»Wir haben also gefunden, was Sie gesucht haben«, stellte Andy Vosko fest. »Horen wir auf, oder buddeln wir weiter?«
»Wir suchen weiter«, entschied Yanis. Das taten sie noch eine Stunde lang, ohne jedoch weitere Funde zu machen.
Ruby Bowe flog spat am Abend nach Miami zuruck. Shirley Jasmund brachte sie zum Flughafen; Sandy Yanis fuhr mit. Als sie sich vor dem Abfluggebaude verabschiedeten, streckte Ruby impulsiv die Arme aus und umarmte beide.
»Das Urteil lautet«, antwortete Ruby Bowe, »da? Elroy Doil die Wahrheit gesagt hat, als er Ihnen die Ermordung der Ehepaare Esperanza und Ikei gestanden hat. Gewi?, einige Details haben nicht ganz gestimmt, und einen Gegenstand hat er uberhaupt nicht erwahnt, aber an den grundlegenden Tatsachen andert das nichts.« Sie machte eine Pause. »Soll ich alles von Anfang an erzahlen?«
»Ja, bitte.« Die beiden sa?en am Morgen nach Rubys Ruckkehr aus Tampa an Ainslies Schreibtisch.
Ruby berichtete, was ihre Nachforschungen bei der MetroDade Police und danach in Tampa ergeben hatten. »Heute fruh bin ich zu Hause angerufen worden«, fugte sie hinzu. »Das Labor in Tampa hat an dem Messer Gewebeteilchen von der Kleidung der Ikeis gefunden - also ist's hundertprozentig die Tatwaffe gewesen. Und die Brosche aus dem Grab...« Sie warf einen Blick in ihre Notizen. »Die ist als japanische Cloisonne-Brosche identifiziert worden - sehr alt, sehr kostbar. Sandy Yanis vermutet, da? sie Elroy Doil einfach so gut gefiel, da? er sie mitgenommen hat.«
»Aber dann hat er Angst gehabt, sie konnte bei ihm gefunden werden«, schlo? Ainslie, »und hat sie lieber auch vergraben.«
»Richtig. Also hat Doil doch nicht ganz die Wahrheit gesagt.«
»Aber was er mir erzahlt hat, ist wahr gewesen - das haben Ihre Nachforschungen bestatigt.«
»Oh, hier habe ich noch etwas.« Ruby gab Ainslie Fotokopien des Briefumschlags, der nach Shirley Jasmunds Auskunft neben den Ikeis gelegen hatte - des Umschlags mit den sieben Siegeln, der eine Seite aus der Offenbarung des Johannes enthalten hatte. Ainslie studierte sie aufmerksam.
»Das ist Kapitel funf«, sagte er nach einem Blick auf die herausgerissene Seite. »Drei Verse sind markiert.« Er las sie laut vor:
»>Und ich sah in der rechten Hand des, der auf dem Thron sa?, ein Buch, beschrieben inwendig und auswendig, versiegelt mit sieben Siegeln.
Und ich sah einen starken Engel, der rief aus mit gro?er Stimme: Wer ist wurdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?
Und einer von den Altesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat uberwunden der Lowe, der da ist vom Geschlecht Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel...««
Ainslie sah auf. »Typisch Doil«, stellte er fest. Und er dachte an sein Gesprach mit Pater Kevin O'Brien von der Gesu Church, der ihm geschildert hatte, wie Doil als Zwolfjahriger vom Alten Testament mit seinen Geschichten uber heilige Kriege, den Zorn Gottes, Verfolgungen, Rache und Morde fasziniert gewesen war.
»Das pa?t zu allem, was er viel spater getan hat«, fugte Ainslie hinzu.
»Warum hat er diesen Bibeltext neben den Leichen zuruckgelassen?« fragte Ruby.
»Das hat nur er selbst gewu?t. Ich vermute, da? Doil sich als der Lowe von Juda gesehen hat, was ihn dann zu seinen Serienmorden veranla?te.« Ainslie schuttelte bedauernd den Kopf, legte eine Hand auf die Fotokopien und sagte: »Hatten wir das hier fruher gehabt und von dem Mord an dem Ehepaar Ikei gewu?t, hatten wir Doil viel eher geschnappt.«
Dann entstand eine Pause, bis Ruby das Wort ergriff. »Sie haben gerade von >Serienmorden< gesprochen. Was bedeutet das fur den Mordfall Ernst?«
»Der gehort nicht dazu.« Ainslie hatte noch Doils verzweifelten Aufschrei im Ohr:
»Ob Doil die Wahrheit gesagt hat, ist bisher zweifelhaft gewesen«, sagte Ainslie. »Aber da er anscheinend nicht gelogen hat, mussen die Ermittlungen in der Mordsache Ernst wiederaufgenommen werden, glaube ich.«
»Im Fall Ernst wird ab sofort weiterermittelt«, entschied Leo Newbold. »Und wie's aussieht, haben Sie von Anfang an recht gehabt, Malcolm.«
Ainslie schuttelte den Kopf. »Das spielt keine Rolle. Die Frage ist nur: Wo fangen wir am besten an?« Die beiden sa?en in Newbolds Buro, dessen Tur geschlossen war.
»Wir fangen damit an, da? wir alles streng vertraulich behandeln - und das moglichst lange.« Newbold zogerte, bevor er hinzufugte: »Das gilt sogar fur die Mordkommission, und Sie sagen Ruby, da? sie mit niemandem daruber reden darf.«
»Das habe ich schon getan.« Ainslie musterte seinen Vorgesetzten neugierig. »Was denken Sie?«
Der Lieutenant schuttelte unsicher den Kopf. »Das wei? ich selbst nicht recht. Aber wenn der Morder der Ernsts ein Nachahmungstater gewesen ist - danach sieht's jetzt aus -, hat er bewu?t einen der Serienmorde imitiert. Und dieser Tater hat verdammt viel uber Doils Morde gewu?t - weit mehr, als Presse und Fernsehen jemals berichtet haben.«
Ainslie wahlte seine Worte sorgfaltig. »Wollen Sie damit andeuten, da? jemand Insiderinformationen gehabt oder bewu?t Informationen nach drau?en weitergegeben hat?«
»Verdammt, ich wei? selbst nicht, was ich andeuten will! Ich wei? nur, da? ich schrecklich nervos bin und mich frage, ob jemand im Prasidium, vielleicht sogar in der Mordkommission mehr uber den Fall Ernst wei?, als Sie und ich wissen.«
Newbold stand auf, trat ans Fenster, kam an den Schreibtisch zuruck. »Sagen Sie blo? nicht, da? Sie das nicht auch denken, denn ich seh's Ihnen an!«
»Ja, das habe ich mir auch schon uberlegt.« Ainslie machte eine Pause. »Ich glaube, ich sollte damit anfangen, alle Ermittlungsakten durchzugehen und festzustellen, welche Tatsachen wir bekanntgegeben und welche wir geheimgehalten haben. Dann konnen wir beurteilen, wie alles mit den Umstanden im Fall Ernst zusammenpa?t.«
Newbold nickte. »Eine gute Idee, aber machen Sie das lieber nicht im Dienst. Sieht jemand die ganzen Akten herumliegen, konnte er erraten, was wir vorhaben. Nehmen Sie die Unterlagen mit nach Hause, und bleiben Sie ein paar Tage dran. Ich vertrete Sie hier inzwischen.«
Ainslie war verblufft. Er hatte vorsichtig sein wollen - aber nicht so sehr, da? er seinen Kollegen mi?traute. Trotzdem hatte Newbold vermutlich recht. Au?erdem kamen viele Leute - auch Au?enstehende - zur Mordkommission, und alle Besucher interessierten sich dafur, was hier vorging.
An diesem Abend fuhr Ainslie mit funf uberquellenden Aktenordnern, die er unauffallig ins Auto geschafft hatte - je einen fur die Morde an den Ehepaaren Ernst, Larsen, Hennenfeld, Urbina und Ernst -, nach Hause und war darauf vorbereitet, sie pedantisch genau durchzuarbeiten.
»Ich wei? nicht, warum du zu Hause arbeitest«, sagte Karen am nachsten Tag, »aber es ist schon, dich mit deinem Papierkram hier sitzen zu sehen. Kann ich dir irgendwie helfen?«
Malcolm sah dankbar auf. »Konntest du einige meiner Notizen abtippen und ausdrucken?«
Als Jason aus der Schule heimkam, freute er sich genauso uber die Anwesenheit seines Vaters. Er setzte sich zu ihm an den E?tisch und schob einige Ermittlungsakten beiseite, um Platz fur seine Hausaufgaben zu haben. Wahrend die beiden nebeneinander arbeiteten, stellte Jason immer wieder Fragen: »Dad, hast du gewu?t, da? jede Zahl durch neun teilbar ist, wenn ihre Quersumme durch neun teilbar ist? Findest du das nicht merkwurdig?«... »Dad, hast du gewu?t, da? der Mond nur dreihundertfunfundachtzigtausend Kilometer entfernt ist? Glaubst du, da? ich mal hinfliegen kann, wenn ich gro? bin?«... Und zuletzt: »Dad, warum sind wir nicht immer so zusammen?«
Ainslie brauchte zwei volle Tage, um die nach Hause mitgenommenen Ermittlungsakten genau durchzuarbeiten, sich Notizen zu machen und schlie?lich eine Liste aller auffalligen Details zu erstellen, aber als er damit fertig war, konnte er einige wichtige Schlu?folgerungen ziehen.
Er begann mit einer Uberprufung der Tatumstande, die vor den Medien geheimgehalten worden waren - immer in der Hoffnung, ein Verdachtiger konnte sich selbst belasten, indem er solche Einzelheiten erwahnte. Zu diesen Details gehorte die Serie bizarrer Gegenstande - von den vier toten Katzen angefangen -, die bei den
