Volyova sah zu der Projektion von Resurgam auf. Im Moment war Sylvestes Aufenthaltsort auf dem Planeten noch vollig unbekannt, vergleichbar einer Quantenwellenfunktion, die noch nicht kollabiert war. Aber sobald sie mit einer genauen Triangulation seinen Sender geortet hatten, wurde die Wellenfunktion zu unzahligen nicht gewahlten Moglichkeiten zerfallen.
»Haben Sie ihn?«
»Das Signal ist schwach«, sagte Hegazi. »Der Sturm, den Sie erzeugt haben, verursacht starke Turbulenzen in der Ionosphare. Sie sind jetzt sicher sehr stolz auf sich?«
»Orten Sie ihn,
»Geduld, Geduld.«
Im Grunde hatte Volyova nicht daran gezweifelt, dass Sylveste sich rechtzeitig melden wurde. Dennoch war sie erleichtert gewesen, als sie ihn tatsachlich horte. Damit war eine weitere Etappe des schwierigen Unternehmens bewaltigt, ihn an Bord zu holen. Sie gab sich allerdings nicht der Illusion hin, die Aufgabe sei damit bereits so gut wie erledigt. Und Sylvestes Forderungen hatten so arrogant geklungen — er hatte geradezu Befehle erteilt —, dass sie sich unwillkurlich fragte, ob ihre Kollegen wirklich alles in der Hand hatten. Wenn Sylveste es darauf angelegt hatte, Zweifel in ihr zu wecken, dann war ihm das gelungen. Zum Teufel mit dem Mann! Sie hatte sich gut vorbereitet, weil sie wusste, dass Sylveste bei solchen Denkspielen ein wahrer Meister war, aber offenbar nicht gut genug. Nun trat sie im Geiste einen Schritt zuruck und sah sich an, wie weit die Dinge gediehen waren. Immerhin wurden sie Sylveste in Kurze in ihrer Gewalt haben. Das konnte nicht in seinem Sinne sein, besonders, da er sich denken konnte, was sie von ihm wollten. Wenn er Herr seines Schicksals ware, lie?e er sich gewiss nicht darauf ein, an Bord gebracht zu werden.
»Aha«, sagte Hegazi. »Da haben wir ihn. Wollen Sie horen, was der Dreckskerl zu sagen hat?«
»Stellen Sie ihn durch.«
Wieder brach die Stimme des Mannes uber sie herein, aber etwas war anders als vor sechs Stunden. Diesmal wurde jedes Wort von Sylveste begleitet — ja fast ubertont — vom durchdringenden Geheul des Schmirgelsturms.
»Ich bin hier, wo sind Sie? Volyova, horen Sie mich? Ich sagte, horen Sie mich? Antworten Sie doch! Ich gebe Ihnen jetzt meine Koordinaten, auf Cuvier bezogen — also passen Sie auf.« Und dann nannte er — zur Sicherheit mehrmals — eine Reihe von Zahlen, mit denen sich sein Standort auf hundert Meter genau bestimmen lie?. Er hatte sich die Muhe sparen konnen, denn an Bord hatte man ihn inzwischen trianguliert. »Und jetzt holen Sie uns! Wir haben nicht ewig Zeit — wir stecken mitten in einem Schmirgelsturm, und wenn Sie sich nicht beeilen, sind wir tot.«
»Mhm«, sagte Hegazi. »Vielleicht ware es keine schlechte Idee, dem armen Jungen irgendwann zu antworten.«
Volyova zog eine Zigarette heraus, zundete sie an und nahm einen tiefen Zug. Dann sagte sie: »Noch nicht. Wir lassen ihn noch ein paar Stunden lang zappeln. Ich mochte, dass er so richtig nervos wird.«
Der geoffnete Anzug schlurfte auf Khouri zu. Sie horte nur ein leises Scharren, dann spurte sie den sanften, aber festen Druck gegen den Rucken, die Ruckseite der Arme und Beine und den Hinterkopf. Aus dem Augenwinkel konnte sie beobachten, wie die feucht glanzenden seitlichen Kopfteile zuklappten. Arm- und Beinschalen schmiegten sich um ihre Gliedma?en. Der Brustpanzer schloss sich mit einem schmatzenden Gerausch, als schlurfe jemand eine Puddingschussel leer.
Ihr Sichtfeld war jetzt eingeschrankt, aber sie konnte verfolgen, wie sich die Anzuggliedma?en an den vorgesehenen Fugen schlossen. Die Dichtungen blieben noch fur eine Sekunde sichtbar, dann verschwanden auch sie im glatten Wei? der Anzughaut. Ein zweiter Kopf bildete sich uber dem ihren, es wurde kurz dunkel, dann erschien ein ovales Sichtfeld vor ihren Augen. Auf dem schwarzen Rand des Ovals leuchteten zahlreiche Anzeigen und Statusmeldungen auf. Spater wurde sich der Anzug mit Luftgel fullen, um seinen Insassen vor dem Beschleunigungsdruck beim Flug zu schutzen, doch im Moment atmete Khouri noch eine pfefferminzfrische Sauerstoff/Stickstoff-Mischung mit dem gleichen Druck wie auf dem Schiff.
»Ich habe alle Sicherheits- und Funktionstests durchgefuhrt«, meldete der Anzug. »Bitte bestatigen Sie Ihre Bereitschaft, die Kontrolle uber die Einheit vollstandig zu ubernehmen.«
»Ich bin bereit«, sagte Khouri.
»Die meisten meiner autonomen Steuerprogramme sind jetzt deaktiviert. Die Personlichkeit bleibt in beratender Funktion zugeschaltet, solange keine anders lautende Anweisung ergeht. Um die vollautonome Anzugsteuerung wiederherzustellen, ist…«
»Ich habe verstanden, danke. Wie weit sind die anderen?«
»Alle Einheiten melden Bereitschaft.«
Volyovas Stimme unterbrach. »Wir sind startklar, Khouri. Ich ubernehme die Fuhrung; Dreiecksformation beim Sinkflug. Alles springt auf mein Kommando. Und keine Bewegung ohne meine Erlaubnis.«
»Keine Sorge. Das hatte ich auch nicht vor.«
»Sie haben sie wirklich gut gedrillt«, bemerkte Sudjic uber die allgemeine Verbindung. »Schei?t sie auch auf Befehl?«
»Schnauze, Sudjic! Sie sind nur dabei, weil Sie Planetenerfahrung haben. Wenn Sie aus der Reihe tanzen…« Volyova hielt inne. »Ich will es so ausdrucken: Sajaki wird nicht eingreifen konnen, wenn ich die Beherrschung verliere, und mir steht zu diesem Zweck eine ganze Menge Artillerie zur Verfugung.«
»Da wir gerade von Artillerie sprechen«, sagte Khouri. »Ich sehe keinerlei Waffendaten auf meiner Anzeige.«
»Das liegt daran, dass du nicht freigeschaltet bist«, sagte Sudjic. »Ilia furchtet, du konntest losballern, sobald sich etwas bewegt. Richtig, Ilia?«
»Wenn wir Schwierigkeiten bekommen«, sagte Ilia, »gebe ich die Waffen frei. Versprochen.«
»Warum nicht jetzt?«
»Weil Sie jetzt keine Waffen brauchen, darum. Sie sind nur Ersatzmann; Sie sollen einspringen, wenn die Sache aus dem Ruder lauft. Was naturlich nicht passieren wird…« Sie holte horbar Atem. »Wenn aber doch, dann kriegen Sie Ihre geliebten Waffen. Aber bemuhen Sie sich bitte, im Ernstfall besonnen damit umzugehen.«
Sobald sie drau?en waren, wurde die Schiffsluft abgepumpt und durch Luftgel — atembare Flussigkeit — ersetzt. Im ersten Moment glaubte man zu ertrinken, aber Khouri litt darunter nicht allzu sehr, sie hatte den Wechsel auf Sky’s Edge oft genug erlebt. Normales Sprechen war jetzt nicht mehr moglich, aber die Anzughelme hatten integrierte Trawls, die auch stumme Befehle interpretieren konnten. Eingehende Gerausche wurden durch besondere Helmlautsprecher um die entsprechende Frequenz verschoben, um die Verzerrungen durch das Luftgel auszugleichen. Auf diese Weise klangen alle Stimmen vollkommen normal. Im Anzug war der Flug zum Planeten strapazioser und belastender als mit einem Shuttle, aber Khouri empfand ihn bis auf den gelegentlichen Druck uber den Augen als weniger beschwerlich. Nur ein Blick auf die Anzeigen sagte ihr, dass die winzigen, mit Antilithium gespeisten Triebwerke im Rucken und in den Fersen des Anzugs eine Dauerbeschleunigung von mehr als 6 Ge erzeugten. Die Anzuge flogen in Delta-Formation, Volyova war an der Spitze, die beiden bemannten Anzuge folgten schrag hinter ihr, und drei leere, von au?en gesteuerte Anzuge bildeten die Nachhut. In der ersten Phase des Fluges blieben die Anzuge so konfiguriert wie auf dem Lichtschiff und machten damit gewisse Zugestandnisse an die menschliche Anatomie. Doch als die ersten Spuren von Resurgams Atmosphare aufgluhten, hatten lautlos gewisse Veranderungen eingesetzt, die von innen nicht zu bemerken waren. Die Verbindungsmembran zwischen Armen und Korper hatte sich verdickt, bis beide nur noch schwer zu trennen waren. Auch die Stellung der Arme war eine andere; jetzt standen sie starr, aber leicht gebeugt in einem Winkel von funfundvierzig Grad vom Rumpf ab. Der Kopf hatte sich zwischen die Schultern gezogen und war flacher geworden, so dass jetzt vom Ende jedes Arms eine glatte Kurve uber den Kopf und auf der anderen Seite wieder hinunter fuhrte. Die dicken Saulenbeine waren zu einem Schwanz verschmolzen, der sich nach unten verbreiterte, und alle von den Insassen geschaffenen Fenster waren geloscht worden, um die Augen vor der Glut des Wiedereintritts zu schutzen. Die Anzuge tauchten mit der Frontseite in die Atmosphare ein, der Schwanz hing etwas tiefer als der Kopf: die Energie der kreuz und quer verlaufenden Sto?wellen wurde von der wandlungsfahigen Anzughulle gebandigt und ausgenutzt. Direkte Sicht war nicht mehr moglich, aber die Anzuge nahmen ihre Umgebung auf anderen elektromagnetischen Frequenzen wahr und bereiteten die Daten so auf, dass auch die menschlichen Sinne sie verarbeiten konnten. Wenn Khouri seitlich nach unten schaute, sah sie die anderen wie in einer leuchtenden Trane aus rosigem Plasma schweben. In sechstausend Fu? Hohe bremsten die Anzuge mit ihren Triebwerken auf drei Mach ab und passten sich der dichteren Atmosphare an. Nun verwandelten
