genommen. Der Anzug hing steif an ihr, ein totes Gewicht, aber sie schaffte es irgendwie, sich bis zu der Stelle zu schleppen, wo Kjarval lag.
Volyova und ein zweiter Anzug — es musste Sudjic sein — waren bereits bei ihr, beugten sich uber den zerstorten Anzug und versuchten, die medizinischen Diagnoseanzeigen zu lesen.
»Sie ist tot«, sagte Volyova.
Vierzehn
An dem Tag, an dem sich die Besucher endlich vorstellten, wurde Sylveste von einem Dolchsto? aus gnadenlos grell-wei?em Licht geweckt. Er hob flehentlich die Arme, bis seine Augen die Initialisierungsprogramme durchlaufen hatten. Sluka sah offenbar ein, dass es praktisch sinnlos war, in dieser Situation mit ihm reden zu wollen. Seit seine Augen so viele ihrer ursprunglichen Funktionen eingebu?t hatten, brauchten sie langer denn je, um uberhaupt in Gang zu kommen. Sylveste musste eine lange Liste von Fehlermeldungen und Warnungen und ein Feuerwerk von geisterhaften Nadelstichen uber sich ergehen lassen, wahrend die Augen Betriebsarten mit schweren Ausfallerscheinungen austesteten.
So nahm er nur undeutlich wahr, dass Pascale aufrecht neben ihm im Bett sa? und sich die Decke vor die Brust hielt.
»Sie mussen aufstehen«, sagte Sluka. »Alle beide. Ich warte drau?en, bis Sie sich angezogen haben.«
Hastig fuhren sie in ihre Kleider. Sluka stand geduldig mit zwei Wartern vor dem Zimmer, die keine sichtbaren Waffen trugen. Sylveste und seine Frau wurden in den Gemeinschaftsraum von Mantell gefuhrt, wo sich die Morgenschicht der Fluter des Wahren Weges um einen rechteckigen Wandschirm versammelt hatte. Thermosflaschen mit Kaffee und Fruhstucksrationen standen unberuhrt auf dem Tisch. Was immer geschehen war, dachte Sylveste, hatte offenbar jedem normalen Menschen den Appetit verdorben. Der Schlussel war wohl auf dem Schirm zu finden. Sylveste horte eine Stimme, hart und kunstlich verstarkt wie aus einem Lautsprecher. Doch die Gesprache im Raum waren so laut, dass er nur hin und wieder ein Wort verstand. Leider war dieses Wort fast immer sein eigener Name. Wer immer da vom Schirm herunter donnerte, gebrauchte ihn nur allzu haufig.
Als er sich nach vorn drangte, fiel ihm auf, dass ihm die Zuschauer mit mehr Respekt Platz machten, als er seit Jahrzehnten erfahren hatte. Oder war es vielleicht nur Mitleid fur einen Todeskandidaten?
Pascale trat zu ihm. »Erkennst du diese Frau?«, fragte sie.
»Welche Frau?«
»Auf dem Schirm. Vor dem du gerade stehst.«
Sylveste sah nur ein pointillistisches Oval aus silbergrauen Pixels.
»Ich kann mit Videobildern nicht allzu viel anfangen«, erklarte er, ebenso an Sluka wie an Pascale gewandt. »Und horen kann ich schon gar nichts. Vielleicht sagt mir einfach jemand, was mir entgeht.«
Falkender hatte sich aus der Menge gelost. »Ich kann einen Neuralanschluss herstellen, wenn Sie wollen«, sagte er. »Dauert nur einen Moment.« Er lotste Sylveste in eine Nische in einer Ecke des Gemeinschaftsraums, wo sie vor neugierigen Blicken geschutzt waren. Pascale und Sluka folgten. Dort offnete er seinen Instrumentenkoffer und holte mehrere blitzende Mikrowerkzeuge heraus.
»Jetzt werden Sie mir gleich schworen, dass es uberhaupt nicht wehtut«, bemerkte Sylveste.
»Ich denke nicht daran«, gab Falkender zuruck. »Schlie?lich sollte man doch bei der Wahrheit bleiben, nicht wahr?« Er wandte sich fingerschnippend an Pascale, vielleicht auch an einen seiner Helfer, Sylveste konnte es nicht sehen, sein Sichtfeld war jetzt zu sehr eingeschrankt. »Bringen Sie dem Mann einen Becher Kaffee, das lenkt ihn ab. Wenn er den Schirm klar erkennt, braucht er wahrscheinlich ohnehin etwas Starkeres.«
»So schlimm?«
»Ich furchte, Falkender macht keine Scherze«, sagte Sluka.
»Meine Gute, Sie amusieren sich ja alle ganz prachtig.« Sylveste biss sich auf die Lippe, als Falkender mit seiner Sonde die erste Schmerzkaskade ausloste, allerdings wurde der Schmerz im Verlauf der kleinen Operation nicht schlimmer. »Wollen Sie mich etwa von meinem Leiden erlosen? Immerhin war Ihnen die Sache wichtig genug, um mich zu wecken.«
»Die Ultras haben sich gemeldet«, sagte Sluka.
»Das hatte ich auch schon mitbekommen. Und wie haben sie sich eingefuhrt? Haben sie mitten in Cuvier ein Shuttle abgesetzt?«
»Nichts so Spektakulares. Bis jetzt. Vielleicht steht uns ja noch Schlimmeres bevor.«
Jemand schloss seine Hande um einen Becher Kaffee; Falkender unterbrach sein Werk so lange, bis Sylveste einen Schluck getrunken hatte. Der Kaffee war nur lauwarm und schmeckte bitter, aber er wurde davon ein klein wenig wacher. Er horte Sluka sagen: »Uber den Schirm lauft eine audiovisuelle Botschaft, die inzwischen seit etwa drei?ig Minuten standig wiederholt wird.«
»Vom Schiff gesendet?«
»Nein, sie haben es offenbar geschafft, direkt auf unsere Kommunikationssatelliten zuzugreifen und ihre Botschaft an unsere Routine-Ubertragungen anzuhangen.«
Sylveste nickte und bereute die Bewegung sofort. »Das hei?t, sie furchten immer noch, geortet zu werden.« Oder, dachte er, sie wollen nur noch einmal kundtun, dass sie uns technisch haushoch uberlegen sind und jederzeit in unsere bestehenden Datensysteme eindringen und sie manipulieren konnen. Das erschien ihm wahrscheinlicher: es roch nicht nur nach der Arroganz aller Ultras, sondern nach einer ganz bestimmten Crew. Warum sich auf gewohnliche Weise zu erkennen geben, wenn man die Eingeborenen auch mit einem brennenden Dornbusch beeindrucken konnte? Aber er brauchte eigentlich keine Bestatigung mehr dafur, dass er die Leute kannte. Er wusste Bescheid, seit das Schiff ins System gekommen war.
»Nachste Frage«, sagte er. »An wen ist die Botschaft gerichtet? Glauben sie immer noch, wir hatten hier planetare Behorden, mit denen sie verhandeln konnten?«
»Nein«, sagte Sluka. »Die Botschaft richtet sich an alle Burger von Resurgam, gleich welcher politischen oder kulturellen Gruppe sie sich zugehorig fuhlen.«
»Sehr demokratisch«, bemerkte Pascale.
»Ich habe meine Zweifel«, versetzte Sylveste, »ob Demokratiebewusstsein hier irgendeine Rolle spielt. Ganz sicher nicht, wenn wir es mit den Leuten zu tun haben, die ich kenne.«
»Was das angeht«, erinnerte ihn Sluka, »so haben Sie mir nie zu meiner vollen Zufriedenheit erklart, warum diese Leute…«
Sylveste unterbrach sie. »Durfte ich mir die Botschaft vielleicht erst ansehen, bevor wir sie im Einzelnen analysieren? Immerhin scheine ich ja personlich davon betroffen zu sein.«
»So.« Falkender trat zuruck und klappte seinen Instrumentenkoffer mit Entschiedenheit zu. »Ich sagte Ihnen ja, es dauert nur einen Moment. Jetzt konnen Sie sich direkt an den Schirm anschlie?en.« Der Chirurg lachelte. »Aber tun Sie mir einen Gefallen. Bringen Sie nicht den Boten um, weil Ihnen die Botschaft nicht gefallt!«
»Daruber werde ich entscheiden«, gab Sylveste zuruck, »wenn ich die Botschaft gesehen habe.«
Sie ubertraf seine schlimmsten Befurchtungen.
Er drangte sich wieder nach vorne. Die Menge war nicht mehr so dicht, die Zuschauer hatten sich allmahlich verlaufen und gingen in anderen Teilen von Mantell ihrer Arbeit nach. Die Stimme aus dem Lautsprecher war jetzt besser zu verstehen. Er erkannte gewisse Eigenheiten im Tonfall der Frau wieder. Die Satze, die er vor wenigen Minuten gehort hatte, wurden bereits wiederholt. Die Botschaft konnte also nicht sehr lang sein. Schon das war bedenklich. Wer flog schon viele Lichtjahre weit durch den interstellaren Raum, um dann eine Kolonie mit mehr als lakonischer Kurze von seiner Ankunft in Kenntnis zu setzen? Nur jemand, der keinerlei Interesse hatte, Freunde zu gewinnen, oder ganz genau wusste, was er wollte. Auch das passte gut zu seinen Erfahrungen mit dieser Besatzung, die seiner Meinung nach nur gekommen war, um ihn zu holen. Die Leute waren nie sehr gesprachig
