noch uberflogen. Ich habe nicht alle lesen konnen; vielleicht tut das nie jemand. Aber sie zeigen, da? Gustav Ernst Cynthia nicht mehr nachgestellt und sie statt dessen gefordert hat - in der Hoffnung, sie werde >vergeben und vergessen<, wie seine Frau schreibt. Er hat ihr viel Geld gegeben - davon hatte er reichlich. Und als Cynthia zur Miami Police gegangen ist, hat er seinen Einflu? als City Commissioner genutzt, um sie in die Mordkommission zu bringen und dann rasch befordern zu lassen.«

»Cynthia hat sehr gut gearbeitet«, stellte Ainslie fest. »Sie hatte es auch ohne Protektion weit gebracht.«

Ruby zuckte mit den Schultern. »Mrs. Ernst hat vermutet, das habe genutzt, aber andererseits nicht geglaubt, Cynthia werde Gustav oder ihr jemals fur irgend etwas dankbar sein.« Sie blatterte in ihren Aufzeichnungen. »Hier ist etwas, das Mrs. Ernst vor vier Jahren geschrieben hat:

>Gustav lebt in einer Welt voller narrischer Illusionen. Er bildet sich ein, zwischen uns beiden und Cynthia sei alles in bester Ordnung, weil wir die Vergangenheit hinter uns gelassen haben, und Cynthia empfinde nun sogar Zuneigung fur uns. Was fur Unsinn! Cynthia liebt uns nicht. Warum sollte sie auch? Wir haben ihr nie Grund dazu gegeben. Nachtraglich wunsche ich mir oft, ich hatte manches anders gemacht. Aber nun ist's zu spat. Fur alles zu spat.<

Zuletzt mochte ich Ihnen einen Tagebucheintrag vorlesen, der vielleicht der wichtigste ist«, fuhr Ruby fort. »Vier Monate vor ihrer Ermordung hat Mrs. Ernst folgende Befurchtungen zu Papier gebracht:

>Ich habe Cynthia manchmal dabei ertappt, da? sie uns anstarrt. Aus ihrem Blick scheint finsterer Ha? auf uns beide zu sprechen. Fur Cynthias Wesensart ist charakteristisch, da? sie nie etwas verzeiht. Niemals! Sie verzeiht niemandem auch nur die geringste Krankung. Sie racht sich irgendwann dafur, zahlt es dem Betreffenden heim. Bestimmt ist sie durch unsere Schuld so geworden. Manchmal glaube ich, da? sie etwas mit uns vorhat, um sich an uns zu rachen, und habe Angst. Cynthia ist sehr clever, viel cleverer als wir beide.<«

Ruby legte ihre Notizen weg. »Ich habe erledigt, was Sie mir aufgetragen haben. Jetzt ist nur noch eine Sache ubrig.« Ihr Gesichtsausdruck wurde weicher, als sie Ainslies bekummerte Miene sah. »Fur Sie mu? das alles sehr schwer gewesen sein, Sergeant.«

»Wie meinen Sie das?« fragte er unsicher.

»Malcolm, wir wissen alle, warum Sie nicht zum Lieutenant befordert worden sind. Sie konnten wahrscheinlich schon Captain sein.«

Er seufzte resigniert. »Dann wissen Sie also, da? Cynthia und ich... « Er sprach nicht weiter.

»Naturlich. Wir haben's alle schon damals gewu?t. Wir sind schlie?lich Kriminalbeamte, oder?«

Unter anderen Umstanden hatte Ainslie vielleicht gelacht. Aber jetzt hing etwas Unausgesprochenes drohend in der Luft.

»Was gibt's noch?« fragte er. »Sie haben von einer Sache gesprochen. Welche meinen Sie?«

»In der Asservatenkammer steht noch ein verschlossener Karton aus dem Haus des Ehepaars Ernst, auf dem aber Cynthias Name steht. Sie scheint ihn bei ihren Eltern aufbewahrt zu haben, und er ist mit dem ubrigen Zeug sichergestellt worden.«

»Haben Sie nachgesehen, wer ihn eingeliefert hat?«

»Sergeant Brewmaster.«

»Dann gehort er zum Beweismaterial, und wir sind berechtigt, ihn zu offnen.«

»Ich hole ihn«, sagte Ruby.

Der gro?e Karton, den Ruby hereinbrachte, glich den anderen und war ebenfalls mit Klebeband mit dem Aufdruck TATORTMATERIAL verschlossen. Aber unter diesem breiten Klebeband wurde ein blauer Klebstreifen sichtbar, der das wiederholte Monogramm »C. E.« trug und an mehreren Stellen mit Siegelwachs fixiert war.

»Diesen Streifen vorsichtig abziehen und aufheben«, wies Ainslie Ruby an.

Einige Minuten spater hatte Ruby den Karton geoffnet und klappte die Deckelteile zuruck. Sie sahen hinein und stellten fest, da? der Karton mehrere Klarsichtbeutel mit je einem Gegenstand enthielt. Obenauf lag ein Plastikbeutel mit einer Schu?waffe, die ein Revolver Smith & Wesson Kaliber 38 zu sein schien. Die beiden Beutel darunter enthielten je einen Sportschuh, die beide Flecken aufwiesen. In einem vierten Plastikbeutel steckte ein T-Shirt mit ahnlichen Flecken. Die tiefste Lage bildeten weitere Klarsichtbeutel, darunter einer mit einer Tonbandkassette. Jeder Beutel trug einen beschrifteten Aufkleber, und Ainslie erkannte sofort Cynthias Handschrift.

Er konnte kaum glauben, was er vor sich sah.

»Wie kommt dieses Zeug hierher?« fragte Ruby erstaunt.

»Nur aus Versehen. Es ist im Haus der Ernsts versteckt gewesen und irrtumlich mit dem ganzen anderen Material sichergestellt worden.« Ainslie fugte hinzu: »Vorsicht, nichts anfassen, aber vielleicht konnen Sie lesen, was auf dem Beutel mit dem Revolver steht.«

Ruby beugte sich daruber. »Hier ist vermerkt: >Die Waffe, mit der P. J. seine Exfrau Naomi und ihren Freund Kilburn Holmes erschossen hat.< Und darunter steht ein Datum - der 21. August vor sechs Jahren.«

»O Gott!« flusterte Ainslie.

»Das verstehe ich nicht.« Sie richtete sich auf und starrte ihn an. »Was sind das fur Sachen?«

»Beweisstucke aus einem ungelosten Mordfall«, antwortete er grimmig. »Aus einem bisher ungelosten Mordfall.«

Obwohl die damaligen Ermittlungen nicht von Ainslies Team durchgefuhrt worden waren, erinnerte er sich wegen Cynthias langjahriger Verbindung mit dem Schriftsteller Patrick Jensen gut an diesen Mordfall. Er rief sich ins Gedachtnis zuruck, da? Jensen unter dringendem Tatverdacht gestanden hatte, nachdem seine Exfrau und ihr junger Freund mit einer Waffe des Kalibers 38 erschossen worden waren. Jensen hatte zwei Wochen vor der Tat einen Revolver Smith & Wesson Kaliber 38 gekauft; er behauptete jedoch, ihn verloren zu haben, und die Tatwaffe wurde nie gefunden. Wegen Mangels an Beweisen wurde keine Anklage gegen ihn erhoben.

Eine Frage drangte sich auf: War der Revolver in dem eben geoffneten Karton die verschwundene Waffe? Und: Warum hatte Cynthia diese Beweisstucke, falls es wirklich welche waren, gekennzeichnet und dann sechs Jahre lang bei sich versteckt? Fur eine erfahrene Kriminalbeamtin wie Cynthia war die Kennzeichnung von Beweismaterial eine Routinesache. Nicht jedoch die Unterschlagung von Beweisstucken.

Rubys Stimme ri? Ainslie aus seinen Gedanken. »Hangt dieser >ungeloste Mordfall< irgendwie mit dem Fall Ernst zusammen?«

Das war die nachste Frage, die auch Ainslie sich schon gestellt hatte. Es gab endlos viele Fragen. Hatte Patrick Jensen etwas mit der Ermordung des Ehepaars Ernst zu tun? Und hatte Cynthia ihm geholfen, dieses Verbrechen ebenso wie den Doppelmord vor sechs Jahren zu vertuschen?

Ein Gefuhl tiefer Niedergeschlagenheit erfa?te Ainslie, wahrend er uber diese Moglichkeiten nachdachte. »Im Augenblick la?t sich nichts Bestimmtes sagen«, erklarte er Ruby. »Als erstes brauchen wir die Spurensicherung, damit sie den Inhalt dieses Kartons unter die Lupe nimmt.«

Er griff nach dem Horer des einzigen Telefons in diesem winzigen Raum.

VIERTER TEIL. DIE VERGANGENHEIT

1

Cynthia Ernst wu?te genau, in welchem Augenblick sie beschlossen hatte, ihre Eltern eines Tages umzubringen. Sie war damals zwolf Jahre alt und hatte vor zwei Wochen das Kind ihres Vaters zur Welt gebracht.

Eine unauffallig gekleidete Mittvierzigerin war unangemeldet in der Villa der Familie Ernst in der exklusiven, von einem Sicherheitsdienst bewachten Wohnsiedlung Bay Point an der Biscayne Bay erschienen. Sie hatte sich als Sozialarbeiterin des Jugendamts ausgewiesen.

Als Cynthia eine fremde Stimme horte, schlich sie lautlos zur Tur des Salons im Erdgescho?, in den ihre Mutter die Besucherin gebeten hatte. Die Tur war geschlossen, aber Cynthia offnete sie ebenso lautlos einen Spaltbreit, um in den Salon sehen und das Gesprach belauschen zu konnen.

»Mrs. Ernst, ich bin dienstlich hier«, sagte die Frau gerade, »um mit Ihnen uber das Baby Ihrer Tochter zu sprechen.« Sie sah sich um und schien von ihrer Umgebung beeindruckt zu sein. »Ich mu? jedoch sagen, da? in solchen Fallen im allgemeinen Armut und Vernachlassigung vorherrschen. Das ist hier ganz offensichtlich nicht der

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