beendet hatte, und ihrer Entschlossenheit, ihre damalige Drohung -
Weshalb er das war, hatte sie nie ganz ergrunden konnen. Irgendwie besa? Malcolm jedoch die Fahigkeit, die vordergrundigen Aspekte seiner Ermittlungen auszuklammern und sich in Opfer und Tater hineinzuversetzen. Wie Cynthia mehrmals miterlebt hatte, fuhrte das oft dazu, da? er in bezug auf Mordfalle zu den richtigen Schlussen gelangte - entweder allein oder fruher als alle anderen.
Cynthia vermutete, da? Ainslies Ausbildung zum Priester etwas damit zu tun hatte, und wie aus Hank Brewmasters Schilderung hervorging, hatte sein hoher Bildungsgrad es ihm ermoglicht, den Zusammenhang zwischen den an den Tatorten der Serienmorde zuruckgelassenen bizarren Gegenstande zu erkennen.
Cynthia verdrangte ihre Erinnerungen wieder. Bisher ware sie nie auf die Idee gekommen, Malcolms Intellekt konnte sich auf sie personlich auswirken. Jetzt furchtete sie ihn.
Sie beschlo?, das Treffen nicht hinauszuschieben, sondern es sofort hinter sich zu bringen - zu von ihr diktierten Bedingungen. Nach ihrer schlaflos verbrachten Nacht erschien Cynthia am nachsten Morgen schon in aller Fruhe bei der Mordkommission, wo sie Lieutenant Newbolds Buro fur sich beanspruchte und ihn anwies, Sergeant Ainslie zu ihr zu schicken, sobald er zum Dienst erschien. Malcolm, der zuvor im Haus ihrer Eltern gewesen war, traf wenig spater ein.
Nachdem Cynthia ihm unmi?verstandlich klargemacht hatte, wie gro? der Rangunterschied zwischen ihnen war - ein Major stand drei Dienstgrade uber einem Sergeant - und da? zwischen ihnen keinerlei personliche Beziehung mehr existierte, stellte sie ihm prazise Fragen uber die Ermordung ihrer Eltern.
Wahrend sie sich die Antworten anhorte, war sie sich daruber im klaren, da? Malcolm sie unauffallig musterte, und begru?te diese Tatsache. Sein mitfuhlender Gesichtsausdruck zeigte ihr, da? er ihre rotgeranderten Augen bemerkt hatte. Ausgezeichnet! Ihre Trauer uber den Tod ihrer Eltern war offensichtlich, und Malcolm zweifelte sie nicht an; damit war ihr erstes Ziel erreicht.
Ihr zweites Ziel war, Kraft ihrer Autoritat auf schnellste Aufklarung des Mordes an ihren Eltern zu drangen, da? Malcolm gar nicht auf die Idee kommen wurde, sie irgendwie zu verdachtigen. Im weiteren Verlauf ihres Gesprachs merkte Cynthia, da? ihr das gelungen war.
Gegen Ende spurte sie bei Malcolm ein gewisses Mi?trauen, als sie ihn nach den Symbolen befragte, die er mit der Offenbarung des Johannes in Verbindung gebracht hatte.
Au?erdem vermutete sie, da? er nicht vorhatte, sie uber die Arbeit seiner Sonderkommission so luckenlos auf dem laufenden zu halten, wie sie es gefordert hatte. Aber sie hielt es fur kluger, nicht allzu nachdrucklich auf diesem Punkt zu bestehen, sondern dieses Gesprach, das eine unangenehme Konfrontation hatte werden konnen, mit deutlichen Vorteilen fur sich zu beenden.
Als die Tur sich hinter Malcolm Ainslie schlo?, uberlegte Cynthia sich, ob sie seine Fahigkeiten vielleicht nicht doch uberschatzt hatte.
Bevor Gustav und Eleanor Ernst mit allem Pomp feierlich beigesetzt wurden, fand am Tag zuvor die Totenwache statt, die acht Stunden dauerte und an der insgesamt etwa neunhundert Personen teilnahmen. Diese zweitagigen Trauerfeierlichkeiten waren etwas, das Cynthia irgendwie durchstehen mu?te, obwohl sie sich sehnlichst wunschte, schon alles hinter sich zu haben. Von ihr wurde erwartet, die trauernde Tochter zu spielen, aber zugleich soviel Fassung und Wurde zu bewahren, wie ihrem hohen Polizeidienstgrad entsprach. Bemerkungen, die sie aufschnappte, und Beileidsbekundungen von Trauergasten zeigten ihr, da? sie ihre Rolle recht gut gespielt hatte.
Eines der wahrend der Totenwache gefuhrten Gesprache wurde hoffentlich bleibende Nachwirkungen haben. Cynthia fuhrte es mit zwei Mannern, die sie sehr gut kannte: mit Miamis Oberburgermeister Lance Karlsson und City Commissioner Orestes Quintero, einem der beiden ehemaligen Kollegen ihres Vaters. Der Oberburgermeister, ein sonst jovialer ehemaliger Industrieller, sprach traurig uber Cynthias Vater und fugte hinzu: »Gustav wird uns sehr fehlen.« Quintero, der etwas jungere Erbe eines mit Spirituosen erworbenen Familienvermogens, pflichtete ihm bei: »Es wird schwierig werden, ihn zu ersetzen. Er hat so gut verstanden, wie die Stadtverwaltung funktioniert.«
»Ja, ich wei?«, antwortete Cynthia. »Ich wollte, ich konnte irgendwie weitermachen, wo er aufgehort hat.«
Sie sah, wie die beiden Manner einen Blick wechselten, bevor der Oberburgermeister kaum merklich nickte.
»Entschuldigen Sie mich bitte, ich mu? mich anderen Gasten widmen«, sagte Cynthia. Als sie davonging, wu?te sie, da? ihre Idee auf fruchtbaren Boden gefallen war.
Einen Tag nach der feierlichen Bestattung sa? Cynthia in ihrer Dienststelle am Schreibtisch, als sie einen Anruf bekam, den ihr Gesprachspartner als vertraulich bezeichnete. Nachdem sie kurz zugehort hatte, antwortete sie: »Danke, ich nehme gern an.«
Vierundzwanzig Stunden spater gab die Miami City Commission unter Vorsitz von Oberburgermeister Lance Karlsson bekannt, sie habe satzungsgema? entschieden, Cynthia Ernst zur Nachfolgerin ihres Vaters zu ernennen, dessen Amtszeit als gewahlter City Commissioner in zwei Jahren abgelaufen ware. Wieder einen Tag spater kundigte Cynthia ihr Ausscheiden aus dem Polizeidienst an.
Als weitere Tage und Wochen vergingen, in denen Cynthia ihre neuen Amtspflichten ubernahm, fuhlte sie sich zunehmend sicherer. Zweieinhalb Monate spater wurde Elroy Doil, einer der von der Sonderkommission uberwachten Verdachtigen, auf frischer Tat ertappt und wegen Mordes angeklagt. »Animal« Doils Verhaftung am Tatort des Mordes an Kingsley und Nellie Tempone sowie zahlreiche Indizienbeweise lie?en Polizei, Medien und Offentlichkeit glauben, er sei fur alle fruheren Serienmorde verantwortlich.
Lediglich ein Faktor uberschattete die erfolgreichen Ermittlungen der Sonderkommission: die Entscheidung von Staatsanwaltin Adele Montesino, Doil lediglich wegen des eindeutig nachweisbaren Doppelmords an dem Ehepaar
Tempone anzuklagen. In den ubrigen Fallen war die Beweislage ihrer Meinung nach zwar eindeutig, aber weit weniger zwingend.
Diese Entscheidung loste Proteste der Angehorigen anderer Opfer des Serienmorders aus, denen Commissioner Cynthia Ernst sich anschlo?, weil sie wollte, da? Doil auch wegen der Ermordung ihrer Eltern verurteilt wurde. Letztlich machte das aber keinen Unterschied. Doil leugnete
In den sieben Monaten zwischen »Animal« Doils Verurteilung und der Festsetzung des Hinrichtungstermins passierte etwas, das Cynthia Ernsts Nerven au?erst strapazierte. Obwohl ihr neues Leben als City Commissioner ziemlich hektisch war, dachte sie jeden Tag mindestens einmal - wie aus heiterem Himmel - an etwas, das sie sich seit langem vorgenommen, aber bisher nicht durchgefuhrt hatte. Unbegreiflicherweise hatte sie den Karton mit Belastungsmaterial, das sie in der Nacht, in der Patrick ihr gestanden hatte, seine Exfrau Naomi und Kilburn Holmes erschossen zu haben, zusammengestellt hatte, vollig vergessen. Aber jetzt war sie sich daruber im klaren, da? sie den Karton mit seinem belastenden Inhalt langst hatte beseitigen mussen.
Cynthia wu?te genau, wo der Karton stand. Nachdem sie ihn in ihrer Wohnung sorgfaltig zugeklebt und versiegelt hatte, nahm sie ihn mit ins Haus ihrer Eltern in Bay Point und verstaute ihn in ihrem Zimmer.
Obwohl das Haus seit dem Tod ihrer Eltern leer stand, hatte Cynthia dort nichts verandert. Sie wollte erst den Erbschein in der Hand haben, bevor sie sich entweder dafur entschied, die Villa in Bay Point zu verkaufen oder sie vielleicht selbst zu bewohnen. Die jeweiligen Testamente von Gustav und Eleanor Ernst wiesen sie als Haupterbin aus. Cynthia hatte in ihrem Elternhaus schon mehrmals Gesellschaften gegeben und beschaftigte daher den Butler Theo Palacio und seine Frau Maria als Hauspersonal weiter.
Cynthia beschlo?, den Mittwoch der kommenden Woche fur ihre langst uberfallige Aktion zu nutzen. Sie wies ihre Sekretarin Ofelia an, samtliche fur diesen Tag eingetragenen Termine zu verlegen und keine neuen zu vereinbaren. Dann begann sie mit den Vorbereitungen fur die Versenkung des Belastungsmaterials.
Sie kannte einen Bootseigner, der fruher gelegentlich Auftrage ihres Vaters ubernommen hatte: ein schweigsamer, barbei?iger ehemaliger Marineinfanterist, der sich oft am Rand der Legalitat bewegte, aber absolut zuverlassig war. Cynthia rief ihn an, erfuhr von ihm, da? er an dem bewu?ten Mittwoch verfugbar war, und teilte ihm mit: »Ich mochte Ihr Boot fur den ganzen Tag mieten und bringe einen Freund mit, aber au?er Ihnen darf
