das ist anscheinend nie gemacht worden.«
Ainslie konnte sich vorstellen, was passiert war. Unmittelbar nach der Ermordung der Ernsts hatte seine Sonderkommission mit der sehr personalintensiven Uberwachung Verdachtiger begonnen. In dieser Zeit war das sichergestellte Material vorerst in der Asservatenkammer geblieben. Und als Doil nach dem Mord an dem Ehepaar Tempone verhaftet und verurteilt worden war, hatte auch der Fall Ernst als abgeschlossen gegolten. Deshalb war der Inhalt dieser vielen Kisten offenbar nie unter die Lupe genommen worden.
»Ich kann Ihnen das Zeug leider nicht abnehmen«, erklarte Ainslie dem Captain, »aber wir holen jeweils ein paar dieser Kisten ab, sichten den Inhalt und bringen sie wieder zuruck.« Iacone zuckte mit den Schultern. »Das ist Ihr Recht, Malcolm.«
»Danke«, sagte Ainslie. »Vielleicht werden wir fundig.«
»Ich mochte«, sagte Ainslie zu Ruby, »da? Sie den Inhalt aller dieser in der Asservatenkammer stehenden Kartons sichten.«
»Suchen wir irgendwas Bestimmtes?«
»Ja - etwas, das uns auf die Spur des Morders der Ernsts fuhrt.«
»Aber Sie konnen nichts Genaueres sagen?«
Ainslie schuttelte den Kopf. Eine schlimme Vorahnung, die er sich nicht erklaren konnte, warnte ihn vor dem unerforschten Terrain, das vor ihm lag. Wer
Ruby beobachtete ihn. »Irgendwas nicht in Ordnung?«
»Ich wei? nicht.« Er rang sich ein Lacheln ab. »Sehen wir erst mal nach, was diese Kartons enthalten.«
Die beiden standen in einem weit von den Buros der Mordkommission entfernten winzigen Raum. Ainslie hatte ihn sich vorubergehend zuteilen lassen, weil ihre neuen Ermittlungen auf Wunsch Leo Newbolds moglichst geheimgehalten werden sollten. Das Buro enthielt nur einen Tisch, zwei Stuhle und ein Telefon, aber es wurde ausreichen.
»Wir gehen in die Asservatenkammer hinunter«, erklarte er Ruby, »und ich veranlasse, da? Sie einen Karton nach dem anderen mitnehmen konnen. Die Arbeit durfte nicht langer als ein paar Tage dauern.«
Wie sich zeigen sollte, lag er damit vollig falsch.
Nach zwei Wochen suchte Ainslie Ruby ziemlich ungeduldig zum drittenmal in ihrer vorlaufigen Unterkunft auf. Wie bei seinen beiden fruheren Besuchen traf er sie zwischen Stapeln von Papier sitzend - viele davon auf dem Fu?boden verstreut an.
Beim vorhergehenden Besuch hatte Ruby berichtet: »Die Ernsts haben es anscheinend nicht uber sich gebracht, irgendein Stuck Papier wegzuwerfen. Sie haben
Ainslie hatte ihr erklart: »Ich habe mit Hank Brewmaster gesprochen, der anfangs die Ermittlungen geleitet hat. Uberall im Haus haben unglaubliche Papiermengen gelegen - in unzahligen Schachteln in fast allen Raumen. Einerseits hat niemand Zeit gehabt, das Zeug zu sichten, und andererseits hatte es als Beweismaterial wichtig sein konnen. Deshalb ist alles abtransportiert worden, und spater ist niemand mehr dazugekommen, sich damit zu befassen.«
Diesmal hatte Ruby ein zerfleddertes altes Schreibheft vor sich liegen und machte sich auf einem Block Notizen.
Ainslie zeigte auf eine geoffnete Schachtel und fragte dabei: »Immer derselbe unwichtige Kram?«
»Nein«, sagte Ruby. »Ich bin auf etwas Interessantes gesto?en, glaube ich.«
»Tatsachlich?«
»Viele dieser Aufzeichnungen stammen von Mrs. Ernst - in krakeliger Handschrift und schwer zu lesen. Vollig belanglos, habe ich geglaubt, bis ich vorgestern ihr Tagebuch entdeckt habe. Sie hat es in Schulhefte geschrieben - in viele Hefte, die Jahre zuruckreichen.«
»Wie viele?«
»Zwanzig, drei?ig, vielleicht mehr.« Ruby deutete auf die Schachtel. »Die ist randvoll gewesen. Ich vermute, da? es noch mehr gibt.«
»Was steht in den Tagebuchern?«
»Nun, das ist ein Problem. Mrs. Ernst hat nicht nur miserabel geschrieben, sondern auch eine Art Code, eine personliche Kurzschrift benutzt. Um das Geschriebene geheimzuhalten, nehme ich an - besonders vor ihrem Mann, vor dem sie die Tagebucher offenbar immer versteckt hielt. Aber wer genug Geduld hat, kann lernen, sie zu lesen.«
Ruby deutete auf die vor ihr liegenden zerfledderten Seiten. »Zum Beispiel nennt sie keine Namen, sondern ersetzt sie durch Zahlen. Nach einiger Zeit habe ich gemerkt, da? >5< sie selbst und >7< ihren Mann bezeichnet. Ein ganz einfacher Code - das >E< wie Eleanor ist der funfte Buchstabe des Alphabets, das >G< wie Gustav der siebte. Zahlen mit Bindestrichen bedeuten Doppelnamen, so da? >4-18-23< einen >Dr. W< bezeichnet, wer immer er gewesen ist oder sein mag. Und sie komprimiert die Worter, kurzt sie ab und la?t vor allem die Vokale aus. Ich finde mich allmahlich zurecht, aber die Lekture ist zeitraubend.«
Ainslie wu?te, da? er eine Entscheidung treffen mu?te. War es zu vertreten, Ruby diese muhsame Suche, die endlos dauern konnte und wahrscheinlich ergebnislos bleiben wurde, fortsetzen zu lassen? »Konnen Sie mir schon
Ruby uberlegte kurz. »Ja, es gibt etwas, das ich zuruckgehalten habe, weil ich erst mehr daruber wissen wollte.« Ihre Stimme klang plotzlich scharfer. »Was halten Sie von folgender Entdeckung? Die Tagebucher zeigen bereits, da? unser verstorbener gro?machtiger City Commissioner Gustav Ernst seine Frau auf ubelste Weise mi?handelt hat. Er hat sie seit ihrer Hochzeit immer wieder verprugelt, so da? sie mindestens einmal ins Krankenhaus mu?te. Aber Eleanor hat immer geschwiegen - vor Angst und Scham und weil sie gedacht hat, niemand wurde ihr glauben, wie dieser Schweinehund von einem Ehemann ihr eingeredet hat. Das steht alles hier drin!«
Sie holte tief Luft. »Oh, verdammt! Wie ich diesen Schei? hasse!« Sie griff impulsiv nach einem der Hefte und warf es quer durch den Raum.
Nach einer kurzen Pause hob Ainslie das Heft auf und legte es auf den Schreibtisch zuruck. »Sie hat vermutlich recht gehabt; vielleicht hatte ihr niemand geglaubt - nicht in der damaligen Zeit, als niemand von mi?handelten Frauen gesprochen hat, weil die Leute einfach nichts davon wissen wollten. Glauben
»Jedes Wort.« Ruby hatte sich wieder beruhigt. »So eine Menge Einzelheiten kann sie nicht erfunden haben, und alles klingt sehr uberzeugend. Vielleicht sollten Sie auch mal einen Blick hineinwerfen.«
»Das tue ich spater«, sagte Ainslie, der sich auf ihr Urteil verlie?.
Ruby betrachtete nachdenklich das vor ihr liegende Heft. »Ich denke, Mrs. Ernst hat gewu?t, vielleicht sogar gehofft, da? ihre Aufzeichnungen eines Tages gelesen werden wurden.«
»Haben Sie irgendwelche Hinweise auf...« Ainslie sprach nicht weiter, weil er merkte, da? die Frage uberflussig war. Hatte es solche Hinweise gegeben, hatte Ruby sie erwahnt.
»Sie denken an Cynthia, nicht wahr?«
Er nickte wortlos.
»Ich denke auch an sie, aber bisher kommt sie nicht vor. Diese Tagebucher hier stammen aus den ersten Ehejahren. Cynthia ist noch nicht geboren; spater wird ihre Mutter sie als >3< erwahnen.«
Ihre Blicke trafen sich.
»Sie machen weiter, Ruby«, entschied Ainslie. »Sie lassen sich soviel Zeit, wie Sie brauchen, und rufen mich an, wenn Sie mir etwas mitzuteilen haben.« Er bemuhte sich, seinen Verdacht zu unterdrucken, aber das wollte ihm nicht gelingen.
Danach dauerte es fast zwei Wochen, bis Ruby Bowe ihn erneut anrief. »Konnen Sie zu mir runterkommen? Ich mochte Ihnen einiges zeigen.«
»Was ich entdeckt habe«, sagte Ruby, »andert vieles, obwohl die Folgen noch nicht ganz abzusehen sind.«
Die beiden befanden sich wieder in dem winzigen fensterlosen Raum voller Papiere. Ruby sa? an ihrem
