Exakt zweihunderttausend Dollar in bar. Patrick Jensen hatte das Geld in seinem Schlafzimmer gezahlt - nicht Banknote fur Banknote, was zu lange gedauert hatte, sondern indem er die Scheinbundel nur durchgeblattert und die auf den Banderolen angegebenen Summen zusammengezahlt hatte. Zu seiner Erleichterung waren die Zwanziger und Funfziger, aus denen etwa die Halfte der Summe bestand, gebraucht und abgegriffen, wahrend es sich bei den restlichen Hundertern um die 1996 eingefuhrten falschungssicheren Scheine handelte.
Er vermutete, da? Cynthia genau angegeben hatte, was fur Scheine sie wollte - das war fur ihre Grundlichkeit typisch -, und das Geld vermutlich auf mehreren Flugen von den Cayman Islands mitgebracht hatte. Jede Einfuhr von uber zehntausend Dollar war ohne entsprechende Zollerklarung illegal, aber Cynthia hatte ihm einmal erzahlt, als hiesige und besonders als hohe Polizeibeamtin werde man in Miami vom Zoll selten belastigt, wenn man diskret seine Dienstplakette vorweise.
Cynthia ahnte naturlich nicht, da? Patrick von ihrem Millionenvermogen auf den Caymans wu?te. Vor vier Jahren hatte er im Hyatt Regency auf Grand Cayman die Gelegenheit genutzt, Cynthias Aktenkoffer zu durchsuchen, als sie sich im Bad die Haare wusch. Unter anderen Papieren war er auf einen Kontoauszug einer hiesigen Bank gesto?en, bei der Cynthia ein Guthaben von uber funf Millionen Dollar hatte.
Ohne zu wissen, ob diese Informationen verwertbar waren, ob er
Jensen hatte einen weiteren instinktiven Verdacht in bezug auf Cynthias Millionenvermogen auf diesem Bankkonto: Sie hielt es nicht fur richtiges Geld und hatte es vermutlich nie fur sich verwendet; deshalb wurde ihr ziemlich egal sein, wieviel sie abhob und wer das Geld bekam. Er war sich beispielsweise sicher, da? Cynthia den Verdacht hegte, er habe die fur Virgilio benotigte Summe absichtlich viel zu hoch angesetzt, um einen Teil dieses Geldes fur sich abzweigen zu konnen - zusatzlich zu dem hohen Betrag, den er nach der Tat erhalten sollte.
Jensen
Funf Tage spater wurde kurz nach neunzehn Uhr in Jensens Apartment im zweiten Stock eines Hauses in der Brickell Avenue geklingelt. Der Klingelknopf befand sich unten auf der Namenstafel neben dem Eingang. Jensen betatigte die Ruftaste der Sprechanlage und sagte: »Ja, bitte?« Als sich niemand meldete, wiederholte er seine Frage. Als erneut keine Antwort kam, wandte er sich schulterzuckend ab.
Ein paar Minuten spater wiederholte sich dieser Vorgang. Jensen war irritiert, ohne sich viel Gedanken daruber zu machen; manchmal spielten die Nachbarskinder mit den Klingelknopfen. Beim drittenmal fiel ihm jedoch ein, da? das eine Nachricht sein konnte, so da? er mit leichtem Unbehagen seine Wohnung verlie? und ins Erdgescho? hinunterging. Aber au?er einem Hausnachbarn, der von der Stra?e hereinkam, war die Eingangshalle menschenleer.
Jensen hatte seinen Volvo drau?en auf der Stra?e geparkt. Einem Impuls folgend verlie? er das Gebaude, ging darauf zu und sah zu seiner Verbluffung eine Gestalt, die den Beifahrersitz ausfullte; Sekunden spater erkannte er sie als Virgilio. Er wu?te genau, da? er den Wagen abgeschlossen hatte; als er jetzt mit seinem Schlussel die Fahrertur aufsperrte, wollte er fragen: »Wie zum Teufel bist du hier reingekommen?« Aber diese Frage konnte e~ sich sparen. Virgilio hatte seine vielfaltigen Talente schon unter Beweis gestellt.
Die gewaltige Pranke des Kolumbianers deutete nach vorn. »Fahr«, sagte er.
Jensen, der am Steuer sa?, lie? den Motor an und fragte: »Wohin?«
»Wo's ruhig ist.«
Nach zehn Minuten ziellosen Herumfahrens lenkte Jensen das Auto auf den Parkplatz eines geschlossenen Eisenwarengeschafts, stellte den Motor ab, schaltete die Scheinwerfer aus und wartete.
»Du jetzt sprechen«, befahl Virgilio ihm. »Du hast Job fur mich?«
»Ja.« Patrick sah keinen Grund, nicht sofort zur Sache zu kommen. »Ich habe Freunde, die zwei Leute beseitigen lassen mochten.«
»Wer deine Freunde?«
»Das erfahrst du nicht. Das ist fur alle sicherer.«
»Okay.« Virgilio nickte zustimmend: »Die sterben sollen... wichtige Leute?«
»Ja. Einer ist ein City Commissioner.«
»Dann kostet viel Geld.«
»Ich zahle dir achtzigtausend Dollar«, sagte Jensen.
»Reicht nicht.« Der Kolumbianer schuttelte nachdrucklich den Kopf. »Viel mehr. Hundertfunfzig.«
»Soviel habe ich nicht. Ich konnte vielleicht hunderttausend kriegen, aber nicht mehr.«
»Dann kein Deal.« Virgilio legte seine Hand auf die Tur, schien aussteigen zu wollen, lie? die Hand sinken. »Hundertzwanzig. Halfte jetzt, Halfte nach dem Job.«
Schlu? mit dieser Feilscherei, dachte Jensen, der nur bedauerte, nicht mit einem niedrigeren Betrag wie funfzigtausend angefangen zu haben. Trotzdem wurden ihm auch so achtzigtausend Dollar bleiben - plus die zweihunderttausend, die Cynthia ihm nach der Tat versprochen hatte. Und Patrick wu?te, da? sie Wort halten wurde.
»Die sechzigtausend sind in zwei Tagen abholbereit«, sagte er. »Du kannst mich wieder wie heute abend verstandigen.«
Der gro?e Mann grunzte etwas Zustimmendes, dann zeigte er aufs Lenkrad. »Wo diese Leute wohnen? Zeig's mir.«
Warum eigentlich nicht? dachte Jensen. Er lie? den Motor wieder an, fuhr zum Biscayne Boulevard, folgte ihm bis nach Bay Point und hielt dort kurz vor dem Tor an der Einfahrt zu der exklusiven Wohnsiedlung.
»Das Haus liegt innerhalb des eingezaunten Gelandes«, erklarte er Virgilio. »Der Zaun ist bestimmt elektronisch gesichert und wird vom Sicherheitsdienst uberwacht.«
»Ich finde Weg hinein. Hast du Karte mit Haus?«
Patrick offnete das Handschuhfach seines Wagens und holte eine Fotokopie der Werbebroschure heraus, die Cynthia ihm vor funf Tagen gegeben hatte. Das Original bewahrte er an einem sicheren Ort auf. Er zeigte Virgilio den Lageplan, auf dem eines der Hauser durch ein Kreuz markiert war, und wies auf Cynthias handschriftliche Anmerkung hin:
DM -
»Das ist wichtig«, sagte Jensen und setzte Virgilio auseinander, wann das Dienstmadchen arbeitete und wann der Butler und seine Frau einmal pro Woche au?er Haus waren.
»Gut!« Virgilio steckte die Fotokopie ein. Er hatte aufmerksam zugehort, zweimal nachgefragt, weil ihm Einzelheiten nicht klar waren, und dann genickt, wenn er alles verstanden hatte. Unabhangig davon, was er sonst noch sein mochte, war er jedenfalls intelligent.
Als nachstes sprach Jensen uber die erforderliche Ubereinstimmung mit zwei in letzter Zeit verubten Doppelmorden und erlauterte den Grund dafur. »Das ist auch fur dich vorteilhaft«, unterstrich er, und Virgilio nickte zustimmend. Dann beschrieb er die Punkte, auf die es ankam: Am Tatort mu?te ein totes Tier, vielleicht ein Kaninchen, zuruckbleiben; ein Radio mu?te plarrend laut harte Rockmusik spielen - die hiesige Station HOT 105... »Kenn' ich«, warf Virgilio ein... Keine Fingerabdrucke... Virgilio nickte energisch... Alles Geld aus den Taschen der Opfer und in ihrer naheren Umgebung mu?te verschwinden, aber Schmuck durfte nicht angeruhrt werden... Eine zustimmende Handbewegung... Ein Messer als Tatwerkzeug. »Ein Bowiemesser, verstehst du? Kannst du eines besorgen?«... Virgilio: »Ja.«... Jensen wiederholte Cynthias Beschreibung der beiden anderen Tatorte - die Opfer, die sich gefesselt und geknebelt gegenubersa?en, und die ha?liche Brutalitat...
»Du mu?t dir verdammt viel merken. Hast du alles?«
