Ein greller Blitz fuhr Khouri wie mit Klauenfingern in die Augen. Zu intensiv fur eine gute Simulation… die Erschutterung war zu stark. Der Knall war vergleichsweise sanft, aber die Wucht des Aufpralls war so gro?, dass sie ruckwarts gegen die fleckige Mauer geschleudert wurde. Sie fiel wie auf eine Matratze in einem teuren Hotelzimmer. Der Anzug war kurzzeitig tot; auch als sie wieder klar sehen konnte, waren die Anzeigen entweder erloschen oder spuckten unleserlichen Zeichensalat aus. Der Zustand hielt einige qualvolle Sekunden lang an, dann sprang endlich das Ersatzgehirn stolpernd ein und stellte wieder her, was es konnte. Ein einfacheres, aber zumindest verstandliches Display leuchtete auf und zeigte an, was zerstort und was noch vorhanden war. Die meisten starkeren Waffen waren futsch. Die Anzugautonomie war auf funfzig Prozent gesunken, die Anzugpersonlichkeit auf dem Weg in den Maschinenautismus. An drei Gelenken waren die Servomechanismen schwer beschadigt. Die Flugfahigkeit war eingeschrankt, jedenfalls so lange, bis die Reparaturprogramme ihre Arbeit aufnahmen, und die brauchten minimal zwei Stunden, um die erforderlichen Uberbruckungen auszurechnen.

Ach ja — und wenn die biomedizinische Anzeige stimmte, dann fehlte ihr ein Arm vom Ellbogen abwarts.

Sie kampfte sich zum Sitzen hoch und warf einen Blick auf das abgeschossene Glied, obwohl alle ihre Instinkte sie beschworen, sich um ihre Sicherheit zu kummern und die Lage zu peilen. Ihr rechter Arm endete genau da, wo die Med-Anzeige sagte — in einer schrumpligen Masse aus verkohlten Knochen und Fleisch, mit Metallsplittern gespickt. Weiter oben hatte sich wohl das Luftgel schockverfestigt, um Druck- und Blutverluste zu verhindern, aber solche Details musste sie einfach voraussetzen. Schmerzen spurte sie naturlich nicht — auch darin war die Simulation vollkommen realitatsgetreu, denn der Anzug hatte ihrem Schmerzzentrum in jedem Fall befohlen, sich abzuschalten.

Lage peilen… Lage peilen…

Sie hatte vollkommen die Orientierung verloren. Umsehen konnte sie sich nicht, denn das Halsgelenk des Anzugs hatte sich verklemmt. Plotzlich war alles voll Rauch, dichte Schwaden schwebten mit der Luft aus dem Saal. Die unregelma?igen Scheinwerferkegel der fliegenden Drohnen waren nur noch als kurze Blitze zu erkennen. Da druben standen zwei Anzugwracks mit katastrophalen Schaden — vermutlich waren sie mehrfach von Antimaterie-Impulsen getroffen worden. Aber sie waren so ramponiert, dass Khouri nicht sehen konnte, ob es Insassen gab — oder je gegeben hatte. Ein dritter Anzug — weniger stark beschadigt, vielleicht nur betaubt wie ihr eigener — lehnte zehn oder funfzehn Meter entfernt an der langen, gewolbten Saalwand. Die Wolfshunde waren verschwunden, vielleicht zerstort, sie wusste es nicht.

»Sudjic? Kjarval?«

Stille. Sie konnte nicht einmal ihre eigene Stimme richtig horen und schon gar nichts, was als Antwort zu werten ware. Jetzt sah sie, dass die Funkverbindung zwischen den Anzugen gestort war — ein Punkt im Schadensbericht, den sie bisher ubersehen hatte. Schlimm, Khouri. Sehr schlimm.

Sie hatte keine Vorstellung davon, wer der Feind war.

Der beschadigte Arm des Anzugs reparierte sich in Sekundenschnelle. Die verbrannten Teile sanken zu Boden, die Au?enhulle schob sich nach vorne und umschloss den Stumpf. Khouri fand den Anblick abscheulich, obwohl sie dergleichen in Simulations-Szenarien auf Sky’s Edge oft genug gesehen hatte. Wirklich ubel wurde ihr allerdings bei dem Gedanken, dass eine solche Schnellreparatur fur ihre eigenen Verletzungen nicht moglich war; sie musste warten, bis die Verwundeten aus der Kampfzone evakuiert wurden.

Jetzt bewegte sich der Anzug mit den weniger schweren Schaden und kam ebenfalls auf die Beine. Er hatte noch alle Gliedma?en und viele seiner Waffen waren ausgefahren und hingen aus verschiedenen Offnungen. Die richteten sich nun auf Khouri wie ein Dutzend sto?bereite Vipern.

»Wer bist du?«, fragte sie, doch dann fiel ihr wieder ein, dass die Funkverbindung vermutlich auf Dauer unterbrochen war. Aus dem Augenwinkel sah sie von der Seite zwei weitere Anzuge aus den tragen, pechschwarzen Rauchwolken auftauchen. Wer mochte das sein? Reste der drei Fremdanzuge, die mit den Wolfshunden gekommen waren, oder ihre Kampfgefahrtinnen?

Der Anzug mit den Waffen naherte sich so langsam, als sei sie eine Bombe, die jeden Moment losgehen konnte. Dann blieb er reglos stehen. Seine Au?enhaut versuchte mit ma?igem Erfolg, sich den Farben der Wand im Hintergrund und der Rauchwolken anzupassen. Wie mochte ihr eigener Anzug aussehen, dachte Khouri. War die Sichtscheibe durchsichtig oder nicht? Von innen war es nicht zu erkennen und die auf ein Minimum reduzierten Anzeigen gaben daruber keine Auskunft. Wenn der Anzug mit den Waffen ein menschliches Gesicht entdeckte, wurde er dann schie?en oder das Feuer einstellen? Khouri hatte alles darauf gerichtet, was von ihren Waffen noch zu gebrauchen war, aber sie wusste noch immer nicht, ob sie den Feind oder einen stummen Kameraden bedrohte.

Sie wollte den unverletzten Arm heben und auf ihr Gesicht deuten, eine Aufforderung an ihr Gegenuber, seine Sichtscheibe transparent zu machen.

Der Anzug schoss.

Khouri wurde abermals wie von einer unsichtbaren Ramme zuruckgeschleudert und krachte gegen die Wand. Ihr Anzug begann zu schreien, sinnloses Gefasel rollte durch ihr Blickfeld. Bevor sie mit der Wand kollidierte, horte sie einen ohrenbetaubenden Schlag, der komprimierte Schall der hektischen Schusse aus ihren eigenen noch einsatzfahigen Waffen.

Schei?e, dachte Khouri. Das tat weh, und man spurte aus dem Bauch heraus, dass das keine Simulation mehr sein konnte.

Wieder kampfte sie sich hoch. Im gleichen Augenblick raste eine zweite Salve des Angreifers an ihr vorbei und eine dritte traf ihren Oberschenkel. Sie taumelte nach hinten und sah sich selbst aus dem Augenwinkel mit den Armen rudern. Mit ihren Armen stimmte etwas nicht; genauer gesagt, etwas war in Ordnung, was nicht in Ordnung sein durfte. Sie waren vollkommen unversehrt; nichts deutete darauf hin, dass ihr der eine soeben abgeschossen worden war.

»Schei?e«, sagte sie. »Verdammt, was ist hier eigentlich los?«

Der andere Anzug lie? nicht locker, jeder Schuss traf und trieb sie weiter zuruck.

»Hier Volyova«, ertonte eine Stimme, die alles andere als ruhig und gelassen klang. »Alles herhoren! Das Szenarium lauft nicht so, wie es soll! Jeder stellt sofort das Feuer ein…«

Khouri war wieder auf das Deck gesturzt, diesmal mit solcher Wucht, dass sie den Aufprall trotz des Luftgel-Kissens im Rucken spurte. Ihr Schenkel fuhlte sich an, als sei er verletzt, und der Anzug tat nichts, um den Schmerz zu lindern.

Wir sind in die Wirklichkeit ubergewechselt, dachte sie.

Der Beschuss war jetzt echt; jedenfalls von dem Anzug, der sie angriff.

»Kjarval«, sagte Volyova. »Kjarval! Horen Sie auf zu schie?en! Sie bringen Khouri noch um!«

Aber Kjarval — Khouri erriet, dass sie der Angreifer war — horte nicht, vielleicht konnte sie auch nicht horen oder, noch schlimmer, sie konnte das Feuer nicht mehr einstellen.

»Kjarval«, mahnte der Triumvir. »Wenn Sie nicht aufhoren, muss ich Sie entwaffnen!«

Aber Kjarval war nicht zu halten. Sie schoss immer weiter. Khouri spurte jeden Treffer wie einen Peitschenschlag. Sie krummte sich zusammen und versuchte mit letzter Kraft, aus der Holle dieses Metallsaals zu kriechen und sich in Sicherheit zu bringen.

Und dann kam Volyova von oben herab. Sie hatte sich offenbar die ganze Zeit unsichtbar im Zentrum aufgehalten. Noch im Sinkflug eroffnete sie das Feuer auf Kjarval, zuerst mit den leichten Waffen, dann mit immer schwereren Geschutzen. Kjarval wehrte sich und richtete einen Teil ihrer Schusse nach oben. Volyova wurde getroffen, ihr Schutzpanzer bekam schwarze Schrammen, aus der flexiblen Hulle wurden Splitter gerissen und die Waffen, die ihr Anzug ausfahren und einsetzen wollte, wurden einfach weggefegt. Aber sie lie? nicht locker. Kjarvals Anzug sank in sich zusammen und wurde undicht. Die Waffen schossen wild durcheinander, verfehlten das Ziel und feuerten schlie?lich blindlings durch den Raum.

Irgendwann — wahrscheinlich war nicht mehr als eine Minute vergangen, seit sie das Feuer auf Khouri eroffnet hatte — fiel Kjarval zu Boden. Wo ihr Anzug nicht von Treffern geschwarzt war, erinnerte er an ein Schlachtfeld aus sich bekampfenden psychedelischen Farben und rasant wechselnden, hypergeometrischen Strukturen. Halb realisierte Waffen und Instrumente sprie?ten aus allen Offnungen. Die Gliedma?en schlugen wie wild um sich. Aus ihren Enden schossen unaufhorlich die verschiedensten Manipulatoren und primitive, babygro?e, menschenhandahnliche Gebilde, die ihrerseits Knospen trieben.

Khouri stand auf und musste einen Aufschrei unterdrucken. Ihr Schenkel hatte die Bewegung sehr ubel

Вы читаете Unendlichkeit
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату