Volyova war unten bei Captain Brannigan, als eine Pfortnerratte ihr mitteilte, die Berichte der Kiesel seien eingetroffen. Sie wollte neue Proben von der Peripherie des Captains nehmen, die jungsten Erfolge eines ihrer Retrovirenstamme gegen die Seuche hatten ihr Mut gemacht. Sie hatte eines der militarischen Cyberviren, die das Schiff getroffen hatten, modifiziert und mit der Seuche kompatibel gemacht. Erstaunlicherweise schien es tatsachlich zu wirken — zumindest bei den kleinen Proben, an denen sie es bisher ausprobiert hatte. Wie argerlich, dachte sie, wegen etwas aus der Arbeit gerissen zu werden, das sie neun Monate zuvor in die Wege geleitet und in der Zwischenzeit fast vergessen hatte — wobei sie im ersten Moment nicht glauben wollte, dass tatsachlich so viel Zeit vergangen war. Doch die Aussicht auf neue Informationen war erregend.
Sie nahm den Fahrstuhl nach oben. Neun Monate, tatsachlich. Nicht zu fassen, wie schnell die Zeit verging, wenn man arbeitete. Sie hatte es wissen mussen, und im Grunde war ihr auch bekannt, wie lange es her war, die Information war nur nicht in den Teil ihres Bewusstseins vorgedrungen, mit dem sie solche Dinge zur Kenntnis nahm und sich aktiv damit auseinander setzte. Es hatte genugend Anhaltspunkte gegeben. Das Schiff trodelte nur noch mit einem Viertel Lichtgeschwindigkeit dahin. In etwa hundert Tagen wurde es endgultig in den Resurgam- Orbit einschie?en und dann brauchten sie eine Strategie. Hier kamen die Kiesel ins Spiel.
Auf der Brucke erschienen Schnappschusse von Resurgam und der naheren Umgebung in verschiedenen elektromagnetischen und exotischen Teilchenspektren. Es waren die ersten neueren Bilder eines potenziellen Feindes. Volyova pragte sich die wichtigsten Fakten tief ins Bewusstsein ein, um sie in einer Krise muhelos instinktiv abrufen zu konnen. Die Kiesel waren zu beiden Seiten an Resurgam vorbeigerast, so dass es Daten von der Tag- wie von der Nachtseite gab. Au?erdem hatte sich die Kieselwolke im Lauf des Fluges so weit auseinandergezogen, dass zwischen der ersten und der letzten Einheit, die das System passierte, funfzehn Stunden lagen. So konnte sie Resurgams gesamte Oberflache beleuchtet und im Dunkeln betrachten. Die Kiesel uber der Tagseite wandten Delta Pavonis den Rucken zu und suchten nach Neutrinostrahlung aus Fusions- und Antimateriekraftwerken auf der Oberflache. Die Kiesel auf der Nachtseite suchten nach Warmesignaturen von Bevolkerungszentren und Orbitalanlagen. Andere Sensoren pruften die Atmosphare, ma?en Sauerstoff—, Ozon- und Stickstoffwerte und stellten fest, in welchem Ausma? die Kolonisten die planetare Biosphare verandert hatten.
Wenn man berucksichtigte, dass die Kolonisten seit mehr als funfzig Jahren hier waren, hatten sie auf auffallend vieles verzichtet. Es gab keine gro?en Orbitalstationen, keine Einrichtungen fur den interplanetaren Flugverkehr. Nur ein paar Kommunikationssatelliten umkreisten den Planeten, und ob die repariert oder ersetzt werden konnten, falls sie beschadigt wurden, war zu bezweifeln, da es auf der Planetenoberflache keine gro?eren Industrieanlagen gab. Die wenigen noch verbliebenen Satelliten au?er Betrieb zu setzen oder zu storen ware ein Kinderspiel, falls das im Rahmen ihres bislang noch nicht formulierten Planes erforderlich werden sollte.
Dennoch waren die Siedler nicht untatig gewesen. Die Atmosphare zeigte Spuren extensiver Veranderung, der freie Sauerstoff lag weit uber den Werten, die Volyova erwartet hatte. Die Infrarot-Sensoren meldeten geothermische Bohrungen entlang einer Linie, an der sich mit Sicherheit kontinentale Subduktionszonen befanden. Der Neutrinoaussto? an den Polarzonen wies auf Sauerstofffabriken hin — Fusionsanlagen, die Wassereis- Molekule in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegten. Der Sauerstoff wurde an die Atmosphare abgegeben — oder in uberkuppelte Wohngebiete gepumpt —, wahrend der Wasserstoff in die Fusoren zuruckgeleitet wurde. Volyova identifizierte mehr als funfzig solcher Wohngebiete, aber die meisten waren unbedeutend und keines war auch nur annahernd so gro? wie die Hauptsiedlung. Vermutlich gab es noch weitere, kleinere Au?enposten — Stationen und Heimstatten in Familienbesitz —, aber die wurden die Kiesel nicht finden.
Was hatte sie also zu berichten? Keine Orbitalen Verteidigungsanlagen, mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Raumfahrt, und ein Gro?teil der Bewohner nach wie vor in einer Siedlung zusammengepfercht. Zumindest vom Standpunkt des Kraftevergleichs her sollte es ein Leichtes sein, die Resurgamiten zur Auslieferung Sylvestes zu uberreden.
Aber da war noch etwas.
Das Resurgam-System war ein weit auseinandergezogenes Doppelsternsystem. Delta Pavonis war die Leben spendende Sonne, aber — und das hatte sie gewusst — sie besa? einen toten Zwilling. Der dunkle Begleiter war ein Neutronenstern, zehn Lichtstunden von Pavonis entfernt, weit genug also, um stabile Planetenbahnen um beide Sterne zu ermoglichen. Tatsachlich hatte sich der Neutronenstern einen eigenen Planeten eingefangen. Dessen Existenz war ihr schon vor der Information durch die Kiesel bekannt gewesen. Der Datenbank des Schiffes war er nicht mehr wert als eine Kommentarzeile und eine durre Ziffernreihe. Welten wie diese waren aus chemischer Sicht ausnahmslos uninteressant, sie hatten keine Atmosphare, waren biologisch inaktiv und blank gescheuert von den Winden, die der Neutronenstern noch als Pulsar erzeugt hatte. Nicht viel mehr als ein Klumpen ausgegluhtes Sterneneisen, dachte Volyova, und etwa genauso spannend.
Aber in der Nahe dieser Welt befand sich eine Neutrinoquelle. Sie war nur schwach — fast an der Grenze der Registrierbarkeit —, aber sie verdiente Beachtung. Die Entdeckung war schwer zu verdauen. Erst nach einer Weile wurgte Volyova wie ein Wiederkauer einen kleinen Klumpen Gewissheit herauf: Nur eine Maschine konnte eine solche Signatur erzeugen. Und das machte ihr Sorgen.
»Sie haben wirklich uberhaupt nicht geschlafen?«, fragte Khouri. Sie selbst war kurz zuvor aufgewacht und fuhr nun mit Volyova im Fahrstuhl hinunter, um den Captain zu besuchen.
»Das stimmt nicht ganz«, sagte Volyova. »Selbst mein Korper braucht seine Ruhephasen. Ich habe einmal versucht, ohne Schlaf auszukommen. Es gibt dafur bestimmte Drogen, und man kann Implantate in das RAS, das retikulare Aktivierungssystem einsetzen, die Gehirnregion, die den Schlaf steuert — aber die Ermudungsgifte mussen dennoch ausgeschieden werden.« Sie krummte sich wie unter Schmerzen. Khouri sah ganz deutlich, dass Volyova das Thema Implantate etwa so angenehm fand wie Zahnweh.
»Viel passiert?«, fragte sie.
»Nichts, womit Sie sich belasten mussten«, sagte Volyova und zog an ihrer Zigarette. Khouri nahm an, damit sei alles gesagt, doch dann sah ihre Ausbilderin sie verlegen an. »Da fallt mir ein, etwas war doch bemerkenswert. Zwei Dinge sogar, wobei ich nicht wei?, welchem ich mehr Bedeutung beimessen sollte. Das erste betrifft Sie nicht unmittelbar. Aber das zweite…«
Khouri forschte in den Zugen ihrer Vorgesetzten nach konkreten Hinweisen darauf, dass die Frau seit ihrer letzten Begegnung um sieben Jahre gealtert war. Sie fand aber nicht die kleinste Spur, und das bedeutete, dass der Triumvir die sieben Jahre mit Antialterungs-Infusionen ausgeglichen hatte. Verandert wirkte sie zwar schon, aber nur deshalb, weil sie ihr normalerweise kurz geschorenes Haar hatte wachsen lassen. Kurz war es noch immer, aber es hatte jetzt mehr Fulle und lie? die ausgepragten Kiefer- und Wangenknochen etwas weicher erscheinen. Wenn uberhaupt, dachte Khouri, dann sah Volyova eher sieben Jahre junger aus. Nicht zum ersten Mal versuchte sie, das biologische Alter der Frau zu schatzen, aber es war unmoglich.
»Worum geht es?«
»Als Sie im Kalteschlaf lagen, zeigte sich eine ungewohnliche Neuralaktivitat. Eigentlich durfte sich gar nichts regen. Doch was ich beobachtet habe, ware nicht einmal bei einem wachen Menschen normal gewesen. Es sah ganz so aus, als tobe in Ihrem Kopf ein kleiner Krieg.«
Der Fahrstuhl hielt am Captainsdeck. »Ein interessanter Vergleich«, sagte Khouri und trat in den eiskalten Korridor hinaus.
»Hoffentlich nicht mehr als das. Naturlich war mir bewusst, dass Sie nicht viel davon mitbekommen haben durften.«
»Ich erinnere mich an gar nichts«, sagte Khouri.
Volyova schwieg, bis der Captain vor ihnen auftauchte wie ein Nebelfleck. Das glitzernde, widerlich schleimige Etwas sah nicht aus wie ein Mensch, eher wie ein Engel, der vom Himmel auf den harten Boden gefallen und zerplatzt war. Der antiquierte Kalteschlaftank, der ihn noch vor kurzem umschlossen hatte, zeigte jetzt Sprunge und Risse. Er funktionierte kaum noch, was er an Kalte erzeugte, reichte nicht mehr aus, um die unerbittlich vordringende Seuche aufzuhalten. Captain Brannigan hatte inzwischen Dutzende von fadendunnen Wurzeln in das Schiff geschlagen, Wurzeln, die Volyova zwar verfolgte, aber nicht an ihrer weiteren Ausbreitung hindern konnte. Und wie wurde es sich auf den Captain auswirken, wenn sie diese Faden durchtrennte? Vielleicht waren sie ja das Einzige, was ihn noch am Leben erhielt, falls man seinen Zustand als Leben bezeichnen konnte. Irgendwann, sagte Volyova, wurden die Wurzeln das ganze Schiff durchdringen und dann waren der Captain und sein Schiff wohl mehr oder weniger eins. Notfalls konnte sie das Geflecht naturlich aufhalten, indem sie diesen Bereich einfach absprengte, ihn aus dem ubrigen Schiffskorper herausschnitt wie ein Chirurg in fruheren Zeiten
