unbekannte Tiergattung. Obwohl sie mehr Planetenerfahrung hatte als fast alle anderen Besatzungsmitglieder, gab es immer noch Dinge, die sie uberraschten und in Verwirrung sturzten. Zum Beispiel, dass es so verheerende Folgen hatte, ein Loch in die Kruste eines Planeten zu sprengen — Folgen nicht nur in unmittelbarer Umgebung der Explosion, sondern auf Tausende von Kilometern im Umkreis. Fruher oder spater wurde es auf der ganzen Welt da unten keine Stelle mehr geben, die von ihrem Angriff nicht messbar betroffen ware. Der Staub, den sie aufgewirbelt hatte, wurde sich irgendwann wieder setzen; eine feine, schwarze, schwach radioaktive und ziemlich gleichma?ige Ablagerung auf dem gesamten Planeten. In den gema?igten Zonen wurde er dank der klimatischen Prozesse, die die Kolonisten eingeleitet hatten, bald weggewaschen werden, immer vorausgesetzt naturlich, dass diese Prozesse noch funktionierten. Aber in den arktischen Regionen, wo es niemals regnete, bliebe der feine Staub Jahrhunderte lang ungestort liegen. Mit der Zeit wurde er von anderen Ablagerungen uberdeckt und ginge ein in das unveranderliche geologische Gedachtnis des Planeten. Vielleicht, sann der Triumvir, kamen in einigen Millionen Jahren Wesen nach Resurgam, die ahnlich neugierig waren wie die Menschen. Sie wurden Bodenproben nehmen, um etwas uber die Geschichte des Planeten zu erfahren, und dabei weit in die Vergangenheit zuruckgehen. Diese Staubschicht ware sicher nicht das einzige Ratsel, das sie zu losen hatten, aber sie wurden dennoch eine Weile daruber nachdenken. Und die hypothetischen Forscher der Zukunft wurden zweifellos vollig falsche Schlusse ziehen, was die Entstehung der Schicht anging. Wie sollten sie auch jemals darauf kommen, dass sie die Folge einer bewussten Willensentscheidung…
Volyova hatte seit drei?ig Stunden kaum geschlafen, aber sie war zurzeit von einer schier unerschopflichen Energie erfullt. Naturlich wurde sie dafur fruher oder spater bezahlen mussen, aber im Augenblick fuhlte sie sich wie aufgezogen, von einer Dynamik getragen, die nicht zu bremsen war. Trotzdem kehrte sie erst mit einiger Verspatung in die Gegenwart zuruck, als Hegazi seinen Sitz an ihre Seite steuerte.
»Was ist?«
»Ich empfange eine Anfrage, die sich nach unserem Knaben anhort.«
»Sylveste?«
»Oder jemand, der sich fur ihn ausgibt.« Hegazi sprach wie in Trance. Diese Zustande hatte er ofter, und Volyova wusste, dass er sich dann in besonders engem Kontakt mit dem Schiff befand. »Kann die Verbindung nicht zuruckverfolgen. Der Anruf kommt von Cuvier, aber ich mochte wetten, dass Sylveste sich nicht physisch in der Stadt befindet.«
Sie hob die Stimme nicht, obwohl sie mit ihm allein auf der Brucke war.
»Was sagt er denn?«
»Er will nur mit uns sprechen. Das verlangt er immer und immer wieder.«
Khouri horte jemanden durch den Zentimeter dicken Matsch schlurfen, der das gesamte Captainsdeck uberschwemmte.
Sie konnte nicht rational erklaren, was sie hier unten eigentlich wollte. Aber vielleicht war gerade das ganz typisch: seit sie Volyova — der einzigen Person, auf die sie wirklich gebaut hatte — nicht mehr vertraute und seit die Mademoiselle sich rar machte — sie hatte sich seit dem Angriff gegen das Waffensystem nicht mehr blicken lassen — neigte Khouri zu irrationalem Verhalten. Der einzige Mensch auf dem Schiff, von dem sie sich nicht irgendwie verraten fuhlte oder der sich nicht ihren Hass zugezogen hatte, war auch der einzige, von dem sie nie eine Antwort erwarten konnte.
Sie wusste sofort, dass die Schritte nicht Volyova gehorten, aber sie klangen so zielstrebig, als wusste der Betreffende genau, wohin er wollte, und hatte sich nicht nur zufallig in diese Schiffszone verirrt.
Khouri erhob sich. Ihr Hosenboden war vollgesogen mit nassem, kaltem Matsch, aber auf dem dunklen Stoff war davon kaum etwas zu sehen.
»Ganz ruhig«, sagte die Verfolgerin und kam lassig mit schmatzenden Stiefeln um die Biegung geschlendert. Ihre frei schwingenden Metallarme blitzten im Licht, die darin eingearbeiteten holografischen Muster schillerten in allen Regenbogenfarben.
»Sudjic«, rief Khouri. »Wie, zum Teufel, hast du…?«
Sudjic schuttelte den Kopf und lachelte verkrampft. »Wie ich hierher gefunden habe? Ganz einfach, Khouri, ich bin dir gefolgt. Als ich sah, welche Richtung du eingeschlagen hattest, war mir auch klar, wohin du wolltest. Also bin ich dir nachgegangen. Ich finde namlich, wir beide sollten uns mal unterhalten.«
»Unterhalten?«
»Uber die Situation hier.« Sudjic machte eine weit ausholende Geste. »Auf dem Schiff. Genauer gesagt, uber das verdammte Triumvirat. Es kann dir wohl kaum entgangen sein, dass ich mit einem von den dreien noch eine Rechnung offen habe.«
»Mit Volyova.«
»Richtig. Mit unserer gemeinsamen Freundin Ilja.« Sudjic spie den Namen wie ein unanstandiges Schimpfwort aus. »Du wei?t ja, dass sie meinen Geliebten getotet hat.«
»Ich habe gehort, dass es… Probleme gegeben hatte.«
»Probleme? — Ha! Das ist gut. Einen Menschen in eine Psychose zu treiben ist also fur dich ein Problem, Khouri?« Sie hielt inne und trat ein wenig naher, hielt aber respektvoll Abstand von der verschmolzenen Kernmasse des Captains. »Vielleicht sollte ich dich ja Ana nennen, nachdem wir uns jetzt… ah… naher gekommen sind.«
»Nenn mich, wie du willst. Das andert gar nichts. Mag sein, dass ich sie im Augenblick auf den Tod nicht ausstehen kann, aber deshalb werde ich sie nicht verraten. Eigentlich durfte dieses Gesprach gar nicht stattfinden.«
Sudjic nickte verstandnisvoll. »Sie hat dir wirklich eine ordentliche Portion Loyalitatstherapie verpasst, wie? Hor zu, Sajaki und die anderen sind langst nicht so allwissend, wie man glaubt. Du kannst mir alles sagen.«
»Es steckt noch sehr viel mehr dahinter.«
»Zum Beispiel?« Sudjic stemmte die Eisenfauste elegant in die schmalen Huften. Die Frau war ausgemergelt wie alle Weltraumgeborenen, aber auf ihre Weise eine Schonheit. Physisch mochte sie so zart sein wie ein Gespenst; ohne ihre chimarisch verstarkte Skelettmuskulatur hatte sie bei normaler Schwerkraft womoglich keinen Schritt gehen konnen. Doch mit den subkutanen Prothesen war sie ungleich starker und schneller als jeder naturbelassene Mensch. Gerade weil sie so zerbrechlich aussah, war ihre Kraft doppelt wirksam. Sie war wie eine aus rasiermesserscharfem Papier gefaltete Origami-Figur.
»Das kann ich dir nicht sagen«, wehrte Khouri ab. »Aber Ilia und ich — wir haben gemeinsame Geheimnisse.« Sie hatte die arrogante Ultra von ihrem hohen Ross herunterholen wollen, aber nun bereute sie ihre Indiskretion. »Ich meine…«
»Hor zu, genauso
»Wenn ja«, sagte Khouri, »dann haben sie nichts mit Volyova zu tun.«
»Du gibst es also zu.« Sudjic lachelte sparsam wie ein braves Schulmadchen, das sich nach einem sportlichen Sieg demonstrativ in Bescheidenheit ubt. »Aber auch wenn du leugnest, es spielt ohnehin keine Rolle. Tatsache ist, dass sie dich enttauscht hat. Sie und das ganze Triumvirat. Du kannst mir nicht erzahlen, dass dir die letzte Aktion gefallen hat.«
»Ich bin nicht sicher, ob ich an dieser Aktion alles verstehe, Sudjic. Uber einiges muss ich mir erst noch klar werden.« Khouri spurte die Kalte ihrer nassen Hosen am Gesa?. »Dazu bin ich ubrigens hier herunter gekommen. Um Ruhe und Frieden zu finden. Und meine Gedanken zu ordnen.«
»Und um zu sehen, ob etwas von seiner Weisheit auf dich abfarbt?«
Sudjic nickte zum Captain hin.
»Er ist tot, Sudjic. Vielleicht bin ich die Einzige hier, die das begreift, aber deshalb ist es doch die Wahrheit.«
»Vielleicht kann Sylveste ihn heilen.«
»Selbst wenn er das konnte, wurde Sajaki es zulassen?«
Sudjic nickte wissend. »Naturlich, naturlich. Ich verstehe vollkommen. Aber hor zu.« Sie senkte die Stimme zu einem verschworerischen Flustern, obwohl nur die uberall umherschleichenden Ratten sie belauschen konnten.
