Fall.«

»Hier hat es keine Vernachlassigung gegeben, das kann ich Ihnen versichern - ganz im Gegenteil.« Eleanor Ernst sprach ruhig und uberlegt. »Mein Mann und ich haben unserer Tochter von Geburt an jeden Wunsch von den Augen abgelesen und lieben sie innig. Was passiert ist, hat uns begreiflicherweise sehr mitgenommen, weil wir uns vorwerfen mussen, als Eltern versagt zu haben.«

»Es ware vielleicht nutzlich, etwas uber die Vorgeschichte zu erfahren. Wie ist Ihre Tochter...« Die Besucherin sah in ihrem Notizbuch nach. »Ihre Tochter Cynthia... unter welchen Umstanden ist sie schwanger geworden? Und wer ist der Vater des Kindes? Was wissen Sie uber ihn - vor allem in bezug auf sein Alter?«

Cynthia trat noch etwas dichter an die Tur heran, damit ihr ja kein Wort entging.

»Tatsachlich wissen wir uberhaupt nichts uber den Kindsvater, und Cynthia hat sich strikt geweigert, seine Identitat preiszugeben.« Eleanors Stimme war kaum mehr als ein Flustern. Bevor sie fortfuhr, tupfte sie sich die Augen mit einem Spitzentaschentuch ab. »Leider hat unsere Tochter trotz ihres jugendlichen Alters schon viele Freunde gehabt. Ich sage das nicht gern, aber ich furchte, da? sie schrecklich zur Promiskuitat neigt. Das macht meinem Mann und mir schon seit langerem Sorgen.«

»Horen Sie, Mrs. Ernst...«, die Stimme der Sozialarbeiterin klang jetzt scharfer, »...ware es da nicht logisch gewesen, sich um professionelle Hilfe zu bemuhen? Ihr Mann und Sie sind informierte Menschen; Sie hatten wissen mussen, da? es solche Einrichtungen gibt.«

»Aus heutiger Sicht hatten wir das vielleicht tun sollen. Aber wir haben es eben nicht getan.« Eleanor fugte pointiert hinzu: »Fur Au?enstehende ist es immer leicht, nachtraglich Fehler zu erkennen.«

»Haben Sie vor, sich jetzt beraten zu lassen? Wollen Sie auch Ihre Tochter daran beteiligen?«

»Mein Mann und ich sind noch dabei, verschiedene Moglichkeiten zu uberlegen. Bisher haben uns die notigen Vorbereitungen in Atem gehalten. Das Baby ist gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben worden - das hatten wir alles vorbereitet.« Eleanor machte eine Pause. »Mu? ich diese Fragen wirklich alle beantworten? Mein Mann und ich hatten auf Respektierung unserer Privatsphare gehofft.«

Die Besucherin hatte sich wahrend ihres Gesprachs Notizen gemacht. »Das Wohl eines Kindes ist wichtiger als die Privatsphare der Eltern, Mrs. Ernst. Aber falls Sie Zweifel daran haben, ob unsere Behorde zu Nachforschungen berechtigt ist, brauchen Sie nur Ihren Anwalt zu fragen.«

»Das ist bestimmt nicht notig«, wehrte Eleanor beschwichtigend ab. »Ich kann Ihnen sagen, da? mein Mann und ich - und naturlich auch Cynthia - aus dieser unglucklichen Geschichte viel gelernt haben. In gewisser Beziehung hat sie uns drei enger zusammengefuhrt. Wir haben lange miteinander geredet, und Cynthia hat uns feierlich versprochen, sich von jetzt an zu bessern.«

»Vielleicht sollte ich selbst mit Ihrer Tochter sprechen.«

»Mir ware es lieber, wenn Sie das nicht taten. Ich bitte Sie sogar darum, es nicht zu tun. Das konnte alle bisher erzielten Fortschritte wieder zunichte machen.«

»Wissen Sie das bestimmt?«

»Ganz sicher.«

Heute, als Erwachsene, fragte Cynthia sich manchmal, warum sie in diesem Augenblick nicht in den Salon gesturmt und mit der Wahrheit herausgeplatzt war. Aber sie mu?te wohl instinktiv erkannt haben, da? sie damit zwar ihre Eltern wegen der bestimmt peinlichen Fragen in Verlegenheit gebracht, aber letztlich doch keinen Glauben gefunden hatte. Sie hatte von schlimmen Fallen von Kindesmi?brauch gelesen, in denen man den Erwachsenen, die alles abgestritten hatten, geglaubt und die Kinder als Lugner bezeichnet hatte. Die beschuldigten Erwachsenen konnten sich geldgierige Anwalte nehmen, die es verstanden, Aussagen von Kindern geschickt zu widerlegen, wahrend Kinder - auch wenn sie begriffen, worum es ging -nicht uber solche Moglichkeiten verfugten.

Jedenfalls sturmte Cynthia - vielleicht aus instinktiver Einsicht - nicht in den Salon, und die Stimmen der beiden Frauen wurden leiser, als sie wegschlich, weil sie genug gehort hatte.

Zehn Minuten spater kamen ihre Mutter und die Sozialarbeiterin aus dem Salon. Eleanor brachte die Besucherin zur Haustur und schlo? sie hinter ihr. Als sie sich umdrehte, verlie? Cynthia ihr Versteck und vertrat ihrer Mutter den Weg.

Eleanor wurde bla?. »Mein Gott, Cynthia! Wie lange bist du schon hier?«

Cynthia funkelte sie schweigend und mit anklagend durchdringendem Blick an. Mit kurzen braunen Ponyfransen und Sommersprossen sah sie noch ganz wie eine Zwolfjahrige aus, aber aus dem Blick ihrer smaragdgrunen Augen sprach die Willenskraft einer Frau.

Eleanor Ernsts Blick war unstet, ihre Hande verkrampften sich nervos. Sie trug elegante Kleidung mit hochhackigen Schuhen und kam frisch vom Friseur. »Cynthia«, sagte sie jetzt. »Ich bestehe darauf, da? du mir sagst, wie lange du schon hier bist. Hast du gehorcht?«

Noch immer kein Wort.

»Hor auf, mich anzustarren!« Als Eleanor einige Schritte auf sie zutrat, wich Cynthia vor ihr zuruck.

Sekunden spater bedeckte ihre Mutter ihr Gesicht mit den Handen und begann leise zu weinen. »Du hast's gehort, nicht wahr? Oh, Schatzchen, ich konnte nicht anders; das siehst du bestimmt ein. Du wei?t, da? ich dir niemals weh tun wurde... Bitte la? mich dich in den Arm nehmen.«

Cynthia beobachtete sie vollig ungeruhrt; dann wandte sie sich langsam ab und ging davon.

Alle lugenhaften, heuchlerischen Worte ihrer Mutter, die sie belauscht hatte, blieben fur immer in ihr Gedachtnis eingebrannt. Ihren Vater ha?te sie bereits, weil er sie korperlich mi?braucht hatte, solange sie zuruckdenken konnte. Aber in gewisser Beziehung verabscheute sie ihre Mutter noch mehr. Selbst als Zwolfjahrige wu?te Cynthia, da? ihre Mutter sich um Hilfe von au?en hatte bemuhen konnen und sollen, und da? Eleanor das nicht getan hatte, konnte sie ihr nie verzeihen.

Aber Cynthia, die schon mit zwolf Jahren clever und gerissen war, verbarg ihre Wut um ihrer Zukunft willen. Um ihre gro?en Plane verwirklichen zu konnen, brauchte sie ihre Eltern - vor allem ihren Reichtum und ihre Beziehungen. Deshalb spielte sie in der Offentlichkeit die wohlerzogene, manchmal sogar liebevolle Tochter. Zu Hause sprach sie nur selten mit ihnen.

Ihr Vater, das wu?te sie, akzeptierte die Tauschung, weil er fur das Bild, das sie Au?enstehenden vermittelte, dankbar war. Ihre Mutter benahm sich, als sei innerhalb der Familie alles in bester Ordnung.

Wurde ihr jemals ein Wunsch verweigert, verschrankte Cynthia die Arme und starrte ihre Eltern mit kaltem Blick durchdringend an, als wollte sie sagen: Ich wei?, was ihr mir angetan habt, und ihr wi?t es auch. Ware es nicht besser, wenn sonst niemand davon erfuhre? Ihr habt die Wahl!

Diese unausgesprochene Drohung, ein Appell an ihr Scham-und Schuldgefuhl und ihre Feigheit, wirkte hundertprozentig. Nach einer nervosen, verlegenen Pause knickte Gustav Ernst unweigerlich unter dem herausfordernden Blick seiner Tochter ein und murmelte: »Ich wei? einfach nicht, was ich mit ihr anfangen soll.«

Eleanor zuckte wie ublich hilflos mit den Schultern.

Ihre ganze Durchsetzungskraft bewies Cynthia, als es einige Jahre spater darum ging, welche Schule sie in Zukunft besuchen wurde.

Sie hatte die Unter- und Mittelstufe in Miami besucht, und ihre Zeugnisse wiesen sie als uberdurchschnittlich begabte Schulerin aus. Gustav und Eleanor hatten vor, Cynthia auf die angesehene Privatschule Ransom- Everglades in Coral Gables zu schicken. Aber ihre damals vierzehnjahrige Tochter hatte andere Ideen. Als sie bereits in Ransom-Everglades angemeldet war, erklarte sie ihren Eltern plotzlich, sie habe sich fur das Internat Pine Crest in Fort Lauderdale - ungefahr vierzig Kilometer nordlich von Miami - entschieden. Sie hatte sich dort auf eigene Faust angemeldet.

Gustav war total dagegen. »Du hast absichtlich gegen unsere Wunsche gehandelt«, sagte er an diesem Tag beim Abendessen.

»Hatten wir uns fur Pine Crest entschieden, hattest du auf Ransom-Everglades bestanden.«

Eleanor beobachtete die beiden hilflos und wu?te, da? Cynthia sich zuletzt doch durchsetzen wurde.

Mit ihrer bewahrten Methode schaffte sie das auch. Cynthia blieb am Tisch sitzen, ruhrte aber das Essen nicht an, sondern starrte ihren Vater mit einem Blick an, aus dem absolute Uberlegenheit sprach, bis er endlich seine Gabel weglegte und unwillig brummte. »Mach doch meinetwegen, was du willst.«

Cynthia nickte, stand vom Tisch auf und ging in ihr Zimmer.

Vier Jahre spater wiederholte sich das alles, als Cynthia sich fur ein College entscheiden mu?te. Unterdessen war sie achtzehn und besa? die Klugheit und Schonheit einer erwachsenen Frau. Sie wu?te recht gut,

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