wo ihn Wind und Kalte erwarteten.
War es da drau?en Tag oder Nacht?
Er hatte keine Ahnung; keine Moglichkeit, es festzustellen.
»Wo sind wir?«, rief er. Die Maske dampfte seine Stimme, er horte sich an wie ein Schwachsinniger.
»Wozu wollen Sie das wissen?« Die Stimme des Warters klang nicht verzerrt. Sylveste begriff, dass er ohne Maske atmete. »Selbst wenn die Stadt zu Fu? zu erreichen ware — was sie nicht ist — Sie konnten nicht einmal so weit laufen, wie Sie von hier aus spucken konnen, ohne sich umzubringen.«
»Ich will mit meiner Frau sprechen.«
Der Bewacher packte seinen Arm und verdrehte ihn nach hinten, bis Sylveste furchtete, er wurde aus dem Gelenk springen. Er stolperte, aber der Mann lie? ihn nicht los. »Sie konnen mit ihr sprechen, wenn wir es Ihnen erlauben. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass es ihr gut geht? Trauen Sie mir etwa nicht?«
»Ich habe mit angesehen, wie Sie meinen Schwiegervater getotet haben. Also was meinen Sie?«
»Ich meine, Sie sollten sich jetzt schon ducken.«
Jemand druckte ihn nach unten, in Deckung. Der Wind heulte ihm nicht mehr in den Ohren; die Stimmen hatten plotzlich ein Echo. Hinter ihm fiel eine druckfeste Tur ins Schloss. Der Sturm verstummte jah. Trotz seiner Blindheit spurte er, dass Pascale nicht in seiner Nahe war. Hoffentlich bedeutete das nur, dass man sie getrennt von ihm ans Ziel brachte und dass seine Bewacher nicht logen, wenn sie sagten, sie sei in Sicherheit.
Jemand riss ihm die Maske ab.
Nun folgte ein Gewaltmarsch durch enge Gange, wo man mit den Schultern anstie? und es durchdringend nach Desinfektionsmitteln roch. Mit Hilfe seines Begleiters stieg er klappernde Treppen hinunter und fuhr zwei Mal mit einem schwankenden Fahrstuhl in eine Tiefe, die er nicht schatzen konnte. Als sie ausstiegen, betraten sie ein unterirdisches Gewolbe, wo jeder Laut widerhallte. Ein Luftzug war zu spuren, es roch nach Metall. Durch ein undichtes Beluftungsrohr drang das Kreischen des Windes. Dazwischen horte Sylveste Stimmen und glaubte auch bestimmte Satzmelodien zu erkennen, verstand aber kein einziges Wort.
Endlich gelangten sie in einen Raum.
Sylveste war sicher, dass die Wande wei? gestrichen waren. Die Leere des Wurfels drohte ihn formlich zu erdrucken.
Jemand trat zu ihm, jemand, dessen Atem nach Kohl roch. Finger strichen zart uber sein Gesicht. Sie waren mit einer glatten Schicht uberzogen und rochen schwach nach Desinfektionsmittel. Die Finger beruhrten seine Augen und beklopften die Facetten mit einem harten Gegenstand.
Jeder Schlag loste hinter seinen Schlafen eine kleine Schmerznova aus.
»Die Augen werden erst repariert, wenn ich es sage«, erklarte eine Stimme. Er kannte diese Stimme, dessen war er vollkommen sicher. Sie gehorte einer Frau, obwohl sie in ihrer kehligen Heiserkeit fast mannlich klang. »Vorerst bleibt er blind.«
Schritte entfernten sich; die Sprecherin hatte seinen Bewacher wohl mit einer stummen Geste entlassen. Sylveste war allein. Nun gab es nichts mehr, woran er sich orientieren konnte. Er spurte, wie er das Gleichgewicht verlor. Ganz gleich, wie er sich bewegte, die graue Matrix veranderte sich nicht. Die Knie wurden ihm weich, aber es gab nichts, woran er sich festhalten konnte. Er wusste nicht einmal, ob er nicht zehn Stockwerke hoch auf einer Holzplanke stand.
Er begann zu schwanken und zappelte klaglich mit den Armen.
Jemand fasste ihn am Ellbogen und gab ihm Halt. Er horte ein pulsierendes Schnarren, als fra?e sich eine Sage durch Holz.
Sein Atem.
Ein feuchtes Schmatzen — sie hatte wieder den Mund geoffnet. Jetzt lachelte sie wohl zufrieden in sich hinein.
»Wer sind Sie?«, fragte er.
»Sie sind doch ein Dreckskerl. Sogar meine Stimme haben Sie vergessen.«
Die Finger gruben sich in seinen Unterarm, fanden zuverlassig die Nervenstrange und druckten genau an den richtigen Stellen zu. Er fiepte wie ein Hund; der erste Reiz, der starker war als der Schmerz in seinen Augen. »Ich kenne Sie wirklich nicht«, beteuerte er. »Ich schwore es.«
Der Druck lie? nach. Nerven und Sehnen sprangen an ihren Platz zuruck. Der Schmerz flammte noch einmal auf und flaute dann ab zu einem dumpfen Taubheitsgefuhl, das sich uber Arm und Schulter erstreckte.
»Das sollten Sie aber«, sagte die heisere Stimme. »Auch wenn Sie mich seit langem fur tot hielten, Dan. Unter einem Erdrutsch begraben.«
»Sluka«, sagte er.
Volyova war auf dem Weg zum Captain, als sich der beunruhigende Vorfall ereignete. Seit der Rest der Besatzung — einschlie?lich Khouris — fur die Dauer der Reise nach Resurgam im Kalteschlaf lag, hatte Volyova die alte Gewohnheit wieder aufgenommen, den Captain leicht zu erwarmen, um sich mit ihm zu beraten. Wenn sie seine Hirntemperatur um den Bruchteil eines Kelvin anhob, erwachte er zu einem wenn auch fragmentarischen Bewusstsein. Das trieb sie nun schon fast zwei Jahre lang, und sie wurde noch weitere zweieinhalb Jahre weitermachen, bis das Schiff in den Orbit um Resurgam einschwenkte und die anderen aus dem Kalteschlaf geweckt wurden. Naturlich fanden diese Gesprache nicht allzu haufig statt — sie durfte den Captain nicht allzu oft erwarmen, denn mit jedem Mal eroberte die Seuche etwas mehr von ihm und seiner Umgebung —, aber sie waren doch kleine Oasen menschlicher Nahe in diesen Wochen, in denen sie sich ansonsten nur mit Viren, Waffen und dem zunehmenden Verfall des Schiffs beschaftigen konnte.
Deshalb sah Volyova diesen Begegnungen mit einer gewissen Vorfreude entgegen, auch wenn der Captain nur selten erkennen lie?, dass er sich an fruhere Unterhaltungen erinnerte. Obendrein hatte sich ihr Verhaltnis in letzter Zeit etwas abgekuhlt. Zum Teil war das wohl damit zu erklaren, dass es Sajaki nicht gelungen war, Sylveste im Yellowstone-System aufzuspuren, und sich die Tortur des Captains somit mindestens um ein weiteres halbes Jahrzehnt verlangerte — vielleicht auch mehr, falls Sylveste auch auf Resurgam nicht zu finden ware, was Volyova zumindest theoretisch fur moglich hielt. Fur sie bestand die Schwierigkeit darin, dass der Captain sich immer wieder nach den Fortschritten bei der Suche nach Sylveste erkundigte und sie ihm immer wieder beibringen musste, dass man nicht die gewunschten Erfolge zu verzeichnen habe. Das nahm der Captain nicht sonderlich gut auf — was sie ihm nicht verdenken konnte —, und oft verdusterte sich seine Stimmung so stark, dass er nicht mehr ansprechbar war. Wenn sie Tage oder Wochen spater einen neuen Versuch unternahm, hatte er vergessen, was sie ihm erzahlt hatte, und das Ganze begann von vorn, nur dass Volyova dieses Mal nach Kraften versuchte, ihm die schlechte Nachricht schonender beizubringen oder ihr eine optimistische Farbung zu geben.
Freilich trug auch Volyova selbst dazu bei, einen Schatten auf ihre Beziehung zu werfen, indem sie nicht aufhorte, den Captain mit bohrenden Fragen nach seinem und Sajakis Besuch bei den Musterschiebern zu bedrangen. Ihr Interesse an dieser Episode war erst in den letzten Jahren erwacht, genauer gesagt, seit ihr aufgefallen war, dass sich etwa seit damals Sajakis Personlichkeit verandert hatte. Naturlich ging man zu den Schiebern, um Eingriffe an seinem Bewusstsein vornehmen zu lassen — aber warum sollte Sajaki einer Verschlechterung zugestimmt haben? Er war jetzt grausamer als fruher; aus einem entschlossenen, aber gerechten Fuhrer, einem geschatzten Mitglied des Triumvirats, war ein sturer Despot geworden. Volyova hatte so gut wie jedes Vertrauen zu ihm verloren. Doch anstatt etwas Licht in die Geschichte zu bringen, wehrte der Captain ihre Fragen gereizt ab, mit dem Erfolg, dass sie sich nur noch mehr verrannte.
Unter solchen Gedanken war sie nun zu ihm unterwegs. Wie sollte sie die unvermeidliche Frage nach Sylveste beantworten? Wie sollte sie diesmal vorgehen, um den Captain nach den Schiebern auszuforschen? Sie hatte die ubliche Route gewahlt, und die fuhrte durch den Geschutzpark.
Dort angekommen, bemerkte sie, dass eins der Geschutze — zufallig eines, das sie besonders furchtete — offenbar bewegt worden war.
»Es hat neue Entwicklungen gegeben«, sagte die Mademoiselle. »Gunstige und weniger gunstige.«
Khouri war uberrascht. Sie hatte nicht erwartet, uberhaupt bei Bewusstsein zu sein, geschweige denn, die Mademoiselle zu horen. Sie war in einen Kalteschlaftank gestiegen, das war das Letzte, woran sie sich erinnerte. Volyova hatte auf sie niedergesehen und dabei Befehle in ihr Armband getippt. Jetzt sah und spurte sie zwar nichts, nicht einmal die Kalte, aber sie wusste, dass sie — unerklarlicherweise — immer noch im Tank lag und in gewissem Sinne auch schlief.
