Opfern zuruckgelassen worden waren. Die laute Radiomusik an allen Tatorten war ebenso geheimgehalten worden wie das Detail, da? die Ermordeten sich gefesselt und geknebelt gegenubergesessen hatten. Wahrend bekannt war, da? in allen Fallen Geld verschwunden ist, wu?te niemand, da? mehrmals wertvoller Schmuck liegengelassen wurde.

Manche Reporter hatten jedoch private Informationsquellen bei der Polizei, und was sie inoffiziell erfuhren, wurde unweigerlich gedruckt oder gesendet. Das warf zwei Fragen auf: Hatten die Medien es erstens geschafft, alles uber die vier Doppelmorde vor der Ermordung des Ehepaars Ernst zu berichten? Das hielt Ainslie fur sehr unwahrscheinlich. Und konnte es zweitens, wie Leo Newbold angedeutet hatte, im Police Department ein bewu?tes oder unabsichtliches Leck geben? Davon war Ainslie schon eher uberzeugt.

Als nachstes stellte Ainslie sich die Frage: Gibt es Unterschiede zwischen dem Mord an Gustav und Eleanor Ernst und den ubrigen Morden Doils? Ja, es gab mehrere.

Einer betraf die Radios, die an allen Tatorten angestellt zuruckgelassen worden waren. Im Mordfall Frost im Royal Colonial Hotel war das Radio auf HOT 105 eingestellt gewesen und hatte harte Rockmusik gespielt - das Standardrepertoire dieses Senders. Der nachste Fall war der Mord an Hal und Mabel Larsen in Clearwater, und weil in den Akten nichts von einem Radio stand, telefonierte Ainslie mit Detective Nelson Abreu, der die Ermittlungen geleitet hatte. »Nein«, antwortete sein Kollege, »soviel ich wei?, ist kein Radio angestellt gewesen. Aber ich frage nach und rufe Sie zuruck.« Das tat er nach etwa einer Stunde.

»Ich habe eben mit dem Streifenpolizisten gesprochen, der als erster am Tatort gewesen ist«, berichtete Abreu. »Dort hat ein Radio gespielt, laute Rockmusik, sagt er jetzt, und der Idiot hat es ausgestellt und kein Wort daruber verloren. Er ist noch ziemlich jung, und ich habe ihn anstandig zusammengestaucht. Ist diese Sache mit dem Radio wichtig?«

»Schwer zu sagen«, antwortete Ainslie, »aber ich bin Ihnen dankbar, da? sie ihr nachgegangen sind.«

Abreu interessierte der Grund fur diese Nachforschungen. »Die Angehorigen haben sich erkundigt, ob Doils Taterschaft im Fall Larsen eindeutig feststeht. Konnen Sie das bestatigen?«

»Vorerst nicht, aber ich sage meinem Lieutenant, da? Sie auf dem laufenden gehalten werden mochten, falls sich etwas Neues ergibt.«

Abreu lachte halblaut. »Ah, ich verstehe! Sie wissen etwas, das Sie nicht erzahlen durfen.«

»Sie sind vom Fach«, sagte Ainslie. »Sie kennen sich mit solchen Dingen aus.«

Er wu?te, da? Doils Raiforder Gestandnis bisher zuruckgehalten worden war, und konnte nur hoffen, es werde zunachst weiter vertraulich behandelt. Aber um des Seelenfriedens der Hinterbliebenen willen wurden irgendwann alle Einzelheiten veroffentlicht werden mussen.

Nach den Larsens war das Ehepaar Irving und Rachel Hennenfeld in Fort Lauderdale ermordet worden. Bei seinem dienstlichen Besuch in Miami hatte Sheriff-Detective Benito Montes berichtet, auch am dortigen Tatort habe ein Radio gespielt - »so gottverdammt laute Rockmusik, da? man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte«.

Dann kamen Lazaro und Luisa Urbina, die in Miami ermordet worden waren. Ein Nachbar hatte das laut plarrende Radio abgestellt, um 911 anrufen zu konnen, aber die Einstellung auf HOT 105 nicht verandert.

Als Gustav und Eleanor Ernst von Theo Palacio, ihrem Butler, tot aufgefunden worden waren, hatte ebenfalls ein Radio laut gespielt. Auch Palacio hatte es abgestellt, aber das Gerat war auf WTMI, 93,1 MHz, eingestellt - »Mrs. Ernsts liebster Sender«, weil er Musicals und klassische Musik brachte. WTMI sendete niemals harte Rockmusik.

War die Art der an den Tatorten gespielten Musik irgendwie bedeutsam? Ainslie neigte zu dieser Auffassung - vor allem in Verbindung mit einem weiteren Unterschied im Mordfall Ernst: dem neben den Ermordeten zuruckgelassenen toten Kaninchen, das er von Anfang an nicht fur ein Symbol aus der Offenbarung gehalten hatte.

Konnte der Tater, der die Ernsts ermordet hatte, von den vier toten Katzen im Mordfall Frost gewu?t und irrtumlicherweise geglaubt haben, jedes tote Tier sei recht? Auch diese Frage lie? sich wahrscheinlich mit ja beantworten.

Bedeutsam war auch, da? Ainslie im Kollegenkreis erst einen Tag nach der Ermordung des Ehepaars Ernst auf die Offenbarung des Johannes hingewiesen hatte; zuvor hatte es nur unbewiesene Vermutungen uber die an den Tatorten zuruckgelassenen Symbole gegeben.

Ein weiterer Zeitfaktor warf ebenfalls Fragen auf.

Nach jedem der Morde an den Ehepaaren Frost, Larsen, Hennenfeld und Urbina war die Zeitspanne bis zum nachsten Mord nie kurzer als zwei Monate gewesen und hatte durchschnittlich zwei Monate und zehn Tage betragen. Aber zwischen der Ermordung der Urbinas und dem Mord an dem Ehepaar Ernst hatten nur drei Tage gelegen.

Als ob die Ermordung der beiden Ernsts fur einen Zeitpunkt geplant gewesen ware, dachte Ainslie, der dem gewohnten Abstand entsprochen hatte, wenn der Mord an dem Ehepaar Urbina nicht dazwischengekommen ware. Und war es vielleicht zu spat gewesen, die Vorbereitungen im Fall Ernst abzublasen, obwohl die Ermordung der Urbinas rasch gemeldet worden war?

Ainslie hatte fluchtig einen Verdacht, den er jedoch wieder verwarf.

Obgleich bei Elroy Doils letztem Mord - dem an Kingsley und Nellie Tempone - einige der charakteristischen Hinweise auf Doils Taterschaft fehlten, was daran liegen mochte, da? er uberrascht worden war und zu fliehen versucht hatte, entsprach der Zeitpunkt ziemlich genau seinem bisherigen Verhaltensmuster, zu dem Ainslie eine Theorie hatte.

Nach Ainslies Uberzeugung war Doil, auch wenn er vor Gericht als zurechnungsfahig gegolten hatte, geistesgestort gewesen. Traf diese Annahme zu, konnte er unter dem Zwang gestanden haben, in regelma?igen Zeitabstanden Menschen umzubringen, und im Fall des Ehepaars Tempone war tragischerweise wieder einmal die Zeit zum Morden gekommen.

Aber diese Theorie wurde sich nicht mehr beweisen lassen, das wu?te Ainslie.

Unmittelbar nach seinen zweitagigen Nachforschungen stattete Ainslie der Asservatenkammer der Miami Police einen Besuch ab.

Die Asservatenkammer, eine wichtige Dienststelle, in der meistens Hochbetrieb herrschte, war im Keller des Polizeiprasidiums untergebracht. Captain Wade Iacone, ein schwergewichtiger, grauhaariger Veteran mit neunundzwanzig Dienstjahren, der es leitete, empfing Ainslie in seinem Buro.

»Genau der Mann, den ich brauche! Wie geht's, Malcolm?«

»Gut, Sir. Danke.«

Iacone winkte ab. »Keine Formalitaten, Malcolm. Ich wollte Ihnen gerade eine Erinnerung wegen des Materials im Fall Doil schicken. Nachdem der Kerl jetzt tot ist und die Ermittlungen abgeschlossen sind, mochten wir einen Haufen Zeug loswerden. Wir brauchen den Lagerraum dringend.«

Ainslie verzog das Gesicht. »Diese Erinnerung konnen Sie vergessen, Wade. Einer der Falle wird neu aufgerollt.«

»Wieso das?« fragte der Captain.

»Einer der Serienmorde ist vielleicht nicht restlos aufgeklart, deshalb mu? das sichergestellte Material dableiben. Aber Sie haben von einem >Haufen Zeug< gesprochen. Ist wirklich soviel da?«

»Anfangs ist's nicht viel gewesen - bis zur Ermordung von Commissioner Ernst und seiner Frau«, antwortete Iacone. »Danach ist ein Berg Material gekommen. Lauter versiegelte Kartons. Ihre Leute haben viel sichergestellt, weil der Fall so wichtig gewesen ist.«

»Darf ich die Kartons mal sehen?«

»Klar.«

Der Dienststellenleiter fuhrte ihn durch Buros und Lagerraume, in denen zwanzig Mitarbeiter - funf Polizeibeamte und funfzehn Zivilbedienstete - erstaunliche Ordnung in das sie umgebende Chaos brachten. Jeder Gegenstand lie? sich unabhangig von seiner Lagerdauer, die zwanzig und mehr Jahre betragen konnte, in Minutenschnelle lokalisieren, indem man einem Computer die Fallnummer, einen Namen oder das Einlieferungsdatum eingab.

Iacone demonstrierte dieses Verfahren, indem er unbeirrbar auf uber ein Dutzend gro?er Kartons zusteuerte, die mit Klebeband mit dem Aufdruck TATORTMATERIAL verschlossen waren. »Die sind gleich nach der Ermordung der Ernsts reingekommen«, berichtete er. »Ich glaube, Ihre Leute haben eine Menge Zeug - vor allem schriftliche Unterlagen - aus dem Haus mitgenommen, um es hier sichten zu konnen, aber

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