Murph wollte seinem Gebieter und Freunde die truben Gedanken verscheuchen. »Es soll alles geschehen, wie konigliche Hoheit befehlen, Sie vergessen jedoch, da? morgen in Bouqueval der Sohn unserer lieben Frau Georges mit Fraulein Lachtaube Hochzeit halt, denn Sie haben ja nicht blo? Herrn Germains Zukunft sichergestellt, seiner Braut eine brillante Ausstattung gekauft, sondern auch versprochen, dem Hochzeitsfeste beizuwohnen, sollen sie doch den wahren Namen ihres Wohltaters erst jetzt erfahren!« »Das habe ich freilich versprochen,« erwiderte Rudolf, »nach Bouqueval kann ich also morgen nur fahren, wenn ich der Hochzeit beiwohne ... aber ich besitze hierzu in der Tat den Mut nicht ...« – »Vielleicht vermochte aber gerade das Gluck dieses jungen Paares Ihren Kummer zu lindern, konigliche Hoheit?« – »Nicht doch, mein lieber Murph! Ist Schmerz nicht immer selbstisch und sucht die Einsamkeit? Vertritt du morgen in Bouqueval meine Stelle und bitte Frau Georges, alles, was meinem Kinde dort gehorte, zusammenzutun und mir zu ubermitteln, auch von dem Stubchen, worin sie dort gewohnt, wunsche ich eine genaue Zeichnung, die sie mir nach Gerolstein nachsenden mag.«
»Konigliche Hoheit,« wandte Murph ein, »Sie werden doch nicht abreisen wollen, ohne die Frau Marquise von Harville noch einmal gesehen zu haben?« –
Rudolf zuckte, als er diesen Namen horte, heftig zusammen; noch immer lebte aufrichtige Liebe zu ihr im Herzen, in diesem Augenblicke aber war sein Herz von wildem Schmerze erfullt. Nur die zartliche Liebe dieser Frau – das fuhlte er – konnte ihn in dem Ungluck, das ihn betroffen hatte, aufrecht halten, und doch machte er sich Vorwurfe um dieses Gedankens willen, denn eine innere Stimme regte sich doch in ihm, da? sich solche Gedanken mit seinem tiefen Vaterschmerze wahrlich recht schlecht vertrugen.
»Ja, ich werde abreisen, ohne Frau von Harville noch einmal zu sehen,« sagte er, »vor wenigen Tagen schilderte ich ihr den Schmerz, den mir Marienblumchens Tod bereitet, und wenn sie nun gar erst hort, da? dieses Madchen mein leibliches Kind ist, dann wird ihr recht wohl begreiflich sein, da? ich abreise, ohne sie wieder gesehen zu haben. Sie wird sich eben sagen, da? der Mensch den Mut finden mu?, gewisse Schmerzen, zumal wenn sie als Strafen gelten, allein zu tragen, damit sie fur ihn zur Bu?e werden.«
Achtes Kapitel.
Die Marquise.
Da wurde leise an die Tur des Zimmers geklopft. Rudolf machte eine Bewegung der Ungeduld. Murph erhob sich, um aufzumachen. Durch den Spalt hindurch flusterte ein furstlicher Adjutant dem schottischen Squire ein paar eilige Worte zu ... Murph nickte und trat zu Rudolf ... »Konigliche Hoheit erlauben wohl, da? ich mich einen Augenblick entferne? Es verlangt mich jemand im Dienste Eurer koniglichen Hoheit zu sprechen.« – »Nun, dann geh,« antwortete der Furst.
Kaum war Murph aus dem Zimmer verschwunden, als Rudolf, die Hande uber dem Kopfe zusammenschlagend, und tief aufseufzend, rief: »O, meine Empfindungen erschrecken mich. Das Herz stromt mir uber von Bitterkeit und Ha?. Die Gegenwart meines besten Freundes wird mir zur druckenden Last, und die Erinnerung an eine edle, reine Liebe angstigt mich ... O, es ist meiner unwurdig, ein solches Wesen besitzen zu sollen! ... Gestern vernahm ich mit Behagen Sarahs Tod, es war mir eine wahre Erleichterung, zu wissen, da? diese unnaturliche Mutter, die aus schnoder Ehrsucht zur Morderin ihrer Tochter wurde, nicht mehr unter den Lebenden wandelt ... Ja ich kann sagen, da? ich gern an den Tod dieser Megare denke – denn etwas anderes ist sie nicht in meinen Augen ... O,« rief er plotzlich, vom Stuhle aufspringend ... »ich bin zu spat gekommen! Gestern litt ich nicht, was ich heute leide ... und doch habe ich auch gestern bereits gewu?t, da? meine Tochter tot ist ... Ja, aber ich hatte nicht jene Worte zu mir gesprochen, die hinfort mein Leben vergiften werden! O, welche Zeit habe ich durch den Aufenthalt, den ich meinem Kinde in der Meierei schuf, versaumt! Warum bin ich nur dreimal dort hinaus gefahren? ... Und doch hatte ich taglich drau?en sein konnen, doch hatte ich meine Tochter taglich sehen konnen, hatte sie sogar bei mir behalten konnen! ... Nun, meine Strafe wird es sein, da? ich mir diese schrecklichen Worte immer und immer wiederholen, immer und immer vorpredigen mu?!«
Der ungluckliche Mann fand eine grausame Freude darin, diesen Gedanken immer und immerfort sich zu wiederholen: gro?er Schmerz hat eben die Eigentumlichkeit, sich unaufhorlich durch sich selbst zu erneuern.
Plotzlich wurde die Tur aufgerissen, und Murph erschien kreidebleich auf der Schwelle. Der Furst war derma?en verwirrt durch Murphs schreckhafte Miene, da? er sich erhob und Murph entgegenrief: »Sprich! Was fur Hiobspost hast du wieder zu melden?« – »Keine Hiobspost, konigliche Hoheit!« erwiderte der Schotte, »es ist jemand drau?en, der Sie auf der Stelle zu sprechen begehrt.« – »Wer? Wozu dies Zogern? Es ist doch nicht sonst deine Sache, wie die Katze um den hei?en Brei zu gehen!« – »Konigliche Hoheit! Frau Marquise von Harville bittet um eine sofortige Unterredung.« – »Frau von Harville?« wiederholte, nun seinerseits erbleichend, Furst Rudolf; »nicht moglich! nicht moglich!« – »Konigliche Hoheit, ich furchte ...« – »Was denn? Doch wieder ein neues Malheur? Wie?« – »Nicht doch, konigliche Hoheit! Ich furchte, die jahe Kunde mochte ...« – »Rede, Murph,« rief der Furst, dem Zorne nahe, »rede und verheimliche mir nichts! Verstehst du?«
»Bei meiner Ehre, konigliche Hoheit,« sagte Murph »ich wei? nicht ...« »Was hat die Marquise dir gesagt?« rief Rudolf streng. – »Sir Walter, hat sie gesagt, und, ihre Stimme war bewegt, wahrend aus ihren Augen die hellste Freude leuchtete ... es mu? Sie wohl verwundern, da? Sie mich hier sehen. Aber es gibt Verhaltnisse, unter denen sich nicht abwagen la?t, was sich schickt und was sich nicht schickt. Bitten Sie konigliche Hoheit, mir ohne Verzug ein kurzes Gehor zu gewahren, und zwar in Ihrem Beisein, wei? ich ja doch, da? der Furst keinen bessern Freund auf Erden hat als Sie ... Ich hatte mir ja die Gnade eines Besuchs von ihm erbitten konnen, aber daruber ware erst wieder Zeit verstrichen, und Sie durfen sich versichert halten, da? der Furst es mir Dank wissen wird, da? ich die Unterredung um keine Minute verzogert habe » Bei diesen letzten Worten bebte ihre Stimme ...«
Rudolf, fast noch mehr erbleichend als Murph, erwiderte: »Aber ich errate den Grund deiner Unruhe, deiner Blasse nicht ... diese Unterredung ... was fur einen Grund hat sie? Was fur einen Zweck soll sie haben?«
»Auf Ehre, konigliche Hoheit,« sagte Murph, »ich erinnere mich weiterer Worte aus dem Munde der Marquise nicht. Was ich Ihnen davon wiedergesagt, hatte mich schon derma?en erschuttert, da? ich kaum noch zu horen vermochte ... Den Grund meiner Erschutterung anzugeben ist mir ebensowenig moglich ... Aber, konigliche Hoheit sind ja selber bleich geworden!« – »Ich bleich geworden?« wiederholte Rudolf, sich auf einen Stuhl stutzend, denn seine Fu?e mochten ihn nicht mehr tragen. – »Jawohl,« versetzte Murph, »konigliche Hoheit sind ebenso betroffen, ebenso besturzt wie ich.«
»Und sollte es mein Tod sein, was mir die Marquise meldet,« erklarte Rudolf, »so lasse ich nichtsdestoweniger Frau von Harville um die Ehre Ihres sofortigen Besuches bitten.«
Neuntes Kapitel.
Furst und Marquise.
Frau von Harville, der es, wie schon erwahnt, noch nicht bekannt war, da? Marienblumchen des Fursten Rudolf Tochter sei, hatte in ihrer ersten Freude uber die Auffindung derselben gemeint, sie ihm fast ohne alle Vorbereitung zufuhren zu durfen. Wenn sie das Madchen hatte unten im Wagen sitzen lassen, war es nur aus dem Grunde geschehen, weil sie nicht wu?te, ob Rudolf sich dem Madchen bekannt geben und ob er sie bei sich aufnehmen wolle.
Als nun Clemence die au?erordentliche Veranderung in Rudolfs Zugen wahrnahm, die dustere Verzweiflung, die sich darin auspragte, ja als sie sogar Tranen in seinen Augen wahrzunehmen meinte, da konnte sie sich nicht verhehlen, da? ihr Freund von einem schweren Ungluck heimgesucht worden sei, von einem Ungluck, das ihm schwerer noch ankomme als der Tod des Madchens. Darum verga? sie den Grund, der sie zu ihm fuhrte, und fragte: »Gerechter Gott, konigliche Hoheit! Was ist Ihnen denn passiert?«
»Sollten Sie es nicht schon wissen, Marquise? O, alle Hoffnung ist abgeschnitten. Ihr Verlangen nach einer sofortigen Unterredung rief die Meinung in mir wach ...« – »Ach! Ich bitte darum im Namen meines Vaters, dem Sie einst das Leben retteten! Ich habe wohl aber ein Recht, Sie nach dem Grunde des Kummers zu fragen, der Ihr Herz zu beherrschen scheint ... Ihre Niedergeschlagenheit und Blasse erschrecken mich. Aus Mitleid mit meiner Angst, konigliche Hoheit, sagen Sie mir, was Ihnen passiert ist!«
