Dann setzen Sie sich beide in einen Fiaker und fahren nach Bouqueval hinaus. Es ist ein kleines Dorf an der Stra?e nach Ecouen, zwischen Ecouen und Saint-Denis. Fragen Sie in Bouqueval nach der Frau Georges. Es kann Ihnen jedes Kind im Dorfe sagen, wo sie wohnt. Und nun wunsche ich Ihnen eine recht vergnugte Fahrt und in Bouqueval die froheste Zeit!«

Drittes Kapitel.

Was Germain und Lachtaube drau?en ln Bouqueval horten und fanden.

Die junge Frau – fast hatte ich mich selber an ihr wieder versundigt und hatte sie Lachtaube genannt – machte eine kleine Pause. Sie schien sich an der Neugierde ihrer Freundin zu werden und sie gern ein wenig warten zu lassen – lange aber konnte sie dem Drange zu erzahlen selbst nicht widerstehen und begann wieder: »Ich sagte Herrn Rudolf, es mochte doch Wohl ein Tag noch druber hingehen, bis wir wurden fahren konnen, denn es lage mir gar zuviel Arbeit auf dem Halse. Aber da sagte er: »Nicht doch, das geht auf keinen Fall, meine liebe, kleine Nachbarin. Packen Sie sich meinetwegen Ihre Arbeit zusammen und machen Sie sie drau?en in Bouqueval fertig. Ich wei?, Frau Germain hat selbst Arbeit uber Arbeit fur Sie. Vielleicht hilft sie Ihnen bei Ihrer Arbeit, damit Sie recht bald mit der andern auch fertig werden... . Und nun leben Sie recht wohl, meine kleine Herzensfreundin, und machen Sie sich, wie gesagt, gleich auf den Weg, sobald Ihr kleiner Germain da ist.« – Ich sagte zu ihm: »Nun, da mussen wir freilich fahren, Herr Nachbar, aber danken darf ich Ihnen doch wenigstens fur Ihre erneute Liebenswurdigkeit?« – Er sagte, dawider hatte er nichts einzuwenden; und so reichte ich ihm die Wange zum Kusse; aber der liebe Herr fackelte nicht lange, sondern drehte mir das Gesicht herum und gab mir einen derben, gar derben Schmatz auf den Mund ... und dann war er auf einmal zur Tur hinaus!« Lachtaube lachte, und unter Lachen fuhr sie fort: »Ich mu?te ihm herzlich hinterher lachen, und als bald darauf mein lieber Germain hereinkam, erzahlte ich ihm alles, und er sagte: »Herr Rudolf, liebes Kind, macht uns kein X fur ein U, darauf verla? dich, und wenn er es uns so dringend macht, nach dem kleinen Dorfe hinaus zu fahren, dann durfen wir keinesfalls saumen! Also gesagt, getan! Wir setzten uns in einen Fiaker und fuhren fidel und guter Dinge die Stra?e nach Saint-Denis zu ... Sie konnen sich gar nicht vorstellen, in welcher glucklichen Stimmung wir diese Fahrt gemacht haben! Denken Sie nur, den krassen Unterschied zwischen der herrlichen Gottesnatur und dem Gefangniskasten, in welchem tags vorher noch mein lieber Germain schmachten mu?te! Und die schlechten Subjekte, mit denen er zusammen die gleiche Luft hatte atmen mussen! Aber – unser Gluck wahrend der Fahrt war noch gar nichts im Vergleich zu dem Empfange drau?en in Bouqueval. O, noch jetzt treten mir Tranen in die Augen, wenn ich daran denke ... Was soll ich Ihnen viel erzahlen, liebe, gute Freundin? Ich brauche Ihnen ja blo? eines zu sagen: Denken Sie sich, mein Germain ist der einzige Sohn der lieben, braven Frau Germain! Und Sie sind jahre-, jahrelang – ach! was sage ich! fast das ganze Leben lang durch widrige Schicksale getrennt voneinander gewesen, und keiner hat vom andern auch nur ein Sterbenswortchen zu horen bekommen, geschweige da? sie einander je einmal gesehen hatten!«

»Was?« rief Luise und schlug in heller Verwunderung die Hande uber dem Kopfe zusammen ... »Was sagen Sie? Frau Georges ist Germains Mutter? Germain ist ..« – »Nun ja doch,« fiel ihr Lachtaube ins Wort, »wenn sie seine Mutter ist, dann mu? er schon ihr Sohn sein! Und so ist's auch, meine liebe Freundin! Mein Germain ist ihr als kleines Kind geraubt worden, und sie hat gar nicht mehr gehofft, ihn noch je einmal wiederzusehen! Konnen Sie sich vorstellen, wie selig die beiden Menschen waren, als sie einander in den Armen lagen? Und als Frau Georges ihren »Jungen« abgeherzt und abgeku?t hatte – ich dachte wirklich schon, es wurde uberhaupt kein Ende haben! – da kam ich an die Reihe ... und Herr Rudolf mu? der lieben Frau wohl recht viel Gutes und Liebes von mir geschrieben haben, denn als sie mich herzte und ku?te, da sagte sie, sie wisse recht gut, was ich alles ihrem Jungen zuliebe getan! – »Und wenn du nichts dawider hast, Mutterchen,« sagte da Germain, »dann hast du heute nicht blo? deinen Jungen wiedergefunden, sondern hast auch eine Tochter dazu bekommen.« – Und Frau Georges rief: »Ach, Kinder, was konnte mich glucklicher machen, als in euch ein gluckliches Paar zu sehen? Wei? ich doch, mein Herzensjunge, da? du in ganz Frankreich keine bessere, hubschere und gutigere Frau finden konntest, als sie hier vor mir steht!« Und nun wohnen wir drau?en in Bouqueval, in dem freundlichen Dorfchen, auf dem hubschen Landgute, Germain und seine Mutter und ich – und meine Vogelchen habe ich auch hinausbringen lassen, die armen Tierchen mochten ohne mich wirklich gar nicht zurechtkommen! Eigentlich ist ja das Leben auf dem Lande nicht gerade meine Passion. Ich bin nun einmal eine richtige Pariser Landratte; aber mir sind die Tage doch vergangen, schnell wie ein Traum; ich arbeitete nur zu meinem Vergnugen, ging unserer lieben Mutter in allem zur Hand, ging mit meinem Germain flei?ig spazieren – und endlich wurde unsere Hochzeit auf gestern vor vierzehn Tagen festgesetzt. Wer kam den zweiten Tag vorher in einem schonen Wagen an? Ein gro?er, dicker, kahlkopfiger Herr, der recht gutmutig aussah und mir von Herrn Rudolf ein Hochzeitsgeschenk brachte, denken Sie sich, Luise, einen Kasten von Rosenholz, auf dem auf blauem Porzellan die Worte in goldnen Buchstaben standen: »Arbeit und Ehrlichkeit, Liebe und Gluck.« Ich mache den Kasten auf und was finde ich darin? Kleine Spitzenhaubchen wie die, welche ich trage, Kleiderzeuge, Schmucksachen, Handschuhe, einen Langschal und einen gro?en Schal, kurz es war ein Feenmarchen.«

»Nun, da sehen Sie, wie es zu Ihrem Gluck gewesen, da? Sie – so gut, so flei?ig waren.«

»Liebe Luise, mich trifft dabei wohl kaum ein Verdienst, denn ich habe dabei gar nichts getan – es fand sich eben ganz von selbst, und das war fur mich um so besser. Aber horen Sie nur weiter, ich bin noch nicht fertig. Ganz unten, auf dem Boden des schonen Kastchens, finde ich ein reizendes Portefeuille mit der Aufschrift: »Der Nachbar seiner Nachbarin«. Was finde ich drin? Zwei Packchen – eins fur Germain, eins fur mich; in dem fur Germain ein Papier, das ihn zum Direktor einer Volksbank mit 4000 Franks Gehalt ernannte, und in dem fur mich bestimmten Paketchen eine Anweisung von 40 000 Franks! Das sollte meine Mitgift sein. Ich wollte es gar nicht annehmen, aber unser Mutterchen, das mit dem gro?en kahlkopfigen Herrn und Germain gesprochen hatte, sagte zu mir: »Kind, Du kannst und mu?t das Geschenk annehmen; es ist der Lohn fur deine Rechtschaffenheit, deinen Flei? und deine Aufopferung fur die Unglucklichen; denn du mu?test dir, auf die Gefahr hin, krank zu werden und so deine Existenz zu verlieren, die Zeit, um deinen unglucklichen Freunden Trost zu bringen, vom Schlafe abringen!«

»Ja, das ist wahr,« fiel Luise ein, »darin tuts Ihnen niemand gleich, liebe Frau Germain.«

»Ich sagte nun dem gro?en kahlkopfigen Herrn, was ich getan, hatte ich gern und mit Vergnugen getan, und er antwortete: »Das bleibt sich gleich, Herr Rudolf ist reich, das Geschenk, das er Ihnen sendet, ist ein Zeichen seiner Achtung und Freundschaft, und es wurde ihm hochst schmerzlich sein, wenn sie es ablehnen wollten; ubrigens wird er sich personlich zu Ihrer Hochzeit einfinden, und wurde Ihnen – darauf verlassen Sie sich – schon die Leviten lesen, wenn Sie mich mit einem Korbe zu ihm zuruckschicken wollten.«

»Es ist doch eine schone Sache, reich zu sein, liebe Freundin!« sagte Luise, »aber noch schoner, da? es noch immer so edle Menschen gibt, wie diesen Herrn Rudolf, die von ihrem Reichtum einen so schonen und vornehmen Gebrauch machen.« – »O, Herr Rudolf mu? wohl ein steinreicher Herr sein, sonst konnte er doch nicht Geld in so reichem Ma?e verschenken! Aber wenn Sie erst wissen, liebe Freundin, wer dieser Herr Rudolf eigentlich ist, dann wurden Sie vielleicht nicht so sehr staunen uber seinen Reichtum als uber seine Leutseligkeit, uber seinen wahrhaftigen Edelsinn! Und diesen Herrn habe ich sogar Pakete tragen lassen, als wir zusammen Einkaufe im Magazin machten! Doch Geduld, Freundin, Geduld! Sie werden gleich horen, wie alles zugegangen ist! Am Tage vor der Hochzeit, abends zu sehr spater Stunde, kam der alte gro?e Herr mit der Glatze und dem gutmutigen Gesicht wieder. Herr Rudolf, sagte er, wurde nun leider doch nicht kommen konnen, er aber sollte seine Stelle vertreten, Herr Rudolf sei nicht recht auf dem Posten ... und da erst haben wir erfahren, Luise, wer Herr Rudolf ist ... Denken Sie sich, Ihr und unser aller Wohltater ist – nun, was meinen Sie? – O, Sie wurden es nie erraten! Nein, im ganzen Leben nicht, darauf konnen Sie Gift nehmen! Herr Rudolf ist ein Furst, ein regierender Furst, ein Furst von Gottes Gnaden!«

»Was sagen Sie da, Frau Germain? ... Ein Furst?« – »O, noch viel, viel was Hoheres! Nicht blo? ein regierender Furst, sondern ein regierender Gro?herzog mit dem Titel: Konigliche Hoheit! Germain hat mir gesagt, was man darunter zu verstehen hat! Und sein Land und seine Residenz hat er uber dem Rheine in Deutschland!« – »Wirklich und wahrhaftig, Frau Germain?« – »Wirklich und wahrhaftig, Luise! O, und ich hatte ihm zugemutet, mir meine Stube neu zu bohnern!« – »Aber ich denke, er hat sich als Dekorationsmaler bei der Frau Pipelet eingeschrieben?« – »Ja doch, ja doch! Aber trotz alledem ist er ein Furst, nein kein Furst, sondern ein Gro?herzog, einer, der den Titel Konigliche Hoheit fuhrt!« – »O, deswegen konnte er also so au?erordentlich viel Gutes stiften!«

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