»Und,« fuhr Thomas Seyton zogernd, jedes Wort abwagend, fort, »wenn du durch einen Zufall – wir wollen einmal etwas Unmogliches annehmen, – durch ein Wunder erfahren solltest, deine Tochter lebe noch, – wie wurdest du diese Nachricht ertragen?« – »Ich wurde sterben vor Scham und Verzweiflung bei ihrem Anblicke,« – »Glaube doch das nicht, der Triumph deines Ehrgeizes wurde dich zu sehr berauschen, – denn, wenn deine Tochter noch lebte, wurde dir ja doch der Furst, wie er zu dir sagte, seine Hand geben.«
»Wenn ich diesen unmoglichen Fall gelten lasse, so – wurde ich kein Recht mehr am Leben haben, denn im Besitze der Hand des Fursten wurde mir die Pflicht erwachsen, ihn von einer Frau, die seiner nicht wurdig, und meine Tochter von einer Mutter zu erlosen, deren sie sich schamen mu?te.«
Thomas Seytons Verlegenheit steigerte sich mit jedem Augenblicke. Ihm war durch Rudolf, der sich im Nebenzimmer aufhielt, der Auftrag geworden, Sarah zu eroffnen, da? ihr Kind noch am Leben sei, und wu?te nun nicht, wie er sich dieses Auftrages am besten erledigte. Das Leben seiner Schwester hing an einem sehr schwachen Faden und konnte jeden Augenblick verloschen. Sollte ein Ehebund zwischen dem Fursten und ihr noch geschlossen werden, so war jeder Verzug gefahrlich. Um die traurige Handlung vollziehen zu lassen, hatte Furst Rudolf durch den Baron von Graun einen Geistlichen herbescheiden lassen. Als Zeugen der Grafin waren durch Seyton Herzog von Lucenay und Lord Douglas bestellt worden und hatten sich eben eingefunden.
Die Gewissensbisse, die jetzt bei Sarah an Stelle ihrer bisherigen Ehrsucht getreten waren, erschwerten Seyton seine Aufgabe au?erordentlich. Jetzt beruhte all seine Hoffnung darauf, da? Sarah nicht blo? ihn, sondern auch sich selbst tausche, und da? ihr Stolz sich wieder regen wurde, sobald sich ihr das so hei? ersehnte Diadem zeigte.
»Schwester,« sagte er mit feierlicher Betonung, »du siehst mich in einer hochst peinlichen Situation ... ich wiederhole dir, ein Wort aus meinem Munde kann dir Leben oder Tod geben.« – »Und ich, Bruder, habe dir gesagt, da? es fur mich keine Erregungen mehr geben kann.« – »Auch nicht, wenn es sich um deine – Tochter handeln sollte?« – »Meine Tochter?« wiederholte Sarah; »du wei?t doch, da? sie nicht mehr unter den Lebenden weilt.« –
»Wer sagt es?« rief Seyton – »und nun angenommen, es ware nicht der Fall, sondern deine Tochter noch am Leben?« – »Bruder, mehre nicht meine Gewissenspein noch! Sie ist ohnehin kaum zu ertragen.« – »Und doch mu? ich dir sagen, Schwester, wir haben mit diesem Falle zu rechnen! La? dir sagen, da? deine Tochter lebt! da? sie durch Rudolf dem Tode entrissen worden – und nun sage du mir, wie du dich in diesem Falle zu Verhalten gedenkst.«
»Was faselst du, Tom? Das Madchen, dem ich einst das Leben gab, weilt langst nicht mehr unter den Lebenden.« – »Und ich sage dir, Schwester, da? du im Irrtume bist ... Drau?en im andern Zimmer steht der Furst, in Gesellschaft eines Geistlichen und zweier Freunde von mir. Ich versichere dich, du stehst der endlichen Erfullung deines hei?en Wunsches naher denn je! Die Prophezeiung, die dich so lange genarrt hat, soll sich erfullen, Sarah! Du sollst zur Furstin, zur Gro?herzogin erhoben werden!«
Wahrend er dieses sagte, hatte er keinen Blick von seiner Schwester gelassen, hatte angstlich gespaht nach irgend einem Zeichen einer ungewohnlichen Erregung; zu seiner nicht geringen Verwunderung erlitten aber Sarahs Zuge nicht die geringste Veranderung. Sie legte nur beide Hande auf die Herzgrube, lehnte sich in ihrem Sessel zuruck, unterdruckte einen leichten Aufschrei, der ihm durch einen jahen starken Schmerz abgerungen zu werden schien ... Dann aber gewann ihr Gesicht die alte Ruhe wieder ...
»Schwester,« fragte er besorgt, »was ist dir?« – »O, nichts! nichts! Mich droht nur die jahe Freude, endlich das Ziel meines langen Sehnens zu erreichen, zu ersticken., Bruder, es ist zuviel, das zu ertragen.« – »So habe ich mich,« dachte Thomas bei sich, »doch nicht getauscht; ihre Ehrsucht packt sie wieder, sie ist gerettet!« Dann trat er dicht vor sie hin und fragte: »Nun, Schwester, was soll ich ihm sagen?«
»Du hast recht gehabt, Tom,« antwortete sie, die Gedanken, die den Bruder beschlichen, erratend, mit herbem Lacheln: »Noch einmal hat Ehrsucht die Mutterliebe ertotet, die sich in meinem Herzen zu regen begann.« – »Du wirst leben, Sarah, und – lieben, wenigstens doch deine Tochter lieben!« – »Da? ich leben werde, Tom, daran zweifle ich nicht; sieh doch nur, wie ruhig ich bin.« – »Erzwungen ist diese Ruhe nicht?« fragte er lauernd. – »Wie sollte sie es sein? Traust du mir hierzu noch Kraft genug zu?« Nach einer Weile richtete sie sich in ihrem Bett auf ... »Sprich, Tom, wo ist der Furst?« –
»Im Zimmer nebenan,« antwortete Tom. »Soll ich ihn rufen?« – »Ja,« sagte sie leise, »vor der Zeremonie, von der du redest, mochte ich ihn unter vier Augen sprechen.«
– »Im Ernst, Schwester?« – »Gewi?, im Ernst, Tom,« erwiderte sie, »und meine Tochter – weilt sie auch hier?«
– »Nein! Doch sollst du sie spater sehen.« – »Schon! Mir auch recht! Zeit bleibt ja noch,« antwortete Sarah, »so la? den Fursten hereintreten!« – »Schwester, aber deine Miene ...« – »O, verlangst du etwa, da? ich lachen solle? Meinst du, gesattigte Ehrsucht sahe sanft und rosig aus? Ich sage dir, la? ihn hereintreten, den Fursten!«
Die eigentumliche Ruhe seiner Schwester machte Tom unruhig. Einen Augenblick war es ihm vorgekommen, als ob Tranen in ihren Augen flimmerten. Zogernd stand er eine Weile. Dann schritt er zur Tur zuruck und verschwand.
»Jetzt bin ich zufrieden,« sprach Sarah bei sich, als sie allein war, »wenn es mir blo? vergonnt werden sollte, meine Tochter zu sehen und zu umarmen. Es wird wahrscheinlich seine Schwierigkeiten haben. Aber ich denke doch, da? Rudolf sich bestimmen lassen wird, mich dieser hohen Gunst teilhaftig werden zu lassen ... O, ich wills an nichts fehlen lassen, ihn dazu zu bestimmen! ... Doch still, da kommt er!«
Rudolf trat uber die Schwelle und schlo? die Tur hinter sich ... »Sie haben aus Ihres Bruders Munde vernommen, um was es sich handelt?« fragte er kalt und schroff. – »Ja.« – »Ihr Ehrgeiz ist befriedigt?« – »Ja.« – »Nun, der Geistliche ist zur Stelle, und die Zeugen auch.« – »Ich wei? es.« – »Sollen die Herren eintreten?«
»Ein Wort vorher ...« – »Nun?« – »Ich mochte meine Tochter einmal sehen.« – »Dieser Wunsch wird sich nicht erfullen lassen.« – »Rudolf, ich bitte darum, bitte instandig darum!« – »Das Kind hat sich von den letzten Aufregungen, die auf sie eingesturmt sind, noch nicht erholt. Erst heute morgen hat sie wieder eine starke Gemutserregung gehabt, und eine solche Begegnung konnte fur sie vom gro?ten Verderben sein.«
»Sie wird doch ihrer Mutter einen Ku? geben durfen?« – »Wozu das?« antwortete Rudolf, abweisend; »was fragt Ihr Herz danach, wenn es seinen Ehrgeiz befriedigt wei??« – »Noch ist dies nicht der Fall,« versetzte Sarah, »sondern soll erst geschehen... und wird erst geschehen, wenn ich meine Tochter habe kussen durfen.« Rudolf ma? die Grafin mit einem Blicke hellster Verwunderung ... »Wie? Sie stellten Mutterliebe der Ehrsucht voran?« fragte er. – »Erschreckt Sie das?« fragte Sarah. – »Zum wenigsten mu? es mich wunder nehmen,« sagte er, »denn ich kannte Sie von dieser Seite noch nicht.« – »Antworten Sie mir kurz und bundig, Furst: werde ich mein Kind sehen durfen oder nicht?« – »Ich bin au?er –«
»Sehen Sie sich vor, Furst,« fiel Sarah ihm ins Wort, »die Augenblicke mochten gezahlt sein. Mein Bruder sagte mir eben noch, solche Erregung konne mein Tod sein, konne mich vielleicht auch retten. Sie sehen, da? ich momentan all meine Krafte zusammenraffe – und sie tun mir wahrlich not, um gegen die Gemutsbewegung anzukampfen, die solche Entdeckung hervorrufen mu? ... Entweder ich darf meine Tochter sehen und kussen,« rief sie fest und bestimmt, »oder ich verzichte darauf, Ihnen angetraut zu werden. Im letzteren Falle bleibt auf Ihrem und meinem Kinde der Schimpf, ein Bastard zu sein, eben haften.«
»Das Kind ist nicht da,« erwiderte Rudolf, »ich mu?te es also erst holen lassen ...« – »Nun, dann lassen Sie sie holen! Auf der Stelle!« erwiderte Sarah, sich aufrichtend. »Sobald ich sie gesehen habe, werde ich in alles willigen, was Sie von mir begehren. Aber, wie schon einmal gesagt, die Augenblicke durften gezahlt sein, drum mag, wahrend man meine Tochter abholt, die Vermahlung vor sich gehen.«
»Obgleich dieses Gefuhl bei Ihnen mich uberrascht, will ich Ihnen doch zu Willen sein. Also gut! Sie sollen Marie sehen – ich werde ihr schreiben.« – »Hier, an dem Schreibtisch, bitte, wo ich verwundet wurde.« – Wahrend Rudolf eilig ein paar Worte zu Papier brachte, trocknete die Grafin die Stirn, auf der kalter Schwei? perlte. Ihre bis dahin starren Zuge verrieten ein verborgnes, heftiges Leiden. Es sah aus, als wirke es beruhigend auf sie, da? sie sich nun keinen Zwang mehr anzutun brauchte.
Rudolf war mit dem Schreiben fertig, stand auf und sagte zu Sarah: »Ich lasse den Brief durch einen Adjutanten meiner Tochter bringen. In einer halben Stunde kann sie hier sein. Soll ich den Geistlichen und die Zeugen herbeirufen?« – »Meinetwegen – aber klingeln Sie doch lieber, statt mich allein zu lassen. Schicken Sie Sir Walter. Er kann ja den Pfarrer und die Zeugen holen.«
Rudolf klingelte. Eine Dienerin Sarahs erschien. »Mein Bruder soll Sir Walter Murph herschicken,« befahl die Grafin. – die Dienerin ging. – »Solch eine Vermahlung ist etwas Trauriges, Rudolf,« sagte die Grafin bitter,
