kleinen Schreibtisch.

»Bitte weiter«, drangte Ainslie, der sich bewu?t war, lange genug gewartet zu haben.

»Cynthia ist auf der Bildflache erschienen. Innerhalb einer Woche nach ihrer Geburt hat Mrs. Ernst ihren Mann bei sexuellen Spielen mit dem Baby ertappt. Hier, so hat sie's geschildert.« Ruby schob ihm ein aufgeschlagenes Heft hin und deutete auf eine Seite. Ainslie kniff die Augen zusammen, wahrend er sich bemuhte, Mrs. Ernsts private Kurzschrift zu entratseln.

»Am besten lesen Sie's mir vor«, sagte er dann. »Ich sehe, da? man die meisten Worter nur erganzen mu?, aber das konnen Sie schneller.«

Ruby las laut vor:

»Heute habe ich gesehen, wie Gustav meine Cynthia beruhrt hat, kann nur sexuell gewesen sein. Er hat ihre Windel entfernt und sie angestarrt. Ohne zu wissen, da? ich ihn beobachte, hat er sich uber sie gebeugt und etwas Unaussprechliches getan. Ich bin so emport und in Sorge um Cynthia gewesen! Wird ihr Vater, dieser Perverse, dem eigenen Kind nachstellen? Ich habe ihm erklart, da? mir egal ist, was er mir antut, aber da? er Cynthia nie mehr anruhren darf, weil ich sonst zu den Kinderschutzleuten gehe, die ihn hinter Gitter bringen konnen.

Er hat sich offenbar nicht geschamt, aber versprochen, es nicht mehr zu tun. Ich wei? nicht, ob ich ihm glauben kann, er ist so verdorben! Kann ich Cynthia vor ihm schutzen? Auch das ist zweifelhafte«

Ohne Ainslies Reaktion abzuwarten, fuhr Ruby fort: »Ahnliche Eintragungen wiederholen sich in den folgenden Monaten, und trotz Mrs. Ernsts Drohung ist klar, da? sie nie etwas unternommen hat. Nach eineinhalb Jahren findet sich diese Eintragung.« Sie schob ihm ein weiteres Heft hin und zeigte auf die Stelle, die sie meinte.

Ainslie forderte sie mit einer Handbewegung auf, den verschlusselten Text vorzulesen. Sie zog das Schreibheft wieder zu sich heran.

»>Ich habe Gustav immer wieder gewarnt, aber er macht trotzdem weiter und tut Cynthia manchmal weh, so da? sie aufschreit. Als ich ihm Vorhaltungen gemacht habe, hat er abgewehrt: 'Das hat nichts zu bedeuten. Nur ein bi?chen Zartlichkeit von ihrem Da.' Ich habe ihm erklart: 'Nein, das ist widernaturlich. Sie ha?t es, und sie ha?t dich. Sie hat Angst vor dir.' Kommt er jetzt in ihre Nahe, weint sie, krummt sich schutzsuchend zusammen und weicht vor ihm zuruck. Ich drohe ihm immer wieder damit, jemanden anzurufen - das Jugendamt, die Polizei oder sogar unseren Dr. W. -, aber Gustav lacht daruber, weil er nur allzugut wei?, da? ich das nicht uber mich brachte, und damit hat er recht. Die Schande ware zu schrecklich. Wie konnte ich den Leuten danach noch unter die Augen treten? Ich kann mit keinem Menschen daruber reden -nicht einmal um Cynthias willen. Cynthia und ich werden diese schwere Burde allein tragen mussen.<«

»Schockiert Sie das?« fragte Ruby.

»Nach neun Jahren bei der Mordkommission schockiert mich nichts mehr, aber mir macht Sorgen, wie die Geschichte weitergehen wird. Sie geht weiter, nicht wahr?«

»Naturlich.« Ruby blatterte in ihren Notizen. »Als nachstes ist er zu Mi?handlungen ubergegangen. Als Cynthia drei war, hat Gustav angefangen, sie zu schlagen - >wegen irgendwelcher Kleinigkeiten, manchmal vollig grundlos<, berichtet das Tagebuch. Er hat ihr Weinen nicht leiden konnen und einmal >zur Strafe< ihre Fu?e in kochendhei?es Wasser gesteckt. Mrs. Ernst hat Cynthia ins Krankenhaus gebracht und die Verbruhungen als Unfall ausgegeben. Sie hat festgehalten, da? niemand ihr geglaubt habe - aber passiert ist trotzdem nichts.

Als die Kleine dann acht gewesen ist, hat Gustav sie zum ersten von vielen Malen vergewaltigt. Danach ist Cynthia vor jedem zuruckgeschreckt, der sie beruhren wollte - auch vor ihrer Mutter -, als habe sie Angst vor jeglicher Beruhrung.« Rubys Stimme versagte. Sie trank einen Schluck Wasser aus einem Glas und deutete auf einen Stapel Schulhefte. »Das steht alles dort drin.«

»Mochten Sie eine Pause machen?« fragte Ainslie.

»Ich denke schon.« Ruby ging zur Tur und murmelte dabei: »Ich bin gleich zuruck.«

Ainslies Gedanken befanden sich in wildem Aufruhr. Er hatte die erregende Affare mit Cynthia nicht aus seinem Gedachtnis gestrichen, wurde es auch nie tun. Trotz ihrer Verbitterung uber seinen Entschlu?, sich von ihr zu trennen, und ihrer spateren absichtlichen Sabotage seiner Karriere hatte er Cynthia noch immer gern und wurde ihr seinerseits nie schaden wollen. Und seit er diese neuen Tatsachen erfahren hatte, galt sein ganzes Mitleid dem armen kleinen Madchen. Wie konnten vermeintlich zivilisierte Eltern das eigene Kind mi?handeln und mi?brauchen - der Vater aus perverser Lust, die Mutter so ruckgratlos, da? sie nicht das geringste unternahm, um ihrer Tochter zu helfen?

Dann wurde leise die Tur geoffnet, und Ruby kam hereingeschlupft. Ainslie musterte sie prufend und fragte: »Schaffen Sie's weiterzumachen?«

»Ja, ich mochte die Sache hinter mich bringen. Vielleicht ziehe ich heute abend los und besaufe mich, um alles vergessen zu konnen.«

Aber er wu?te, da? sie das nicht tun wurde. Da ihr Vater tragischerweise von einem funfzehnjahrigen Junkie erschossen worden war, gab es fur Ruby keine Drogen - auch keinen Alkohol. Daran wurde diese Geschichte nichts andern.

»Das Unvermeidliche ist passiert, als Cynthia zwolf war«, fuhr Ruby fort. »Sie ist von ihrem Vater schwanger geworden. Am besten lese ich Ihnen vor, was Mrs. Ernst daruber geschrieben hat.«

Diesmal zeigte sie ihm nicht das verschlusselte Tagebuch, sondern las direkt aus ihrer Transkription vor.

»>In dieser schrecklichen, schandlichen Situation sind die notigen Vorbereitungen getroffen worden. Gustavs Anwalt L. M. hat dafur gesorgt, da? Cynthia in Pensocola unter einem anderen Namen in einer diskreten Privatklinik liegt, zu der er Verbindung hat. Nach Auskunft der Arzte mu? Cynthia das Kind bekommen, weil bei so fortgeschrittener Schwangerschaft kein Abbruch mehr zulassig ist. Sie bleibt in der Klinik, bis es soweit ist. L. M. sorgt auch fur eine sofortige Adoption des Babys; ich habe ihm gesagt, da? uns egal ist, wer es nimmt, solange unsere Identitat geheimgehalten wird. Cynthia bekommt ihr Kind nicht zu sehen und hort nie wieder von ihm - und wir auch nicht. Gott sei Dank!

Vielleicht hat diese Sache sogar noch etwas Gutes. Bevor L. M. bereit gewesen ist, den Fall zu ubernehmen, hat er Gustav grundlich die Meinung gesagt. Er hat gesagt, Gustav widere ihn an, und Ausdrucke benutzt, die ich nicht wiederholen will. Und er hat ihm ein Ultimatum gestellt: Hort Gustav nicht endgultig auf, Cynthia zu mi?brauchen, zeigt L. M. ihn an und sorgt dafur, da? er fur Jahre hinter Gitter mu?. L. M. hat ihm gedroht, das meine er ernst, und wenn das die einzige Moglichkeit sei, 'dann zum Teufel mit dem Anwaltsgeheimnis'! Gustav hat richtig Angst gehabt.<

Einige Zeit spater wird erwahnt, da? Cynthia ihr Kind bekommen hat«, sagte Ruby. »Keine weiteren Informationen, nicht mal das Geschlecht des Babys. Dann ist Cynthia heimgekehrt, und wenig spater findet sich in Mrs. Ernsts Tagebuch folgende Eintragung:

>Trotz unserer Vorsichtsma?nahmen mu? sich irgend etwas herumgesprochen haben. Eine Frau vom Jugendamt hat mich aufgesucht. Ihre Fragen haben gezeigt, da? sie nicht alles wu?te, aber daruber informiert war, da? Cynthia mit zwolf Jahren ein Kind bekommen hatte. Das mu?te ich zugeben, weil es nicht zu leugnen war; ansonsten habe ich gelogen. Ich habe behauptet, der Vater des Kindes sei uns unbekannt, aber Gustav und ich seien seit langerer Zeit besorgt gewesen, weil Cynthia sich mit allen moglichen Jungen herumgetrieben habe. In Zukunft wurden wir sie strenger beaufsichtigen.

Ich wei? nicht, ob sie mir das alles abgenommen hat, aber sie konnte meine Aussage naturlich nicht widerlegen. Da? diese Leute in alles ihre Nase stecken mussen!

Als die Frau gegangen war, habe ich entdeckt, da? Cynthia uns belauscht hatte. Wir haben kein Wort miteinander gesprochen, aber Cynthia hat mich wild angefunkelt. Sie ha?t mich, furchte ich.<«

Ainslie schwieg, denn seine Gedanken waren zu komplex, um ausgedruckt zu werden. Vor allem empfand er uberwaltigenden Abscheu, weil weder Gustav noch Eleanor Ernst auch nur einen Gedanken auf das Wohlergehen des Neugeborenen verschwendet hatten - ihr Enkel oder ihre Enkelin; sein Sohn oder seine Tochter, was ihnen anscheinend beiden egal gewesen war.

»Danach habe ich viel ubersprungen«, fuhr Ruby fort, »und ihre Tagebucher aus Cynthias Jugendjahren nur

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