da? ihre Mutter sich sehnlichst wunschte, Cynthia wurde am Smith College in Northampton, Massachusetts - Eleanors prestigetrachtiger Alma mater - studieren, und lie? sie vier Jahre lang in dem Glauben, sie werde dieses College wahlen.
Cynthia war eine sehr aussichtsreiche Kandidatin: Sie war in Pine Crest die Klassenbeste und wurde in die National Honor Society aufgenommen. Au?erdem spendete Eleanor dem Smith College regelma?ig gro?ere Betrage, was zwar angeblich nicht zahlte, aber vielleicht doch nutzte.
Die Zusage wurde an die Adresse der Ernsts geschickt, und Eleanor offnete den Brief. Sie rief Cynthia sofort im Internat an, um ihr die aufregende Nachricht mitzuteilen.
»Ja, ich habe erwartet, da? sie mich nehmen wurden«, sagte Cynthia kuhl.
»Schatzchen, ich kann dir nicht sagen, wie begeistert ich bin! Das mu? gefeiert werden! Wie war's mit einem Dinner am Samstagabend? Hattest du Zeit?«
»Klar, klingt gut.«
Cynthia machte die Symmetrie der Ereignisse bereits Spa?, und am Samstagabend sa?en die drei an dem langen Eichentisch im Speisezimmer: ihre Eltern an den Kopfenden, Cynthia an der Seite. Der Tisch war mit englischem Damast und Eleanors bestem Herend-Porzellan gedeckt. In mehrarmigen Silberleuchtern brannten Kerzen. Cynthia trug sogar ein Abendkleid. Ihre Eltern, das war nicht zu ubersehen, strahlten vor Gluck.
Nachdem ihr Vater den Wein eingeschenkt hatte, hob er sein Glas und sagte: »Auf die kommende Generation von Smith-Absolventinnen!«
»Hort, hort!« rief Eleanor begeistert. »Oh, Cynthia, ich bin so stolz auf dich! Du wirst sehen, als Smith- Absolventin steht dir die ganze Welt offen.«
Cynthia spielte mit ihrem Weinglas. »Das konnte stimmen, Mutter, wenn ich am Smith studieren wurde.« Sie beobachtete amusiert, wie das gluckstrahlende Lacheln ihrer Mutter verbla?te. Dieses kleine Ritual hatten sie schon so oft zelebriert, da? jede Nuance voraussehbar war.
»Was zum Teufel soll das hei?en?« fragte der Vater.
»Ich habe mich bei der Florida State University in Tallahassee beworben«, antwortete Cynthia frohlich. »Letzte Woche ist die Zusage gekommen, und ich habe mich gleich angemeldet.« Sie hob ihr Weinglas. »Auf Tallahassee!«
Eleanor brachte vor Entsetzen kein Wort heraus.
Auf der Stirn ihres Mannes standen plotzlich Schwei?perlen. »Du studierst am Smith College, nicht an einer staatlichen Universitat. Das verbiete ich dir!«
Am anderen Tischende stand Eleanor auf. »Wei?t du eigentlich, was fur eine
»In Tallahassee sind
»Glaubst du etwa, da? uns das
Gustav schlug mit der Faust auf den Tisch. »Damit kommst du nicht durch, junge Dame!«
Unterdessen war Cynthia ebenfalls aufgestanden und starrte ihre Eltern abwechselnd an. Ihre unausgesprochenen Worte waren ohrenbetaubend laut.
Gustav bemuhte sich, ihrem Blick standzuhalten, aber dann sah er wie schon so haufig weg und seufzte. Zuletzt gestand er mit einem Schulterzucken seine Niederlage ein und verlie? den Raum. Sekunden spater folgte Eleanor ihm hinaus.
Cynthia a? in aller Ruhe weiter.
Drei Jahre spater schlo? Cynthia, die ein Vierjahrespensum in drei Jahren bewaltigt hatte, ihr Studium an der Florida State University mit hochster Auszeichnung und als Mitglied der Vereinigung Phi Beta Kappa ab.
Cynthia hatte als Schulerin und Studentin viele Freunde und stellte zu ihrer Uberraschung fest, da? Sex ihr trotz traumatischer Kindheitserinnerungen Spa? machte. Aus ihrer Sicht hatte Sex jedoch vor allem mit Macht zu tun. Sie wurde nie wieder eine willfahrige Partnerin sein und war bestrebt, in jeder sexuellen Beziehung die dominierende Rolle zu spielen. Eine weitere Uberraschung war die Tatsache, da? viele Manner ihre Dominanz genossen, sie sogar erregend fanden. Aber trotz ihrer vielen Affaren gestattete Cynthia sich niemals den Luxus, sich zu verlieben. Sie war einfach nicht bereit, auf einen so gro?en Teil ihrer Unabhangigkeit zu verzichten.
Viel spater galten diese Spielregeln fur ihre Affare mit Malcolm Ainslie nur zum Teil. Wie die meisten seiner Vorganger geno? er ihre »sexuellen Freiubungen«, wie er sie einmal nannte, und revanchierte sich auf ahnliche Weise. Aber Cynthia schaffte es nie, ihn wie die anderen vollig zu dominieren; er besa? eine innere Kraft, die sie nie ganz uberwinden konnte. Wahrend ihrer Affare hatte sie aus reinem Mutwillen versucht, Malcolms Ehe zu zerstoren, dabei aber keineswegs die Absicht gehabt, ihn selbst zu heiraten - oder irgendeinen anderen Mann. In ihren Augen bedeutete eine Ehe, sich einem Mann praktisch auszuliefern, und sie hatte sich geschworen, das nie zu tun.
In direktem Gegensatz zu Malcolm stand der Romanautor Patrick Jensen, den Cynthia vom ersten Augenblick an beherrscht hatte. Anfangs war ihre Beziehung rein sexueller Natur gewesen, aber spater wurde sie komplexer. Cynthias Affaren mit beiden Mannern begannen etwa gleichzeitig, aber sie hielt Malcolm und Patrick sorgsam auseinander, so da? sie gewisserma?en auf getrennten Bahnen liefen.
Patrick Jensen steckte gerade in einer schwierigen Lage - vor allem wegen des Scheiterns seiner Ehe -, als seine Affare mit Cynthia begann. Seine Frau Naomi hatte sich scheiden lassen und nach erbitterten Auseinandersetzungen eine gro?zugige Abfindung erstritten. Nach Auskunft von Freunden waren die sieben Ehejahre der Jensens von Patricks Wutanfallen gepragt gewesen, die dazu gefuhrt hatten, da? Naomi ihn dreimal wegen Korperverletzung angezeigt hatte. Alle drei Anzeigen waren zuruckgezogen worden, nachdem Patrick Besserung gelobt hatte. Aber die trat nie ein. Auch nach der Scheidung zeigte Patrick offentlich, wie eifersuchtig er auf Naomi war, wenn sie sich mit anderen Mannern zeigte, und wurde einmal sogar gewalttatig gegen ihren Begleiter.
Fur Patrick war Cynthia Ernst in jeder Beziehung ein Geschenk des Himmels. Er gestand sich ein, da? sie viel starker war als er, unterwarf sich ihr bereitwillig und verlie? sich mehr und mehr auf ihre Fuhrung. Cynthia glaubte ihrerseits, in Patrick jemanden gefunden zu haben, den sie beherrschen und zur Verwirklichung ihrer langfristigen personlichen Plane einsetzen konnte.
Ihre Uberzeugung bestatigte sich, als Patrick eines Nachts sehr spat bei Cynthia aufkreuzte.
Sie horte vom Bett aus, wie jemand ungeduldig an ihre Wohnungstur hammerte. Ein Blick durch den Spion zeigte ihr Patrick, der sich nervos im Flur umsah und sich mit allen zehn Fingern durchs Haar fuhr.
Als sie ihm offnete, sturzte er herein und sagte hastig: »Gott, Cynthia, ich hab' was Schlimmes angestellt! Ich mu? aus Miami weg. Leihst du mir dein Auto?« Er trat ans nachste Fenster und sah angstlich nach beiden Seiten die Stra?e entlang. »Ich mu? weg... sofort weg von hier! Cynthia, du mu?t mir helfen.« Er starrte sie bittend an, wahrend er sich wieder die Haare raufte.
»Mein Gott, du bist in Schwei? gebadet.« Cynthia fuhr energisch fort: »Komm, beruhig dich erst mal. Setz dich hin, ich hole dir einen Scotch.«
Sie brachte ihm den Drink, nahm neben ihm auf der Couch Platz und massierte seinen Nacken. Er begann zu reden, verstummte dann und stie? plotzlich hervor: »O Gott, Cynthia, ich hab' Naomi umgebracht! Hab' sie erschossen.« Seine Stimme versagte.
Cynthia ruckte von ihm ab. Ihre Pflicht als Polizeibeamtin, vor allem als Kriminalbeamtin der Mordkommission - war klar. Sie hatte Patrick verhaften, ihn uber seine Rechte belehren und in Handschellen abfuhren mussen. Aber sie uberlegte rasch, wog die Chancen und Risiken ab und tat nichts dergleichen. Statt dessen trat sie an einen Schrank, holte ein Tonbandgerat heraus, legte eine neue Kassette ein und druckte die Aufnahmetaste. Patrick hatte seine Hande vors Gesicht geschlagen und schluchzte laut. Cynthia stellte das Tonbandgerat in seiner Nahe auf die Fensterbank, wo es hinter Topfpflanzen versteckt war.
Dann sagte sie: »Patrick, wenn ich dir helfen soll, mu?t du mir
Er sah auf, nickte und begann mit bruchiger Stimme: »Ich hab's nicht vorgehabt, hab's nicht geplant... aber ich habe den Gedanken, da? Naomi einen anderen hat, nie ertragen konnen... Als ich die beiden miteinander gesehen hab', sie und diesen Schei?kerl, bin ich ausgerastet, blind vor Wut gewesen... Ich hatte einen Revolver in der Tasche. Ich hab' ihn gezogen und immer wieder abgedruckt... Plotzlich ist's vorbei gewesen... Dann habe ich
