Sie haben mir meine Tochter wiedergegeben, wollen Sie nun deren Mutter sein?«

»Konigliche Hoheit!« rief Clemence. »Was sind das fur Worte – zu mir – zu mir –?!« – »Ja, zu Ihnen, Clemence, und ich beschwore Sie, schlagen Sie meine Bitte nicht ab. Lassen Sie diesen Tag entscheiden uber das Gluck meines ganzen Lebens!«

Auch Clemence liebte den Fursten langst mit Leidenschaft. Sie glaubte zu traumen. Sein Gestandnis, so schlicht ausgesprochen, und doch so ernst und innig, begluckte sie im hochsten Ma?e, und zogernd antwortete sie: »Ich mu? Sie, Hoheit, an den Abstand erinnern, der uns trennt, an die Interessen Ihres furstlichen Hauses –«

»Denken Sie vor allem an die Interessen meines Herzens und an die meiner Tochter!« unterbrach sie Rudolf, »und machen Sie uns beide glucklich – sie und mich! Machen Sie, da? ich, eben noch ohne Familie, sagen kann: Meine Gattin – mein Kind! da? das arme Wesen, bislang noch ohne Eltern, sagen kann: Mein Vater – meine Mutter – meine Schwester – denn Sie haben ja auch eine kleine Tochter, die dann auch mein Kind sein wird.«

»O, konigliche Hoheit, gibt es auf so edle Worte eine andere Antwort als Tranen des Dankes?« erwiderte Clemence. Dann bezwang sie sich und setzte rasch hinzu: »Man kommt – es ist – Ihre Tochter.« – »Versagen Sie mir doch nicht die Erfullung meiner Bitte!« sagte Rudolf mit bewegter Stimme. »Im Namen meiner Liebe! sagen Sie: unsere Tochter!« – »Nun denn,« antwortete Clemence flusternd, »unsere Tochter.«

Im selben Augenblick offnete Murph die Tur und fuhrte Marienblume herein.

Zehntes Kapitel.

Vater und Tochter.

Das junge Madchen, das an dem Portale des Palastes aus dem Wagen der Marquise gestiegen war, schritt jetzt an Murphs Hand durch ein erstes Vorzimmer, das von Dienern in gro?er Livree gefullt war, dann durch ein Wartezimmer, wo sich die Kammerdiener aufhielten, dann durch den Vorsaal, wo der Huissier seinen Platz innehatte, endlich durch das gro?e Gemach, das den Kammerherrn vom Dienste und den Adjutanten zum Aufenthalte diente.

Mag sich der Leser die Verwunderung, das Staunen der armen Schalldirne selber ausmalen, die keinen andern Glanz kannte als das bi?chen Wohlstand, da? sie in der Meierei Bouqueval angetroffen hatte, und die sich jetzt in Zimmern sah, die von Gold und Spiegeln und den herrlichsten Gemalden geradezu strotzten!

Kaum wurden ihre Schritte horbar, so eilte die Marquise ihr entgegen, nahm sie bei der Hand, schlang einen Arm um sie, wie um sie zu halten oder zu stutzen, und fuhrte sie zu Rudolf, der am Kamine stand und au?erstande war, auch nur einen Schritt zu tun. Murph seinerseits retirierte, seiner ebenfalls recht unsicher, hinter einen der gro?en Fenstervorhange.

Als Marienblumchen sich Angesichts des Mannes sah, in welchem sie nicht blo? ihren Retter aus hochster Not und Pein, sondern ihren »Gott« zu sehen meinte, zitterte sie am ganzen Leibe ... und doch sah sie, da? sein Auge mit stummer Wonne an ihr hing ...

»Fassen Sie sich ein Herz, mein teures Kind,« sagte die Marquise zu ihr, »und kommen Sie naher! Ihr Freund, Herr Rudolf, hat Sie mit Ungeduld erwartet, ist tiefbesorgt um Sie gewesen und preist jetzt den allgutigen Gott, da? er schirmend seine Hand uber Ihnen gehalten hat.«

»Ja, die liebe Frau spricht wahr,« nahm Rudolf jetzt das Wort – doch auch seine Stimme bebte – und nicht blo? seine Stimme, sondern all seine Glieder bebten, »ja, die liebe Frau spricht wahr,« wiederholte er – und nach einer Weile, einer ziemlich langen Weile sprach er weiter: »ich danke ihm, dem gutigen Gott im Himmel droben, aus tiefstem Herzen, da? er Sie beschutzt und mir wiedergegeben hat!« – Trotz seinem festen Vorsatze sah er sich gezwungen, das Gesicht abzuwenden denn die innere Bewegung drohte ihn zu uberwaltigen ...

Um die Aufmerksamkeit des Madchens abzulenken, fuhrte Elemente sie zu einem der vergoldeten Sessel und sprach zu ihr: »Liebes Kind, Sie sind noch immer recht schwach! Es mochte wohl besser sein, wenn Sie sich setzten?«

Das schlichte Madchen furchtete sich, auf dem schonen Polster Platz zu nehmen. Ihre Befangenheit nahm mehr und mehr zu, die Stimme versagte ihr, sie war schier trostlos, da? es ihr nicht moglich war, ein einziges Wort des Dankes fur ihren Freund und Gonner zu finden.

Endlich trat Furst Rudolf, angespornt durch einen Wink der Marquise, die, auf die Lehne des Sessels gestutzt, sich zu Marienblumchen niederbog und eine Hand von ihr in die ihrige nahm, langsamen Schrittes vor und an die andere Seite des Sessels ... Es war ihm endlich gelungen, die Herrschaft uber sich zu gewinnen. Zu dem Kinde, das ihn mit seinem lieben Gesichte ansah, sagte er nun:

»Kind, mein Kind, habe ich dich endlich wieder – O, nie, nie sollst du deine Freunde wieder verlassen! Du sollst vergessen lernen, was du gelitten hast! Gelitten durch meine Schuld!«

»Herr Rudolf hat recht, mein liebes Kind,« nahm die Marquise das Wort, »nicht besser kannst du uns beweisen, da? du uns wirklich liebst, als dadurch, da? du die traurige Vergangenheit vergissest!«

»O, seien Sie versichert, Herr Rudolf und liebe, gnadige Frau,« erwiderte Marienblume, »da? ich mir immer, immer vor die Seele halten werde, da? ich – ohne Sie – doch recht, recht unglucklich gewesen ware!«

»Wohl, aber wir werden dafur Sorge tragen, da? dir derartige traurige Gedanken nicht mehr kommen werden!« erwiderte Rudolf, »dazu soll dir unsre beiderseitige Liebe keine Zeit mehr lassen! Meine liebe, liebe Marie – denn du wei?t wohl, da? ich dir diesen Namen gegeben habe – als du drau?en in der Meierei warest –«

»Ja gewi?, Herr Rudolf!« antwortete Marie – wie wir sie hinfort auch nennen wollen – »o, sagen Sie mir, wie geht es der lieben Frau Georges? der guten, lieben Frau, die mir erlaubt hat, sie meine Mutter zu nennen?« – »O, es geht ihr recht gut, recht gut, mein Kind! Aber, Marie, ich habe dir wichtige Nachrichten mitzuteilen.« – »Mir, Herr Rudolf?« – »Jawohl, dir, Kind!« versetzte der Furst, »denn seit ich dich nicht mehr sah, ist uber deine Geburt und uber deine Angehorigen viel wertvolle Kunde verlautet.«

»Was sagen Sie? Ueber meine – Familie?« – »Ja, wir wissen jetzt, wer deine Eltern waren, Marie! Man wei?, wer dein Vater ist –«

Rudolf standen die Augen so voller Tranen, als er diese Worte sprach, da? Marie sich ergriffen nach ihm umsah. Zum Gluck war es ihm noch rechtzeitig moglich, sein Gesicht abzuwenden.

Ein anderer, bei der allgemeinen Ruhrseligkeit ein wenig komisch wirkender Vorfall trug auch das seinige bei, Mariens Aufmerksamkeit von Rudolf abzuwenden. Der wackere schottische Squire stand noch immer hinter dem Vorhange und stellte sich, wie wenn er aufmerksam in den Garten hinunter sahe, mu?te jetzt aber niesen und sich gleich darauf schnauzen, denn er weinte wie ein Kind.

»Ja, meine liebe Marie,« sagte nun Clemence, »wir wissen jetzt, wer Ihr Vater ist, und wissen auch, da? er noch am Leben ist ...«

»Mein Vater noch am Leben!« rief Marie mit einer Stimme, die Rudolfs Mut aufs neue auf eine harte Probe stellte. – Clemence aber fuhr fort: »Sie werden ihn auch bald sehen, liebe Marie, vielleicht sehr bald; durfen sich aber nicht erschrecken daruber, da? er ein gar vornehmer Herr ist ... Versprechen Sie mir das?«

»Und meine Mutter?« fragte Marie, heftig erregt, die Frage der Marquise dem Anschein nach uberhorend, »werde ich auch meine Mutter sehen?« – »Auf diese Frage wird Ihnen die Antwort Ihr Herr Vater erteilen,« versetzte die Marquise, »Sie wurden sich gewi? auch recht innig freuen, sie kennen zu lernen?« – »Ach ja, meine liebe, gute Dame, ach ja!« erwiderte Marie, die Augen niederschlagend. – »Nun, vorerst werden Sie sich begnugen mussen mit dem Vater,« sagte die Marquise trostend, »und er wird Ihnen, das darf ich aus vollem Herzen sagen, die Mutter ersetzen: so da? Sie sie schwerlich vermissen werden, solange, bis die Zeit es anders fugen wird!«

»Und von dem Tage an, da du deinen Vater um dich hast, wird ein neues Leben fur dich beginnen, mein liebes Kind!« setzte der Furst hinzu – und wieder legte er auf die beiden letzten Worte eine so eigentumlich-innige Betonung, da? alle Anwesenden auf das tiefste ergriffen wurden, und Marie ihm, bangen Zweifels voll, gespannt in die Augen blickte ...

»Ein neues Leben, Herr Rudolf?« fragte Marie schlicht, »o nein, Herr Rudolf! Hat nicht mein Leben erst begonnen an dem Tage, da Sie sich meiner erbarmten und mich zu der lieben Frau Georges in die Meierei hinaus geleiteten?« – »Aber,« schalt der Furst ein, »dein Vater ist dir in inniger Liebe zugetan!« – »Meinen Vater, Herr Rudolf, kenne ich nicht, Ihnen aber verdanke ich alles!« sagte Marie, ihn mit dankerfullten Blicken betrachtend. –

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