Teure,« rief Rudolf, »Sie konnen sich nicht ausmalen, welch grenzenloses Leid dieses Weib uber mich gebracht hat! Vernichtet sie mir nicht eben wieder den schonen Traum, meinem Kinde eine Mutter zu geben, die sich seiner mit wahrer Liebe angenommen hatte? O, dieses Weib ist ein Racheengel, der mich unablassig peinigt und verfolgt wie eine Furie des Altertums!«

»Trosten Sie sich, konigliche Hoheit,« erwiderte Clemence, die Tranen abwischend, die sich in ihre Augen stahlen, »und lassen Sie nicht allen Mut sinken! denn Sie haben eine ernste, heilige Pflicht zu erfullen. Eben sagten Sie ja noch, in einer edlen und gerechten Regung von Vaterliebe, da? Ihre Tochter hinfort ganz ebenso glucklich werden solle, wie sie bislang unglucklich gewesen sei; soll sich dieses Wort bewahrheiten, so ist es doch notwendig, da? Sie sie legitimieren, und wie soll dies anders geschehen konnen als durch eine offizielle Vermahlung mit ihrer Mutter, also Grafin Sarah!«

»Das wird nun und nimmer geschehen, denn ich belohnte ja dann den Eidbruch dieses schandlichen Weibes, hulfe ihrer Selbstsucht und ihrem Ehrgeize zur Befriedigung! Ich werde meine Tochter anerkennen, werde sie an Kindes Statt annehmen, werde sie Ihnen uberantworten, denn ich bin uberzeugt, da? sie bei Ihnen wahre Mutterliebe finden wird.«

»Nein, konigliche Hoheit,« antwortete Clemence, »das konnen Sie nicht tun! Denn das hie?e die Geburt Ihrer Tochter verschleiern! Grafin Sarah entstammt einem alten Adelsgeschlecht. Eine eheliche Verbindung mit ihr entspricht zwar Ihrem Range nicht vollstandig, immerhin ist sie nichts weniger als unehrenhaft ... Zwar wird Ihr Kind dadurch nicht legitim, aber die eheliche Geburt ist ihr nicht abzusprechen, sie wird sich, gleichviel welche Zukunft sie erwartet, immer getrost auf ihren Vater und ihre Mutter berufen konnen.«

»Aber Ihnen entsagen? Das kann ich nicht. – O, Sie konnen sich nicht denken, welches Gluck mir das Leben im Bunde mit Ihnen und meiner Tochter, den beiden Wesen in der Welt, die ich allein liebe, in Aussicht stellt!«

»Ihr Kind bleibt Ihnen. – Gott hat es Ihnen auf wunderbare Weise wieder zugefuhrt. – Wollten Sie Ihr Gluck nicht preisen, so waren Sie undankbar gegen das Schicksal!«

»Ach, Sie lieben mich nicht, wie ich Sie liebe!«

»Wenn Sie das meinen – und Sie tun gut daran, das Opfer Ihren Pflichten zu bringen, dann wird es Ihnen minder schwer werden, sich in Ihre neue Lage zu finden.«

»Aber wenn Sie mich lieben, wird Ihr Bedauern ebenso schmerzlich sein, wie das meinige, und was bleibt Ihnen dann ubrig?«

»Wohlzutun, konigliche Hoheit. – Anderer Schmerz und Leid zu teilen – Leid, das Sie selbst in meinem Herzen weckten, uber dem ich bereits schweren Kummer verga? und dem ich su?en Trost verdanke.«

»Horen Sie mich an! Um meiner Tochter willen will ich mich mit diesem Weibe vermahlen, aber bei ihr zu leben, wenn das Opfer vollbracht ist, das kann ich nicht – nun und nimmer! Denn ich fuhle nur Widerwillen und Verachtung gegen sie ... Nein, nein, wir werden stets getrennt voneinander leben – sie darf nie meine Tochter sehen, Marie bleibt bei Ihnen, denn sie verlore an Ihnen die zartlichste Mutter.«

»Es bleibt ihr der zartlichste Vater, und durch solche offizielle Heirat wird sie die eheliche Tochter eines souveranen Fursten Europas, und ihre Stellung wird, wie Sie selbst sagen, so glanzend, wie sie vordem dunkel war.«

»Sie sind unbarmherzig, Clemence – und ich – ich bin tief unglucklich!«

»Sprechen Sie nicht so, Sie sind ja so gerecht, uben Ihre Pflicht auf so edle Weise, opfern sich auf und verleugnen sich selbst auf die edelste Weise... Hatte man zu Ihnen gesagt, als Sie Ihr Kind in so gro?em Schmerz beweinten: sprechen Sie einen Wunsch aus, einen einzigen, und er soll verwirklicht werden, so wurden Sie unbedenklich ausgerufen haben: meine Tochter, meine Tochter moge leben! Dieses Wunder ist geschehen, Sie haben Ihre Tochter wiedererhalten und – Sie nennen sich unglucklich! Wie, wenn Ihre Marie das horte?«

»Sie haben recht, Clemence,« erwiderte Rudolf nach langer Pause, »soviel Gluck ware der Himmel auf Erden gewesen und – solches Gluck verdiene ich nicht! – Ich werde tun, was ich tun mu?. – Ich beklage mein Zogern nicht, denn ich habe dabei eine neue schone Seite Ihres Herzens kennen gelernt.«

»Sie haben dieses Herz erhoht. Wenn ich jetzt Gutes vollziehe, so gebuhrt Ihnen der Ruhm, wie Ihnen stets das Verdienst aller guten Gedanken, die ich hatte, von mir zugeschrieben worden ist. – Mut, konigliche Hoheit! Fuhren Sie Ihre Tochter, sobald sie die Reise vertragen kann, aus Paris! Bringen Sie sie nach Ihrem Deutschland! In diesem ernsten, ruhigen Lande wird sie ein ganz anderer Mensch werden, wird sie an ihre Vergangenheit denken nicht anders als an einen truben Traum!«

»Aber Sie, Clemence? Sie?« fragte Rudolf mit zitternder Stimme. – »Mir wird – jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, weil es mich immer mit Stolz und Freude erfullen wird – mich wird meine Liebe zu Ihnen sattsam entschadigen, wird mir ein Schutzengel sein, wird mich uber alles hinwegtrosten, was im Scho?e der Zukunft noch fur mich verborgen liegen mag ... Ich werde mit Ihnen in regelma?igem Briefwechsel bleiben, und Sie – Sie werden mich von allem unterrichten, was sich im Leben jenes lieben Kindes vollziehen wird, das wir mit so unendlicher Wonne eine kurze, kurze Zeitlang unser Kind nannten!« – Sie konnte die Tranen nicht zuruckhalten, die sich ihr in die Augen drangten – »die aber, das wollen Sie fur gewi? annehmen! – zeit meines Lebens mir lieb und teuer bleiben wird wie mein eigenes Kind! Kommt einmal die Zeit, da? wir einander die lautere Liebe gestehen durfen, die uns aneinander kettet, dann werde ich – das Versprechen gebe ich Ihnen – in Ihr Land hinuber kommen, werde in Ihre Residenzstadt ziehen, werde nie wieder von Ihrer Seite weichen, sofern Sie mich nicht verjagen oder versto?en – und werde an Ihrer Seite mein Leben beschlie?en, das freilich wohl, hatten unsre Leidenschaften zum Worte kommen durfen, anders hatte verlaufen konnen, das jedoch trotz allem nie anders als ehrenhaft und wurdig verlaufen ist.«

»Konigliche Hoheit,« – mit diesen Worten ri? Murph die Tur auf und rannte ins Zimmer – »das Kind, das Ihnen der liebe Gott wiedergegeben, hat sein Bewu?tsein wiedererlangt. Das erste Wort, das den Weg uber ihre Lippen fand, war: Mein Vater! – Kommen Sie, kommen Sie, Prinzessin Marie verlangt es nach Ihrer Gegenwart!«

Kurz nachher hatte die Marquise von Harville das Palais des Fursten verlassen. Der Furst aber verfugte sich in Begleitung Murphs, Grauns und eines Adjutanten zur Grafin Sarah Mac Gregor.

Zwolftes Kapitel.

Hochzeit

Grafin Sarah Mac Gregor hatte, seit Rudolf ihr Marienblumchens Tod mitgeteilt, unter schweren Nervenanfallen gelitten, waren doch durch diese Nachricht all ihre Hoffnungen vernichtet, waren doch schreckliche Gewissensbisse in ihrem Herzen erwacht! Die kaum vernarbte Wunde war wieder aufgerissen worden. Eine lang andauernde Ohnmacht hielt sie umfangen, so da? man sie fur tot gehalten hatte. Ihre starke Konstitution hielt sie aber auch diesmal noch aufrecht, und noch einmal flackerte die Lebensflamme in ihr auf.

Sarah, die vor unertraglicher Beklemmung nicht liegen konnte, sah in ihrem Sessel seit einiger Zeit in trube, schwere Gedanken versunken, und wunschte sich fast den Tod, dem sie entgangen war. Da trat Thomas Seyton in das Zimmer, kaum imstande, eine gewaltige Aufregung zu verbergen, und winkte den beiden Kammermadchen, sich zu entfernen. Seine Schwester schien seine Anwesenheit kaum zu bemerken.

»Wie geht es dir?« fragte er. – »Es ist noch immer derselbe Zustand: ich fuhle gro?e Schwache, bisweilen wird mir die Brust zum Ersticken zusammengeschnurt. Warum hat mich Gott nicht von dieser Welt hinweggenommen?« – »Sarah,« erwiderte Thomas Seyton nach kurzer Pause, »Du schwebst zwischen Leben und Tod. Eine starke Aufregung konnte Dir den Tod, vielleicht aber auch Rettung bringen.«

»Ich habe Aufregungen nicht mehr zu erwarten, Bruder, wurde sogar bei Rudolfs Tode gleichgiltig bleiben – das Gespenst meiner ertrankten, durch meine Schuld ertrankten Tochter steht immer vor mir und verla?t mich nicht. – Das ist unertragliche, unaufhorliche Gewissenspein. – Ich bin wirklich Mutter – seit ich kein Kind mehr habe.«

»Ich sahe lieber den kalten Ehrgeiz wieder an dir, indem du deine Tochter nur fur ein Mittel hieltest, den Traum deines Lebens zu verwirklichen ...« – »Die entsetzlichen Vorwurfe dieses Fursten haben all meinen Ehrgeiz erstickt, – das Muttergefuhl ist in mir erwacht bei der Schilderung der grausamen Leiden, die meine Tochter hat ertragen mussen –«

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