»Trotzdem solltest du ihr vielleicht etwas mehr erzahlen — um sie auf dem Laufenden zu halten.«
Das Flugzeug flog eine besonders scharfe Kurve. Calvin blieb als Einziger unbeeindruckt. »Na schon«, sagte Sylveste, »obwohl ich immer noch finde, dass sie umso sicherer ist, je weniger sie wei?.«
»Warum darf ich das nicht selbst beurteilen?«, fragte Pascale.
Calvin lachelte. »Ich wurde dir raten, mit unserem lieben Captain Brannigan zu beginnen.«
Und Sylveste erzahlte ihr auch noch den Rest der Geschichte. Bisher war er der Frage, was Sajakis Mannschaft eigentlich von ihm wollte, tunlichst ausgewichen. Nicht dass er Pascale nicht zugebilligt hatte, die Wahrheit zu erfahren — aber er fand das Thema selbst so unerfreulich, dass er es stets gemieden hatte. Er hatte nichts gegen Captain Brannigan personlich, er empfand sogar ein gewisses Mitgefuhl fur den Mann oder das, was aus ihm geworden war. Der Captain war eine einmalige Personlichkeit mit einer ausnehmend schrecklichen Krankheit. Auch wenn er (soweit Sylveste das beurteilen konnte) derzeit nichts um sich herum wahrnahm, so war er doch in der Vergangenheit bei Bewusstsein gewesen und konnte es auch in Zukunft wieder sein, auch wenn eine Heilung zugegebenerma?en nicht sehr wahrscheinlich war. Und wenn der Captain in seiner zwielichtigen Vergangenheit womoglich irgendwelche Verbrechen begangen hatte? Nun, dann hatte er mit seinem jetzigen Zustand die alten Sunden langst tausendfach abgebu?t. Nein; niemand wunschte dem Captain etwas Boses, und die meisten Menschen waren sogar bereit, sich aktiv fur ihn einzusetzen, vorausgesetzt, sie gingen dabei selbst kein Risiko ein. Sogar ein kleines Risiko hatte man vielleicht in Kauf genommen.
Aber was die Besatzung von Sylveste wollte, ging daruber weit hinaus. Sie wurden ihm zumuten, sich Calvin auszuliefern; ihm sein Bewusstsein zu offnen und die Kontrolle uber seine motorischen Funktionen zu uberlassen. Eine entsetzliche Vorstellung. Es war schlimm genug, sich mit Cals Beta-Simulation auseinander setzen zu mussen; so schlimm, als wurde man vom Geist seines Vaters verfolgt. Er hatte das Sim schon vor Jahren zerstort, hatte es sich nicht immer wieder als nutzlich erwiesen, aber schon das Wissen um seine Existenz bereitete ihm Unbehagen. Cal hatte viel zu gute Augen und seine Urteile waren allzu treffend. Er… es wusste, was Sylveste mit der Alpha-Simulation gemacht hatte, auch wenn es nie offen daruber gesprochen hatte. Aber jedes Mal, wenn Sylveste es einlie?, senkte es seine Fuhler tiefer in sein Gehirn. So lernte es ihn immer besser kennen und konnte seine Reaktionen immer genauer vorhersagen. Was bedeutete es fur ihn, wenn sein vermeintlich freier Wille von einem Softwareprogramm, das theoretisch kein eigenes Bewusstsein hatte, so ohne weiteres kopiert werden konnte? Naturlich ging es nicht nur darum, dass ihm die Kanalisierung seine Menschlichkeit raubte. Die Prozedur war auch physisch mehr als unangenehm, denn die Signale, die seine willkurlichen Bewegungen steuerten, mussten schon an der Quelle durch einen Cocktail von Neuro-Inhibitoren ausgeschaltet werden. Er ware gelahmt, aber zugleich in Bewegung — kaum anders, als ware er von einem Damon besessen. Die Erfahrung war grauenvoll gewesen, und er hatte es nicht eilig, sie zu wiederholen.
Nein, dachte er. Wenn es nach ihm ging, konnte der Captain zur Holle fahren. Warum sollte er aufhoren, ein Mensch zu sein, nur um jemanden zu retten, der langer gelebt hatte als die meisten Menschen in der Geschichte? Mitgefuhl hin oder her. Man hatte den Captain schon vor Jahren sterben lassen sollen, jetzt war nicht Brannigans Leiden das gro?te Verbrechen, sondern das, was seine Besatzung Sylveste zumuten wollte, um es zu lindern.
Calvin sah das verstandlicherweise ganz anders… fur ihn war es keine Tortur, sondern eine Chance…
»Ich war naturlich der Erste«, sagte Calvin. »Damals in meiner korperlichen Existenz.«
»Der Erste wobei?«
»Der Erste, der ihm diente. Er war schon damals ein starker Chimare. Ein Teil der Technik, die ihn zusammenhielt, war noch vor dem Transrationalismus entwickelt worden. Wie alt seine organischen Bestandteile waren, wei? Gott allein.« Er strich sich Bart und Schnurrbart, wie um sich an ihre kunstlerische Form zu erinnern. »Das war naturlich vor den Achtzig. Aber ich war schon damals als Forscher bekannt, der die Grenzen der chimarischen Wissenschaften radikal hinauszuschieben suchte. Ich gab mich nicht damit zufrieden, die Techniken aus der Zeit vor dem Transrationalismus Wiederaufleben zu lassen. Ich wollte weitergehen. Ich wollte meinen Vorlaufern den Staub von meinen Fu?en zu schlucken geben. Ich wollte die Hulle dehnen, bis sie in Fetzen zerriss, um sie dann neu zusammenzunahen.«
»Genug von dir, Cal«, mahnte Sylveste. »Wir wollten uber Brannigan sprechen, wei?t du nicht mehr?«
»So etwas nennt man ›den Schauplatz vorbereiten‹, mein lieber Junge.« Calvin zwinkerte ihm zu. »Wie auch immer. Brannigan war ein extremer Chimare, und ich war bereit, extreme Eingriffe in Betracht zu ziehen. Als er erkrankte, hatten seine Freunde keine andere Wahl, als sich um meine Dienste zu bemuhen. Naturlich alles ganz inoffiziell — sogar fur mich war es eine gro?e Abwechslung. Physiologische Veranderungen interessierten mich zunehmend weniger, dafur war ich zunehmend fasziniert — meinetwegen auch besessen — von Neuraltransformationen. Genauer gesagt suchte ich einen Weg, wie man Neuralaktivitaten direkt in…« Er biss sich auf die Unterlippe und brach ab.
»Brannigan lie? sich von ihm behandeln«, fuhr Sylveste fort. »Im Gegenzug half er ihm, Beziehungen zu einigen der Reichen von Chasm City zu knupfen; potenziellen Kandidaten fur das Achtziger-Programm. Wenn ihm Brannigans Heilung gelungen ware, hatte die Geschichte damit ihr Ende gefunden. Aber er hat die Sache verpfuscht — er tat nicht mehr als unbedingt notig, um sich Brannigans Verbundete vom Hals zu halten. Hatte er damals seine Arbeit ordentlich gemacht, dann wurden wir jetzt nicht in diesem Schlamassel stecken.«
»Womit er sagen will«, unterbrach Calvin, »dass die Reparatur des Captains nicht von Dauer war. Bei dieser Art von Chimarismus war es unvermeidlich, dass mit der Zeit ein anderer Teil seines Systems behandlungsbedurftig wurde. Und die Operation, die ich an ihm ausgefuhrt hatte, war so komplex, dass es buchstablich niemand anderen gab, an den sie sich hatten wenden konnen.«
»Deshalb kamen sie zuruck«, sagte Pascale.
»Diesmal befehligte er das Schiff, das wir gleich besteigen werden.« Sylveste sah die Simulation an. »Cal war tot; die Achtzig hatten in einer offentlichen Katastrophe geendet. Nur seine Beta-Simulation war noch ubrig. Ich brauche nicht zu erwahnen, dass Sajaki — der sich inzwischen dem Captain angeschlossen hatte — daruber nicht sehr glucklich war. Aber sie fanden trotz allem einen Weg.«
»Was fur einen Weg?«
»Den Captain von Calvin behandeln zu lassen. Sie stellten fest, dass er durch mich arbeiten konnte. Das Beta-Sim lieferte die Fachkenntnis in chimarischer Chirurgie. Ich lieferte den Korper, mit dem er sich bewegen und die Operation durchfuhren konnte. Die Ultras nannten den Prozess ›Kanalisierung‹.«
»Aber dann warst du doch gar nicht unbedingt erforderlich«, sagte Pascale. »So lange sie die Beta- Simulation — oder eine Kopie davon — hatten, konnte doch auch einer von ihnen ›den Korper liefern‹, wie du es so schon ausgedruckt hast?«
»Nein, obwohl ihnen das wahrscheinlich lieber gewesen ware; sie waren schlie?lich nicht gern von mir abhangig. Aber das Verfahren setzt eine gro?e Ahnlichkeit zwischen dem Beta-Sim und der Person voraus, mit der es arbeitet. Der eine muss in den anderen hineinschlupfen konnen wie in einen Handschuh. Bei mir und Calvin hat es funktioniert, weil er mein Vater ist; wir haben viele genetische Ubereinstimmungen. Wenn du unsere Gehirne aufschneiden wurdest, hattest du wahrscheinlich Muhe, sie auseinander zu halten.«
»Und jetzt?«
»Sind sie wieder da.«
»Hatte er doch beim letzten Mal seine Arbeit ordentlich gemacht«, sagte Calvin und begleitete die Bemerkung mit einem dunnen, selbstzufriedenen Lacheln.
»Deine Schuld; du hast den Wagen gelenkt. Ich habe nur getan, was du mir sagtest.« Sylveste runzelte die Stirn.
»Die meiste Zeit war ich nicht einmal bei vollem Bewusstsein. Trotzdem war jede einzelne Minute die Holle fur mich.«
»Und jetzt wollen sie dich zwingen, das Gleiche noch einmal zu tun«, sagte Pascale. »Das war also der Grund? Fur alles, was hier geschehen ist? Fur den Angriff auf die Siedlung? Sie wollten nur erreichen, dass du ihrem Captain hilfst?«
Sylveste nickte. »Falls du es noch nicht gemerkt haben solltest, die Personen, mit denen wir gleich ins Geschaft kommen wollen, sind nicht das, was man ublicherweise als Menschen bezeichnen wurde. Ihre Prioritaten und ihre Zeitbegriffe sind ein wenig… abstrakt.«
»Ich wurde in diesem Fall auch nicht von einem Geschaft sprechen. Das ist pure Erpressung.«
»Nun ja«, sagte Sylveste. »Nicht ganz. Diesmal hat sich Volyova ein klein wenig verrechnet. Ich war namlich auf ihre Ankunft vorbereitet.«
