Streifenwagen am Flughafen abholen.«
Der Flug mit einer Morgenmaschine der Gulfstream Airlines von Miami nach Tampa dauerte funfundsechzig Minuten, so da? Ruby Bowe um 8.30 Uhr im City of Tampa Police Department eintraf. Detective Shirley Jasmund holte sie am Empfang ab und ging mit ihr ins Detective Bureau, und die beiden Frauen schwarz und wei? - fanden sich sofort sympathisch. »Inzwischen wissen alle von Ihnen«, sagte Jasmund. »Sogar der Chef hat von diesem alten Fall mit den Japanern gehort. Wenn wir fertig sind, will er einen Abschlu?bericht.«
Jasmund, eine lebhafte Mittzwanzigerin, hatte braune Augen, schwarzes Haar, hohe Wangenknochen und eine schlanke Figur, um die Ruby, die in letzter Zeit ein paar Pfund zugelegt hatte, sie beneidete.
»Wir haben eine Besprechung angesetzt«, erklarte Jasmund ihr. »Mit Sergeant Clemson, Detective Yanis und mir.«
»Die Angehorigen rufen uns Jahr fur Jahr an«, sagte Detective Sandy Yanis von der Mordkommission zu Ruby, »weil Japaner ihre Vorfahren ehren. Deshalb haben sie die Toten zur Beisetzung in die Heimat uberfuhren lassen und finden keine Ruhe, bis der oder die Tater gefa?t und bestraft sind.«
»Vielleicht finden sie bald Ruhe«, antwortete Ruby. »Mit achtundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit ist der Morder Elroy Doil gewesen, der vor drei Wochen in Raiford wegen eines anderen Verbrechens hingerichtet worden ist.«
»Tatsachlich? Ja, das habe ich gelesen.«
Detective Yanis, offensichtlich ein Veteran, war gro? und hager und Ende Funfzig. Eine lange Narbe auf der linken Backe, die von einem Messerstich zu stammen schien, gab seinem faltigen Gesicht einen verwegenen Ausdruck. Sein schutteres graues Haar war unordentlich zuruckgekammt. Fast auf der Nasenspitze sa? eine Lesebrille; meist ging sein durchdringender Blick jedoch uber die halbmondformigen Glaser hinweg.
»Was Doil betrifft, sprechen Sie von achtundneunzigprozentiger Sicherheit«, sagte er zu Ruby. »Was ist mit den restlichen zwei Prozent?«
»Auf einem Friedhof hier in Tampa soll ein Messer vergraben sein. Finden wir's, werden aus diesen achtundneunzig Prozent hundert.«
»Wir wollen hier kein Quiz veranstalten«, wandte Sergeant Clemson ein, der ungefahr zwanzig Jahre junger als Sandy Yanis war. »Mich interessieren Tatsachen.«
»Also gut.« Ruby berichtete wieder einmal, wie Elroy Doil vor seiner Hinrichtung vierzehn Morde gestanden hatte -darunter auch den an dem Ehepaar Ikei in Tampa, von dem niemand in Miami wu?te -, wahrend er den ihm zugeschriebenen Mord an dem Ehepaar Ernst strikt geleugnet hatte.
»Er ist ein pathologischer Lugner gewesen, deshalb hat ihm anfangs niemand geglaubt«, fuhr Ruby fort. »Aber jetzt sind Zweifel entstanden, und ich habe den Auftrag, alle seine Aussagen zu uberprufen.«
»Haben Sie schon eine widerlegen konnen?« fragte Jasmund.
»Bisher nicht.«
»Stimmt jetzt noch, was er uber Tampa gesagt hat«, stellte Yanis fest, »haben Sie einen weiteren ungelosten Mord am Hals.«
Ruby Bowe nickte. »Einen Nachahmungstater.«
»Was ist mit dem Messer auf einem Friedhof?« wollte Clemson wissen.
Ruby las aus ihrem Notizbuch vor, was Doil ausgesagt hatte: »>Gleich neben dem Haus der Ikeis liegt ein Friedhof. Ich hab' das Messer loswerden wollen, hab's in einem Grab verbuddelt. Wissen Sie, was auf dem Grabstein gestanden hat? Derselbe Familienname wie meiner! Ich hab' ihn gesehen und gewu?t, da? ich mich daran erinnern wurde, wenn ich das Schei?messer mal zuruckhaben wollte. Aber ich hab's mir nie mehr geholt.<
Frage: >Sie haben das Messer in einem Grab versteckt? Tief vergraben?<
Antwort: >Nein, nicht tief.<«
Clemson schlug die alte Ermittlungsakte auf. »Hier steht die Adresse des Ehepaars Ikei: 2710 North Mantanzas Street. Liegt dort in der Nahe ein Friedhof?«
»Klar«, sagte Yanis. »Die Mantanzas Street sto?t auf die St. John Street, und gleich dahinter liegt ein kleiner, alter Friedhof, der Marti Cemetery hei?t. Er gehort der Stadt.«
»Falls Sie's noch nicht gemerkt haben sollten - Sandy ist unser wandelndes Lexikon«, sagte Clemson zu Ruby Bowe. »Er ist schon immer hier, vergi?t nichts und kennt die hintersten Winkel der Stadt. Deshalb macht er so ziemlich, was er will, und wir finden uns mit seinen Eigenarten ab.«
»Die meisten Leute sind nur funf bis sechs Jahre bei der Mordkommission«, erklarte Yanis ihr ernsthaft, »bevor sie befordert oder auf eigenen Wunsch versetzt werden. Der Stre? ist zu gro?. Aber ich bin geradezu suchtig danach. Ich bleibe hier, bis sie mich irgendwann raustragen, und ich erinnere mich an alte Falle wie den der Ikeis und freue mich, wenn sie eines Tages abgeschlossen werden konnen. Fangen wir also an, auf dem Friedhof zu graben! Ich tue das nicht zum erstenmal.«
Sergeant Clemson schaltete den Lautsprecher seines Telefons ein, damit die anderen sein Gesprach mit einem Staatsanwalt mithoren konnten. Als er dem Staatsanwalt beschrieben hatte, worum es ging, wurde sein Tonfall kompromi?los streng.
»Ja, Sergeant, ich wei? naturlich, da? wir nicht von einer Exhumierung reden. Tatsache ist jedoch, da? Sie in
»Spricht irgendwas dagegen, da? wir e~st nachsehen, ob es dieses Grab uberhaupt gibt?«
»Vermutlich nicht, solange es sich um offizielle Ermittlungen handelt. Aber seien Sie diskret! Bei Grabern sind die meisten Leute sehr empfindlich; jede Storung wird als Verletzung der Intimsphare oder als noch Schlimmeres empfunden.«
Danach wies Clemson Yanis an: »Sandy, du stellst fest, ob es auf diesem Friedhof ein Grab gibt, auf dem der Name Doil steht. Findest du eins, kannst du mit deiner eidesstattlichen Versicherung zu einem Richter gehen und eine Exhumierungserlaubnis beantragen.« Clemson wandte sich an Ruby. »Das wird ein paar Tage dauern, vielleicht sogar langer, aber wir versuchen, die Sache moglichst zu beschleunigen.«
Ruby Bowe fuhr mit Yanis zum stadtischen Liegenschaftsamt, wo sie einen Termin bei Ralph Medina hatten, in dessen Zustandigkeitsbereich der alte Friedhof Marti Cemetery lag. Medina, ein freundlicher kleiner Beamter Anfang Funfzig, erklarte ihnen: »Marti erfordert nicht viel Verwaltungsarbeit, hochstens vier bis funf Prozent meiner Arbeitszeit. Gut ist vor allem, da? wir sehr ruhige Mieter haben, die sich nie beschweren.« Er lachelte uber seinen eigenen Scherz. »Wenn ich kann, helfe ich Ihnen naturlich gern.«
Ruby erlauterte den Grund ihres Besuchs - Elroy Doils Gestandnis unmittelbar vor der Hinrichtung - und worum es ihnen ging. Dann erkundigte sie sich, wie viele Personen dieses Namens auf dem Friedhof bestattet seien.
»Wie schreibt man den Namen?«
»Doil.«
Medina holte einen dicken Band aus einem Regal, fuhr mit dem Zeigefinger mehrere Listen hinunter und schuttelte dann den Kopf. »Den Namen gibt's hier nicht. Dort ist niemals jemand dieses Namens bestattet worden.«
»Was ist mit ahnlichen Namen?« fragte Yanis.
»Der Name Doyle kommt mehrmals vor.«
»Wie oft?«
Medina sah wieder in seine Listen. »Dreimal.«
Yanis wandte sich an Ruby. »Was halten Sie davon?«
»Ich wei? nicht recht. Doil hat gesagt: >Derselbe Familienname wie meiner!< Und der Gedanke, auf Verdacht in drei Grabern herumzubuddeln...« Sie schuttelte den Kopf.
»Yeah, ich wei?, was Sie meinen. Mr. Medina, wann sind hier drei Doyles beerdigt worden?«
Der stadtische Beamte brauchte einige Minuten, um die Daten herauszusuchen. »Der erste 1903, ein weiterer 1971, der letzte 1986.«
»Den dritten konnen wir abhaken; das ist sechs Jahre nach der Ermordung der Ikeis gewesen. Was die beiden anderen betrifft haben Sie noch Verbindung zu den Angehorigen?«
Medina wuhlte sich nochmals durch Register, Akten und vergilbte Schriftstucke, bevor er feststellte: »Nein, Kontakte gibt es keine mehr. Bei diesem ersten Bestattungsfall ist das nicht verwunderlich; schlie?lich liegt er
