Seine Beweggrunde erlauterte Rice neuen Mitgliedern dieser mit drei Vietnamveteranen gegrundeten Gruppe, die inzwischen aus einem Dutzend Rollstuhlfahrern bestand, so: »Junge Menschen, Jugendliche mit heilem Korper und aktivem Leben, werden von gewissenlosen Dealern vernichtet, die hinter Gitter gehoren. Und wir tragen dazu bei, da? sie dort hinkommen.«

Die Taktik der Gruppe bestand daraus, Informationen uber Dealer, ihre Lieferanten und ihre Vertriebswege zu sammeln, um sie anonym an die Drogenfahnder der Miami Police weiterzugeben.

Im Gesprach mit einem guten Freund erlauterte Rice diese Taktik: »Als Rollstuhlfahrer konnen wir uns uberall, wo mit Drogen gehandelt wird, frei bewegen, ohne da? jemand auf uns achtet. Nehmen die Leute uns uberhaupt wahr, glauben sie vermutlich, da? wir wie all die Kerle in der Bird Road betteln. Blo? weil unsere Beine gelahmt sind, halten sie uns auch fur hirngeschadigt - vor allem die Dealer und Junkies, die ihre paar Gehirnzellen langst durch Drogen abgetotet haben.«

Die Drogenfahnder waren zunachst skeptisch, als die ersten Anrufe kamen, fur die Rice immer sein Mobiltelefon benutzte, um nicht aufgespurt werden zu konnen. Sobald wieder ein Tip eingegangen war, fragte der jeweilige Beamte nach dem Namen des Informanten, aber Rice sagte jedesmal nur »Stewie«, bevor er die Verbindung rasch unterbrach. Aber sobald sich zeigte, da? seine Hinweise brauchbar und zuverlassig waren, wurde er nach jeder Ankundigung: »Hier ist Stewie!« freundlich begru?t: »Hallo, Kumpel! Was haben Sie diesmal fur uns?« Niemand versuchte, hinter seine Identitat zu kommen. Wozu sollte man es sich mit ihm verderben?

Hinweise von Stewies Gruppe ermoglichten den Drogenfahndern gezielte Aktionen gegen den organisierten Drogenhandel. Verhaftungen und Verurteilungen hauften sich. Teile von Coconut Grove wurden fast clean. Aber dann ri? der Faden ab.

Die Drahtzieher des Drogenhandels erkannten, da? irgendwo Spitzel am Werk sein mu?ten, und begannen Fragen zu stellen. Zunachst gab es keine Antworten. Dann horte ein verhafteter Dealer, wie ein Drogenfahnder zu einem Kollegen sagte: »Stewies Tip ist wieder mal klasse gewesen.«

Binnen Stunden lief eine Frage wie ein Lauffeuer durch Coconut Grove: »Wer zum Teufel ist dieser Stewie?«

Die Antwort kam schnell. Und durch Klatsch aus der Nachbarschaft wurde die Taktik der Rollstuhlfahrer entlarvt.

Stewart Rice mu?te beseitigt werden; und zwar auf eine Art und Weise, die seinen Mitstreitern als Warnung dienen sollte.

Fur den folgenden Tag wurde ein Berufskiller angeheuert, und bei dieser Gelegenheit lernte Patrick Jensen durch Zufall den Mann kennen, den er suchte.

Jensen war Stammgast im Brass Doubloon geworden, einer lauten, verraucherten Bar, die das Stammlokal vieler Dealer war. Als er an diesem Abend hereinkam, rief ihm jemand von einem der Tische aus zu: »Hey, Pat! Schreibst du gerade was Neues, Mann? Komm ruber und erzahl uns davon!«

Die Stimme gehorte einem hageren, pockennarbigen Berufsverbrecher namens Arlie, der ein ellenlanges Vorstrafenregister aufwies. Er sa? mit Freunden zusammen, die Jensen bei den Recherchen fur seinen Kriminalroman ebenfalls kennengelernt hatte. Mitten in dieser Gruppe befand sich ein riesiger, brutal wirkender Unbekannter mit breiten Schultern, muskulosen Armen, Burstenfrisur und dem Teint eines Mulatten. Der Fremde, der die anderen zwergenhaft erscheinen lie?, machte ein finsteres Gesicht. Er knurrte eine Frage, die einer der Manner am Tisch eilfertig beantwortete.

»Pat ist okay, Virgilio. Er schreibt Bucher, wei?t du. Du erzahlst ihm Schei?, und er macht 'ne Story draus. Blo? 'ne Story - nichts Wahres, das uns schaden konnte.«

»Yeah, Pat halt die Klappe«, bestatigte ein anderer. »Er wei?, was gut fur ihn ist. Stimmt's, Pat?«

Jensen nickte. »Klar wei? ich das.«

Die anderen ruckten etwas auseinander, damit ein weiterer Stuhl am Tisch Platz hatte. Jensen lachelte dem riesigen Unbekannten freundlich zu. »Du brauchst mir nichts zu erzahlen, Virgilio, und ich hab' deinen Namen schon wieder vergessen. Aber ich mochte dich trotzdem was fragen.« Alle starrten ihn an. »Darf ich dich zu einem Drink einladen?«

Der Riese musterte Jensen unverandert finster. Dann sagte er mit starkem Akzent: »Ich spendiere Drinks.«

»Um so besser.« Jensen wich seinem Blick nicht aus. »Einen doppelten Black Label.«

Der Barmixer hinter ihnen rief: »Kommt sofort!«

Virgilio stand auf. So wirkte er noch riesiger. »Ich geh' erst pissen«, knurrte er und wandte sich ab.

Als er verschwunden war, sagte Dutch, der vorhin als zweiter gesprochen hatte, zu Patrick: »Er taxiert dich. Hoffentlich mag er dich.«

»Was kummert's mich, ob er mich mag oder nicht?«

»Mit Virgilio ist nicht zu spa?en, Mann. Er ist Kolumbianer, hat aber oft in Miami zu tun. Bei ihm in Kolumbien haben neulich vier Kerle ihren Bo? verpfiffen - haben mit den Cops geredet. Virgilio sollte ihnen zeigen, da? man das nicht tut. Wei?t du, was er gemacht hat?«

Jensen schuttelte den Kopf.

»Er hat die vier Kerle aufgespurt und mit ausgestreckten Armen zwischen Baume gebunden. Dann hat er sich mit 'ner Kettensage an die Arbeit gemacht - hat einem nach dem anderen den rechten Arm abgeschnitten.«

Jensen trank hastig einen Schluck Scotch.

»Konnte dir nutzen, Virgilio zu kennen«, flusterte Arlie ihm zu. »Heute nacht ist Action angesagt. Interessiert?«

»Ja.« Noch wahrend er das sagte, hatte Jensen einen neuen Einfall.

»Wenn er zuruckkommt«, fuhr Dutch fort, »wartest du 'ne halbe Minute, dann gehst du aufs Klo und la?t dir Zeit. Wir fragen Virgilio, ob's ihm recht ist, wenn du mitkommst.«

Jensen hielt sich an diese Anweisungen. Als er zuruckkam, nickte Dutch ihm zu.

»Du fahrst einfach weiter dem Jeep nach«, wies Dutch Jensen an. »Halt er und macht das Licht aus, tust du's auch.«

Es war fast zwei Uhr morgens. Die beiden Manner sa?en in Jensens Volvo und waren auf dem Florida's Turnpike sechzig Kilometer weit hinter einem Chrysler Cherokee mit Arlie als Fahrer und Virgilio auf dem Beifahrersitz nach Suden gefahren. Gleich hinter Florida City, wo die Everglades begannen, bogen sie auf die Cart Sound Road ab - eine einsame Nebenstra?e nach Key Largo. Bei Halbmond konnte Jensen das Wattengebiet und die auf beiden Ufern im Schlick liegenden baufalligen Hausboote sehen. Sie hatten die Stra?e fur sich allein, weil Autofahrer diese Strecke nachts mieden und lieber auf dem befahreneren und sichereren Highway US 1 blieben.

»Verdammt, ich konnt's in keinem dieser Schei?kahne aushalten«, sagte Dutch. »Und du?« Die Autoscheinwerfer hatten ihnen einen verrotteten alten Schlepper mit einem handgemalten Schild Blue Crabbs For Sale gezeigt. Patrick Jensen, der sich inzwischen fragte, warum er uberhaupt mitgefahren war, gab keine Antwort.

In diesem Augenblick bog der Jeep vor ihnen von der Stra?e auf eine mit Kies bestreute Flache ab, und Arlie schaltete seine Scheinwerfer aus. Jensen bog ebenfalls ab, schaltete die Scheinwerfer aus und stieg aus seinem Volvo. Die beiden anderen standen schweigend neben dem Jeep.

Der gro?e Kolumbianer trat ans Wasser und starrte mit zusammengekniffenen Augen ins Dunkel hinaus.

Plotzlich tauchten hinter ihnen Scheinwerfer auf. Ein Lieferwagen mit der seitlichen Werbeaufschrift Plumber's Pal bog von der Stra?e ab und hielt neben Arlies und Virgilios Jeep. Patrick fiel auf, da? die beiden Manner, die sofort ausstiegen, Handschuhe trugen. Die Neuankommlinge gingen zur Hecktur des Lieferwagens, wo die anderen sich zu ihnen gesellten. Jensen hielt sich im Hintergrund.

Auf der Ladeflache wurde ein Gegenstand sichtbar. Als er zur Tur gezogen wurde, erkannte Patrick einen Rollstuhl, der hinten transportiert worden war. In diesem Rollstuhl sa? eine mit Stricken gefesselte Gestalt, die gegen ihre Fesseln anzukampfen schien. Virgilio trat vor; auch er hatte sich inzwischen Handschuhe ubergestreift. Der Kolumbianer hob den Rollstuhl heraus, als sei er federleicht, und stellte ihn auf den Kies.

Nun erkannte Jensen, da? der vor ihm Sitzende ein gefesselter und geknebelter junger Mann war, der verzweifelt mit den Augen rollte, wahrend er sich bemuhte, den Knebel herauszusto?en. Irgendwie gelang es ihm

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