verhalten. Trotzdem hielt sie ihr Millionenvermogen auf den Caymans vor jedermann au?er ihrem Steuerberater und dem U.S. Internal Revenue Service geheim. Sie hatte auch nicht vor, Patrick Jensen davon zu erzahlen.
Er hatte einige Minuten lang schweigend nachgedacht.
»Reichlich Geld kann nicht schaden«, sagte er jetzt. »Deinen Plan so umzusetzen, da? die Morde nie aufgeklart werden und alle Beteiligten dichthalten... das kostet einen Haufen Geld, vielleicht zweihunderttausend oder eine Viertelmillion Dollar.«
»Das kann ich zahlen«, stellte Cynthia fest.
»Wie?«
»Bar.«
»Okay. Welchen Zeitplan hast du?«
»Es gibt keinen - noch nicht. La? dir bei der Suche nach dem richtigen Mann ruhig Zeit. Hauptsache, du findest einen, der clever, hart, brutal, verschwiegen und absolut zuverlassig ist.«
»Das wird nicht leicht sein.«
»Darum gebe ich dir reichlich Zeit.« Ich werde die Wartezeit in dem Bewu?tsein genie?en, sagte Cynthia sich, da? meine lange geplante Rache vielleicht schon bald in die Tat umgesetzt werden wird.
»Wenn du schon dabei bist«, sagte Patrick, »kannst du auch fur mich einen Haufen Geld einplanen.«
»Den bekommst du vor allem dafur, da? du meinen Namen aus dieser Sache raushaltst. Der Mann, den du anheuerst, darf ihn unter keinen Umstanden erfahren.
»Damit du dir ein Alibi verschaffen kannst?«
Cynthia nickte. »Damit ich dreitausend Meilen weit entfernt sein kann.«
»La? dir bei der Suche nach dem richtigen Mann ruhig Zeit«, hatte Cynthia zu Patrick Jensen gesagt. Aber es dauerte fast vier Jahre - weit langer, als Cynthia beabsichtigt hatte -, bevor unwiderrufliche Ma?nahmen ergriffen wurden.
Die Zeit bis dorthin verging jedoch rasch, vor allem fur Cynthia, die im Miami Police Department ungewohnlich schnell Karriere machte. Aber weder Cynthias Erfolg noch der Lauf der Jahre milderte den Ha?, den sie fur ihre Eltern empfand. Und ihr Bedurfnis nach Rache blieb unverandert stark. Sie erinnerte Jensen regelma?ig an seine Verpflichtung, die er anerkannte, wahrend er ihr zugleich versicherte, er sei noch auf der Suche nach dem richtigen Mann, der einfallsreich, skrupellos, brutal und zuverlassig sein musse. Bisher sei er noch nicht aufgetaucht.
Jensen erschien das ganze Vorhaben oft unheimlich und unwirklich. Als Schriftsteller hatte er haufig uber Verbrecher geschrieben, aber die Beschaftigung war immer abstrakt geblieben - Worter und Zeilen auf einem Bildschirm. Er hatte immer geglaubt, die dustere Welt des Verbrechens gehore zu anderen Leuten, denen er ganz unahnlich sei. Aber jetzt war er einer von ihnen geworden. In blinder Wut hatte er ein Schwerverbrechen verubt, das mit einem Schlag sein bis dahin gesetzestreues Leben beendete. Gerieten auch andere ahnlich ubersturzt und unabsichtlich in die Unterwelt? Er vermutete, da? es viele waren.
Wahrend die Monate verstrichen, fragte er sich manchmal:
Zugleich litt Jensen weiter unter dem Gefuhl, etwas ganz Irreales zu erleben.
Im Gegensatz zu ihm hatte Cynthia bestimmt keine solchen Vorstellungen. Ihre hartnackige Unbeirrbarkeit lie? sie niemals ein Ziel aufgeben. Da er wu?te, wie dieser Charakterzug sich auswirken konnte, war ihm klar, da? er seinem Auftrag, einen Morder fur Cynthia Ernsts Eltern zu finden, nicht entgehen konnte. Versagte er dabei, wurde sie ihre Drohung wahrmachen und ihn vernichten.
Im Grunde genommen, das erkannte Jensen, war er nicht mehr derselbe Mensch wie fruher. Er war zu einem egoistischen, skrupellosen Fremden geworden.
Wahrend die Verwirklichung ihres Hauptziels sich verzogerte, hatte Cynthia ein Nebenziel erreicht, als sie durch Ausnutzung ihres hoheren Dienstgrads und eine bosartig akribische Auswertung alter Unterlagen verhindert hatte, da? Malcolm Ainslie zum Lieutenant befordert wurde. Was sie dazu trieb, war selbst Cynthia nur allzu bewu?t. Nach einer Kindheit, die einer au?ersten Zuruckweisung gleichgekommen war, stand ihr Entschlu? fest, sich niemals mehr in eine solche Situation bringen zu lassen. Aber Malcolm hatte sie zuruckgewiesen, und das wurde sie ihm nie verzeihen.
Nachdem ihre endgultige Abrechnung mit Gustav und Eleanor Ernst sich lange hinausgezogert hatte, fand Cynthia schlie?lich, sie habe lange genug gewartet. Das teilte sie Patrick wahrend eines Wochenendes in Nassau auf den Bahamas mit, wo sie wieder in verschiedenen Hotels wohnten - Cynthia in dem luxuriosen Paradise Island Ocean Club.
Nach einem langen, befriedigenden Vormittag im Bett setzte Cynthia sich plotzlich auf. »Hor zu, du hast uberreichlich Zeit gehabt. Ich will bald Action sehen, sonst unternehme
»Und glaub mir, Sweetheart, woran ich denke, wurde dir nicht gefallen.«
»Ja, ich wei?.« Jensen, der schon langer ein Ultimatum dieser Art erwartet hatte, fragte: »Wie lange habe ich Zeit?«
»Drei Monate.«
»Sagen wir sechs.«
»Vier - ab morgen.«
Er seufzte, denn er wu?te, da? das ihr Ernst war. Und er war sich aus Grunden, die bei ihm lagen, daruber im klaren, da? die Zeit gekommen war.
Jensen hatte ein weiteres Buch geschrieben, das wie die beiden vorhergehenden im Vergleich zu seinen fruheren Bestsellern ein Reinfall war. Deshalb wurden die Vorschusse, die Patrick fur die drei Romane erhalten und langst ausgegeben hatte, nicht verdient, und er hatte keine Tantiemen zu erwarten. Der nachste Schritt war vorauszusehen gewesen. Sein amerikanischer Verlag, der ihm fruher hohe Vorschusse fur noch nicht geschriebene Bucher gezahlt hatte, verweigerte sie jetzt und wollte nur noch Vertrage uber komplett vorgelegte und fur gut befundene Manuskripte abschlie?en.
Deshalb war Jensens Lage verzweifelt. Er hatte seinen luxuriosen Lebensstil in den letzten Jahren nicht geandert und damit nicht nur seine letzten Reserven aufgebraucht, sondern sich auch in hohe Schulden gesturzt. Somit war die Aussicht auf eine Viertelmillion Dollar, um einen Morder anzuheuern - eine Summe, von der Jensen die Halfte einstecken wollte, wahrend er sich einen ahnlichen Betrag fur seine Vermittlerdienste ausrechnete -, jetzt dringend und verlockend.
Durch eine ganze Reihe von Zufallen kam er dem gesuchten Mann naher. Diese Zufalle, die an sich nichts mit Patrick zu tun hatten, betrafen die Polizei, eine Gruppe invalider Veteranen aus dem Vietnam- und Golfkrieg und Drogen. Die Veteranen, die nach schweren Verwundungen im Rollstuhl sa?en, hatten in der Nachkriegszeit Drogen genommen; jetzt waren sie wieder clean und fuhrten einen Feldzug gegen Drogenhandler. In ihrem unruhigen, gemischtrassigen Viertel fuhrten sie einen Privatkrieg gegen alle, die mit Drogen handelten und das Leben so vieler, besonders junger Menschen zerstorten. Die Mitglieder der Gruppe wu?ten, da? viele in ihrer Wohngegend versuchten, gegen Drogen und Dealer zu kampfen - meist erfolglos. Aber die Veteranen in ihren Rollstuhlen
Paradoxerweise war ihr Anfuhrer kein Veteran oder bekehrter Drogensuchtiger, sondern ein ehemaliger Sportler und Student. Der dreiundzwanzigjahrige Stewart Rice, den alle seine Freunde Stewie nannten, war vor vier Jahren als Freeclimber verungluckt und sa? seitdem querschnittsgelahmt im Rollstuhl. Auch er hatte den starken Wunsch, junge Menschen vor Drogen zu bewahren, und sein Bundnis mit den Veteranen basierte auf gemeinsamen Uberzeugungen und der Solidaritat, die Rollstuhlfahrer instinktiv fureinander empfinden.
