kleinen Schreibtisch.
»Bitte weiter«, drangte Ainslie, der sich bewu?t war, lange genug gewartet zu haben.
»Cynthia
»Am besten lesen Sie's mir vor«, sagte er dann. »Ich sehe, da? man die meisten Worter nur erganzen mu?, aber das konnen Sie schneller.«
Ruby las laut vor:
Ohne Ainslies Reaktion abzuwarten, fuhr Ruby fort: »Ahnliche Eintragungen wiederholen sich in den folgenden Monaten, und trotz Mrs. Ernsts Drohung ist klar, da? sie nie etwas unternommen hat. Nach eineinhalb Jahren findet sich diese Eintragung.« Sie schob ihm ein weiteres Heft hin und zeigte auf die Stelle, die sie meinte.
Ainslie forderte sie mit einer Handbewegung auf, den verschlusselten Text vorzulesen. Sie zog das Schreibheft wieder zu sich heran.
»Schockiert Sie das?« fragte Ruby.
»Nach neun Jahren bei der Mordkommission schockiert mich nichts mehr, aber mir macht Sorgen, wie die Geschichte weitergehen wird. Sie
»Naturlich.« Ruby blatterte in ihren Notizen. »Als nachstes ist er zu Mi?handlungen ubergegangen. Als Cynthia drei war, hat Gustav angefangen, sie zu schlagen - >wegen irgendwelcher Kleinigkeiten, manchmal vollig grundlos<, berichtet das Tagebuch. Er hat ihr Weinen nicht leiden konnen und einmal >zur Strafe< ihre Fu?e in kochendhei?es Wasser gesteckt. Mrs. Ernst hat Cynthia ins Krankenhaus gebracht und die Verbruhungen als Unfall ausgegeben. Sie hat festgehalten, da? niemand ihr geglaubt habe - aber passiert ist trotzdem nichts.
Als die Kleine dann acht gewesen ist, hat Gustav sie zum ersten von vielen Malen vergewaltigt. Danach ist Cynthia vor jedem zuruckgeschreckt, der sie beruhren wollte - auch vor ihrer Mutter -, als habe sie Angst vor jeglicher Beruhrung.« Rubys Stimme versagte. Sie trank einen Schluck Wasser aus einem Glas und deutete auf einen Stapel Schulhefte. »Das steht alles dort drin.«
»Mochten Sie eine Pause machen?« fragte Ainslie.
»Ich denke schon.« Ruby ging zur Tur und murmelte dabei: »Ich bin gleich zuruck.«
Ainslies Gedanken befanden sich in wildem Aufruhr. Er hatte die erregende Affare mit Cynthia nicht aus seinem Gedachtnis gestrichen, wurde es auch nie tun. Trotz ihrer Verbitterung uber seinen Entschlu?, sich von ihr zu trennen, und ihrer spateren absichtlichen Sabotage seiner Karriere hatte er Cynthia noch immer gern und wurde ihr seinerseits nie schaden wollen. Und seit er diese neuen Tatsachen erfahren hatte, galt sein ganzes Mitleid dem armen kleinen Madchen. Wie
Dann wurde leise die Tur geoffnet, und Ruby kam hereingeschlupft. Ainslie musterte sie prufend und fragte: »Schaffen Sie's weiterzumachen?«
»Ja, ich mochte die Sache hinter mich bringen. Vielleicht ziehe ich heute abend los und besaufe mich, um alles vergessen zu konnen.«
Aber er wu?te, da? sie das nicht tun wurde. Da ihr Vater tragischerweise von einem funfzehnjahrigen Junkie erschossen worden war, gab es fur Ruby keine Drogen - auch keinen Alkohol. Daran wurde diese Geschichte nichts andern.
»Das Unvermeidliche ist passiert, als Cynthia zwolf war«, fuhr Ruby fort. »Sie ist von ihrem Vater schwanger geworden. Am besten lese ich Ihnen vor, was Mrs. Ernst daruber geschrieben hat.«
Diesmal zeigte sie ihm nicht das verschlusselte Tagebuch, sondern las direkt aus ihrer Transkription vor.
»>In dieser schrecklichen, schandlichen Situation sind die notigen Vorbereitungen getroffen worden. Gustavs Anwalt L. M. hat dafur gesorgt, da? Cynthia in Pensocola unter einem anderen Namen in einer diskreten Privatklinik liegt, zu der er Verbindung hat. Nach Auskunft der Arzte mu? Cynthia das Kind bekommen, weil bei so fortgeschrittener Schwangerschaft kein Abbruch mehr zulassig ist. Sie bleibt in der Klinik, bis es soweit ist. L. M. sorgt auch fur eine sofortige Adoption des Babys; ich habe ihm gesagt, da? uns egal ist, wer es nimmt, solange unsere Identitat geheimgehalten wird. Cynthia bekommt ihr Kind nicht zu sehen und hort nie wieder von ihm - und wir auch nicht. Gott sei Dank!
Vielleicht hat diese Sache sogar noch etwas Gutes. Bevor L. M. bereit gewesen ist, den Fall zu ubernehmen, hat er Gustav grundlich die Meinung gesagt. Er hat gesagt, Gustav widere ihn an, und Ausdrucke benutzt, die ich nicht wiederholen will. Und er hat ihm ein Ultimatum gestellt: Hort Gustav nicht endgultig auf, Cynthia zu mi?brauchen, zeigt L. M. ihn an und sorgt dafur, da? er fur Jahre hinter Gitter mu?. L. M. hat ihm gedroht, das meine er ernst, und wenn das die einzige Moglichkeit sei, 'dann zum Teufel mit dem Anwaltsgeheimnis'! Gustav hat richtig Angst gehabt.<
Einige Zeit spater wird erwahnt, da? Cynthia ihr Kind bekommen hat«, sagte Ruby. »Keine weiteren Informationen, nicht mal das Geschlecht des Babys. Dann ist Cynthia heimgekehrt, und wenig spater findet sich in Mrs. Ernsts Tagebuch folgende Eintragung:
>Trotz unserer Vorsichtsma?nahmen mu? sich irgend etwas herumgesprochen haben. Eine Frau vom Jugendamt hat mich aufgesucht. Ihre Fragen haben gezeigt, da? sie nicht alles wu?te, aber daruber informiert war, da? Cynthia mit zwolf Jahren ein Kind bekommen hatte. Das mu?te ich zugeben, weil es nicht zu leugnen war; ansonsten habe ich gelogen. Ich habe behauptet, der Vater des Kindes sei uns unbekannt, aber Gustav und ich seien seit langerer Zeit besorgt gewesen, weil Cynthia sich mit allen moglichen Jungen herumgetrieben habe. In Zukunft wurden wir sie strenger beaufsichtigen.
Ich wei? nicht, ob sie mir das alles abgenommen hat, aber sie konnte meine Aussage naturlich nicht widerlegen. Da? diese Leute in alles ihre Nase stecken mussen!
Als die Frau gegangen war, habe ich entdeckt, da? Cynthia uns belauscht hatte. Wir haben kein Wort miteinander gesprochen, aber Cynthia hat mich wild angefunkelt. Sie ha?t mich, furchte ich.<«
Ainslie schwieg, denn seine Gedanken waren zu komplex, um ausgedruckt zu werden. Vor allem empfand er uberwaltigenden Abscheu, weil weder Gustav noch Eleanor Ernst auch nur einen Gedanken auf das Wohlergehen des Neugeborenen verschwendet hatten -
»Danach habe ich viel ubersprungen«, fuhr Ruby fort, »und ihre Tagebucher aus Cynthias Jugendjahren nur
