Das Flugzeug sollte nicht an Ort und Stelle bleiben. Sobald Sylveste und Pascale — mit so viel Proviant versehen, dass sie notfalls einige Stunden im Sturm uberleben konnten — von Bord gegangen waren, wurde es auf schnellstem Wege nach Mantell zuruckkehren, dabei aber den wenigen noch funktionsfahigen Radarsystemen ausweichen, die seinen Kurs nach Resurgam City melden konnten. Sylveste wurde Kontakt zu Volyova aufnehmen und ihr seinen Standort mitteilen, obwohl sie bei einer direkten Ubertragung seine Position ohne weiteres auch durch Triangulation ermitteln konnte. Von da an lag alles in Volyovas Hand. Sylveste hatte keine Ahnung, wie es weitergehen wurde, wie sie es anstellen wollte, ihn an Bord zu bringen. Das war auch nicht sein Problem. Ihm genugte es zu wissen, dass die ganze Sache hochstwahrscheinlich keine Falle war. Die Ultras hatten es auf Calvin abgesehen, aber ohne Sylveste konnten sie mit dem Sim nichts ausrichten. Sie mussten also sehr gut auf ihn aufpassen. Fur Pascale galt das freilich nicht in gleichem Ma?e, und deshalb hatte Sylveste Schritte unternommen, um hier einen Ausgleich zu schaffen.
Das Flugzeug hatte seinen Steigflug beendet. Es hielt sich unterhalb der durchschnittlichen Hohe der Mesas und nutzte sie als Deckung. Alle paar Sekunden anderte es die Richtung und schoss in einen der schmalen, canyonahnlichen Korridore dazwischen. Die Sicht war gleich Null. Hoffentlich, dachte Sylveste, hatte es in letzter Zeit keine Erdrutsche gegeben, die in der Gelandekarte, an der sich das Flugzeug bei seinen Manovern orientierte, noch nicht berucksichtigt waren. In diesem Fall ware der Flug lange vor Ablauf der von Volyova genehmigten sechs Stunden zu Ende.
»Wo, zum Teufel…« Calvin manifestierte in der Kabine und sah sich hektisch um. Wie ublich lummelte er in einem machtigen, dick gepolsterten Thronsessel, der fur den Fahrgastraum des Flugzeugs viel zu gro? war und deshalb zum Teil in den Wanden verschwand. »Wo, zum Teufel, bin ich? Ich kann nichts empfangen! Was ist denn passiert? Nun sag schon!«
Sylveste wandte sich an seine Frau. »Wenn er geweckt wird, beschnuffelt er als Erstes die unmittelbare cybernetische Umgebung — um sich zu orientieren, den Zeitrahmen festzulegen und so weiter. Die Schwierigkeit ist, dass es hier keine cybernetische Umgebung gibt, deshalb ist er jetzt etwas verwirrt.«
»Du sollst nicht uber mich reden, als ware ich gar nicht hier. Wo immer dieses Hier auch sein mag!«
»Du bist in einem Flugzeug«, sagte Sylveste.
»Ein Flugzeug? Das hatten wir bisher noch nicht«, erwiderte Cal. Er schien sich wieder zu fassen. »Wirklich und wahrhaftig. Glaube nicht, dass ich schon mal in so einem Ding gesessen habe. Du bist doch sicher so freundlich, deinem alten Vater einen Uberblick uber die wichtigsten Fakten zu geben, nicht wahr?«
»Deshalb habe ich dich geweckt.« Sylveste brach ab, um das Fenster zu loschen; es gab nichts mehr zu sehen, und der dichte Staubschleier erinnerte ihn nur daran, was vor ihm lag, sobald ihn das Flugzeug abgesetzt hatte. »Nicht dass du glaubst, ich wollte nur einen gemutlichen Plausch mit dir fuhren, Cal.«
»Du siehst alter aus, Sohn.«
»Tja, manche von uns mussen eben weiterhin im entropischen Universum leben.«
»Autsch. Das hat wehgetan.«
»Hort ihr bitte auf!«, bat Pascale. »Fur dieses kleinliche Hickhack haben wir keine Zeit.«
»Ich wei? nicht«, widersprach Sylveste. »Funf Stunden — das sollte doch mehr als genug sein. Was meinst du, Cal?«
»Wie Recht du hast. Was wei? sie schon?« Cal sah Pascale bose an. »Das ist Tradition, Schatzchen. Es ist unsere Art — wie soll ich sagen? — sich zuruckzumelden. Ich wurde mir ernsthaft Sorgen machen, wenn er mich auch nur mit einem Funken Herzlichkeit begru?te. Das hie?e namlich, er hat eine Bitte, die entsetzlich schwierig zu erfullen ist.«
»Nein«, sagte Sylveste. »Bei einer entsetzlich schwierigen Bitte wurde ich dir nur mit Loschung drohen. Ich habe noch nie etwas von dir gebraucht, was mich verpflichtet hatte, freundlich zu sein, und dazu wird es wohl auch nie kommen.«
Calvin zwinkerte Pascale zu. »Er hat naturlich Recht. Wie dumm von mir.«
Er manifestierte in einem aschgrauen Frack mit Stehkragen und einem komplizierten Muster aus goldenen Winkeln auf den Armeln. Ein gestiefelter Fu? ruhte auf dem Knie des anderen Beins, die Frackscho?e waren wie eine wallende Gardine daruber drapiert. Bart und Schnurrbart waren nicht nur peinlich gepflegt, sondern zu einem Gesamtkunstwerk von solcher Vollendung modelliert, dass es nur durch ein ganzes Heer von eifrigen Barbieren in unermudlicher Arbeit zu erhalten war. Ein bernsteinfarbenes Daten-Monokel steckte in einem Auge (eine Marotte, denn Calvin war seit seiner Geburt mit Interface-Implantaten ausgestattet), und sein Haar (er trug es jetzt lang) war geolt und zu einem Ring geflochten, der uber seinen Hinterkopf hinausragte und erst kurz uber dem Nacken wieder zuruckgefuhrt wurde. Sylveste versuchte vergeblich, die Aufmachung einer Stilepoche zuzuordnen. Moglich, dass sie auf einen bestimmten Abschnitt von Calvins Leben auf Yellowstone zuruckging, aber ebenso gut konnte die Simulation sie auch neu erfunden haben, um sich die Zeit zu vertreiben, bis alle Programme gebootet waren.
»Also dann…«
»Das Flugzeug bringt mich zu Volyova«, sagte Sylveste. »Du kannst dich sicher an sie erinnern?«
»Wie konnten wir sie vergessen?« Calvin nahm das Monokel heraus und polierte es zerstreut an seinem Armel. »Und wie kam es dazu?«
»Das ist eine lange Geschichte. Sie hat der Kolonie die Daumenschrauben angesetzt. Die Leute hatten kaum eine andere Wahl, als mich auszuliefern. Und dich gleich mit.«
»Sie wollte mich haben?«
»Nun tu nicht so, als warst du uberrascht.«
»Ich bin nicht uberrascht; nur enttauscht. Und naturlich ist das alles ein bisschen viel auf einmal.« Calvin setzte sich das Monokel wieder ein, sein vergro?ertes Auge starrte drohend durch den Bernstein. »Wollte sie uns nur zur Sicherheit alle beide haben, oder hat sie etwas Besonderes mit uns vor?«
»Wahrscheinlich Letzteres. Was nicht hei?en soll, dass sie mir ihre Absichten offenbart hatte.«
Calvin nickte nachdenklich. »Du hattest also bisher nur mit Volyova zu tun, ja?«
»Kommt dir das merkwurdig vor?«
»Ich hatte erwartet, dass unser Freund Sajaki irgendwann seinen Auftritt hat.«
»Ich auch, aber sie hat sich zu seiner Abwesenheit mit keinem Wort geau?ert.« Sylveste zuckte die Achseln. »Spielt es denn eine Rolle? Sie sind doch alle gleich schlimm.«
»Zugegeben, aber bei Sajaki wussten wir wenigstens, woran wir waren.«
»Du meinst, wir wussten, dass wir beschissen wurden.«
Calvin wiegte zweifelnd den Kopf. »Du kannst uber den Mann sagen, was immer du willst, er hat zumindest Wort gehalten. Und er — oder wer immer die Zugel in der Hand hat — war immerhin so anstandig, dich bis jetzt in Ruhe zu lassen. Wie lange ist es her, seit wir zum letzten Mal auf diesem barbarischen Ungeheuer namens
»Etwa einhundertdrei?ig Jahre. Fur sie naturlich sehr viel weniger — nach ihrer Zeit sind nur ein paar Jahrzehnte vergangen.«
»Dann mussen wir mit dem Schlimmsten rechnen.«
»Was ist das Schlimmste?«, fragte Pascale.
»Dass wir«, begann Calvin, nur muhsam die Geduld bewahrend, »eine gewisse Aufgabe zu erfullen haben, die mit einem gewissen Herrn zusammenhangt.« Er sah Sylveste mit schmalen Augen an. »Wie viel wei? sie uberhaupt?«
»Offenbar weniger, als ich dachte.« Pascale fand das nicht komisch.
»Ich habe ihr nur so viel erzahlt wie unbedingt notig«, sagte Sylveste und sah erst seine Frau und dann die Beta-Simulation an. »Zu ihrem eigenen Schutz.«
»Oh, vielen Dank.«
»Naturlich hatte ich selbst meine Zweifel…«
»Dan, was wollen diese Leute von dir und deinem Vater?«
»Ach ja, das ist leider noch eine sehr lange Geschichte.«
»Du hast selbst gesagt, wir haben funf Stunden Zeit. Immer vorausgesetzt naturlich, ihr beiden hort irgendwann auf, euch gegenseitig zu bewundern.«
Calvin zog eine Augenbraue in die Hohe. »Das hat uns noch niemand nachgesagt. Aber vielleicht hat sie gar nicht so Unrecht, was, Sohn?«
»O doch«, sagte Sylveste. »Sie verkennt die Situation vollkommen.«
