gewesen.
Zuerst horte er nur die Stimme, die flusternd uber die Jahre zu ihm drang. Dann kam das Bild — als Falkender auch die letzte Neuralverbindung geschlossen hatte — und mit ihm die Erinnerung.
»Wer ist das?«, fragte Sluka.
»Bei unserer letzten Begegnung nannte sie sich Ilia Volyova.« Sylveste zuckte die Achseln. »Ob das ihr richtiger Name war, wei? ich nicht. Ich wei? nur eines: Wenn sie eine Drohung ausspricht, dann ist sie auch in der Lage, sie auszufuhren.«
»Und was ist sie? Der Captain?«
»Nein«, sagte Sylveste zerstreut. »Nein, das bestimmt nicht.«
Das Gesicht der Frau war nicht weiter bemerkenswert. Ein fast monochromatisch fahler Teint, kurzes, schwarzes Haar, ein Gesichtsschnitt zwischen Kobold und Totenschadel und schmale, tief liegende, schrage Augen, die wenig Mitgefuhl verrieten. Sie hatte sich kaum verandert. Aber dafur war sie eine Ultra. Fur Sylveste mochten seit der letzten Begegnung Jahrzehnte subjektiver Zeit vergangen sein, fur Volyova dagegen nur ein Zehntel oder ein Zwanzigstel davon, ein paar Jahre, nicht mehr. Fur sie lag die letzte Begegnung noch nicht allzu lange zuruck, wahrend sie fur Sylveste in die staubigen Annalen der Geschichte gehorte. Damit war er naturlich in der schwacheren Position. Volyova hatte seine Eigenheiten — die berechenbareren Aspekte seines Verhaltens — noch frisch in Erinnerung; sie hatte dem Gegner erst vor kurzem gegenubergestanden. Sylveste hatte Muhe gehabt, ihre Stimme zu erkennen, und als er sich zu erinnern suchte, ob er sie beim letzten Mal sympathisch gefunden hatte oder nicht, lie? ihn sein Gedachtnis im Stich. Naturlich wurde mit der Zeit alles wiederkommen, aber der zeitliche Vorsprung wirkte sich zweifellos zu Volyovas Gunsten aus.
Eigentlich seltsam. Er war — vielleicht unuberlegt — davon ausgegangen, dass Sajaki diese Ankundigung machen wurde. Naturlich nicht der Captain selbst, sonst waren sie nicht hier. Der Captain musste wieder krank geworden sein.
Wo war Sajaki?
Er schlug sich die Frage aus dem Kopf und konzentrierte sich auf Volyovas Worte.
Nach weiteren zwei oder drei Wiederholungen hatte er die ganze Ansprache im Kopf und war fast sicher, sie wortwortlich wieder ausspucken zu konnen. Sie hatte kaum knapper ausfallen konnen. Diese Ultras wussten, was sie wollten. Und sie wussten, was notig war, um es zu bekommen. »Ich bin Triumvir Volyova vom Lichtschiff
Sylveste wusste, dass Floskeln dieser Art nicht Volyovas Sache waren. Er hatte sie immer fur eine der Stillen im Lande gehalten; zu sehr damit beschaftigt, ihr Arsenal an Schreckenswaffen in Ordnung zu halten, um sich um normale gesellschaftliche Umgangsformen zu bemuhen. Mehr als einmal hatten die ubrigen Besatzungsmitglieder im Scherz bemerkt — und sie scherzten selten —, Volyova zoge die Gesellschaft der Schiffsratten der ihrer menschlichen Kollegen vor.
Vielleicht war es auch gar kein Scherz gewesen.
»Ich spreche aus dem Orbit«, fuhr sie fort. »Wir wissen, auf welchem technischen Stand Sie stehen und schlie?en daraus, dass Sie militarisch keine Bedrohung fur uns darstellen.« Sie hielt inne und schlug nun den Tonfall einer gestrengen Lehrerin an, die ihre Schuler zum Gehorsam ermahnte und ihnen verbot, aus dem Fenster zu schauen oder auf ihren Notepads ein Chaos anzurichten. »Sollten Sie jedoch zu der Vermutung Anlass geben, Sie versuchten uns gezielt zu schaden, dann wurden wir mit unerbittlicher Harte und ohne Rucksicht auf Verhaltnisma?igkeit zuruckschlagen.« Jetzt lachelte sie beinahe. »Also nicht nach dem Grundsatz Auge um Auge, sondern eher Stadt gegen Auge. Wir sind ohne weiteres imstande, eine Ihrer Siedlungen oder auch alle aus dem All zu vernichten.«
Volyova beugte sich vor, bis ihre grauen Lowenaugen den ganzen Schirm auszufullen schienen. »Was noch wichtiger ist, wir sind im Notfall auch dazu entschlossen.« Wieder legte sie eine dieser theatralischen Pausen ein. Sie wusste naturlich, dass sie jetzt ihr Publikum vollends in ihren Bann geschlagen hatte. »Wenn ich wollte, ware in wenigen Minuten alles vorbei. Und glauben Sie ja nicht, dass ich deshalb eine schlaflose Nacht verbringen wurde.«
Jetzt sah Sylveste, worauf sie hinauswollte.
»Aber lassen wir es vorerst mit den Pobeleien genug sein.« Jetzt lachelte sie wirklich, aber ein Kryo-Tank hatte nicht mehr Kalte verstromen konnen als dieses Lacheln. »Sie fragen sich zweifellos, warum wir hier sind.«
»Ich nicht«, sagte Sylveste so laut, dass Pascale es horte.
»Unter Ihnen befindet sich ein Mann, nach dem wir suchen. Er ist fur uns so ungeheuer wichtig, dass wir uns entschlossen haben, nicht uber die ublichen…« — wieder dieses Lacheln, noch kalter, noch gespenstischer als zuvor — »diplomatischen Kanale zu gehen. Der Mann hei?t Sylveste; das sollte eigentlich alles erklaren, wenn sein Ruf seit unserer letzten Begegnung nicht verblasst ist.«
»Vielleicht beschmutzt«, bemerkte Sluka. Dann wandte sie sich an Sylveste: »Sie mussen mir wirklich mehr uber diese letzte Begegnung erzahlen. Sie konnen sich damit kaum noch schaden.«
»Aber Ihnen wird es nichts nutzen, auch wenn Sie die Fakten kennen«, gab Sylveste zuruck, ohne sich vom Bildschirm ablenken zu lassen.
»Normalerweise«, sagte Volyova gerade, »wurden wir uns mit den zustandigen Behorden in Verbindung setzen und uber Sylvestes Auslieferung verhandeln. Ursprunglich hatten wir das auch vor. Aber ein Blick aus dem Orbit auf die gro?te Siedlung ihres Planeten — Cuvier — zeigte uns, dass ein solches Vorgehen zum Scheitern verurteilt ware. Wir mussen davon ausgehen, dass es keine Regierung mehr gibt, mit der sinnvolle Verhandlungen moglich waren. Und um uns mit streitsuchtigen Parteiengruppen herumzuschlagen, fehlt uns leider die Geduld.«
Sylveste schuttelte den Kopf. »Sie lugt. Sie hatten nie die Absicht zu verhandeln, ganz gleich, was sie hier vorgefunden hatten. Ich kenne diese Leute; bosartiges Pack.«
»Das sagten Sie schon«, erinnerte ihn Sluka.
»Damit sind unsere Moglichkeiten ziemlich begrenzt«, fuhr Volyova fort. »Wir wollen Sylveste, und unsere Ermittlungen haben ergeben, dass er sich nicht… wie soll ich mich ausdrucken… auf freiem Fu? befindet?«
»Und das alles aus dem Orbit?«, fragte Pascale. »Ein fahiger Nachrichtendienst, das muss man ihnen lassen.«
»Zu fahig«, bestatigte Sylveste mit einem Nicken.
»Wir werden also«, fuhr Volyova fort, »folgenderma?en vorgehen. Binnen vierundzwanzig Stunden wird Sylveste uber Funk mit uns Kontakt aufnehmen und uns seinen Aufenthaltsort mitteilen. Entweder kommt er dazu aus seinem Versteck, oder er wird freigelassen, falls man ihn gefangen halt. Sollte er nicht mehr am Leben sein, so sind stattdessen zweifelsfreie Beweise fur seinen Tod zu erbringen. Wobei es naturlich in unserem Ermessen liegt, ob wir diese Beweise anerkennen.«
»Sie konnen froh sein, dass Sie mich nicht getotet haben. Ich glaube nicht, dass Sie Volyova davon uberzeugen konnten.«
»Ist sie wirklich so unnachgiebig?«
»Nicht nur sie; die ganze Besatzung.«
Aber Volyova war noch nicht fertig. »Dann also bis in vierundzwanzig Stunden. Wir werden warten. Und sollten wir bis dahin nichts horen oder Verdacht schopfen, dass Sie uns in irgendeiner Form zu tauschen suchen, haben Sie mit einer Strafe zu rechnen. Unser Schiff verfugt uber ein gewisses militarisches Potenzial — fragen Sie Sylveste, wenn Sie uns nicht glauben. Wenn wir innerhalb des nachsten Tages nichts von Ihnen horen, werden wir dieses Potenzial gegen eine der kleineren Gemeinden auf Ihrem Planeten einsetzen. Das Ziel wurde bereits ausgewahlt, und im Falle eines Angriffs werden wir sicherstellen, dass niemand uberlebt. Ist das klar? Keine Uberlebenden. Sollten wir nach weiteren vierundzwanzig Stunden noch immer nichts von Ihrem schwer zu fassenden Dr. Sylveste gehort haben, werden wir uns ein gro?eres Ziel vornehmen. Vierundzwanzig Stunden danach zerstoren wir Cuvier.« An dieser Stelle zeigte Volyova abermals ein kurzes Lacheln. »Auch wenn Sie dort selbst schon recht ordentliche Arbeit leisten.«
Hier endete die Botschaft, nur um gleich darauf mit Volyovas barscher Begru?ung von vorne zu beginnen. Sylveste horte sie sich noch zwei Mal vollstandig an. Niemand wagte, ihn in seiner Konzentration zu storen.
»Das kann nicht sein«, sagte Sluka endlich. »Das wurden sie nicht tun.«
