Am zweiten Tag nach ihrer Ruckkehr besuchte Cynthia die jetzt von gelbem Polizeiabsperrband umgebene Villa ihrer Eltern in Bay Point. Im Salon im Erdgescho? sprach sie mit Sergeant Hank Brewmaster, der die Ermittlungen im Mordfall Ernst leitete.
»Major, ich mochte Ihnen sagen, wie sehr wir alle...«, begann er, als er sie sah, aber Cynthia brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
»Hank, ich wei? Ihr Mitgefuhl zu schatzen und danke Ihnen dafur. Aber wenn ich zuviel davon bekomme - vor allem von einem alten Freund wie Ihnen -, konnte ich die Fassung verlieren. Das mussen Sie bitte verstehen.«
»Ja, das tue ich, Ma'am«, versicherte Brewmaster ihr. »Und ich verspreche Ihnen, da? wir alles tun, um diesen Hundesohn zu fassen, der... «
»Ich mochte alles horen, was Sie wissen«, unterbrach Cynthia ihn. »Soweit ich informiert bin, sehen Sie die Ermordung meiner Eltern als mogliche Tat eines Serienmorders.«
Brewmaster nickte. »Danach sieht's aus, ein klar erkennbares Schema, allerdings mit gewissen Abweichungen.«
Sie schuttelte leicht besorgt den Kopf.
»Als wir bei der Mordkommission diese vier Falle durchgesprochen haben«, fuhr Brewmaster fort, »hat sich gezeigt, da? an allen Tatorten bestimmte Symbole zuruckgelassen worden waren. Aber erst Malcolm mit seiner Vorbildung als Priester hat erkannt, was sie bedeuten.«
Cynthia zog die Augenbrauen hoch. »Sie sprechen immer von vier Doppelmorden. Ich dachte, es hatte vorher nur zwei gegeben, die in diese Serie zu passen scheinen.«
»Nein, es hat einen dritten gegeben - das Ehepaar Urbina in Pine Terrace -, der ins Schema zu passen scheint und nur drei Tage vor der Ermordung Ihrer Eltern verubt worden ist. Und schon vorher ist ein Mord bekanntgeworden, von dem wir nichts geahnt haben.« Brewmaster schilderte ihr kurz den Fall Larsen in Clearwater. »Zeitlich liegt dieser Doppelmord etwa in der Mitte zwischen den Fallen Frost und Hennefeld.«
In Cynthias Kopf klingelten samtliche Alarmglocken. Wahrend ihrer Abwesenheit schien sich viel Unvorhergesehenes ereignet zu haben. Solche Uberraschungen konnten gefahrlich werden. Sie mu?te moglichst schnell auf den aktuellen Informationsstand kommen.
»Sie haben gesagt, im Fall meiner Eltern habe es gewisse Abweichungen gegeben. Wie meinen Sie das?«
»Nun, als erstes hat der Tater hier ein totes Kaninchen zuruckgelassen. Malcolm findet, da? es nicht ins Schema pa?t, aber ich wei? nicht, ob er damit recht hat.«
Cynthia wartete.
Brewmaster fuhr fort: »An den ubrigen Tatorten hat alles irgendwie zur Offenbarung gepa?t, und unserer Theorie nach durfte der Tater ein religioser Spinner sein. Malcolm behauptet, das Kaninchen sei nicht spezifisch - nicht wie die bisherigen Symbole. Aber ich wei? wie gesagt nicht, ob er damit recht hat.«
Das mit dem Kaninchen ist
»Auffallig abweichend ist der Zeitpunkt«, berichtete der Sergeant weiter. »Zwischen allen ubrigen Serienmorden haben jeweils ungefahr zwei Monate gelegen - nie weniger als zwei. Aber zwischen den Urbinas und den Ernsts... sorry, Ihren Eltern... sind's nur drei Tage gewesen.« Brewmaster zuckte mit den Schultern. »Aber das mu? naturlich nichts zu bedeuten haben. Serienmorder gehen nicht logisch vor.«
Nein, dachte Cynthia, aber auch Serienmorder mussen ihre Taten vorbereiten, und eine Frist von nur drei Tagen zwischen zwei Doppelmorden ist nicht uberzeugend... Verdammt! Schlimmer hatt's nicht kommen konnen! Dieser zusatzliche Fall in Clearwater hatte alle ihre sorgfaltigen Berechnungen uber den Haufen geworfen. Sie erinnerte sich daran, was Patrick in Homestead gesagt hatte:
»Dieser vierte Doppelmord«, sagte sie zu Brewmaster. »Wie haben die Leute gleich wieder gehei?en?«
»Urbina.«
»Hat der Fall Aufsehen erregt?«
»Ziemlich. Dicke Schlagzeilen, viel im Fernsehen.« Jetzt war Brewmaster neugierig. »Wie kommen Sie darauf?«
»Oh, ich habe in L.A. gar nichts mitbekommen. Ich bin wohl zu beschaftigt gewesen.« Cynthia wu?te, da? das eine schwache Antwort war, und erkannte, da? sie sich im Umgang mit den cleveren Beamten der Mordkommission vorsehen mu?te. Brewmasters Antwort zeigte jedoch, da? Patrick von dem Mord an dem Ehepaar Urbina gehort haben mu?te. Daraufhin hatte er den in Auftrag gegebenen Doppelmord verschieben mussen, aber vermutlich hatte er keine Moglichkeit gehabt, den Kolumbianer noch zu erreichen, und die Wurfel waren gefallen...
Brewmasters Stimme unterbrach ihre Uberlegungen. »Andere Einzelheiten stimmen jedoch genau mit den Serienmorden uberein, Ma'am.« Sein Tonfall war respektvoll, als wolle er sich halb fur seine Frage von vorhin entschuldigen. »Das Bargeld Ihres Vaters ist geraubt worden, aber den Schmuck Ihrer Mutter hat der Tater nicht angeruhrt; das habe ich sorgfaltig uberpruft. Und andere Dinge haben auch ubereingestimmt, obwohl ich nicht gern daruber rede...«
»Bitte weiter«, verlangte Cynthia. »Ich kann mir denken, was jetzt kommt.«
»Nun, die Verletzungen sind denen in den anderen Mordfallen ahnlich gewesen, und... Wollen Sie das wirklich horen?«
»Irgendwann mu? ich's doch erfahren. Warum nicht gleich?«
»Die Wunden sind ziemlich schlimm gewesen; nach Auskunft von Dr. Sanchez hat der Tater wieder ein Bowiemesser benutzt. Und die Opfer...« Brewmaster zogerte erneut. »Sie haben sich gefesselt und geknebelt gegenubergesessen.«
Cynthia wandte sich ab und fuhrte ein Taschentuch an ihre Augen. An dem Stoff hafteten noch einige Salzkorner von der letzten Anwendung, die sie jetzt gebrauchte, bevor sie sich leise hustelnd wieder umdrehte.
»Eine weitere Ubereinstimmung mit fruheren Fallen«, fuhr Brewmaster fort, »ist das eingeschaltet zuruckgelassene Radio laut aufgedreht.«
Cynthia nickte. »Das wei? ich noch. Hat es in den beiden ersten Fallen nicht Rockmusik gespielt?«
»Ja.« Brewmaster sah in sein Notizbuch. »Diesmal ist WTMI eingestellt gewesen - Klassik und Musicals. Nach Aussage des Butlers der Lieblingssender Ihrer Mutter.«
»Ganz recht.« Innerlich kochte Cynthia vor Wut. Obwohl sie Patrick genaue Anweisungen gegeben hatte, war sein kolumbianischer Killer so damlich gewesen, nur das Radio einzuschalten, ohne den Sender HOT 105 einzustellen.
Vielleicht hatte Patrick ihre Anweisungen nicht richtig weitergegeben; jedenfalls lie? sich das nicht mehr andern. Vorlaufig schien Brewmaster den Unterschied fur nebensachlich zu halten, aber anderen in der Mordkommission konnte er nach genaueren Ermittlungen wichtig erscheinen; Cynthia wu?te, wie das System funktionierte.
In der dritten Nacht nach ihrer Ruckkehr nach Miami schlief Cynthia schlecht: Sie war noch immer nervos wegen unvorhergesehener, aber bedeutsamer Ereignisse wahrend ihrer kurzen Abwesenheit, von denen sie erst nachtraglich erfahren hatte. Was kann noch alles schiefgehen? fragte sie sich jetzt.
Sorgen machte ihr auch die Tatsache, da? sie mit Malcolm Ainslie reden mu?te - vor allem auch, weil er die Sonderkommission zur Aufklarung der gegenwartigen Mordserie leitete, zu der auch der Mord an ihren Eltern gezahlt wurde. Wahrend Hank Brewmaster die eigentlichen Ermittlungen im Fall Ernst leitete, lag die Gesamtverantwortung bei Ainslie.
Letztlich, das erkannte Cynthia in einem Augenblick ruckhaltloser Ehrlichkeit, lief alles darauf hinaus, da? Ainslie der Ermittler war, den sie am meisten furchtete. Trotz ihrer Verbitterung daruber, da? er ihre Affare
