klein wenig ruhig verhalten wollte, statt in einem fort zu zappeln und zu schwadronieren.«

»Aber, mein liebes Weib! Wie soll ich mich nicht zappelig verhalten? Gehore ich doch der lieben Erde erst wieder an, seit ich den Cabrion von meinen Scho?en geschuttelt habe! Ist's mir doch immer, als hatte ich Flugel, und als schwebte ich hoch oben im Aether! – Juchhe! der Cabrion ist fort, und wiederkehren wird er kaum! wiederkehren wird er nimmer!«

»Gott sei Dank, da? der Bose fort ist.« – »Rede nichts Boses von einem Abwesenden, Anastasia; mich macht Gluck nachsichtig.« – »Und wie erfuhren Sie, da? er nach Deutschland reist?« fragte Lachtaube. – »Durch einen Freund meines besten Mieters. – Bei diesem prachtigen Manne fallt mir etwas ein; wissen Sie schon, da? Alfred durch die Empfehlung des Herrn Rudolf zum Verwalter bei dem Leihhause und bei der Armenbank ernannt worden ist, die in unserm Hause durch eine fromme Seele gegrundet worden, deren Adlatus doch sicher Herr Rudolf war?« – »Das trifft sich ja herrlich!« fiel Lachtaube ein; »und mein Mann ist Direktor eben dieser Bank geworden, ebenfalls durch Vermittelung des Herrn Rudolf,« – »Sehen Sie!« rief Madame Pipelet vergnugt; »desto besser! Alte, bekannte Gesichter sehe ich immer lieber um mich als neue. Um aber auf Cabrion zuruckzukommen, denken Sie sich, ein gro?er, alter Herr mit Glatze, der uns die Wahl Alfreds fur den neuen Posten anzeigte, hat sich bei uns erkundigt, ob nicht ein gewisser Cabrion, ein au?erst talentvoller Maler, bei uns gewohnt hatte. Wie mein Alter den Namen Cabrion hort, will er schier aus der Haut oder gleich in seine Stiefel fahren – glucklicherweise setzte der gro?e, dicke Herr mit der Glatze hinzu: »Der junge Herr wird nach Deutschland reisen; ein sehr reicher Mann nimmt ihn mit dorthin, um von ihm Arbeiten ausfuhren zu lassen, die ihn jahrelang beschaftigen werden; vielleicht bleibt er sogar ganz dort.« Darauf nannte der Herr noch Tag und Stunde, wann Cabrion abreisen werde.«

»Und mir war das unerwartete Gluck beschieden, im Postmeldebureau zu lesen: »Herr Cabrion, Maler, fahrt nach Stra?burg und ins Ausland.« Die Abreise war auf heute fruh festgesetzt, und ich war mit meiner Gattin im Packhof.« – »Ja, wir haben den Bosewicht in das Abteil neben dem Dienstcoupe steigen sehen.« – »Und gerade als die Pferde anzogen, sah mich Cabrion und erkannte mich. Er bog sich heraus und rief mir zu: »Ich verlasse dich auf Nimmerwiedersehen! Dein auf ewig« – Glucklicherweise erstickte das Posthorn die letzten Worte wie das unanstandige Du, das ich verachte. Gott sei Lob und Dank! Wir sind ihn los!«

»Und fur immer, glauben Sie mir, Herr Pipelet!« sagte Lachtaube, sich nur mit Muhe des Lachens enthaltend. »Aber was Sie nicht wissen und was Sie wundern wird, Herr Rudolf war –«

»Herr Rudolf war ...?«

»O, Herr Rudolf war ein maskierter Furst ... Herr Rudolf war eine konigliche Hoheit!« – »Ach, das sind ja Narrenspossen!« sagte Frau Anastasia. – »Und ich schwore es – bei – meinem Manne!« rief Frau Germain, alias Lachtaube, mit der feierlichsten Miene, die sie schneiden konnte.

»Mein allerbester Mieter, seit ich ein Haus verwalte, Konigliche Hoheit?« rief Anastasia, vor Staunen die Hande uber ihrem kahlem Kopfe zusammenschlagend. »Ach, gehen Sie! Das kann doch nicht sein! Wie hatte ich ihm dann nur zumuten konnen, auf unsre vier Wande acht zu geben! O, dann mu? ich ihn ja um Verzeihung bitten, demutig um Verzeihung bitten!« – Und bei diesen Worten loste sie die Bander von den Schleifen oder – was dasselbe besagt – die Schleifen aus den Bandern ihrer Haube, und faltete die Haube auseinander, um sie auf ihre Perucke zu setzen, denn sie schien zu meinen, da? es sich mit der einem Fursten schuldigen Ehrfurcht nicht vertrage, unbedeckten Hauptes zu stehen ... Nach einer der Form nach entgegengesetzten, der Sache nach aber vollig gleichen Weise, Hoflichkeit vor gekronten Hauptern zu zeigen, nahm Alfred hingegen den Hut ab, machte einen tiefen Kratzfu? und rief: »Ein Furst in unseren vier Wanden, eine Konigliche Hoheit in unsern vier Wanden! Das geht doch uber den Hemdkragen! Und dabei ist's ihm sogar mal passiert, mich im Bette zu erwischen!«

In diesem Augenblicke drehte Frau Georges sich um und sagte zu ihrem Sohne und ihrer Schwiegertochter:

»Kinder, da kommt der Herr Doktor!«

Zwolfter Teil.

Erstes Kapitel.

Bakel

Doktor Herbin, ein Herr in den hoheren Jahren, ein freundlicher Herr mit au?erst geistreichem Gesicht und einem uberaus gutmutigen Zug im Antlitz, aber einem sehr tiefen, scharfen Blicke, hatte zu den ersten seines Berufes gehort, die an Stelle der fruher ublichen schrecklichen Zwangsmittel Milde und Wohlwollen in der Behandlung von Geisteskranken ubten und, von besonders schweren Fallen abgesehen, Ketten, Prugel, Duschen und einsame Haft verwarfen. Unterstutzt wurde er hierbei durch eine von Natur wohlklingende Stimme, die, wenn er mit einem Irren sich unterhielt, sogar einen Anflug von Zartheit bekam und au?erordentlich beruhigend wirkte.

Der Doktor fuhrte Frau Morel und Luisen, Frau Georges mit ihrem Sohn Germain und ihrer Schwiegertochter Lachtaube in die Anstalt. Der Hof bildete ein langliches Parallelogramm, war mit Baumen bepflanzt und mit Banken ausgestattet. An jeder Seite zog sich eine schmucke Galerie hin, auf die sich luftige Zellen offneten. Etwa funfzig Manner, samtlich die gleiche graue Kleidung tragend, gingen darin umher, in reger Unterhaltung miteinander begriffen. Zuweilen setzten sie sich auch auf eine Bank und gafften dann stumm in die Sonne.

Die Vorstellung, die man sich gemeinhin von Geisteskranken und ihrem Aussehen macht, entspricht nur selten der Wirklichkeit, sondern steht in der Regel in einem bedeutenden Kontraste dazu, und eine recht lange Beobachtung gehort oft dazu, um auf manchem Gesicht eines Geisteskranken sichere Spuren von Wahnsinn zu erkennen.

Kaum wurde Doktor Herbin im Hofe sichtbar, als ihm viele von den Irren entgegeneilten und mit einem wahrhaft ruhrenden Ausdruck von Vertrauen und Dankbarkeit die Hande entgegenstreckten.. Er gru?te jeden einzelnen auf das freundlichste und sagte herzlich: »Guten Tag, liebe Kinder, guten Tag!«

Ein paar von ihnen standen zu weit entfernt, um die Hand des Doktors zu erreichen, und reichten sie dafur der einen oder andern der in seiner Begleitung befindlichen Personen, zumeist Germain, der ihnen dann zurief: »Guten Tag, guten Tag, meine Lieben! Hoffentlich geht's recht nach Wunsch?« Und diese Freundlichkeit Germains schien diesen Unglucklichen au?erordentlich wohl zu tun.

Frau Georges fragte Doktor Herbin: »Sind das denn alles Irrsinnige, Herr?« – »Jawohl, meine liebe Frau, und sogar im Grunde genommen die gefahrlichsten der ganzen Anstalt! Tags uber la?t man sie zusammen, nachts aber werden sie in die Zellen eingesperrt, die Sie an der Mauer entlang offen stehen sehen.«

»Werden diese Menschen regelma?ig oder nur sporadisch von Tobsucht befallen?« fragte Frau Georges. – »In der Regel sind sie am tobsuchtigsten, wenn sie eingeliefert werden,« antwortete der Doktor, »und es vergeht immer eine Zeit, bis sie durch die Pflege und Behandlung, wie durch den Anblick von Unglucksgefahrten sich beruhigen. Die gleiche Milde, die ihnen gegenuber geubt wird, macht sie allmahlich sanft, so da? die Krisen, die in der ersten Zeit noch immer ziemlich haufig zu erscheinen pflegen, immer seltener auftreten. Der Mann, der auf der Bank Ihnen gegenuber sitzt, ist einer unsrer schlimmsten Kranken.«

Es war eine Art von Herkules im Alter von annahernd vierzig Jahren, mit einem hochst intelligenten Ausdruck im Gesicht, langem schwarzen Haar, galliger Hautfarbung und einer auffallend breiten Stirn. Er stand auf, trat gravitatisch zu Doktor Herbin heran und sagte in tatsachlich verbindlichem Tone:

»Herr Doktor! Jetzt mu? aber endlich einmal mir das Recht eingeraumt werden, den Blinden zu fuhren und zu unterhalten. Ich mu? Ihnen zu meinem Leidwesen sagen, da? ich es fur eine unverzeihliche Ungerechtigkeit halte, den armen Menschen um meine Unterhaltung zu bringen,« – dabei trat auf sein Gesicht ein Zug boshafter Verachtlichkeit – »und ihn statt dessen dem albernen Geschwatze eines blodsinnigen Subjektes zu uberlassen ... Was kann denn solch armer Teufel verstehen von irgend einer Wissenschaft? Und mir konnen Sie doch nicht absprechen, da? ich gewisserma?en in allen Satteln gerecht bin! Wer kann zum Beispiel au?er mir hier sprechen von Isothermen und rechtwinkligen Flachen? Wer kann ihm begreiflich machen, da? die Gleichungen mit partiellen Differenzen ihrer Kompliziertheit wegen sich gemeinhin nicht einrichten lassen? Ha! Ich hatte ihm

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