langfristig plant.«
Wellen von Ubelkeit brandeten uber Sylveste hinweg. Seine Augen schmerzten, aber wenigstens konnte er sehen. Damit trostete er sich immer wieder. Sehen zu konnen war ein Fortschritt. Ein Blinder war machtlos und musste im Grunde tun, was man ihm sagte. Eine Flucht mochte auch jetzt noch unmoglich sein, aber zumindest brauchte er nicht mehr so wurdelos umherzustolpern. Wobei sein Sehvermogen so schwach war, dass sich das primitivste Urtier dafur geschamt hatte. Raumliche Tiefe konnte er nur unzuverlassig wahrnehmen und Farbe gab es in seiner Welt lediglich als verschiedene Nuancen von Graugrun.
Er musste sich ganz auf seine Erinnerungen verlassen.
Er hatte Mantell seit der Nacht des Umsturzes vor zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Des
Solche Geschichten waren nicht neu. Doch nach den ersten Uberfallen auf eine Reihe von Au?enposten gewannen sie sehr an Uberzeugungskraft. Sylveste wusste, dass man Mantell irgendwann aufgegeben hatte, das hie?, die derzeitigen Bewohner waren nicht erst seit Girardieus Ermordung eingezogen, sondern hausten hier vielleicht schon seit Monaten oder gar seit Jahren.
Jedenfalls gebardeten sie sich wie die Herren im Haus. Sylveste wusste, dass der Raum, den er und der Arzt schlie?lich betraten, derselbe war, in dem ihn Gillian Sluka nach seiner Gefangennahme — wann immer das gewesen sein mochte — empfangen hatte. Aber er erkannte ihn nicht wieder: durchaus moglich, dass er wahrend seiner Tatigkeit in Mantell hier wie zu Hause gewesen war, jetzt gab es keine Anhaltspunkte mehr, die ihm hatten helfen konnen. Die Ausstattung und die Mobel — soweit vorhanden — waren vollstandig ersetzt worden. Sluka stand mit dem Rucken zu ihm neben einem Tisch und hatte die behandschuhten Hande in die Huften gestemmt. Sie trug eine weite, knielange Jacke mit ledernen Schulterstucken in einer Farbe, die seine Augen als schmutziges Olivgrun wiedergaben. Das Haar hing ihr zum Zopf geflochten auf den Rucken.
Entoptische Figuren projizierte sie nicht. Zu beiden Seiten des Raums schwebten Planetenkugeln uber schlanken Schwanenhalssockeln. Die Decke strahlte eine tageslichtahnliche Helligkeit aus, der seine Augen jede Warme entzogen.
»Bei unserem ersten Gesprach nach Ihrer Gefangennahme«, begann sie mit ihrer heiseren Stimme, »hatte ich fast den Eindruck, als wussten Sie nicht, wo Sie mich unterbringen sollten.«
»Ich hatte Sie immer fur tot gehalten.«
»Den Eindruck wollten Girardieus Leute auch erwecken. Die Geschichte, unser Schlepper sei unter einem Erdrutsch begraben worden — eine einzige Luge! Wir wurden angegriffen — sie dachten naturlich, Sie waren bei uns.«
»Warum haben sie mich dann nicht spater an der Ausgrabungsstatte getotet?«
»Weil sie inzwischen begriffen hatten, dass Sie lebend nutzlicher waren. Girardieu war kein Dummkopf — er hat immer Gewinn aus Ihnen gezogen.«
»Wenn Sie die Grabung nicht verlassen hatten, ware das alles nicht passiert. Wie haben Sie eigentlich uberlebt?«
»Einige von uns konnten aus dem Schlepper fliehen, bevor Girardieus Schergen kamen. Wir nahmen an Geraten mit, so viel wir tragen konnten, und schlugen uns bis zu den Bird’s Claw-Canyons durch. Dort stellten wir aufblasbare Zelte auf. Aus einem solchen Zelt kam ich ein volles Jahr nicht mehr heraus. Ich wurde bei dem Angriff ziemlich schwer verletzt.«
Sylveste strich mit den Fingern uber die fleckige Oberflache einer der Kugeln auf den schlanken Sockeln. Erst jetzt sah er, dass es sich um topografische Darstellungen von Resurgam in verschiedenen Phasen des Terraformungs-Programms der Fluter handelte. »Warum sind Sie nicht zu Girardieu nach Cuvier gegangen?«, fragte er.
»Jemanden wie mich wollte er nicht zu seinen Schafchen zahlen, das war ihm peinlich. Er lie? uns nur deshalb am Leben, weil er uns nicht toten konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Es gab gewisse Verbindungen, aber die rissen ab.« Sie hielt inne. »Zum Gluck hatten wir einige von Remilliods Spielereien mitgenommen. Die Scavenger-Enzyme waren am nutzlichsten. Jetzt kann uns der Staub nichts mehr anhaben.«
Wieder studierte Sylveste die Kugeln. Dank seines mangelhaften Sehvermogens konnte er die Farben der Planetenlandschaften nur erahnen, aber man konnte davon ausgehen, dass die Kugeln eine stetige Entwicklung in Richtung Blau-Grun zeigten. Wo jetzt Hochplateaus aufragten, sollten Landmassen inmitten von Ozeanen entstehen. Die Steppen sollten unter dichten Waldern verschwinden. Er wandte sich den hintersten Kugeln zu. Sie zeigten Resurgam so, wie es in mehreren hundert Jahren aussehen sollte. Auf der Nachtseite leuchteten reihenweise Stadte und ein Gurtel von spielzeugkleinen Habitats zog sich um den Planeten. Spinnwebfeine Weltraumbrucken schwangen sich vom Aquator zum Orbit. Wie waren wohl die Aussichten fur diesen zarten Wunschtraum, dachte er, wenn Resurgams Sonne abermals explodierte wie schon einmal vor neunhundertneunzigtausend Jahren, genau zu dem Zeitpunkt, als sich die Zivilisation der Amarantin einer der menschlichen vergleichbaren Entwicklungsstufe naherte?
Vermutlich nicht allzu gut.
»Was haben Sie au?er der Biotechnik noch von Remilliod bekommen?«, fragte er. »Sie verstehen sicher, dass ich neugierig bin.«
Sie schien ihn bei Laune halten zu wollen.
»Sie haben nicht nach Cuvier gefragt. Das uberrascht mich. Und auch nicht nach Ihrer Frau«, fugte sie hinzu.
»Falkender sagte mir, Pascale sei in Sicherheit.«
»Das stimmt. Vielleicht erlaube ich Ihnen irgendwann sogar, sie zu sehen. Aber jetzt horen Sie mir gut zu. Wir haben die Stadt nicht erobert. Der Rest von Resurgam gehort uns, aber Cuvier wird immer noch von Girardieus Leuten gehalten.«
»Steht die Stadt noch?«
»Nein«, sagte sie. »Wir…« Sie sah Falkender an, der hinter Sylveste stand. »Konnten Sie Delaunay holen? Er soll eins von Remilliods Geschenken mitbringen.«
Falkender ging und lie? sie allein zuruck.
»Wenn ich recht unterrichtet bin, hatten Sie mit Nils ein Abkommen getroffen«, sagte Sluka. »Die Geruchte sind allerdings so widerspruchlich, dass man nicht klug daraus wird. Konnten Sie mir Genaueres sagen?«
»Die Sache war nie amtlich«, sagte Sylveste. »Was immer Sie gehort haben mogen.«
»Soviel ich wei?, hatte seine Tochter den Auftrag, Sie in ein wenig schmeichelhaftes Licht zu rucken.«
»Eine sinnvolle Strategie«, sagte Sylveste mude. »Wenn ein Mitglied der Familie, die mich gefangen hielt, meine Biografie verfasste, verlieh das dem Werk ein gewisses Ansehen. Und Pascale war jung, aber nicht mehr zu jung, um sich einen Namen zu machen. Die Sache hatte Vorteile fur alle Beteiligten: Pascale konnte kaum scheitern, wobei man gerechterweise sagen muss, dass sie ihrer Aufgabe vorzuglich gerecht wurde.« Schmerzhaft durchzuckte ihn die Erinnerung, wie dicht sie davor gestanden hatte, das Schicksal von Calvins Alpha-Simulation aufzudecken. Heute war er mehr denn je davon uberzeugt, dass sie die Wahrheit zwar erraten, aber darauf verzichtet hatte, sie in die Biografie aufzunehmen. Inzwischen wusste sie naturlich sehr viel mehr: zum Beispiel, was sich bei der Expedition zu Lascailles Schleier abgespielt hatte und dass die Umstande von Carine Lefevres Tod nicht so klar waren, wie er es bei seiner Ruckkehr nach Yellowstone dargestellt hatte. Allerdings hatte er seit diesem Gestandnis nicht mehr mit ihr gesprochen. »Girardieu wiederum hatte die Genugtuung, den Namen seiner Tochter in einem Atemzug mit einem wirklich wichtigen Projekt genannt zu horen. Ganz zu schweigen davon, dass
