Es hatte 11 Uhr geschlagen, als zwei Fiaker am au?ern Gittertore anhielten; aus dem ersten stiegen Frau Georges, Germain und Lachtaube, aus dem zweiten Luise Morel mit ihrer Mutter.
Germain und Lachtaube waren seit vierzehn Tagen ein gluckliches Paar. Aus dem bluhenden Gesichte der jungen Frau, deren Lippen sich nur offneten, um zu lachen, oder Frau Georges zu kussen, die sie Mutter nannte, strahlte die herrlichste Frohlaune, das reinste Gluck.
Germains Zuge verrieten ein ruhigeres Gluck, in das sich neben selbstbewu?tem Stolze ein Gefuhl innigen Dankes fur das gute mutige Madchen mischte, das ihm so erquickenden Trost in das Gefangnis gebracht hatte. Lachtaube aber schien hieran langst nicht mehr zu denken. Sobald Germain das Gesprach hierauf brachte, sprach sie sogleich von etwas anderem, weil, wie sie meinte, diese Erinnerungen sie traurig stimmten. Ob sie gleich nun Madame Germain war und Rudolf sie mit einer Mitgift von 40 000 Franks ausgestattet, hatte Lachtaube doch mit Einwilligung ihres Mannes ihr Grisettenhaubchen nicht mit einem Hute vertauschen mogen, und allerdings kam die Bescheidenheit der unschuldigen Koketterie niemals besser zu statten, denn nichts konnte anmutiger und eleganter sein als ihr Haubchen mit Barben, das an jeder Seite mit zwei gro?en orange Schleifen ausgeputzt war, die das glanzende Schwarz ihres schonen Haares noch mehr hervorhoben, das sie in langen Locken trug, seit ihr Zeit genug blieb, sich Lockenwickel zu drehen. Ein reichgestickter Kragen umgab den reizenden Hals der jungen Frau. Ein persischer Schal von derselben Farbe wie die Haubchenbander verhullte halb ihre zierliche Taille: das hoch hinaufreichende Taffetkleid warf, trotzdem sie fur gewohnlich kein Korsett trug, nicht die kleinste Falte.
Frau Georges betrachtete mit gluckstrahlender Miene ihren Sohn und sein Lachtaubchen: ihr Herz schwamm gleichsam in Wonne.
Luise Morel war nach einem eingehenden Untersuchungsverfahren von der wider sie erhobenen Anklage freigesprochen worden. Auf ihrem Gesicht lag freilich noch die Spur der uberstandenen Haft recht deutlich ausgepragt, aber die liebliche Milde ihres ganzen Wesens kam schon wieder zum wohlwenden Vorschein. Die Mutter, die sich in ihrer Begleitung nach Bicetre begeben hatte, war zufolge der durch Rudolfs Freigebigkeit ihr zuteil gewordenen sorgsamen Pflege vollstandig wieder gesundet.
Der Hauswart fragte Frau Georges, was sie hier suche, und als sie sagte, da? sie von einem der Irrenarzte – dem Doktor Herbin – auf halb zwolf Uhr mit den in ihrer Begleitung befindlichen Personen herbestellt worden sei, wurde ihr freigestellt, ob sie bis zu der festgesetzten Zeit auf dem Hofe verweilen oder ins Wartezimmer eintreten wolle. Sie entschied sich fur das erstere, und ging, auf ihres Sohnes Arm gestutzt, in lebhafter Unterhaltung mit der Frau des armen Steinschneiders auf und ab. In gemessenem Abstande von ihnen schritten Luise und Lachtaube hinterher.
Zweites Kapitel.
Was Lachtaube Luisen zu erzahlen hatte
»Ach, wie mich das freut, liebe Luise, wieder einmal mit Ihnen zusammen zu sein!« sagte Lachtaube; »als wir von Bouqueval her an dem Hause vorbeikamen, wo Sie wohnen, wollte ich schon hinaufgehen und nach Ihnen fragen, aber mein lieber Germain litt es nicht, weil es zu hoch sei. Deshalb habe ich unten im Fiaker gewartet. Da wir nun aber vorausfuhren, – ich wei? nicht, weshalb es von meinem Manne so bestimmt wurde, – habe ich Sie erst wieder hier gesehen.«
»O, mein liebes, liebes Lachtaubchen,« antwortete Luise, »ich denke immer noch daran, in welch herzlicher Weise Sie mir in Saint-Lazare Trost zusprachen. Sie haben wirklich ein zu edles Gemut!«
»Vor allem andern, meine liebe Freundin,« antwortete Lachtaube lustig, in der Absicht, weiteren Dankesworten die Moglichkeit abzuschneiden, »bin ich jetzt kein Fraulein Lachtaube mehr, sondern die Frau Germain! Verstehen Sie? In aller Form Rechtens verehelicht seit nun beinahe vierzehn vollen Tagen! Ich wei? ja nicht, ob Ihnen das bisher bohmische Dorfer gewesen, aber – Sie mussen mir schon erlauben, streng auf den Titel zu halten, der mir zufolge dieser burgerlichen und kirchlichen Zeremonie zusteht.«
»O, gewi? habe ich gewu?t, da? sie Herrn Germains Frau geworden sind,« antwortete Luise, »aber da? ich Ihnen fur das mir erwiesene Gute als der lieben, trauten Lachtaube danke, das durfen Sie mir wirklich nicht ubelnehmen!«
»Nun, meinetwegen,« sagte mit schelmischem Lachen die junge Frau, wieder in der Absicht, die Gedanken ihrer Freundin auf ein anderes Gebiet zu lenken, »da? wir aber uns so schnell nur haben verheiraten konnen, weil Herr Rudolf das Fullhorn seiner Gute uber uns ausgeschuttet hat, das wissen Sie doch vielleicht noch nicht? O, denken Sie nur, nicht blo? eine sichere Lebensstellung hat er meinem Manne verschafft, sondern mir eine wunderschone Ausstattung gekauft, eine Ausstattung, deren sich keine Patriziertochter zu schamen brauchte, und au?erdem mir sogar noch 40 000 Franks Heiratsgut gestiftet! O, der liebe, liebe Herr Rudolf ist uns allen wirklich und wahrhaftig ein gutiger Engel gewesen!«
»Ach, wir segnen Herrn Rudolf jeden Tag. – Als ich Saint-Lazare verlie?, sagte mir der Advokat, der mich in seinem Auftrage aufsuchte, um mir Mut einzusprechen und mich mit Rat und Tat zu unterstutzen, Herr Ferrand« – die Ungluckliche konnte den Namen nicht ohne Zittern und Beben aussprechen – »sei durch Herrn Rudolf veranla?t worden, mir und meinem Vater eine Rente auszusetzen als Suhne fur die Schlechtigkeiten, die er an meinem armen Vater und mir verubt hat. Mein Vater ist leider noch immer hier, aber es geht, Gott sei Dank, taglich besser mit ihm.«
»Er wird heute mit Ihnen nach Paris zuruckkehren, wenn die Hoffnung des wurdigen Herrn Herbin – des Abteilungsarztes, auf den wir hier warten, in Erfullung geht.« –»Gebe es Gott!«
»Gott wird es wohl machen, Freundin! – Ihr Vater ist ja so gut und so rechtschaffen! Ich bin uberzeugt, da? er mit uns nach Hause fahren darf. Der Arzt ist der Meinung, da? die unerwartete Anwesenheit der Personen, welche Ihr Vater vor seiner Krankheit taglich sah, seine Heilung vollenden werde.«
»Ich wage nicht, es zu glauben, mein liebes Fraulein.«
»Frau – wenn ich bitten darf, Luise – Frau Germain. Um aber wieder auf meine Rede zuruckzukommen, Sie wissen wohl nicht, wer Herr Rudolf ist?«
»Er ist die Vorsehung der Unglucklichen.«
»In erster Linie ja, aber dann? – Das wissen Sie nicht! Nun, ich will es Ihnen sagen.«
Lachtaube wendete sich darauf an ihren Mann, der mit seiner Mutter ein paar Schritte vor ihr herging und mit der Frau des Steinschneiders sprach: »Gehe nicht so schnell, lieber Mann, unsere Mutter wird ja mude und dann – habe ich dich auch lieber in der Nahe –« Germain drehte sich um, ging etwas langsamer und lachelte seiner jungen Frau zu. »Wie allerliebst mein Germain ist! Nicht wahr, Luise? – Er hat etwas Nobles an sich – und eine so schone Taille als meine anderen Nachbarn, Giraudeau, der Reiseonkel und Cabrion! Ach, uber Cabrion fallt mir ein, wo steckt denn Herr Pipelet mit seiner Frau? Der Arzt sagte doch, sie kamen auch, weil Ihr Vater sehr oft von ihnen gesprochen hatte?«
»Sie werden kommen. Als ich von Hause wegging, waren sie schon fort –«
»So werden sie sich gewi? einfinden; Pipelet ist ja punktlich wie eine Uhr. – Aber um auf meine Heirat und Herrn Rudolf zuruckzukommen. Denken Sie sich, Luise, da? er meinem Germain durch mich den Freilassungsbefehl zustellen lie? ... O, Sie konnen sich unsre Freude gar nicht ausmalen, als wir das verwunschte Gefangnis hinter uns hatten. In meinem Stubchen angelangt, machte ich uns ein Mittagbrot zurecht – o, Germain hat gar tuchtig dabei zugreifen mussen – aber der gro?te Feinschmecker hatte sich die Finger danach geleckt, das durfen Sie mir glauben: Koteletten gabs und Schoten und Mohrruben dazu, und hinterher einen Reisauflauf mit Himbeersauce, und dann feinen Roquefort als Nachtisch – ich sage Ihnen, es ware gar kein Wein dazu notig gewesen, aber Germain lie? es sich nicht nehmen, eine feine Pulle Rotspohn dazu vom nachsten Weinhandler zu holen! Aber wie es dann ans Essen gehen sollte, ja prosit Mahlzeit! Da schnurte uns beiden die Freude die Kehle zu, da? wir kaum einen Bissen herunterbringen konnten. Wenigstens hats eine ganze Weile gedauert, bis uns Zunge und Gaumen parieren wollten. Als wir mit vieler Muhe fertig geworden waren, ging mein Germain fort mit dem heiligen Versprechen, am andern Tage in aller Fruhe wieder bei mir zu sein. Ich war schon vor funf Uhr am Gange und bei meiner Arbeit, denn ich hatte doch ganze zwei Tage versaumt. Da pochte es auf einmal. Ich gucke auf die Uhr. Es ist gerade acht. Ich renne zur Tur, in der Meinung, Germain sei es. Und wer steht da? Herr Rudolf! Naturlich dankte ich ihm aus meines Herzens tiefstem Grunde unverzuglich fur alles Gute und Liebe, was er meinem Germain angetan, aber er lie? mich nicht lange schwatzen, sondern sagte: »Meine herzliebe Nachbarin, Germain wird sicher bald da sein, und sobald er Ihnen den ersten Ku? gestohlen, geben Sie ihm hier den Brief.
