Tasche und la?t es auf seinem Nachttisch liegen. Aber der Schmuck meiner Mutter darf
»Das durfte nicht schwierig sein. Schmuck la?t sich identifizieren und kann auf die Spur des Taters fuhren; das hat dieser andere Kerl bestimmt auch gewu?t.«
»Jetzt zu ihrem Haus«, fuhr Cynthia fort. »Das hier wirst du brauchen.«
Sie schob ihm eine Werbebroschure uber Immobilien in Bay Point hin. Als Jensen sie aufschlug, fand er in der Mitte einen Stra?enplan mit genau eingezeichneten Hausern. Eines davon war angekreuzt.
»Das ist...?«
»Ja«, sagte Cynthia rasch. »Au?erdem solltest du wissen, da? es dort drei Hausangestellte gibt: das Ehepaar Palacio - er ist Butler, sie fuhrt den Haushalt -, das im Haus wohnt, und ein Dienstmadchen, das fruh kommt und gegen sechzehn Uhr geht.«
»Nachts sind also vier Personen im Haus?«
»Au?er donnerstags. Jeden Donnerstag fahren die Palacios nach West Palm Beach, um dort Mrs. Palacios Schwester zu besuchen. Sie fahren am Spatnachmittag weg und kommen nie vor Mitternacht zuruck, manchmal erst spater.«
Patrick hatte das Gefuhl, sein Gedachtnis sei uberlastet. »Das mu? ich mir notieren, bevor ich's vergesse.« Er suchte in seinen Jackentaschen nach einem Kugelschreiber.
Cynthia griff ungeduldig nach der Broschure. »Gib her, ich schreib's dir auf.« Auf dem Umschlag notierte sie:
DM -
Jensen steckte die Broschure ein. »Sonst noch etwas, das ich uber diese anderen Morde wissen sollte?«
»Ja, sie sind brutal gewesen.« Cynthia verzog das Gesicht, wahrend sie ihm die Verletzungen der Ehepaare Frost und Hennenfeld beschrieb - nach Angaben in den von ihr eingesehenen Ermittlungsakten der Mordkommission der Miami Police.
Als Patrick Jensen alle Vor- und Nachteile gegeneinander abwog, gefiel ihm Cynthias Idee, diese beiden fruheren Doppelmorde nachzuahmen, immer besser; auf perverse Weise, fand er, war sie sogar brillant. Dann korrigierte er sich. In dem Leben, das er jetzt zwangsweise fuhrte, war Cynthias Idee keineswegs pervers, sondern brillant... und damit Punktum!
»Du denkst anscheinend viel nach«, sagte Cynthia uber den Tisch hinweg.
Er schuttelte den Kopf und behauptete: »Ich prage mir nur die einzelnen Punkte ein.«
»Dann kannst du die Liste um einen erweitern - keine Fingerabdrucke.«
»Bestimmt kein Problem.« Jensen erinnerte sich daran, wie Virgilio sich Handschuhe ubergestreift hatte, bevor er mithalf, den Rollstuhl aus dem Lieferwagen zu heben.
»Noch etwas«, sagte Cynthia. »Das ist der endgultig letzte Punkt.«
Patrick wartete.
»Zwischen den Morden in Coconut Grove und Fort Lauderdale haben vier Monate und zwolf Tage gelegen. Ich hab's nachgerechnet.«
»Und?«
»Serienmorder schlagen oft in ziemlich regelma?igen Zeitabstanden zu, was bedeutet, da? der Tater, von dem wir sprechen, in den letzten Septembertagen oder in der ersten Oktoberwoche erneut zuschlagen konnte. Auch das habe ich nachgerechnet.«
Jensen zog die Augenbrauen hoch. »Was hat das mit uns zu tun?«
»Wir kommen dem Kerl zuvor, indem wir unser Datum auf Mitte August festlegen. Sollte er dann Ende September oder Anfang Oktober erneut zuschlagen, hat das Intervall sich verschoben, aber darauf achtet niemand mehr, weil die Abstande zu unregelma?ig sind.«
Cynthia machte eine Pause. »Was hast du? Was soll das lange Gesicht?«
Patrick, dessen Miene immer zweifelnder geworden war, holte tief Luft. »Willst du wissen, was ich glaube?«
»Das ist mir eigentlich egal, aber erzahl's mir trotzdem.«
»Cynthia, ich glaube, du willst zu clever sein.«
»Wie meinst du das?«
»Je langer wir reden, desto mehr furchte ich, etwas konnte schiefgehen, schrecklich schiefgehen.«
»Was schlagst du also vor?« fragte Cynthia eisig.
Jensen zogerte, dann antwortete er mit gemischten Gefuhlen, weil er sich der Bedeutung seiner Worte durchaus bewu?t war: »Da? wir aufgeben, diese ganze Sache abblasen. Hier und jetzt.«
Cynthia trank einen Schluck Diet Coke, bevor sie halblaut fragte: »Vergi?t du dabei nicht etwas?«
»Du meinst vermutlich das Geld.« Als sie nickte, fuhr er sich mit seiner Zungenspitze uber die Lippen.
»Ich hab's mitgebracht, um es dir zu geben.« Cynthia beruhrte den neben ihr liegenden Aktenkoffer. »Macht nichts, ich nehm's wieder mit.« Sie griff nach dem Aktenkoffer, stand auf um zu gehen, blieb dann aber stehen und sah auf Patrick hinunter.
»Ich bezahle an der Kasse fur dich mit. Schlie?lich wirst du jeden Cent, den du noch besitzt, fur einen Strafverteidiger brauchen, und ich schlage vor, da? du dir gleich morgen einen suchst. Solltest du dir keinen leisten konnen, bekommst du auf Staatskosten einen Pflichtverteidiger. Die sind allerdings nicht sehr gut, furchte ich.«
»Bleib hier!« Jensen hielt sie am Arm fest und sagte mude: »Um Himmels willen, setz dich doch wieder.«
Cynthia nahm erneut Platz, schwieg aber hartnackig.
Seine Stimme klang resigniert. »Okay, wenn du darauf wartest, da? ich's ausspreche: Ich ergebe mich... zum zweitenmal. Ich
»Willst du das wirklich?« fragte Cynthia.
Er nickte schicksalsergeben. »Klar.«
»Dann merk dir, da? die Sache moglichst genau Mitte August steigen mu?.« Sie sprach wieder so geschaftsma?ig, als hatten die letzten paar Minuten sich nie ereignet. »Wir durfen uns langere Zeit nicht mehr treffen. Du kannst mich notfalls zu Hause anrufen, aber mach's kurz und sei vorsichtig mit dem, was du sagst. Und wenn du mir das Datum durchgibst, zahlst du funf Tage dazu, die ich dann wieder abziehe. Ist das klar?«
»Alles klar.«
»Sonst noch Fragen?«
»Nur eine«, antwortete Jensen. »Von dem ganzen Verschworergerede hab' ich echt 'nen Steifen gekriegt. Wie war's damit?«
Sie lachelte. »Ich kann's kaum noch erwarten. Komm, wir verschwinden und suchen uns ein Motel.«
Als sie gemeinsam das Restaurant verlie?en, sagte Cynthia plotzlich: »Hier, pa? gut auf ihn auf.« Sie druckte ihm den Aktenkoffer in die Hand.
Obwohl Jensen sich Cynthia gegenuber zum Mitmachen verpflichtet und ihr Geld angenommen hatte, wurde er weiter von Zweifeln geplagt. Und ihr Vorschlag, er solle sich einen Rechtsanwalt suchen, brachte ihn auf eine Idee.
Im Downtown Athletic Club in Miami spielte Patrick immer dienstags Racquetball mit einem Mitglied namens Stephen Cruz. Die beiden Manner hatten sich dort kennengelernt und gingen nach vielen Monaten auf dem Spielfeld freundschaftlich locker miteinander um. Von anderen Clubmitgliedern und aus Medienberichten wu?te Jensen, da? Cruz ein erfolgreicher Strafverteidiger war. Als sie eines Nachmittags nach einem harten, befriedigenden Spiel duschten, fragte Jensen impulsiv: »Stephen, konnte ich mich an dich wenden, falls ich mal mit dem Gesetz in Konflikt kame und Hilfe brauchte?«
Cruz starrte ihn verblufft an. »Hey, du hast doch hoffentlich nichts... «
Patrick schuttelte den Kopf. »Nein, nein, das ist nur so eine Idee gewesen.«
»Brauchst du mich, bin ich naturlich fur dich da.« Damit lie?en sie es bewenden.
