Esperanza fand. Er blatterte an seinem Schreibtisch sitzend darin herum und sagte einige Minuten spater: »Das hier konnen Sie brauchen, glaube ich.« Er uberreichte seiner Kollegin den mehrseitigen Ermittlungsbericht.
Auf Seite drei fand Bowe, was sie suchte: die Aufstellung der am Tatort des Doppelmords sichergestellten Beweisstucke, darunter eine »Geldscheinklammer, goldfarben, Monogramm >HB<.« Auf einer folgenden Seite hatte ein Ermittler vermerkt, diese Geldscheinklammer musse der Tater verloren haben, weil das Monogramm zu keinem der Ermordeten passe und ihr Neffe ausgesagt habe, er habe sie nie bei ihnen gesehen.
»Das mu? sie sein«, erklarte sie Crowley. »Doil hat Sergeant Ainslie gegenuber ausgesagt, er habe sie bei einem anderen Raububerfall erbeutet und anscheinend an diesem Tatort verloren.«
»Wollen Sie sich das Ding ansehen? Es liegt sicher noch in der Asservatenkammer.«
»Das sollte ich wohl. Tue ich's nicht, fragt bestimmt jemand, warum ich's nicht getan habe.«
»Ist das nicht immer so?«
Nachdem Crowley die Liste fur seine Kollegin kopiert hatte, fuhrte er Bowe ins benachbarte gro?e Gebaude des Asservatenlagers hinuber, dessen uberfullte Stahlkammern und Tresore das Strandgut unzahliger Verbrechen enthielten.
Uberraschend schnell standen zwei verstaubte Kartons mit Beweismaterial aus dem siebzehn Jahre zuruckliegenden Mordfall vor ihnen. Als das Siegel des ersten erbrochen und der Deckel geoffnet wurde, lag die glanzende Geldscheinklammer mit dem eingravierten Monogram »HB« in einem Plastikbeutel obenauf.
»Ist nicht angelaufen, mu? also echtes Gold sein«, stellte Crowley fest. »Wer mag dieser >HB< gewesen sein?«
»Genau das«, sagte Ruby Bowe, »mu? ich als nachstes rauskriegen.«
Das Archiv fur Ermittlungsakten lag in einem anderen Stockwerk des Dienstgebaudes. Hier wurden zwanzig Jahre weit zuruckreichende Ermittlungsakten aus den siebenundzwanzig Gemeinden im Dade County aufbewahrt. Wahrend neuere Akten auf Magnetband gespeichert waren, existierten alte nur auf Mikrofilm. Auch das Archiv der Metro-Dade Police war in sauberen, hellen, modern eingerichteten Raumen untergebracht.
Ruby Bowe hatte sich die Stelle aus Elroy Doils Tonbandgestandnis notiert, an der er in bezug auf eine Geldklammer gesagt hatte: »Die hab' ich bei 'nem Raububerfall erbeutet - ein paar Monate, bevor ich die Schlitzaugen umgelegt hab'.«
Sie entschied sich dafur, alle Raububerfalle zu uberprufen, die in den drei Monaten vor der Ermordung des Ehepaars Esperanza am 12. Juli 1981 angezeigt worden waren.
»Wissen Sie uberhaupt, was Sie sich da vornehmen?« fragte die Archivarin, mit der Ruby uber ihr Vorhaben sprach. »Wenn Sie Pech haben, sitzen Sie wochenlang hier.« Sie hielt eine Mikrofilmkassette hoch. »Diese hier stammt aus dem Jahr 1981 und enthalt die Anzeigen eines einzigen Tages - etwa funfhundert verfilmte Seiten mit Raububerfallen, Einbruchen, Autodiebstahlen, Vergewaltigungen, Korperverletzungen, Schu?waffengebrauch... einfach alles! Bei drei Monaten sind das ungefahr funfzigtausend Seiten.«
»Lassen die Raububerfalle sich nicht aussondern?«
»Bei Computerakten schon. Aber bei diesem alten Zeug auf Mikrofilm - ausgeschlossen!«
Ruby Bowe seufzte. »Trotzdem mu? ich einen ganz bestimmten Raububerfall finden.«
»Viel Gluck!« wunschte die Frau ihr. »Im Dade County passieren im Jahresdurchschnitt siebzehntausend Raububerfalle.«
Im Lauf der Zeit ermudeten Rubys Augen. Sie sa? im Archiv an einem modernen Canon Microprinter, der nicht nur als Lesegerat diente, sondern die jeweilige Seite auch ausdrucken konnte. Bei den verfilmten Unterlagen handelte es sich um Standardvordrucke, was ihr die Arbeit erleichterte, weil oben die »Art des Vorfalls« angegeben war. Nur wenn dort »bewaffneter Raububerfall« stand, nahm sie sich die Zeit, die Meldung zu uberfliegen. Weiter unten war »geraubtes Eigentum« verzeichnet, und wenn dort keine Geldscheinklammer aufgefuhrt war - wie bisher in allen Fallen -, las Ruby weiter.
Als sie am ersten Tag nicht fundig wurde, horte sie spatnachmittags auf und vereinbarte, da? sie am nachsten Tag zuruckkommen und ihre Suche fortsetzen wurde.
Auch der zweite Tag blieb ergebnislos, obwohl Ruby jetzt so in Ubung war, da? sie alle Meldungen, die keine Raububerfalle betrafen, achtlos vorbeiflitzen lie?. Am Abend dieses Tages hatte sie funf Mikrofilmkassetten durchgesehen und beiseite gelegt.
Als sie am nachsten Morgen den nachsten Mikrofilm einlegte, fragte sie sich zweifelnd:
Plotzlich fesselte ein als 27422-F registrierter bewaffneter Raububerfall vom 18. April 1980 Rubys Aufmerksamkeit. An diesem Tag um 0.15 Uhr hatte sich vor dem Carousel Nite Club am Gratigny Drive in Miami Lakes ein Raububerfall ereignet. Der mit einem Messer bewaffnete Tater hatte einen Mann namens Harald Baird um Geld und Schmuck erleichtert. Als Beute waren aufgezahlt vierhundert Dollar in bar, zwei Ringe zu jeweils hundert Dollar und eine goldene Geldscheinklammer mit dem Monogramm »HB« im Wert von zweihundert Dollar. Der Tater wurde als »ungewohnlich gro?er und kraftiger Wei?er, Identitat unbekannt«, beschrieben.
Mit einem Seufzer der Erleichterung tippte Ruby die Drucktaste des Gerats an und nahm den Bericht 27422 -F in Empfang. Dann lehnte sie sich zuruck und gonnte sich eine Pause, weil sie wu?te, da? sie den Beweis dafur erbracht hatte, da? Doil bei seinem Tonbandgestandnis zumindest teilweise bei der Wahrheit geblieben war.
Nun weiter nach Tampa.
Von ihrem Schreibtisch bei der Mordkommission aus rief Ruby Bowe das Tampa Police Department an und wurde mit der Mordkommission der Kriminalpolizei verbunden, wo Detective Shirley Jasmund ihren Anruf entgegennahm.
»Wir haben Informationen uber einen alten Fall, der sich bei Ihnen ereignet haben mu?te«, erklarte Ruby ihr. »Es handelt sich um ein Ehepaar Ikei, das 1980 ermordet worden sein soll.«
»Sorry, damals bin ich noch zur Schule gegangen - in die dritte Klasse«, sagte Detective Jasmund kichernd. Dann wurde sie wieder ernst. »Irgendwo habe ich den Namen schon mal gehort, glaube ich. Wie wird er geschrieben?«
Jasmund notierte sich den Namen. »Das kann eine Zeitlang dauern«, meinte sie. »Am besten geben Sie mir Ihre Telefonnummer, damit ich Sie zuruckrufen kann.«
Drei Stunden spater klingelte Rubys Telefon, und sie horte Jasmunds Stimme: »Wir haben die Akte gefunden, sieht interessant aus. Ein japanisches Ehepaar - beide uber Siebzig -ist in seinem hiesigen Ferienhaus erstochen worden. Die Leichen hat man zur Bestattung nach Japan uberfuhrt. Einen Tatverdachtigen hat's nie gegeben, steht hier.«
»Irgendwelche Einzelheiten uber den Tatort?« fragte Ruby.
»Jede Menge!« Ruby horte ihre Kollegin umblattern. »Hier steht, da? der Tater ungewohnlich brutal vorgegangen ist... Die Ermordeten sind mi?handelt worden; sie haben sich gefesselt und geknebelt gegenubergesessen... Ein gro?erer Geldbetrag ist gestohlen worden, und... Augenblick, hier steht etwas Merkwurdiges... «
»Was?«
»Moment, ich lese noch... Neben den Toten ist ein Briefumschlag gefunden worden. Er ist mit Siegelwachs verschlossen gewesen, mit einem Kreis aus sieben Punkten, und hat ein bedrucktes Blatt enthalten - eine Seite aus der Bibel.«
»Steht da auch, aus welchem Teil der Bibel?«
»Nein... Doch! Aus der Offenbarung.«
»Das ist der Fall, den ich meine!« sagte Ruby aufgeregt. »Horen Sie, wir haben so viele Informationen auszutauschen, da? ich am besten zu Ihnen rauffliege. Ware Ihnen morgen vormittag recht?«
»Augenblick, ich frage meinen Sergeant.«
Im Hintergrund waren gedampfte Stimmen zu horen, dann meldete Jasmund sich wieder: »Morgen pa?t's gut. Hier sind alle neugierig - auch unser Captain, der mitgehort hat. Ich soll Ihnen ausrichten, da? die Familie Ikei noch immer jedes Jahr aus Japan anruft, um zu fragen: >Gibt's was Neues?< Daher war mir der Name bekannt.«
»Sagen Sie dem Captain, da? er beim nachsten Anruf aus Japan vielleicht den Morder benennen kann. «
»Wird gemacht. Rufen Sie mich an, sobald Sie die Ankunftszeit wissen, dann lassen wir Sie von einem
