keine weitere Besatzung an Bord sein.« Der Bootseigner beschwerte sich zwar daruber, da? er die ganze Arbeit allein tun musse, aber zuletzt war er naturlich doch einverstanden.
Die Behauptung, sie werde einen Freund mitbringen, war eine Luge. Cynthia wurde allein aufkreuzen und nur so lange an Bord bleiben, wie es dauerte, tiefes Wasser zu erreichen, den Karton in einem Blechkasten uber Bord zu werfen und an Land zuruckzukehren. Aber sie wurde eine ganze Tagesmiete bezahlen, damit der Bootseigner den Mund hielt. Und sie kannte einen abgelegenen kleinen Laden, in dem sie am Vortag einen geeigneten Kasten kaufen und bar bezahlen konnte.
Nachdem diese Vorbereitungen getroffen waren, fuhr Cynthia nach Bay Point und ging in ihr Zimmer hinauf. Sie glaubte zu wissen, wo der Karton stehen mu?te, konnte ihn aber zu ihrer Uberraschung nicht finden. Offenbar hatte ihre Erinnerung getrogen. Sie raumte weitere Gegenstande beiseite, bis schlie?lich der ganze Schrank leer war, aber der Karton blieb verschwunden. Ihre bis dahin muhsam unterdruckte Besorgnis eskalierte plotzlich.
Schlie?lich benutzte sie das Haustelefon, um Theo Palacio in den ersten Stock zu zitieren. Er kam sofort herauf.
Als Cynthia ihm den verschwundenen Karton beschrieb, antwortete Palacio sofort: »An den erinnere ich mich gut, Miss Ernst. Die Polizei hat ihn wie viele weitere Gegenstande beschlagnahmt und mitgenommen. Das war ein Tag nach... « Der Butler schuttelte traurig den Kopf. »Das ist am zweiten Tag der Ermittlungen gewesen, glaube ich.«
»Und das haben Sie mir nicht gesagt?« fragte sie scharf.
Palacio machte eine hilflose Handbewegung. »Hier ist so viel passiert. Und da die Polizei den Karton mitgenommen hat, habe ich vorausgesetzt, Sie wu?ten davon.«
Die Tatsachen kamen Stuck fur Stuck ans Tageslicht.
Theo Palacio berichtete: »Die Polizei hat einen Durchsuchungsbefehl gehabt. Einer der Kriminalbeamten hat ihn vorgewiesen und mir erklart, sie wollten sich alles ansehen.«
Cynthia nickte. Das war das bei Mordfallen ubliche Verfahren, das sie trotz sorgfaltiger Planung jedoch nicht vorausgesehen hatte.
»Nun«, fuhr der Butler fort, »dabei haben sie zahlreiche Kartons mit Papieren gefunden - viele anscheinend von Ihrer Mutter -, und soviel ich wei?, konnten die Beamten sie nicht hier sichten, sondern haben sie mitgenommen, um das anderswo zu tun. Sie haben alle Kartons, auch den Ihren, zugeklebt und im Erdgescho? aufgestapelt. Ihr Karton ist bereits zugeklebt gewesen; ich glaube, das war der Grund, warum sie ihn mitgenommen haben.«
»Haben Sie ihnen nicht gesagt, da? er mir gehort?«
»Ehrlich gesagt, Miss Ernst, daran habe ich nicht gedacht. Hier ist soviel passiert, da? Maria und ich vollig verwirrt gewesen sind. Sollte ich unabsichtlich einen Fehler gemacht haben, bitte ich um... «
Cynthia winkte ab. »Schon gut, Theo!« Ihr Verstand arbeitete fieberhaft.
Seit dem Mord an ihren Eltern waren vierzehn Monate vergangen; folglich war der bewu?te Karton seit damals beschlagnahmt. Eines stand jedenfalls fest: Er war bisher nicht geoffnet worden, sonst hatte sie davon gehort. Cynthia glaubte au?erdem zu wissen, wo ihr Karton sich befand.
Als Cynthia wieder in ihrem Buro in der City Commission sa?, nachdem sie das Boot abbestellt hatte, zwang sie sich dazu, nuchtern objektiv nachzudenken. Es gab Augenblicke, in denen man ubermenschlich ruhig sein mu?te - und dies war einer. In Bay Point ware sie vor Entsetzen uber die unglaubliche Dummheit, die sie gemacht hatte, fast in Verzweiflung geraten. Aber jetzt hatte sie sich wieder unter Kontrolle.
Das Wichtigste zuerst.
Ihre Entdeckung warf zwei wichtige Fragen auf, von denen die erste schon beantwortet war: Der Karton war
Sie blatterte in einem Telefonverzeichnis und wahlte die Nummer der Asservatenkammer der Miami Police. Eine Telefonistin meldete sich.
»Hier ist Commissioner Ernst. Captain Iacone, bitte.«
»Ja, Ma'am.«
Sekunden spater sagte eine Mannerstimme: »Hier Wade Iacone, Commissioner Ernst. Was kann ich fur Sie tun?«
»Ich mochte Sie besuchen, Wade.« Die beiden kannten sich aus Cynthias Dienstzeit in der Mordkommission. »Wann hatten Sie mal Zeit?«
»Fur Sie immer.«
Sie vereinbarten, da? Cynthia in einer Stunde bei ihm sein wurde.
In der Asservatenkammer im Polizeiprasidium herrschte wie ublich reger Betrieb, wahrend Iacones Mitarbeiter Unmengen von winzigen bis riesigen, von kostbaren bis wertlosen Gegenstanden katalogisierten, lagerten und bewachten. Der einzige gemeinsame Nenner war die Tatsache, da? alle mit Verbrechen zu tun hatten und spater als Beweismaterial dienen konnten. Die gro?en Lagerraume schienen bereits ubervoll zu sein, aber irgendwie wurde fur den nie abrei?enden Strom taglich neu hereinkommender Gegenstande doch noch Raum geschaffen. Captain Iacone empfing Cynthia am Eingang und nahm sie in sein winziges Buro mit. Nicht einmal fur den Abteilungsleiter gab es in der Asservatenkammer genug Platz.
Sobald sie sich gegenubersa?en, begann Cynthia: »Nach der Ermordung meiner Eltern...« Dann machte sie eine Pause, als der Veteran Iacone traurig den Kopf schuttelte.
»Ich hab's damals kaum glauben konnen. Es hat mir schrecklich leid getan.«
»Ich bin noch immer nicht ganz daruber hinweg«, bestatigte Cynthia seufzend. »Aber nachdem der Fall nun abgeschlossen ist und Doil bald hingerichtet wird... Nun, ich habe einige Dinge zu erledigen, und dazu gehort, da? ich mir die Papiere meiner Eltern zuruckhole, die vor uber einem Jahr in unserem Haus beschlagnahmt worden sind. Ich nehme an, da? sie hier bei Ihnen lagern.«
»Wir haben
Der Captain nickte. »Ja, wir haben einiges von Ihren Eltern sogar ziemlich viel. Jetzt erinnere ich mich wieder.«
»Ich wei?, wieviel Sie hier taglich zu bewaltigen haben. Mich wundert, da? Sie sich uberhaupt daran erinnern.«
»Nun, das ist ein wichtiger Fall gewesen; wir haben alle gro?en Anteil daran genommen. Die Papiere sind alle in Kartons verpackt, und die Kriminalbeamten wollten sie bei Gelegenheit aus dem Lager holen, um sie durchzusehen.« Iacone sah erneut auf seinen Bildschirm. »Aber anscheinend haben sie's nie getan.«
»Warum eigentlich nicht?« fragte Cynthia aus Neugier.
»Meines Wissens hat damals niemand Zeit dafur gehabt. Einige Verdachtige sind Tag und Nacht uberwacht worden; jeder in der Mordkommission hat schon Uberstunden gemacht, so da? nie mand die Unterlagen sichten konnte. Und dann ist der Serienmorder gefa?t worden.«
»Richtig.«
»Damit war der Fall aufgeklart, und niemand hat sich noch fur diese Kartons interessiert.«
Cynthia lachelte strahlend. »Hei?t das, da? ich sie wiederhaben kann? Schlie?lich enthalten sie personliche Papiere meiner Eltern.«
»Aus meiner Sicht jederzeit. Wir sind froh um jedes bi?chen Lagerraum.« Nach einem weiteren Blick auf den Bildschirm stand der Captain auf. »Kommen Sie, wir sehen sie uns an.«
»Verlauft sich hier jemand«, sagte Iacone grinsend, »schicken wir Suchmannschaften los.«
Sie gingen durch einen der Lagerraume, in dem Kartons, Kisten und andere Behalter in Hochregalen bis zur Decke gestapelt waren. Die schmalen Gange zwischen den Regalen bildeten ein regelrechtes Labyrinth, aber die eingelagerten Gegenstande waren alle deutlich numeriert. »Was wir suchen«, sagte der Captain stolz, »finden wir in wenigen Minuten.« Er blieb stehen und deutete nach oben. »Das sind die Kartons mit den Papieren Ihrer
