aller Welt mein Innerstes zur gefalligen Begutachtung vorgelegt wurde. Ich war der kostbarste Schmetterling in seiner Sammlung — aber bis zu dieser Biografie war es nicht so einfach fur ihn, mich auszustellen.«

»Ich habe die Biografie durchlebt«, sagte Sluka. »Und ich bin nicht sicher, ob Girardieu auch bekommen hat, was er wollte.«

»Trotzdem versprach er, sein Wort zu halten.« Seine Augen versagten plotzlich den Dienst. Die Frau, mit der er sprach, war nur noch ein frauenformiges Loch im Raum. Dahinter gahnte die Unendlichkeit.

Die Storung ging schnell voruber. Er fuhr fort: »Ich wollte Cerberus/Hades besuchen. Ich glaube — gegen Ende — war Nils fast bereit, mir die Reise zu ermoglichen, falls die Kolonie die Mittel hatte aufbringen konnen.«

»Sie glauben, dort ware etwas zu finden?«

»Wenn sie mit meinen Ideen vertraut sind«, sagte Sylveste, »mussen Sie sich ihrer Logik beugen.«

»Ich finde sie faszinierend — wie jeden Irrglauben.«

Wahrend sie noch sprach, ging die Tur auf, und ein Mann trat ein, den Sylveste noch nie gesehen hatte. Falkender folgte ihm auf dem Fu?. Der Neue — vermutlich Delaunay — war untersetzt wie eine Bulldogge. Er hatte mehrere Tage alte Bartstoppeln, auf dem Kopf trug er ein violettes Barett. Die Augen waren von roten Ringen umgeben und um seinen Hals hing eine Staubschutzbrille. Gurtbander spannten sich uber seinen Brustkorb, die Fu?e steckten in ockergelben Mukluks.

»Zeigen Sie unserem Gast das bose kleine Ding«, sagte Sluka.

Delaunay hielt einen offenbar sehr schweren schwarzen Zylinder mit einem dicken Henkelgriff in einer Hand.

»Nehmen Sie«, befahl Sluka.

Sylveste gehorchte. Das Ding war so schwer, wie er erwartet hatte. Der Griff war auf der Oberseite des Zylinders angebracht; darunter befand sich eine grune Taste. Sylveste stellte den Behalter auf den Tisch; er war zu schwer, um ihn langere Zeit muhelos halten zu konnen.

»Machen Sie ihn auf«, befahl Sluka.

Er druckte auf die Taste — sie bot sich formlich an — und der Zylinder offnete sich wie eine russische Babuschka.

Vier Metallstutzen druckten die obere Halfte in die Hohe. Darunter kam ein kleinerer Zylinder zum Vorschein. Dieser innere Zylinder spaltete sich auf die gleiche Weise, darunter befand sich ein dritter und das wiederholte sich noch funf bis sechs Mal.

Ganz innen befand sich ein schmaler Silberstab mit einem winzigen Fensterchen auf einer Seite. Dahinter lag in einem beleuchteten Hohlraum eine Art Stecknadel mit dickem Kopf.

»Inzwischen werden Sie sicher erkannt haben, was das ist«, sagte Sluka.

»Ich kann mir denken, dass es nicht hier auf dem Planeten hergestellt wurde«, sagte Sylveste. »Und ich wei?, dass wir nichts dergleichen von Yellowstone mitgebracht haben. Damit bleibt nur Remilliod, unser vortrefflicher Wohltater. Hat er es Ihnen verkauft?«

»Zusammen mit neun weiteren«, nickte sie. »Jetzt sind es nur noch acht, das zehnte haben wir gegen Cuvier eingesetzt.«

»Es ist eine Waffe?«

»Remilliods Leute nannten es ›hei?er Staub‹«, erklarte Sluka. »Antimaterie. Der Stecknadelkopf enthalt nur ein Zwanzigstel Gramm Antilithium, aber das ist mehr als ausreichend fur unsere Zwecke.«

»Ich wusste nicht, dass es derartige Waffen uberhaupt gibt«, sagte Sylveste. »In so kleiner Ausfuhrung, meine ich.«

»Verstandlich. Die Technik ist schon so lange verboten, dass kaum noch jemand wei?, wie man solche Dinge herstellt.«

»Wie gro? ist seine Sprengkraft?«

»Etwa zwei Kilotonnen. Das genugt, um in Cuvier ein gro?es Loch zu rei?en.«

Sylveste begriff, was das bedeutete, und nickte nachdenklich. Dabei versuchte er sich auszumalen, was die Menschen empfunden haben mussten, die getotet wurden oder ihr Augenlicht verloren, als der Wahre Weg mit diesem Stecknadelkopf die Hauptstadt angriff. Durch den leichten Druckunterschied zwischen den Kuppeln und der Au?enluft waren sicher verheerende Sturme entstanden, die uber das geordnete Gemeinwesen hinwegfegten. Im Geiste sah er vor sich, wie die Baume und Pflanzen in den Baumschulen von der Wucht des Hurrikans entwurzelt und in Stucke gerissen, Vogel und andere Tiere einfach durch die Luft geschleudert wurden. Wer die Zerstorung der Kuppel uberlebt hatte — schwer zu sagen, wie viele das gewesen sein mochten —, musste rasch unter die Erde fluchten, bevor die gesamte Luft entwich und man an Resurgams Atmosphare erstickte. Zwar war die Luft inzwischen eher atembar als noch vor zwanzig Jahren, aber man musste immer noch lernen, darin zu uberleben, und sei es nur fur wenige Minuten. Die meisten Bewohner hatten die Hauptstadt nie verlassen. Sie hatten keine Chance gehabt.

»Warum?«, fragte er.

»Es war ein…« Sie brach ab. »Ich wollte sagen, es war ein Fehler, aber darauf konnten Sie mir erwidern, im Krieg gebe es keine Fehler, nur mehr oder weniger gluckliche Zufalle. Zumindest hatten wir nicht die Absicht, den Stecknadelkopf tatsachlich einzusetzen. Es war so gedacht, dass Girardieus Getreue die Stadt ubergeben sollten, sobald sie erfuhren, dass sich die Waffe in unserem Besitz befand. Aber es kam ganz anders. Girardieu selbst hatte zwar von der Existenz der Stecknadelkopfe gewusst, aber er hatte seine Untergebenen nicht daruber informiert. Deshalb nahm man unsere Drohung nicht ernst.«

Was dann geschah, verstand sich von selbst. Die Briganten waren frustriert, weil man ihnen nicht glaubte, und hatten die Waffe dann doch eingesetzt. Aber die Hauptstadt war immer noch bewohnt, das hatte Sluka gleich zu Anfang deutlich gemacht. Girardieus Getreue gaben sie nicht aus der Hand. Sylveste stellte sich vor, wie sie in unterirdischen Bunkern sa?en und alles verwalteten, wahrend uber ihnen die Staubsturme an den nackten Gerusten der zerstorten Kuppeln zerrten.

»Sie sehen«, sagte die Frau, »man sollte uns nicht unterschatzen, besonders nicht, wenn man noch gewisse Bindungen an Girardieus Regime hat.«

»Was haben Sie mit den anderen Waffen vor?«

»Infiltration. Ohne Abschirmung ist so ein Stecknadelkopf klein genug, um ihn in einen Zahn einzusetzen. Dort konnte er hochstens bei einer grundlichen medizinischen Untersuchung entdeckt werden.«

»Sieht so Ihr Plan aus?«, fragte er. »Sie suchen sich acht Freiwillige, die sich diese Dinger implantieren lassen? Und diese acht schleusen Sie dann wieder in die Hauptstadt ein? Diesmal wurde man Ihnen vermutlich glauben.«

»Wir brauchen nicht einmal Freiwillige«, verbesserte Sluka. »Sie waren vorzuziehen, aber notwendig sind sie nicht.«

Wider besseres Wissen bemerkte Sylvester »Gillian, ich glaube, vor funfzehn Jahren haben Sie mir besser gefallen.«

»Bringen Sie ihn in seine Zelle zuruck«, befahl sie Falkender. »Er fangt an, mich zu langweilen.«

Der Arzt zupfte ihn am Armel.

»Darf ich mich noch etwas langer mit seinen Augen beschaftigen, Gillian? Ich konnte mehr erreichen, allerdings nur unter gro?eren Beschwerden.«

»Tun Sie, was Sie wollen«, sagte Sluka. »Aber Sie sind zu nichts verpflichtet. Ich muss gestehen, seit er sich in meiner Gewalt befindet, bin ich fast ein wenig enttauscht von ihm. Wahrscheinlich hat auch er mir besser gefallen, bevor ihn Girardieu zum Martyrer machte.« Sie zuckte die Achseln. »Wir konnen ihn nicht einfach wegwerfen, dafur ist er zu wertvoll, aber vielleicht lasse ich ihn zunachst einfrieren, bis uns etwas Besseres einfallt. In einem oder auch in funf Jahren kann ich eventuell mehr mit ihm anfangen. Damit will ich nur sagen, es ware schade, allzu viel Zeit auf jemanden zu verschwenden, von dem wir ohnehin bald genug haben konnten, Dr. Falkender.«

»Der Erfolg ist des Chirurgen schonster Lohn«, bemerkte Falkender.

»Ich sehe gut genug«, erklarte Sylveste.

»O nein«, widersprach der Arzt. »Ich kann viel mehr fur Sie tun, Dr. Sylveste. Sehr viel mehr. Ich habe noch kaum angefangen.«

Вы читаете Unendlichkeit
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату