»Also hast du mich ebenso lieb wie deinen Vater, mein Kind? Oder vielleicht lieber noch als ihn?«

»Ich segne und verehre Sie wie den lieben Gott, Herr Rudolf, weil Sie fur mich getan haben, was nur Gott allein hatte tun konnen,« antwortete Marie begeistert und ohne ihre gewohnliche Schuchternheit. »Als die liebe gute Madame dort im Gefangnis mit mir sprach, habe ich ihr das gesagt, wie uberhaupt allen andern auch. Ja, Herr Rudolf, zu Menschen, die so recht unglucklich waren, sagte ich: Hoffet, hoffet; denn ich kenne einen Wohltater der Unglucklichen, der hei?t Herr Rudolf und steht allen Unglucklichen bei. – Zu denen aber, die zwischen Gut und Bose schwankten, sagte ich: La?t euch nicht von der Sunde locken; denn Herr Rudolf bestraft die Bosen. – Als ich mich dem Tode nahe fuhlte, da habe ich bei mir gedacht, Gott wird mich in den Himmel nehmen, denn Herr Rudolf hat mich seiner Gute fur wert erachtet.«

Marie hatte ihre Furcht uberwunden; eine leichte Rote farbte ihre Wangen, und ihre schonen blauen Augen, die sie wie im Gebet zum Himmel aufschlug, strahlten in mildem Glanze.

Auf Mariens begeisterte Worte folgte eine lange Pause. Alle Anwesenden waren tief ergriffen.

»Ich sehe, mein Kind,« nahm Rudolf endlich das Wort, au?erstande, seine Ruhrung zu verbergen, »da? mir in deinem Herzen die Stelle deines Vaters gehort.«

»Es ist nicht meine Schuld, Herr Rudolf, da? ich meinen Vater nicht kenne,« antwortete Marie und setzte errotend und mit niedergeschlagenen Augen hinzu: »Sie kennen meine Vergangenheit, und dennoch haben Sie mich mit Gute uberhauft. Mein Vater kennt meine Vergangenheit nicht, und vielleicht tut es ihm nachher leid, mich gefunden zu haben,« sagte das ungluckliche Kind schaudernd, »denn, wie Madame sagte, ist er ein hochgestellter Herr. Da ist es schon moglich, da? er sich seiner Tochter schamt.«

»Deiner sich schamen?« rief der Furst, tief ergriffen, »wie kannst du so etwas sprechen? Kind, wie kannst du so sprechen? Nein, nein! Du bist verwandt, blutsverwandt mit Europas Koniginnen und wirst hinfort im gleichen Range stehen mit den edelsten Prinzessinnen Europas.«

»Aber, konigliche Hoheit!« riefen, wie aus einem Munde, Murph und Clemence, denn beide erschraken uber Rudolfs wieder zunehmende Erregung und uber die Blasse, die Mariens Gesicht verfarbte.

»Wie kannst du sagen, Kind,« rief Rudolf wieder, noch tiefer ergriffen als vordem, »da? jemand Ursache haben konne, deiner sich zu schamen? O, war ich je stolz auf den mir von Gottesgnaden beschiedenen Rang, habe ich mich je im Bewu?tsein, zu den Gro?en der Erde zu gehoren, glucklich gefuhlt, so ist dies jetzt der Fall, weil ich dadurch in die Lage gesetzt werde, dich so hoch zu erheben, wie du erniedrigt worden! ... Horst du das, mein geliebtes Kind? Begreifst du meiner Worte Sinn, du teure, teure Tochter? Denn ich, Marie, ich bin dein Vater! Ich bin dein Vater!«

Und au?erstande, seine Bewegung langer zu verbergen, sank Furst Rudolf neben dem Madchen auf die Knie nieder und bedeckte es mit Tranen und Kussen ...

»Gelobt sei der liebe, liebe Gott!« rief Marie inbrunstig aus, die Hande wie zum Gebet faltend; »nun darf ich meinen Wohltater so lieben, wie ich ihn immer, immer geliebt habe, so recht innig, so recht von ganzem Herzen! Mein Wohltater, mein Vater! Ich darf ihn hinfort lieben und verehren wie das gutige Wesen, das aller Menschen Geschicke lenkt! Ich darf ihn verehren und lieben als den gutigen Huter meines Lebens, der mich bewahrt hat vor dem schlimmsten Elend, vor der schrecklichsten Seelen- und Leibesnot! O du gutiger Gott, wie danke ich dir! wie danke ich dir!«

Aber die Erschutterung war zu stark fur das kaum aus schwerer Krankheit genesene Madchen. Sie hatte kaum das letzte Wort gesprochen, als sie in Ohnmacht sank. Der Furst fing sie in seinen Armen auf, Murph rannte zur Zimmertur und ri? sie auf ...

»David, David!« rief er, »auf der Stelle herein zu koniglicher Hoheit! Auf der Stelle! Es ist schwere Gefahr im Verzuge!« »Wehe mir!« rief Rudolf, »Fluch uber meine Ungebardigkeit! Ich habe meine Tochter, mein kaum wiedergefundenes Kind in Todesgefahr gejagt!« Schluchzend sank er ihr zu Fu?en und bedeckte sie wieder mit Kussen ... »Hore mich, Marie, mein Kind! Hore, denn dich ruft dein Vater! Vergib, vergib mir, ich konnte es nicht langer mit mir herumtragen, das schwere Geheimnis, konnte es nicht langer in meinem Herzen verschlie?en! Herrgott, Herrgott! Wie soll ich Ruhe finden, wenn ich sie in den Tod gejagt hatte!« »Konigliche Hoheit, fassen Sie sich!« bat ihn Clemence, »ich meine nicht, da? Ernstliches zu befurchten sein durfte ... sehen Sie doch, die Rote ist ja nicht von den Wangen geschwunden. Es ist nur eine leichte Ohnmacht, die sie umfangen halt.«

»Sie ist aber noch immer recht schwach,« erwiderte Rudolf, »und wird es doch vielleicht nicht uberstehen! Und dann, dann wehe, wehe uber mich!«

Da kam David, der Neger-Arzt, herbeigeeilt mit einem Kastchen voll Phiolen und einem Papiere, das er Murph behandigte.

»David, David,« rief der Furst, »mein Kind, meine Tochter stirbt! Dir rettete ich einst das Leben. Trage nun deine Schuld ab und rette mein Kind!«

Der Arzt, hochlich verwundert uber diese Rede seines Herrn und Gebieters, trat zu dem Madchen, das in den Armen der Marquise ruhte, befuhlte ihren Puls, legte die Hand auf ihre Stirn, drehte sich dann zu Rudolf herum, der bleich und erschrocken auf seinen Ausspruch wartete, und sagte: »Konigliche Hoheit! Es ist keine Gefahr vorhanden – Sie durfen beruhigt sein.« – »David! Sprichst du die Wahrheit?« – »Ein paar Tropfen Aether, konigliche Hoheit, und der Anfall wird uberwunden sein.« – »David, mein wackrer David, ich danke dir von ganzem Herzen, von ganzem Herzen!« Dann sich zu der Marquise wendend, sprach er weiter: »Clemence, sie lebt – unsre Tochter lebt! Unsre Marie wird uns erhalten bleiben!«

Inzwischen hatte Murph das Papier gelesen, das ihm von David beim Eintritt in die Hand gedruckt worden war. Heftig zusammenzuckend, blickte er den Fursten entgeistert an ... »Ja, mein alter wackerer Murph,« wandte Rudolf sich zu ihm, »nicht lange mehr, und meine liebe Marie wird zur Frau Marquise von Harville Mutter sagen durfen.«

Murph zitterte am ganzen Leibe ... »Konigliche Hoheit,« sprach er, »die Nachricht von gestern bestatigt sich nicht.« – »Welche Nachricht?« fragte der Furst gespannt. – »Da? Grafin Sarah tot sei,« erwiderte stockend der schottische Squire, »es war nur eine heftige Krisis, auf die eine Ohnmacht folgte ... aber der Tod ist nicht eingetreten.«

»Was sprichst du? Die Grafin ...«

»Der Arzt hofft, sie zu erretten,« erwiderte Murph, wieder mit stockender Stimme. – »O Gott! O Gott!« rief Rudolf, wie von einem Blitze getroffen. Frau von Harville sah ihn betroffen an.

David, mit Marien beschaftigt, sagte, zur Balkontur tretend und sie offnend: »Es ist von keiner Gefahr mehr die Rede. Freie Luft wird ihr gut tun. Wir wollen den Sessel auf die Terrasse hinaus schaffen. Dann wird der Qhnmachtsanfall auf der Stelle gehoben sein.«

Murph ri? die Tur auf, die auf den terrassenartigen Balkon hinausfuhrte, und rollte zusammen mit dem Arzte den Sessel, auf dem Marie ruhte, hinaus.

Rudolf blieb mit Clemence allein.

Elftes Kapitel.

Aufopferung.

»O, meine Clemence,« rief Rudolf, sobald sich Murph mit David entfernt hatte, »Sie wissen wohl nicht, wer Grafin Sarah ist, wenn Sie sie auch kennen? Sarah ist – Mariens Mutter.« – »Gerechter Gott!« rief Clemence. – »Und ich war der Meinung, der Tod habe sie hinweggerafft.« –

Eine lange Pause folgte. Frau von Harville wurde leichenbla?. Das Herz drohte ihr zu brechen.

»Sie wissen auch nicht,« sprach Rudolf mit ma?loser Herbigkeit weiter, »da? dieses selbstische, ehrgeizige Weib, das mich nur meines Furstenranges willen liebte, mich in meinen jungen Jahren zu einem ehelichen Bunde verleitet hat, der spater wieder gelost worden ist. Sarah, die sich nachmals wieder verheiraten wollte, hat all das Ungluck, dessen Zeugen wir teilweis geworden, uber ihr und mein ungluckseliges Kind gebracht.«

»O, jetzt wird mir die Abneigung erklarlich, die Ihr Herz gegen sie beherrscht.« – »Nun werden Sie auch begreifen, warum Sarah Sie zweimal durch gemeine Verleumdung ins Ungluck zu sturzen versucht hat ... In ihrem ma?losen Ehrgeize hat sie geglaubt, mich dazu zwingen zu konnen, da? ich sie wieder aufnehme – und um solchen Zwang auf mich auszuuben, war ihr jedes Mittel recht.«

»Ha! Ist das eine erbarmliche Intrige!« – »Und nun, Clemence, nun hore ich, da? der Tod sie verschont hat!« – »Konigliche Hoheit, es ist Ihrer unwurdig, solchen Gedanken zu fassen,« sagte Clemence. – »O, meine

Вы читаете Die Geheimnisse von Paris
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату