»Im Prinzip bestehen uber die Reste des Satellitengurtels immer noch Datenverbindungen nach Cuvier. Aber seit der Sprengung der Kuppeln werden sie kaum noch benutzt. Es ware riskant, sie jetzt zu offnen — man konnte den Datenfluss zu uns zuruckverfolgen.«
»Das sollte im Augenblick Ihre geringste Sorge sein.«
»Er hat Recht«, schaltete Pascale sich ein. »Wer in Cuvier wird sich in dieser Situation uber eine kleine Sicherheitslucke aufregen? Ich finde, es konnte sich lohnen, sich auf diese Weise aktuelles Kartenmaterial zu beschaffen.«
»Wie lange wird das dauern?«
»Ein bis zwei Stunden. Warum, wollten Sie irgendwo hin?«
»Nein«, sagte Sylveste und sah sie todernst an. »Aber vielleicht habe ich daruber nicht selbst zu entscheiden.«
Wahrend sie auf die Korrektur der Karten warteten, kehrten sie wieder an die Oberflache zuruck. Im Nordosten zeigte sich kein Stern uber dem Horizont; dort hockte nur ein pechschwarzes Nichts wie ein zusammengekauerter Riese, wahrscheinlich eine gewaltige Staubwolke, die langsam auf sie zugetrieben wurde. »Sie wird monatelang uber der ganzen Welt hangen«, sagte Sluka. »Wie nach einem schweren Vulkanausbruch.«
»Die Winde werden starker«, sagte Sylveste.
Pascale nickte. »Konnte die Explosion das Wetter verandert haben — noch in dieser Entfernung? Und wenn sie nun eine Waffe verwendet hatten, die unsere Welt radioaktiv verseucht?«
»Das ware nicht notig gewesen«, gab Sylveste zu bedenken. »Ein Angriff mit kinetischen Energien hatte vollkommen ausgereicht, und wie ich Volyova kenne, hatte sie nicht mehr getan als unbedingt notig. Aber deine Sorgen wegen der Strahlung sind berechtigt. Die Waffe hat wahrscheinlich ein Loch in die Lithosphare gerissen. Was dabei aus der Kruste freigesetzt wurde, kann man nur vermuten.«
»Wir sollten uns nicht zu lange an der Oberflache aufhalten.«
»Einverstanden — aber das gilt vermutlich fur die gesamte Kolonie.«
Einer von Slukas Adjutanten erschien in der Tur.
»Sie haben die Karten?«, fragte sie.
»Geben Sie uns noch eine halbe Stunde«, bat er. »Die Daten sind da, aber die Verschlusselung ist schwer zu knacken. Ubrigens gibt es auch eine Nachricht aus Cuvier. Wir haben sie eben aufgefangen, sie lief auf allen Kanalen.«
»Weiter.«
»Das Schiff hat offenbar Bilder… von den Folgen gemacht und sie an die Hauptstadt gesendet. Jetzt werden sie auf dem ganzen Planeten ausgestrahlt.« Der Adjutant zog ein ziemlich ramponiertes Notepad aus der Tasche. Der Flachbildschirm warf einen lilafarbenen Schein auf seine Zuge. »Ich habe sie hier.«
»Dann lassen Sie mal sehen.«
Der Adjutant stellte das Notepad auf den grobkornigen, vom Wind abgeschliffenen Felsboden der Mesa. »Sie mussen mit Infrarot gearbeitet haben«, sagte er.
Die Bilder waren erschreckend eindrucksvoll. Flussiges Gestein quoll aus dem Kraterinneren und aus dem Boden dahinter oder spruhte in hohen Fontanen aus Dutzenden von neu entstandenen kleinen Sekundarvulkanen. Von einer Siedlung war nichts mehr zu sehen, die ein bis zwei Kilometer breite Caldera hatte sie restlos verschlungen. In der Mitte schwammen gro?e glasige Inseln, nachtschwarz wie geronnener Teer.
»Zunachst hatte ich noch gehofft, wir hatten uns tauschen lassen«, sagte Sluka. »Der Blitz, sogar die Druckwelle… ich dachte, sie konnten irgendwie gefalscht sein, eine Art Theaterdonner. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie man das falschen sollte, ohne tatsachlich ein Loch in den Planeten zu sprengen.«
»Bald wissen wir mehr«, sagte der Adjutant. »Ich kann doch offen sprechen?«
»Sylveste ist der Betroffene«, sagte Sluka. »Also kann er auch horen, was vorgeht.«
»Cuvier hat ein Flugzeug zum Schauplatz des Angriffs geschickt. Es soll bestatigen, dass die Bilder keine Falschung sind.«
Als sie hinunter kamen, waren die Karten fertig entschlusselt und an Stelle der veralteten Kopien dem Archiv von Mantell hinzugefugt worden. Wieder zogen sie sich in Slukas Kabine zuruck und riefen sie ab. Aus der Legende war zu ersehen, dass die Karte erst wenige Wochen zuvor aktualisiert worden war.
»Eine beachtliche Leistung«, lobte Sylveste. »Obwohl ringsum die Stadt in Trummer fiel, wurden die kartografischen Arbeiten fortgesetzt. So viel Engagement kann man nur bewundern.«
»Die Motive spielen keine Rolle«, sagte Sluka. Wie um sich fester an den Planeten zu binden, der jetzt unwiderruflich ihrer Kontrolle entglitt, strich sie mit den Fingern uber eine der Planetenkugeln, die auf ihren schlanken Sockeln an den Wanden aufgereiht waren. »So lange Phoenix — oder wie immer sie es nennen — verzeichnet ist, ist mir alles andere egal.«
»Da ist es«, sagte Pascale.
Sie deutete mit dem Finger auf das fragliche Gebiet und markierte einen winzigen Punkt im sonst unbewohnten nordostlichen Bergland. »Es ist der einzige Ort so weit im Norden«, sagte sie. »Und die einzige Siedlung, die annahernd in der Richtung liegt. Und Phoenix hei?t sie auch.«
»Was wissen wir sonst noch daruber?«
Slukas Adjutant — ein kleiner Mann mit dezent geoltem Schnurr- und Kinnbart — sprach leise in das Notepad, das er sich um den Arm geschnallt hatte, und befahl, die Siedlung auf der Karte zu vergro?ern. Uber dem Tisch erschien eine Reihe von demografischen Symbolen. »Nicht viel«, sagte er. »Nur ein paar Mehrfamilienbaracken an der Oberflache, durch Rohren verbunden. Ein paar unterirdische Anlagen. Keine Stra?enverbindungen, aber ein Landeplatz fur Flugzeuge.«
»Bevolkerung?«
»Von Bevolkerung kann man wohl kaum sprechen«, sagte der Mann. »Nur etwa achtzehn Familien mit gut hundert Personen. Die meisten aus Cuvier, wie es aussieht.« Er zuckte die Achseln. »Wenn sie das fur einen Schlag gegen die Kolonie halt, sind wir noch glimpflich davongekommen. An die hundert Menschen — na schon, es ist eine Tragodie. Aber es wundert mich, dass sie sich kein dichter bevolkertes Ziel ausgesucht hat. Nachdem keiner von uns den Ort uberhaupt kannte — ging der Schlag doch eigentlich ins Leere, oder nicht?«
»Vollig ungenugend«, bestatigte Sylveste und nickte.
»Wie?«
»Die menschliche Fahigkeit zu trauern. Der Mensch ist einfach nicht mehr fahig, angemessene Gefuhle zu entwickeln, wenn die Zahl der Toten mehr als ein paar Dutzend uberschreitet. Die Trauer wird nicht einfach weniger — sie bricht ab, stellt sich auf Null zuruck. Geben Sie es doch zu. Diese Menschen sind uns allen vollkommen egal.« Sylveste starrte auf die Karte. Was mochten die Bewohner wohl empfunden haben in den wenigen Sekunden zwischen Volyovas Ankundigung und ihrem Tod? Hatte uberhaupt jemand sein Haus verlassen, um das Verhangnis unter freiem Himmel zu erwarten und die Qual um ein Geringes zu verkurzen? »Aber eines wei? ich. Wir haben jetzt alle Beweise, die wir brauchen. Diese Frau steht zu ihrem Wort. Und das hei?t, Sie mussen mich gehen lassen.«
»Ich verliere Sie nur ungern«, sagte Sluka. »Aber viel habe ich dabei offenbar nicht mitzureden. Sie wollen vermutlich Verbindung mit dem Schiff aufnehmen.«
»Selbstverstandlich«, sagte Sylveste. »Und Pascale wird mich naturlich begleiten. Aber zuvor hatte ich noch eine Bitte an Sie.«
»Eine Bitte?« Das klang amusiert, als sei es das Letzte, was Sluka von ihm erwartet hatte. »Wir sind ja nun ganz dicke Freunde geworden. Also, was kann ich fur Sie tun?«
Sylveste lachelte. »Die Bitte geht nicht so sehr an Sie als an Ihren Dr. Falkender. Es hat namlich mit meinen Augen zu tun.«
Triumvir Volyova schwebte auf ihrem Sitz am Ende des Teleskoparms hoch uber dem Planeten und betrachtete ihr Werk. Die Projektionssphare der Brucke zeigte alles gestochen klar und deutlich. Wahrend der vergangenen zehn Stunden waren aus dem Zentrum der Katastrophe schwarze Zyklonfaden aufgestiegen und davongeschwebt, ein Zeichen, dass das Wetter in dieser Region — und damit auch anderswo auf dem Planeten — in neue, sturmischere Bahnen gedrangt worden war. Wie man an Ort und Stelle in Erfahrung gebracht hatte, bezeichneten die Kolonisten von Resurgam solche Erscheinungen wegen der gnadenlosen Reibungswirkung des fliegenden Staubs als Schmirgelsturme. Volyova beobachtete den Sturm so fasziniert, als seziere sie eine
