»Wenigstens fur mich, Sie konnen ihr mit Ruhe entgegensehen.« – Der Furst machte eine Handbewegung. – »Sie werden nachher so glucklich sein wie vorher,« fuhr die Grafin fort, »denn ich werde die Trauung nicht uberleben.«

Murph erschien. – »Lieber Freund,« sagte Rudolf zu ihm, »schicke doch gleich durch den Obersten den Brief hier an meine Tochter. Ich lasse bitten, da? er sie in meinem Wagen hierher bringe. Der Geistliche und die Zeugen sollen in das Nebenzimmer treten.«

»Ach, Gott im Himmel!« flusterte Sarah, als wenn sie betete, »erhalte mir doch nur so viel Kraft noch, da? ich sie sehen kann. La? mich nicht sterben, ehe sie kommt!« – »Warum sind Sie nicht allzeit eine so gute Mutter gewesen?« fragte Rudolf. – »Dank Ihnen fuhle ich nun doch wenigstens Reue,« antwortete Sarah. »Ich habe dank Ihnen jetzt die Kraft, ein Opfer darzubringen. Ich habe durch Sie gelernt, mich selbst zu verleugnen. Eben, als mein Bruder mir sagte, unsere Tochter lebe – unsere Tochter! nicht lange mehr werde ich das sagen konnen! – da fuhlte ich ein schreckliches Weh im Herzen, fuhlte den Tod nahen, bezwang mich aber und fuhle mich nun glucklich, nachdem ich es uberwunden habe ... Meine Tochter soll in die Rechte ihrer Geburt eingesetzt werden. Jetzt sterbe ich frohen Herzens.«

»Sprechen Sie doch nicht so!« – »O doch,« versetzte sie, »diesmal tausche ich mich nicht, Rudolf ... Sie werden sehen! Sie werden sehen!« – »Und auch den alten Ehrgeiz so ganz uberwunden?« fragte Rudolf; »warum kommt Ihre Reue so spat?« – »Wohl kommt sie spat,« antwortete Sarah, »aber sie ist auch tief und echt, wie Sie mir glauben durfen ... In diesem feierlichen Augenblicke danke ich meinem Schopfer, da? er mich hinwegnimmt, weil Ihnen mein Leben zu einer so furchtbaren Last geworden ist.« –

»Sarah!« rief Rudolf. – »Eine letzte Bitte, Rudolf,« sagte Sarah, seine Hand nehmend. – Das Gesicht abwendend, lieh Rudolf ihr die Hand. Sie griff hastig zu und hielt die Hand fest umschlossen. – »O, wie kalt sind Ihre Hande!« rief Rudolf, von einem Schauder geschuttelt. – »Ja, Rudolf, der Tod naht sich mir, und vielleicht soll es meine Strafe sein, da? ich mein Kind nicht wiedersehe.«

»Gott – wird durch Ihre Reue – sich erweichen lassen,« sagte Rudolf stockend. – »Stimmt meine Reue Sie weicher?« fragte Sarah, »gewahren Sie mir Verzeihung? Werden Sie mir in Gegenwart meiner Tochter – vorausgesetzt, da? sie noch zurzeit kommen sollte – sagen, da? Sie mir verzeihen? oder wollen Sie es nicht tun, weil Sie befurchten, sie konnte dadurch erfahren, welch schwere Schuld ich auf mich geladen habe? Aber was kann es Ihnen ausmachen, ob sie mich ha?t oder liebt, wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile?«

»Machen Sie sich keine unnutzen Gedanken, Grafin,« erwiderte Rudolf, »denn aus meinem Munde soll unser Kind nichts uber seine Mutter erfahren.« – »So verzeihen Sie mir, Rudolf, verzeihen Sie mir!« bat Sarah, »bin ich nicht schon unglucklich genug? Sie konnen so unbarmherzig nicht sein!« – »Nun, denn, Sarah! Moge Gott Ihnen alles, was Sie an Ihrem Kinde Boses getan, verzeihen! Gleichwie ich Ihnen vergebe, was Sie mir getan, Sie – Ungluckliche!«

Mit einer Regung von Freude und Dank druckte Sarah Rudolfs Hand an die zitternden Lippen und bat ihn, den Geistlichen und die Zeugen hereinzurufen, da sie sich am Ende ihrer Krafte fuhlte.

Nun folgte eine ergreifende Szene: Mit Murph und Graun, als Rudolfs Trauzeugen, erschien der Geistliche, wahrend als Zeugen fur Grafin Sarah der Herzog von Lucenay und Lord Douglas erschienen. Als letzter folgte Thomas Seyton. Nun wurde durch Baron von Graun der Ehevertrag zwischen Seiner koniglichen Hoheit Gustav Rudolf, regierendem Gro?herzog von Gerolstein, und Sarah Seyton von Halesbury, Grafin Mac Gregor – zum Zwecke der Legitimation ihrer Tochter Marie – abgefa?t, vorgelesen und durch die beiden Gatten und ihre Zeugen unterschrieben.

So reuig auch Grafin Sarah sich gestimmt fuhlte, funkelte doch noch einmal brennender Stolz aus ihren Augen, als der Geistliche mit feierlicher Stimme an Rudolf die Frage richtete: »Wollen Ew. konigliche Hoheit Madame Sarah Seyton von Halesbury, Grafin Mac Gregor, als eheliches Gemahl annehmen?« und der Furst mit lauter, fester Stimme sein »Ja!« sprach. Ein fluchtiger Ausdruck stolzen Triumphes zog uber ihre Zuge, – der letzte Blitz des Ehrgeizes, der mit ihr starb.

Wahrend dieser traurigen und imposanten Zeremonie fiel zwischen den Anwesenden kein Wort. Als sie beendigt war, verbeugten sich die Zeugen Sarahs, Herzog von Lucenay und Lord Douglas, tief vor dem Fursten und entfernten sich. Auf einen Wink Rudolfs folgten ihnen Murph und Baron von Graun ... »Bruder,« sagte Sarah leise, »bitte den Geistlichen, dich in das Nebenzimmer zu begleiten und dort einen Augenblick zu verweilen!«

»Wie geht es dir, Schwester?« fragte Tom, »du bist recht bleich!« – »O, nun bleibe ich sicher noch am Leben!« erwiderte sie mit verbittertem Lacheln, »bin ich denn nun nicht Gro?herzogin von Gerolstein?« Und als sie mit Rudolf allein war, flusterte sie mit ersterbender Stimme, wahrend ihre Zuge sich gra?lich veranderten: »Mit meinen – Kraften – gehts zur Neige – ich fuhle, da? ich sterben mu? – ich werde – mein Kind – nicht mehr sehen.«

»Sarah, fassen Sie sich! Sie werden Ihre Tochter doch noch – sehen,« antwortete Rudolf. – »Ich habe keine Hoffnung mehr,« antwortete Sarah, »meine Augen werden matt – O, es bedurfte einer – ubermenschlichen Kraft, dies – alles – zu uberwinden.« – »Raffen Sie sich auf, Sarah, in wenigen Minuten –« – »Nein, Rudolf,« antwortete sie, »Gott will mir – diesen – letzten Trost nicht – spenden!«

»Sarah!« rief Rudolf, »horen Sie doch! Ein Wagen fahrt vor! Sie kommt, sie kommt, Ihre Tochter!« – Die Grafin zitterte heftig ... »Rudolf!« bat sie, »Sie – werden ihr – nicht sagen, welch bose, bose Mutter ich ihr war?« Sie sprach die Worte langsam, sehr langsam, und sprach sie leise, unzusammenhangend, und ihre Augen wurden immer starrer, immer glasiger ... Rudolf beugte sich uber sie, um ihre letzten Worte zu horen... »Meine Tochter soll – mir – verzeihen – wenn auch – sie mir nicht – vor Augen – treten kann – Verzeihen – nach dem Tode – meine Ehre – mein Rang er–«

Es waren ihre letzten Worte... Die fixe Idee, die sie ihr ganzes Leben geleitet hatte, fand sich bei ihr, all ihrer Reue ungeachtet, noch im Augenblick ihres Verscheidens wieder ein!

Da erschien Murph im Zimmer . »Konigliche Hoheit,« meldete er, »die Prinzessin Marie...«

»Nein,« befahl Rudolf fest und bestimmt, »sie darf jetzt nicht eintreten! – Der Anblick eignet sich fur ihr junges Herz nicht! – Murph, befiehl Seyton, den Geistlichen noch einmal zu holen!« – Und auf Sarahs todbleiches Gesicht zeigend, setzte er hinzu: »Gott versagt ihr den letzten Trost, ihr Kind zu sehen!«

Noch eine halbe Stunde ganzlicher Bewu?tlosigkeit ... dann hatte Grafin Sarah Mac Gregor, im letzten Augenblick vorm Verscheiden zur Gro?herzogin von Gerolstein erhoben, zu leben aufgehort.

Elfter Teil

Erstes Kapitel.

Im Bicetre

Vierzehn Tage waren vergangen, seit Rudolf durch die Vermahlung mit Grafin Sarah Mac Gregor, Marie, sein mit ihr gezeugtes Kind, legitimiert hatte.

Es war Mittfasten, und wir geleiten den Leser nach Bicetre, jener gro?en Anstalt, wo Geisteskranke behandelt werden, die auch als Heimstatte fur sieben- bis achthundert arme Invaliden gilt, wenn sie das siebzigste Jahr erreicht haben oder an schweren Gebrechen leiden; auch werden die zum Tode Verurteilten hierher gebracht.

In einem Abteil dieses Hauses sahen die beiden Weiber Martial, die Witwe und deren Tochter, dem Tage ihrer Hinrichtung entgegen. Nur einen Tag noch durften sie leben. Sie hatten weder um Begnadigung bitten, noch Berufung einlegen mogen ... Niklas, das Skelett und andere Missetater waren am Tage vor ihrer Abfuhrung nach Bicetre glucklich aus La Force entkommen.

Der Fruhling war zeitig eingetreten; die Ulmen und Linden bedeckten sich bereits mit jungen grunen Blattern; die Rasenplatze und Beete schmuckten sich bereits mit Schneeglockchen und Primeln; die Sonne vergoldete den glitzernden Gartensand; die in grauen Rocken umherwandernden oder auf Banken sitzenden Invaliden plauderten und ihre frohen Gesichter kundeten Seelenruhe und gluckliche Sorglosigkeit.

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