Jahrzehnte zuruck. Nach der zweiten Beerdigung hat's noch einen Briefwechsel gegeben, aber danach hat die Familie sich nie mehr gemeldet.«

»Sie konnten also keine Angehorigen der Verstorbenen mehr ermitteln, selbst wenn Sie wollten?« fragte Yanis weiter.

»Nein, wahrscheinlich nicht.«

»Und Sie wurden keine Einwande erheben, wenn wir mit einer richterlichen Anordnung kamen, die uns gestattet, diese Graber ungefahr einen Viertelmeter tief aufzugraben?«

»Gegen eine richterliche Anordnung gabe es naturlich keine Einwande.«

Bis die letzten Hurden uberwunden waren, vergingen zwei volle Tage. Der Staatsanwalt setzte eine eidesstattliche Versicherung und eine richterliche Anordnung auf, die der Polizei gestatten wurde, die beiden Graber oberflachlich zu offnen. Detective Yanis und Ruby Bowe gingen damit zu einem Richter, der Sandy Yanis kannte und die Anordnung nach kurzer Diskussion unterschrieb.

Das Grabungsteam, das sich am nachsten Morgen um sieben Uhr auf dem Friedhof versammelte, bestand aus vier Kriminalbeamten - Yanis, Jasmund, Bowe und Detective Andy Vosko, den das Raubdezernat abgestellt hatte - und drei Personen von der Spurensicherung in Uniform. Au?erdem war Ralph Martin vom stadtischen Liegenschaftsamt gekommen -»Blo? um mein Revier im Auge zu behalten«, wie er sagte -, und ein Polizeifotograf machte Aufnahmen von den beiden Grabern mit dem Namen Doyle.

Neben dem ersten Grab waren die benotigten Geratschaften aufgestapelt: Bretter, mehrere Schaufeln, Spaten und Pflanzschaufeln, Schnurrollen und zwei aufstellbare Drahtsiebe.

Die Ausrustung des Spurensicherungsteams war in Kisten und Ledertaschen verstaut. Ebenfalls aufgereiht massenweise Mineralwasserflaschen. »Die sind bis heute abend leer«, kundigte Yanis an. »Heute wird's namlich verdammt hei?.« Obwohl es offiziell noch Winter war, kletterte die Sonne am wolkenlosen Himmel schon hoher, und auch die Luftfeuchtigkeit stieg bereits an.

Alle trugen weisungsgema? alte Sachen - meistens Overalls und Gummistiefel - und hatten Arbeitshandschuhe mitgebracht. Shirley Jasmund hatte Ruby ihre weitesten alten Jeans geliehen, die jedoch an der Taille und im Schritt zwickten.

Zuerst sollte das altere Grab geoffnet werden, in dem ein gewisser Eustace Maldon Doyle lag, der im Jahr 1903 gestorben war, wie auf dem verwitterten Grabstein zu lesen stand. »Hey, das ist das Jahr, in dem die Bruder Wright zum erstenmal geflogen sind«, sagte jemand.

»Dies ist der alteste Teil des Friedhofs«, bestatigte Yanis. »Hier sind wir dem Haus, in dem die Ikeis ermordet worden sind, am nachsten.«

Unter Anleitung des Spurensicherungs-Sergeant wurden als erstes sechs Bretter zu einem zweieinhalb mal eineinhalb Meter gro?en Rahmen zusammengenagelt. Dieser aufs Grab gelegte Holzrahmen markierte die Grenzen des Grabungsbereichs. Er wurde so mit Schnuren uberspannt, da? funfzehn Quadrate mit je funfzig Zentimeter Seitenlange entstanden. Auf diese Weise konnte ein Quadrat nach dem anderen untersucht werden, und jeder Fund lie? sich genau lokalisieren.

Aber werden wir uberhaupt etwas finden? fragte Ruby Bowe sich. Trotz aller Aktivitat um sie herum hatten ihre Zweifel sich seit ihrer Ankunft auf dem Friedhof eher verstarkt. Der Name auf diesem Grabstein war nicht genau der, von dem Elroy Doil gesprochen hatte. Au?erdem war Doil ein notorischer Lugner gewesen - hatte er seinen Friedhofsbesuch vielleicht nur erfunden? Dann ri? die Stimme des Sergeant der Spurensicherung sie aus ihren trubseligen Gedanken.

»Jetzt seid ihr dran, Sandy«, erklarte er Yanis. »Wir sind hier die Gurus. Ihr seid die Kettenstraflinge.«

»Zu Diensten, Bo?.« Yanis griff selbst nach einem Spaten und forderte die Kriminalbeamten auf: »Okay, jeder nimmt sich irgendein Quadrat vor.« Ruby und ihre drei Kollegen aus Tampa folgten seinem Beispiel und verteilten sich gleichma?ig uber den Grabungsbereich.

»Wir graben zuerst nur funfzehn Zentimeter tief«, ordnete Yanis an. »Finden wir nichts, gehen wir funfzehn Zentimeter tiefer.«

Der Boden war hart und lie? sich schlecht lockern. Neben jedem Quadrat stand ein Eimer, der sich nur langsam mit Erde fullte. Volle Eimer wurden zu den aufgestellten Drahtgestellen getragen, wo die Uniformierten die Erde durchsiebten.

Diese muhsame Arbeit, bei der alle rasch ins Schwitzen gerieten, ging nur langsam voran. Nach einer Stunde waren erst acht Quadrate funfzehn Zentimeter tief ausgehoben; nach kurzer Trinkpause ging die Arbeit an den restlichen sieben weiter. Nach uber zwei Stunden hatten sie drei Gegenstande gefunden: ein altes Hundehalsband, eine Funfcentmunze aus dem Jahr 1921 und eine leere Flasche. Halsband und Flasche wurden weggeworfen. Den Nickel, verkundete Yanis zur allgemeinen Erheiterung, wurde der Stadtkammerer erhalten. Dann fingen sie an, weitere funfzehn Zentimeter tief zu graben.

Nach gut vier Stunden erfolgloser Arbeit entschied Yanis: »So, das war's, Leute. Wir machen eine Pause, dann nehmen wir uns das andere Grab vor.«

Die Ankundigung wurde mit muden Seufzern quittiert, denn alle stellten sich weitere vier bis funf Stunden harter Arbeit vor.

Die zweite Grabung begann um 11.40 Uhr bei Mittagstemperaturen uber funfundzwanzig Grad. Nach eineinhalb stundiger Arbeit sagte Shirley Jasmund plotzlich ruhig: »Ich glaube, ich hab' was.«

Alle horten zu arbeiten auf und sahen zu ihr hinuber.

Detective Jasmund druckte ihren Spaten vorsichtig in das von ihr aufgegrabene Quadrat. »Nicht sehr gro?«, berichtete sie, »aber massiv. Vielleicht ein Stein.«

Ruby seufzte enttauscht. Selbst wenn das kein Stein, sondern etwas anderes war, war es jedenfalls kein Messer.

»Durfen wir weitermachen?« fragte der Sergeant der Spurensicherung.

Jasmund zuckte mit den Schultern, als sie ihm ihren Spaten uberlie?. »Wir machen die Arbeit, ihr erntet den Ruhm.«

»So ist das Leben, junge Frau!« Der Sergeant gab den Spaten einem seiner Leute, kniete dann nieder und grub den Gegenstand mit den Handen aus.

Der Fund war kein Stein. Obwohl noch Erde an ihm haftete, war er als Brosche aus Gold und Emaille zu erkennen -offensichtlich wertvoll.

Der Sergeant lie? die Brosche in einen Plastikbeutel fallen. »Die sehen wir uns im Labor naher an.«

»Okay, Leute«, sagte Yanis energisch. »Jetzt geht's weiter!«

Danach verging uber eine Stunde, in der Rubys Stimmungsbarometer stetig nach unten sank. Sie hatte sich schon damit abgefunden, dieser Teil ihrer Nachforschungen werde ergebnislos verlaufen, als Andy Vosko vom Raubdezernat sich meldete.

»Ich hab' hier was«, sagte er und fugte hinzu: »Aber diesmal ist's gro?er.«

Wieder horten alle zu arbeiten auf und sahen zu, wie der Sergeant der Spurensicherung den Gegenstand freilegte. Als er das Erdreich mit seiner kleinen Schaufel abtrug, wurden die Umrisse eines Messers sichtbar. Der Sergeant hielt es mit einer Zange hoch, damit eine Frau von der Spurensicherung die daran haftenden Erdreste mit einem Pinsel entfernen konnte.

»Ein Bowiemesser!« sagte Ruby atemlos, als sie den stabilen Holzgriff und die lange, leicht geschwungene, spitz auslaufende Klinge sah. »Doils charakteristische Tatwaffe!« Ihre Stimmung besserte sich schlagartig, und sie war Sandy Yanis fur seine Hartnackigkeit trotz ihrer eigenen kleinmutigen Zweifel dankbar.

Das Messer kam in einen weiteren Plastikbeutel. »Das sehen wir uns auch im Labor an«, sagte der Sergeant. »Klasse, Sandy!«

»Blutspuren oder Fingerabdrucke sind nach so vielen Jahren vermutlich nicht mehr festzustellen?« fragte Ruby.

»Bestimmt nicht«, antwortete der Sergeant. »Aber...« Er sah zu Yanis hinuber.

»Gestern«, sagte Yanis, »habe ich mir die Kleidungsstucke der Ikeis - Schlafanzug und Nachthemd - angesehen, in denen das Ehepaar ermordet worden ist; sie liegen noch bei uns in der Asservatenkammer. Daher wei? ich, da? sie durch die Kleidung erstochen worden sind, was bedeutet, da? an diesem Messer noch Gewebeteilchen haften konnen. Stimmen diese Partikel mit den anderen Geweben uberein...« Er hob die Hande und lie? den Satz unvollendet.

»Ich habe eben etwas von Ihnen gelernt, das ich nicht gewu?t habe«, sagte Ruby bewundernd.

»Wir lernen alle von ihm«, warf Jasmund ein. »Standig.«

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