»Das ware moglich«, bestatigte Rodriguez. Er rief die Mordkommission uber Funk, dann meldete er Ainslie: »Nein, sie ist nicht dagewesen.«
Hinter ihnen kamen hastige Schritte naher. Francesco Vazquez erschien und rief atemlos: »Mrs. Davanal ist im Fernsehstudio - bei WBEQ! Gerade ist angekundigt worden, da? sie um acht Uhr uber den Tod ihres Ehemanns sprechen wird.«
»Das ist in zwei Minuten«, sagte Ainslie. »Wo konnen wir uns die Sendung ansehen?«
»Kommen Sie bitte mit«, forderte Mrs. Vazquez sie auf, und die Manner folgten ihr den Korridor entlang in einen luxurios ausgestatteten Fernsehraum. Der riesige Bildschirm nahm fast eine ganze Wand ein. Francesco Vazquez schaltete die Anlage ein; auf dem Bildschirm erschien der Schlu? eines Werbespots in faszinierender Surround-Tontechnik. Nach der Einblendung WBEQ -
Dann ein rascher Schnitt zu einer Nahaufnahme von Felicias Gesicht. Sie war atemberaubend schon, aber Ainslie vermutete, da? eine Maskenbildnerin nachgeholfen hatte. Ihr Gesichtsausdruck war ernst.
Im Fernsehraum deutete Mrs. Vazquez auf zwei Sesselreihen. »Nehmen Sie doch bitte Platz.«
»Nein, danke«, sagte Ainslie. Als die Kriminalbeamten stehen blieben, folgte das Ehepaar Vazquez ihrem Beispiel.
Felicia sah in die Kamera und begann mit klarer, gleichma?iger Stimme: »Ich bin in aller Bescheidenheit und voller Bedauern im Begriff, ein offentliches Gestandnis abzulegen und mich zu entschuldigen. Das Gestandnis betrifft die Tatsache, da? mein Mann Byron Maddox-Davanal nicht ermordet worden ist, wie ich und auf mein Drangen hin auch andere behauptet haben. Byron ist durch seine eigene Hand umgekommen; er hat Selbstmord verubt. Er ist tot, und weder Schuld noch Tadel konnen ihn noch langer treffen.
Diese beiden Dinge - Schuld und Tadel - konnen und mussen jedoch mir zur Last gelegt werden. Bis zu diesem Augenblick der Wahrheit habe ich in bezug auf den Tod meines Ehemanns gelogen, Freunde und Angehorige getauscht, der Polizei und den Medien gegenuber falsche Aussagen gemacht, Beweise unterschlagen und falsche Spuren gelegt. Ich wei? nicht, welche Strafe mich dafur erwartet. Aber ich bin bereit, sie auf mich zu nehmen.
Meine Freunde, Mitburger von Miami, Polizei und Fernsehzuschauer - ich entschuldige mich bei Ihnen allen. Und nachdem ich nun dieses Gestandnis abgelegt, diese Entschuldigung ausgesprochen habe, will ich Ihnen erzahlen, warum ich - irregeleitet - so gehandelt habe, wie ich's getan habe.«
»Die Hexe hat uns wieder ausgetrickst«, flusterte Ainslie Rodriguez zu.
»Sie hat gewu?t, da? Holdsworth auspacken wurde«, murmelte Rodriguez, »deshalb ist sie uns mit diesem Auftritt zuvorgekommen.«
Ainslie verzog das Gesicht. »Wie ich sie kenne, steht sie am Schlu? als Martyrerin da.«
»Wer Mrs. Davanal uberlisten will, mu? verdammt fruh aufstehen«, sagte Karina Vazquez.
Felicia sprach mit klarer Stimme, aber etwas zuruckhaltender weiter: »Wie andere Mitglieder unserer Familie habe ich Selbstmord von fruhester Jugend an fur abscheulich gehalten -fur eine feige Tat, mit der man vor seiner Verantwortung fluchtet und es anderen uberla?t, das hinterlassene Chaos in Ordnung zu bringen. Die einzige Ausnahme ist naturlich jemand, der die unertraglichen Schmerzen eines todlichen Leidens beenden will. Aber das ist bei meinem Ehemann Byron Maddox-Davanal nicht der Fall gewesen.
Unsere Ehe - und ich will weiter bei der Wahrheit bleiben hat nicht alle unsere Erwartungen erfullt. Zu meinem gro?en Bedauern habe ich keine Kinder...«
Wahrend Ainslie Felicia beobachtete und ihr zuhorte, fragte er sich, wie lange sie diesen Auftritt vorbereitet haben mochte. Obwohl ihre Worte spontan klangen, waren sie das bestimmt nicht. Vielleicht benutzte sie sogar einen TelePromTer; die Zeit hatte fur die Eingabe eines Textes ausgereicht, und diese Fernsehstation gehorte schlie?lich der Familie Davanal.
»Was ich klarstellen mu?«, sagte Felicia gerade, »ist die Tatsache, da? au?er mir niemanden irgendeine Schuld trifft. Einer unserer Hausangestellten hat mich sogar gedrangt, auf mein Vorhaben zu verzichten. Ich habe seinen Rat unklugerweise ignoriert, aber ich mochte nicht, da? ihm jetzt irgendwelche Schuldvorwurfe gemacht werden...«
»Sie entlastet Holdsworth«, murmelte Rodriguez.
»Ich wei? nicht«, fuhr Felicia fort, »welche tatsachlichen oder vermeintlichen Probleme meinen Mann dazu veranla?t haben, sein Leben zu beenden...«
»Das wei? sie verdammt gut«, fugte Rodriguez hinzu.
Ainslie wandte sich ab. »Hier vergeuden wir unsere Zeit«, sagte er. »Los, wir fahren zuruck!«
Als sie hinausgingen, horten sie hinter sich weiter Felicias Stimme.
Von seinem Schreibtisch aus telefonierte Ainslie mit Curzon Knowles.
»Ja, ich habe die Lady gesehen«, antwortete der Staatsanwalt auf seine Frage. »Gabe es eine Emmy- Kategorie fur >Heuchelei im Alltage, ware sie die sichere Gewinnerin.«
»Werden das auch andere finden?«
»Nein. Au?er zynischen Staatsanwalten und Kriminalbeamten werden alle
»Was ist mit irgendwelchen Strafverfahren?«
»Das soll naturlich ein Witz sein.«
»Tatsachlich?«
»Malcolm, Sie konnen dieser Frau lediglich vorwerfen, da? sie einem Polizeibeamten falsche Auskunfte gegeben und Ihre Ermittlungen behindert hat - beides nur Vergehen. Aber angesichts der Tatsache, da? sie eine Davanal ist und sich die besten Rechtsanwalte leisten kann, ware hier kein Staatsanwalt bereit, Anklage gegen sie zu erheben. Und falls Sie noch Zweifel haben: Ich bin oben gewesen und habe mit Adele Montesino daruber gesprochen. Sie ist meiner Meinung.«
»Wir lassen Holdsworth also laufen?«
»Naturlich. Niemand soll behaupten durfen, die amerikanische Justiz behandle Reiche und weniger Reiche unterschiedlich. Ich setze den Haftbefehl au?er Kraft.«
»Sie scheinen unser System skeptisch zu beurteilen, Counselor.«
»Das ist ein Leiden, das ich mir im Lauf der Jahre zugezogen habe, Malcolm. Sollten Sie von einem Mittel dagegen horen, lassen Sie's mich wissen.«
Damit schien der Fall Maddox-Davanal erledigt zu sein. Aber es gab noch zwei Postskripte. Eines davon war eine Nachricht fur Ainslie, er solle Beth Embry anrufen.
Unter der Voraussetzung, nicht als Quelle genannt zu werden, hatte er Beth wie versprochen uber alle Ereignisse auf dem laufenden gehalten. Allerdings war bisher noch keine Zeile unter ihrem Namen erschienen. Als er sie jetzt anrief, erkundigte er sich nach dem Grund dafur.
»Weil ich keine hartgesottene Reporterin mehr bin, sondern mein weiches Herz entdeckt habe«, erklarte Beth ihm. »Wollte ich uber Byrons Selbstmord schreiben, mu?te ich seine Spielschulden erwahnen, was nicht weiter schaden wurde, aber auch die junge Frau benennen, der er ein Kind gemacht hat, und sie ist ein nettes Madchen, dem ich nicht schaden will. Ubrigens mochte ich, da? du sie selbst kennenlernst.«
»Du wei?t, da? Felicia mit ihrer Behauptung gelogen hat, sie wisse nicht, warum Byron sich umgebracht hat.«
»Fur Felicia gilt nur der Teil der Wahrheit, der ihr gerade pa?t«, stimmte Beth zu. »Aber jetzt zu der jungen Frau. Sie hat eine Anwaltin, die du bestimmt kennst - Lisa Kane.«
»Ja, die kenne ich.« Ainslie mochte Kane. Sie war jung und intelligent und arbeitete oft als Pflichtverteidigerin. Aber der Unterschied bei ihr war, da? sie sich trotz des niedrigen Honorars, das Pflichtverteidiger erhielten, mit unermudlichem Eifer fur ihre Mandanten einsetzte.
»Hattest du morgen Zeit fur ein Treffen?«
Ainslie vereinbarte eine Uhrzeit.
Lisa Kane war achtundzwanzig, sah funf Jahre junger aus und hatte an manchen Tagen noch als Schulerin durchgehen konnen. Sie trug ihr rotes Haar sehr kurz, war auch ohne Makeup sehr hubsch und trug Jeans und ein T-Shirt aus Baumwolle, als sie sich mit Ainslie traf.
Ihr Treffpunkt war ein kleiner, heruntergekommener zweistockiger Wohnblock in Liberty City, einem der
