Der Kolumbianer tippte sich mit dem Zeigefinger an seine Stirn. »Okay, alles da drin.«
Als nachstes sprachen sie uber ein mogliches Datum, wobei Jensen sich daran erinnerte, da? Cynthia moglichst einen Termin Mitte August wollte.
»Ich gehe weg, dann komme wieder«, sagte der Kolumbianer, und Patrick erriet, da? er die sechzigtausend Dollar Anzahlung in seine Heimat bringen wollte.
Schlie?lich einigten sie sich auf den 17. August.
Kurz bevor sie Jensens Apartmentgebaude erreichten, wiederholte Virgilio sinngema? seine Warnung aus der Nacht des Rollstuhlmords: »Hey, du legst mich rein, ich bring' dich um, verstanden?«
»Virgilio, ich wurde dich
An diesem Abend rief er Cynthia an, nannte aber keinen Namen und sagte nur: »Das Datum ist der 22. August.«
Sie zog in Gedanken funf Tage ab und antwortete: »Ja, ich verstehe.« Dann legte sie auf.
Cynthia Ernst hielt sich seit acht Tagen in Los Angeles auf, als sie die Schreckensnachricht von der Ermordung ihrer Eltern erhielt. In dieser Zeit hatte sie das Gefuhl, zwei Leben zu fuhren: eines bei angehaltener Uhr in gespannter Erwartung der erlosenden Nachrichten, das andere normal, routinema?ig, sogar prosaisch.
Offiziell war sie nach L.A. gekommen, um vor ausgewahlten Beamten des L.A. Police Departments eine Reihe von Vortragen uber die in Miami gemachten Erfahrungen mit Kommunalarbeit zu halten - eine Vortragsreihe, von der schon viele Police Departments profitiert hatten. Au?erdem wollte sie ein paar Urlaubstage bei ihrer alten Freundin Paige Burdelon aus der Pine Crest School verbringen, die jetzt als Vizeprasidentin bei Universal Pictures in Brentwood lebte.
Nachdem Cynthia am 27. Juni von Patrick Jensen gehort hatte, da? der langersehnte Tag der 17. August sein wurde, traf sie ihre Vorbereitungen, um am 10. August nach Kalifornien zu fliegen. Der
Paige Burdelon war begeistert, als sie von Cynthias Reiseplanen horte. »Du mu?t unbedingt bei mir wohnen!«, jubelte sie am Telefon. »Seit Biffy und ich uns getrennt haben, irre ich in dieser Riesenwohnung wie eine Fremde im eigenen Heim umher. Komm schon, Cynthia, wir werden uns herrlich amusieren, ich versprech's dir!«
Cynthia nahm die Einladung dankend an und fuhr vom Flughafen aus direkt zu Paige.
Cynthias Vortragsreihe beim LAPD, sechs einstundige Vortrage im Zeitraum von zwei Wochen, begann einen Tag nach ihrer Ankunft. Ihr in einem Konferenzsaal des Polizeiprasidiums versammeltes Publikum bestand aus achtzig ausgesuchten Beamtinnen und Beamten aller achtzehn LAPD-Abteilungen - ein Querschnitt durch alle Dienstgrade und Hautfarben, ungefahr zwei Drittel in Uniform, der Rest in Zivil. Das LAPD versuchte gerade, eine flachendeckend arbeitende Polizei, uber die viele Jahre ein Despot geherrscht hatte, in burgernahe kleinere Police Departments umzuwandeln. Miami, das diesen Proze? schon fruher erfolgreich abgeschlossen hatte, wurde landesweit als nachahmenswerter Prototyp angesehen.
Trotz anfanglicher Skepsis erhielt Cynthia zuletzt lauten Beifall und mu?te anschlie?end so viele Fragen beantworten, da? ihr erster Vortrag uber eine halbe Stunde langer als geplant dauerte.
Commander McGowan, ein gro?er, auffallig hagerer Mann in Cynthias Alter, gesellte sich zu ihr und sagte: »Gluckwunsch, das war ein voller Erfolg.« Er wartete, bis sie allein waren, bevor er zogernd hinzufugte: »Horen Sie, Cynthia, eigentlich geht mich das nichts an, aber seit Sie hier sind, wirken Sie ein bi?chen zerstreut. Ist alles okay, oder habe ich bei den Vorbereitungen irgendwas falsch gemacht?«
Cynthia erschrak, denn sie hatte bis zu diesem Augenblick geglaubt, ihre innerliche Anspannung erfolgreich unterdruckt zu haben. Aber Winslow McGowan war offenbar ein scharfer Beobachter.
»Nein, nein, alles ist bestens«, versicherte sie ihm hastig. »Es gibt keinerlei Probleme.« Aber sie nahm sich vor, in Zukunft noch vorsichtiger zu sein.
Cynthias Sorgen wegen des Ereignisses, das in wenigen Tagen fast funftausend Kilometer weit entfernt stattfinden sollte, wurden durch den von Paige organisierten Wirbel aus Aktivitaten gemildert. An ihrem ersten gemeinsamen Morgen fuhr Cynthia mit Paige in ihrem schwarzen Saab-Kabrio zu einem der Universal-Ateliers, in dem ein Kriminalfilm gedreht wurde. Sie waren auf der Interstate 405 nach Norden unterwegs und lie?en sich den Fahrtwind durchs Haar wehen.
»Genau wie in
»Wie hei?t der Film, zu dessen Dreharbeiten wir fahren?« erkundigte Cynthia sich.
»Der Cop hat die Kleine ermordet?«
»So steht's im Drehbuch. Er leidet an akuter Schizophrenie, deshalb wei? er nichts von der Tat.«
Cynthia lachte. »Soll das ein Witz sein?«
»Nein, echt, die Story ist faszinierend. Wir haben einen Psychiater als Berater engagiert, damit die verruckten Stellen stimmen.«
»Und wie geht's weiter?«
»Wei? ich ehrlich gesagt nicht. Seit wir Max Cormick fur die Hauptrolle an Land gezogen haben, sind die Drehbuchautoren dabei, das Ende umzuschreiben. Sein Agent behauptet, als Kindermorder ware seine Karriere ruiniert. Deshalb mu? jetzt vermutlich sein Partner als Morder herhalten.«
»Sein Partner? Das ist reichlich durchsichtig.«
»Findest du?« Paiges Stimme klang besorgt.
»Klar doch. Wie war's mit der Frau des Kriminalbeamten?«
»Mit seiner Frau? Naturlich! Augenblick mal.« Paige griff nach ihrem Autotelefon und tippte eine Nummer ein. »Michael? Hor zu, ich bin gerade mit einer alten Freundin zusammen, die Kriminalbeamtin in Miami ist. Sie findet, Suzanne sollte die Morderin sein.«
Eine Pause. »Okay, ich frage mal nach... Cynthia, warum sollte seine Frau die Morderin sein?«
Cynthia zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat sie einen Geliebten und will ihren Mann loswerden. Aber statt ihn selbst umzulegen, will sie dafur sorgen, da? er lebenslanglich bekommt oder in der Gaskammer stirbt.«
»Michael, hast du das gehort?... Okay, la? dir die Sache durch den Kopf gehen.«
Paige legte auf und wandte sich lachelnd an Cynthia. »So, jetzt kann ich dich auf Geschaftskosten in die besten Restaurants der Stadt einladen.«
»Wofur?«
»Du bist eine Drehbuchberaterin.«
Paige fuhr auf den ruckwartigen Parkplatz der Universal Studios und hielt vor einem der gro?en wei?en Ateliergebaude. In dem riesigen Innenraum herrschte reger Betrieb. Cynthia sah sich erstaunt um. Sie hatte den Eindruck, eine echte Dienststelle der Kriminalpolizei sei mitten in das Gebaude versetzt und dann mit Scheinwerfern, Gerusten, Kameras und einem Filmteam in Kompaniestarke umgeben worden.
Sie stie? Paige an und fragte flusternd: »Lerne ich auch Max Cormick kennen?«
»Komm.« Paige ging in den abgesperrten Bereich voraus, in dem der gefeierte Filmstar auf seine nachste Szene wartete. Er war ein gro?er, selbstbewu?ter Vierziger mit leicht angegrautem Haar und haselnu?braunen Augen.
»Guten Morgen, Max«, sagte Paige. »Ich mochte dich mit Major Cynthia Ernst bekannt machen. Sie kommt vom Miami Police Department.«
