokel hing. Es zeigte eine Falschfarbenkarte der Kampfzone, die nach den Telemetriedaten von einem der Luftschiffe erstellt wurde.
»Hier entlang, bitte.«
Ein Wei?helm fuhrte sie in eines der Zelte. Drinnen nahm ihr eine Ordonnanz die Waffe ab, kennzeichnete sie mit einem Ident-Chip und stellte sie zu acht anderen — von Projektilwaffen wie ihrer eigenen uber Schie?prugel mittlerer Leistung bis zu einer verheerenden Schulterwaffe, die mit beschleunigten Antimaterie- Impulsen arbeitete und besser erst eingesetzt wurde, wenn sich der Gegner nicht mehr auf dem gleichen Kontinent befand — in einen Stander. Die Luftschiffdaten wurden unscharf und erloschen. Das Uberwachungsschutzfeld um das Zelt hatte sie geloscht. Khouri hob die frei gewordene Hand, warf das Monokel uber den Helmrand nach hinten und strich sich mit der gleichen Bewegung eine verschwitzte Haarstrahne aus dem Gesicht.
»Hier herein, Khouri.«
Man fuhrte sie vorbei an Stockbetten, Verletzten und leise summenden Sanitats-Servomaten, die wie grune Schwane ihre langen Halse uber die Patienten reckten, in einen abgeteilten Bereich an der Ruckseite des Zelts. Drau?en war das schrille Pfeifen von Dusenjagern zu horen, dann eine Reihe von Einschlagen, aber im Zelt nahm davon niemand Notiz.
Endlich stand sie in einem kleinen, quadratischen Raum mit einem einzigen Schreibtisch. An den Wanden hingen die transnationalen Fahnen der Nord-Koalition, und in einer Ecke des Schreibtischs stand auf einem Bronzesockel ein gro?er Globus von Sky’s Edge. Der Globus war auf geografische Darstellung geschaltet und zeigte nur die vielfaltigen Landmassen und Gelandetypen des Planeten, nicht die hei? umkampften politischen Grenzen. Aber Khouri streifte ihn lediglich mit einem fluchtigen Blick, denn der Mann hinter dem Schreibtisch nahm ihre Aufmerksamkeit sofort gefangen. Er trug Paradeuniform: einen olivgrunen, zweireihig geknopften Waffenrock mit goldenen Schulterstucken und einer beeindruckenden Kollektion von Orden und Medaillen der Nord-Koalition auf der Brust. Das glanzend schwarze Haar war glatt nach hinten gekammt.
»Es tut mir Leid«, sagte Fazil, »dass es so kommen musste. Aber nachdem du jetzt hier bist…« Er streckte die Hand aus. »Nimm doch Platz; wir mussen miteinander reden. Ziemlich dringend sogar.«
In Khouri regte sich eine schwache Erinnerung. Sie sah einen Raum vor sich, einen Raum mit Metallwanden und einem Sitz. Die Erinnerung machte sie nervos — so als ware jede Sekunde kostbar. Aber verglichen mit der Gegenwart, mit diesem Zelt mutete sie unwirklich an. Fazil schlug sie vollig in seinen Bann. Er sah noch fast genauso aus wie damals (Wo sollte das gewesen sein?), nur war seine Wange von einer Narbe gezeichnet, die ihr unbekannt war, und er hatte sich einen Schnurrbart zugelegt. Zumindest (sie war nicht ganz sicher) hatte er den Bart, den er bei ihrer letzten Begegnung getragen hatte, irgendwie verandert; entweder trug er ihn jetzt dichter, oder er hatte die schwarzen Borsten so lang wachsen lassen, bis sich zu beiden Seiten seiner Oberlippe die ersten Ansatze verwegener Spitzen zeigten.
Sie folgte seiner Aufforderung und setzte sich auf einen Klappstuhl.
»Sie — die Mademoiselle — hatte schon befurchtet, dass dieser Fall eintreten konnte«, sagte Fazil. Die Lippen unter dem Schnurrbart bewegten sich kaum. »Deshalb hat sie Vorkehrungen getroffen und dir, als du noch auf Yellowstone warst, eine Reihe von geschlossenen Erinnerungsschleifen implantiert. Sie waren so markiert, dass sie sich nur dann aktivierten — und deinem Bewusstsein offneten —, wenn sie es fur angebracht hielt.« Er beugte sich uber den Schreibtisch, stie? den Globus an und lie? ihn ein paar Mal rotieren, um ihn dann jahlings anzuhalten. »Tatsachlich hat sie schon vor einiger Zeit damit begonnen, diese Erinnerungen freizusetzen. Erinnerst du dich an deinen leichten Migraneanfall im Fahrstuhl?«
Khouri tastete nach einem Rettungsanker; einer objektiven Realitat, der sie vertrauen konnte.
»Wozu soll das gut sein?«
»Es ist ein Hilfsmittel«, sagte Fazil. »Zum Teil besteht es aus vorhandenen Erinnerungsstrukturen, die die Mademoiselle entnommen hatte und als brauchbar erachtete. Dieses Treffen zum Beispiel — zeigt es nicht Anklange an unsere erste Begegnung, Liebling? Damals in der Einsatzzentrale auf Hohe Achtundsiebzig wahrend des Krieges um die Zentralprovinzen, vor der zweiten Offensive gegen die rote Halbinsel? Man hatte dich zu mir geschickt, weil ich einen Agenten fur eine Infiltration brauchte, der sich in den nicht abgeschirmten, vom Sicherheitsrat kontrollierten Sektoren auskannte. Waren wir nicht ein gro?artiges Team? In mehr als einer Beziehung.« Er strich sich den Schnurrbart, dann wies er wieder auf den Globus. »Naturlich habe ich — oder vielmehr sie — dich nicht nur hierher gebracht, um in Erinnerungen zu schwelgen. Nein, der Tatsache, dass auf diese Erinnerung zugegriffen wurde, entnehme ich, dass die Zeit reif ist fur gewisse Offenbarungen. Die Frage ist nur, bist auch du dafur bereit?«
»Naturlich bin ich…« Khouri brach ab. Was Fazil sagte, ergab keinen Sinn, aber die Erinnerung an jenen anderen Ort lie? sie nicht los; an den Raum mit den Metallwanden und dem brutalen Stuhl. Sie hatte das Gefuhl, als sei dort noch etwas unerledigt — als stehe die Losung gar unmittelbar bevor. Wo immer dieser Raum war, sie
