»Sie haben Sylveste gefunden — ich horte es eben, bevor ich herunterkam.«

»Gefunden? Du meinst, er ist hier?«

»Nein, naturlich nicht. Sie haben eben erst Kontakt aufgenommen. Noch wissen sie nicht einmal, wo er ist, nur dass er noch lebt. Jetzt mussen sie den Dreckskerl erst mal an Bord bringen. Und da kommst du ins Spiel. Ich ubrigens auch.«

»Wie meinst du das?«

»Ich will nicht behaupten, dass ich verstehe, was im Trainingssaal mit Kjarval passiert ist, Khouri. Vielleicht hat sie einfach durchgedreht, obwohl ich sie von allen auf dem Schiff am besten kannte und eigentlich nicht gedacht hatte, dass sie der Typ dafur ware. Wie auch immer, Volyova hatte damit einen Vorwand, sie zu erledigen — wobei ich nicht gedacht hatte, dass das Miststuck sie wirklich so sehr hasste…«

»Es war nicht Volyovas Schuld…«

»Wie auch immer.« Sudjic schuttelte den Kopf. »Das ist nicht so wichtig — im Moment. Aber es bedeutet, dass sie dich fur die Mission braucht. Du und ich, Khouri — und vielleicht das verdammte Miststuck selbst — wir werden hinuntergehen und ihn holen.«

»Das kannst du noch gar nicht wissen.«

Sudjic schuttelte den Kopf. »Offiziell nicht. Aber wenn du erst mal so lange auf diesem Schiff bist wie ich, dann wei?t du auch, wie man die ublichen Kanale umgeht.«

Dann schwiegen beide, und nur das Tropfen einer undichten Leitung irgendwo im uberfluteten Korridor unterbrach die Stille.

»Sudjic, warum sagst du mir das? Ich dachte, du kannst mich nicht ausstehen?«

»Das war vielleicht so«, sagte die andere. »Fruher. Aber jetzt brauchen wir dringend Verbundete. Und ich dachte, du warst mir fur die Warnung dankbar. Ich hoffe, du bist vernunftig und wei?t, wem du vertrauen kannst.«

Volyova sprach in ihr Armband. »Unendlichkeit, du wirst gleich eine Stimme horen. Vergleiche sie mit deinen Aufzeichnungen uber Sylveste. Wenn du keine Ubereinstimmung feststellst, erbitte ich sofortige Meldung uber eine sichere Leitung.«

Sylvestes Stimme unterbrach sie: »…ob Sie mich horen konnen. Wiederhole: ich muss wissen, ob Sie mich horen konnen. Nun antworten Sie schon, Miststuck. Ich verlange, dass Sie mir antworten, verdammt noch mal!«

»Das ist er tatsachlich«, sagte Volyova uber die Stimme hinweg zu Hegazi. »Das Gequengel ist nicht zu verwechseln. Werfen Sie ihn lieber raus. Ich nehme an, wir haben ihn immer noch nicht geortet?«

»Tut mir Leid. Sie mussen zur ganzen Kolonie sprechen und davon ausgehen, dass er eine Moglichkeit hat, Sie zu empfangen.«

»Dafur hat er bestimmt gesorgt.« Volyova sah auf ihr Armband. Bislang konnte das Schiff nicht widerlegen, dass die Stimme Sylveste gehorte. Zwar gab es kleine Unterschiede, der Sylveste von damals war eine sehr viel jungere Ausgabe des Mannes gewesen, nach dem sie jetzt suchten, deshalb war keine hundertprozentige Stimmengleichheit zu erwarten. Doch wenn man das berucksichtigte, wurde es immer wahrscheinlicher, dass nicht wieder irgendein armseliger Hochstapler versuchte, die Kolonie zu ›retten‹, sondern dass sie diesmal den Richtigen gefunden hatten. »Na schon, stellen Sie mich durch. Sylveste? Hier spricht Volyova. Konnen Sie mich horen?«

Seine Stimme wurde klarer. »Das wurde aber auch Zeit, verdammt noch mal.«

»Ich denke, wir lassen das als ›ja‹ gelten«, sagte Hegazi.

»Wir mussen uns daruber unterhalten, wo wir Sie abholen, und das ware uber eine sichere Verbindung sehr viel einfacher. Wenn Sie mir Ihren derzeitigen Standort nennen, konnen wir in der Region eine grundliche Sensorsuche durchfuhren und die Ubertragung direkt am Ausgangspunkt abfangen, ohne den Umweg uber Cuvier.«

»Wozu sollte das gut sein? Wollen Sie mir vielleicht etwas mitteilen, das nicht die ganze Kolonie erfahren soll?« Sylveste hielt inne, aber Volyova sah im Geiste sein hohnisches Lacheln. »Bisher hatten Sie doch auch keine Hemmungen, alle anderen mit hineinzuziehen.« Wieder eine Pause. »Nebenbei bemerkt finde ich es beunruhigend, dass Sie mit mir verhandeln und nicht Sajaki.«

»Er ist indisponiert«, sagte Volyova. »Geben Sie mir Ihre Position.«

»Bedauere, aber das ist nicht moglich.«

»Etwas mehr sollten Sie sich schon bemuhen.«

»Wie kame ich denn dazu? Sie haben die gro?en Kanonen. Also denken Sie sich eine Losung aus.«

Hegazi bedeutete Volyova mit einer Handbewegung, die Audio-Verbindung zu unterbrechen. »Vielleicht kann er seine Position nicht verraten.«

»Was soll das hei?en?«

Hegazi klopfte sich mit seinem stahlernen Zeigefinger an den stahlernen Nasenschutz.

»Vielleicht wird es ihm von den Leuten verboten, die ihn gefangen halten. Vielleicht sind sie bereit, ihn gehen zu lassen, wollen aber ihren Aufenthaltsort nicht preisgeben.«

Volyova nickte. Hegazis Vermutung klang einleuchtend. Sie stellte die Verbindung wieder her. »Schon, Sylveste. Ich glaube zu verstehen, wo Ihre Probleme liegen. Unter der Voraussetzung, dass Sie sich frei bewegen konnen, schlage ich folgenden Kompromiss vor. Ihre… ah… Gastgeber haben doch sicher die Moglichkeit, kurzfristig einen Ortswechsel zu arrangieren?«

»Wir haben Transportmittel, wenn Sie das meinen.«

»In diesem Fall gestehen wir Ihnen noch einmal sechs Stunden zu. In dieser Zeit sollte es Ihnen moglich sein, sich so weit von Ihrem derzeitigen Standort zu entfernen, dass Sie Ihre Position durchgeben konnen, ohne ihn zu verraten. Horen wir aber in sechs Stunden nichts von Ihnen, dann greifen wir das nachste Ziel an. Ist das allen Betroffenen vollkommen klar?«

»O ja«, gab Sylveste giftig zuruck. »Vollkommen.«

»Da ware noch etwas.«

»Ja?«

»Bringen Sie Calvin mit.«

Sechzehn

Nord-Nekhebet

2566

Sylveste spurte, wie das Flugzeug vom Boden abhob und im Tiefflug aus dem unterirdischen Bunker von Mantell schoss. Drau?en zog es steil nach oben und schwenkte ab, bevor es an der nachsten Mesa-Wand mit ihren vielen Schichten zerschellen konnte. Er schuf sich ein Fenster in der Flugzeugwand, aber der Staub wurde immer dichter. So war ihm im grellen Licht des Plasmaflugels nur ein kurzer Blick auf die Station vergonnt, bevor die Mesa, in die man sie hineingegraben hatte, hinter ihnen zuruckblieb. Er war sich vollig sicher, dass er nicht zuruckkehren wurde. Etwas sagte ihm — ohne dass er das Gefuhl genau hatte begrunden konnen —, dass er nicht nur Mantell, sondern die ganze Kolonie zum letzten Mal sah.

Das Flugzeug war das kleinste und entbehrlichste, das die Siedlung hatte auftreiben konnen; kaum gro?er als die Volantoren, die er vor einem ganzen Menschenleben in Chasm City geflogen hatte. Aber es war schnell genug, um ihn in den sechs Stunden, die man ihnen zugestanden hatte, weit genug von der Mesa wegzubringen. Die Maschine hatte Platz fur vier Personen gehabt, war aber nur mit Sylveste und Pascale besetzt. Trotzdem konnten sie sich nicht frei bewegen. Sie waren immer noch Gefangene. Slukas Leute hatten vor dem Start von Mantell die Flugroute eingegeben, und Abweichungen waren nur moglich, wenn der Autopilot feststellte, dass die Witterung eine Kursanderung rechtfertigte. So lange die Verhaltnisse am Zielort eine Landung zulie?en, sollten Sylveste und seine Frau an einem vorher vereinbarten Ort abgesetzt werden, den Volyova und ihre Besatzung bisher noch nicht kannten. Bei schlechten Bedingungen konnte man auf einen anderen Landeplatz in derselben Gegend ausweichen.

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