Eltern.«

Cynthia sah zwei Stapel mit ungefahr einem Dutzend stabiler Pappkartons, alle mit Klebeband und dem Aufdruck BEWEISMATERIAL verschlossen. Ziemlich weit oben im zweiten Stapel stand ein Karton, auf dem unter dem Polizeiklebeband ein blauer Klebstreifen zu erkennen war. Gefunden! dachte Cynthia erleichtert.

Jetzt mu? ich den Karton nur noch rausholen.

»Kann ich das alles mitnehmen?« Sie deutete auf die beiden Stapel. »Ich unterschreibe die notigen Formulare.«

»Sorry!« Iacone schuttelte den Kopf. »So einfach ist die Sache leider nicht - andererseits auch nicht schwierig. Damit ich Ihnen alles aushandigen kann, brauche ich eine Freigabeerklarung des Beamten, der das Material beschlagnahmt hat.«

»Wer ist das gewesen?«

»In unserem Computer ist Sergeant Brewmaster gespeichert.

Aber auch Malcolm Ainslie konnte unterschreiben; er hat die Sonderkommission geleitet. Oder naturlich Lieutenant Newbold. Sie haben die Wahl zwischen diesen drei Beamten, die Sie alle kennen.«

Cynthia uberlegte sorgfaltig; sie hatte gehofft, ihre eigene Autoritat als Commissioner wurde genugen. Bevor sie einen der drei Genannten fragte, wurde sie die moglichen Folgen abwagen mussen.

Beim Hinausgehen erkundigte sie sich beilaufig: »Das meiste Zeug liegt wohl ziemlich lange hier?«

»Viel zu verdammt lange«, beschwerte Iacone sich. »Das ist mein gro?tes Problem.«

»Wie alt ist das alteste hier lagernde Beweismaterial?«

»Das wei? ich ehrlich nicht. Aber viele Sachen befinden sich seit zwanzig Jahren hier, manche auch schon langer.«

Noch wahrend der Captain das sagte, traf Cynthia ihre Entscheidung in bezug auf die Freigabeerklarung. Sie wurde keine einholen. Von Brewmaster ware sie am leichtesten zu bekommen gewesen, aber auch er konnte Fragen stellen. Newbold hatte bestimmt die beiden anderen gefragt. Und was Ainslie betraf... er war der kreative Denker; er konnte jeden Vorwand durchschauen.

Unternahm sie andererseits gar nichts, konnten diese Kartons hier noch zwanzig oder mehr Jahre stehen, ohne geoffnet zu werden. Deshalb wurde sie es riskieren, vorlaufig alles, auch den wichtigen Karton mit Belastungsmaterial, hier zu belassen.

Was die fernere Zukunft betraf - allerdings nicht einmal sehr fern, wenn sie genauer daruber nachdachte -, mu?te Cynthia sich um wichtigere Dinge kummern.

Sie hatte vor, Oberburgermeisterin von Miami zu werden.

Lance Karlsson, der jetzige Amtsinhaber, hatte bereits angekundigt, sich in zwei Jahren nicht wieder zur Wahl stellen zu wollen. Daraufhin hatte Cynthia beschlossen, seine Nachfolgerin zu werden. Auch wenn vielleicht ein weiterer Commissioner fur dieses Amt kandidierte, traute sie sich zu, gegen jeden zu gewinnen. Die Zeit war reif fur eine Oberburgermeisterin; heutzutage waren sogar Manner mit der Amtsfuhrung anderer Manner in wichtigen Positionen unzufrieden.

Als Oberburgermeisterin wurde Cynthia denkbar gro?ten Einflu? im Police Department haben. In dieser Funktion konnte ihre Stimme entscheiden, wer nachster Polizeiprasident wurde und wer in die Fuhrungsspitze der hiesigen Polizei aufruckte. Vor einer Oberburgermeisterin kuschten alle, und mit solcher Autoritat wurde sie die Kartons - auch diesen einen, auf den es ihr wirklich ankam - muhelos aus der Asservatenkammer herausbekommen.

La? das Zeug also vorlaufig stehen.

»Danke fur alles, Wade«, sagte sie, als Iacone sie hinausbegleitete.

In den folgenden dreieinhalb Monaten bis Elroy Doils Hinrichtungstermin fuhlte Cynthia ihre innere Unruhe wachsen. Wahrend die Tage und Wochen unendlich langsam verstrichen, erkannte sie, da? erst Doils Tod auf dem elektrischen Stuhl garantierte, da? die Ermittlungen wegen der ihm zugeschriebenen zwolf Serienmorde abgeschlossen wurden. Obwohl Doil nur wegen der Ermordung des Ehepaars Tempone angeklagt und verurteilt worden war, schien keiner der bei Polizei und Staatsanwaltschaft Zustandigen daran zu zweifeln, da? auch die ubrigen funf Doppelmorde - einschlie?lich des Mordes an Gustav und Eleanor Ernst - auf sein Konto gingen.

Wer wu?te also, da? Doil diese beiden Morde nicht verubt hatte?

Diese Frage stellte Cynthia sich eines Nachts, als sie in ihrem Apartment allein war. Die Antwort: sie selbst, Patrick Jensen und der Kolumbianer. Das waren bereits alle - nur drei Menschen.

Aber... strenggenommen waren es vier, wenn man Doil mitzahlte, uberlegte sie sich. Trotzdem spielte das eigentlich keine Rolle, weil ihm niemand geglaubt hatte, wenn er diese Tat geleugnet hatte. Vor Gericht hatte er alles abgestritten: nicht nur an sich unbedeutende Kleinigkeiten, sondern selbst seine Anwesenheit im Haus der Tempones, vor dem er verhaftet worden war.

Und noch etwas anderes: Was Doils Hinrichtung betraf, lie? sie nicht etwa einen Unschuldigen in den Tod gehen, indem sie schwieg und nichts unternahm. Doil hatte diese anderen Morde verubt und verdiente es, dafur auf den elektrischen Stuhl zu kommen. Da er ohnehin fur dieses Ende bestimmt war, konnte er Cynthia und Patrick ebensogut den kleinen Gefallen tun, ihre Last mitzutragen. Nur schade, da? sie sich nicht dafur bedanken konnten!

»Nichts ist so fein gesponnen...« Daran mu?te Cynthia oft denken, wahrend sie ungeduldig darauf wartete, da? die Hinrichtung endlich stattfand, damit sie eine neue Seite in ihrem Leben aufschlagen konnte.

Seit einiger Zeit ging Cynthia jetzt wieder gelegentlich mit Patrick Jensen aus oder ins Bett, und in diesen letzten Wochen war sie sogar noch haufiger mit ihm zusammen. Ihr Instinkt sagte ihr, da? das nicht unbedingt klug war, aber sie hatte manchmal das Bedurfnis nach Gesellschaft, und Patrick war der einzige, bei dem sie vollig entspannen konnte. Sie waren einander sehr ahnlich, das wu?te sie, und aufeinander angewiesen, um uberleben zu konnen.

Aus diesen Erwagungen heraus beschlo? Cynthia, die vom Gefangnisdirektor eine Genehmigung zur Teilnahme an Doils Hinrichtung erhalten hatte, Patrick ins Florida-State-Gefangnis mitzubringen. Fur ihre Anwesenheit gab es zwei Grunde: Sie war das einzige Kind eines Ehepaars, das anscheinend zu Doils Opfern gehorte, und ihr Amt als Miami City Commissioner sicherte ihr automatisch eine Vorzugsbehandlung. Als sie mit Patrick uber ihre Idee sprach, war er sofort einverstanden. »Wir haben berechtigtes Interesse daran, diesen Kerl abkratzen zu sehen. Au?erdem kann ich die Szene in einem Buch verwenden.«

Also hatte sie den Gefangnisdirektor erneut angerufen, und obwohl es schwierig war, zu einer Hinrichtung zugelassen zu werden - die Wartezeit betrug drei Jahre -, wurde Jensen dank ihres Einflusses mit auf die Liste gesetzt.

Es gab Augenblicke, in denen Patricks zunehmende Depressionen ihr Sorgen machten. In den Jahren, in denen sie ihn nun schon kannte, war er stets ein Denker gewesen, was wohl zu seinem Schriftstellerberuf gehorte, aber jetzt wirkte er grublerischer als je zuvor. Neulich hatte er bei einem Gesprach trubsinnig Robert Frost zitiert:

Zwei Stra?en teilten sich in einem Wald, und ich...

Ich nahm die weniger befahrene.

Und das hat allen Unterschied gemacht.

»Frost hatte recht, was diesen Unterschied betrifft«, stellte Patrick fest. »Nur ist's in seinem Fall die richtige Stra?e gewesen. Ich dagegen habe die falsche genommen - und auf dieser Stra?e kann niemand umkehren.«

»Du wirst doch nicht etwa religios?« fragte Cynthia ihn.

Zur Abwechslung lachte Patrick. »Bestimmt nicht! Das kann hochstens die letzte Zuflucht sein, nachdem sie einen gefa?t haben.«

»Red nicht davon, gefa?t zu werden!« fauchte sie ihn an.

»Das wirst du nicht, sobald...« Obwohl Cynthia nicht weitersprach, wu?ten beide, da? sie Doils Hinrichtung meinte, die in wenigen Tagen stattfinden wurde.

Eigentlich paradox, dachte Cynthia, sich erleichtert zu fuhlen, wenn man ein Gefangnis betritt. Aber sie empfand Erleichterung, weil sie wu?te, da? es bis zu dem lang ersehnten Augenblick - sie sah auf ihre Armbanduhr, es war 6.12 Uhr - nur noch eine Stunde dauerte. Zuvor hatten die zwanzig Hinrichtungszeugen, uberwiegend gutgekleidete Unbekannte, sich in der nahe gelegenen Kleinstadt Starke

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