Staatsanwalt Knowles, der vor dem Jurastudium Kriminalbeamter in New York City gewesen war, kannte die manchmal verschlungenen Wege zur Losung schwieriger Falle aus eigener Erfahrung. Ainslie wu?te jedoch, da? es unmoralisch gewesen ware, uber den moglichen Mi?brauch eines Haftbefehls zu sprechen, deshalb antwortete er zuruckhaltend: »Andere Moglichkeiten gibt's immer, Counselor, aber im Augenblick ist Holdsworth unser Hauptverdachtiger.«
Der Staatsanwalt lachelte. »Ich habe Byron Maddox-Davanal fluchtig gekannt, wissen Sie. Als ich den Tatort gesehen habe, habe ich zunachst sofort auf Selbstmord getippt. Aber ein Davanal begeht keinen Selbstmord, nicht wahr?«
Ainslie, der sich scharf beobachtet fuhlte, schwieg wohlweislich.
Der Staatsanwalt stand auf. »Meine Sekretarin ist bereits weg. Mal sehen, wie gut ich mit dem Computer zurechtkomme.«
Sie gingen ins Vorzimmer hinaus, wo Knowles zwar nur mit zwei Fingern, aber sonst sehr geschickt eine eidesstattliche Versicherung schrieb. Sobald sie ausgedruckt war, legte Ainslie den vorgeschriebenen Eid ab und unterschrieb die Versicherung. Danach erhielt er den Haftbefehl ausgestellt.
»So«, sagte Knowles anschlie?end, »jetzt mussen wir noch nachsehen, welche Richter verfugbar sind.« Er ging an seinen Schreibtisch zuruck und holte die Liste mit den Namen, Telefonnummern und Adressen der jeweils drei Richter heraus, die an den einzelnen Wochentagen Notdienst hatten. »Welcher ist Ihnen am liebsten?« Er gab Ainslie die Liste.
»Ich versuch's mit Detmann.« Ainslie hatte schon mehrmals in Verhandlungen, die Ishmael Detmann leitete, als Zeuge ausgesagt, und es war immer nutzlich, wenn der Richter den Kriminalbeamten kannte, der einen Haftbefehl beantragte.
»Okay, ich rufe ihn fur Sie an.«
Eine Minute spater berichtete Knowles: »Die Frau des Richters sagt, da? sie beim Abendessen sitzen, aber bis Sie dort sind, hat ihr Mann Zeit fur Sie.«
Richter Detmann, der in einem Bungalow in Miami Shores wohnte, kam selbst an die Haustur. Er war ein stattlicher, wurdevoller, grauhaariger Mann, der Ainslie in sein Arbeitszimmer fuhrte, wo Mrs. Detmann ihnen Kaffee servierte. Als sie Platz genommen hatten, las der Richter die von Ainslie mitgebrachten Unterlagen. »Sie haben ziemlich schnell einen moglichen Tater gefunden. Ist die Beweislage gut?«
»Wir halten sie fur gut, Euer Ehren, und der Staatsanwalt findet das auch.« Ainslie druckte sich wieder vorsichtig aus, weil er wu?te, da? alles, was morgen passierte, sehr bald in die Offentlichkeit dringen wurde.
Richter Detmann las weiter. »Knowles... ja, den habe ich schon oft als Anklagevertreter erlebt. Nun, was er befurwortet, kann ich auch unterschreiben.« Er schraubte seinen Fullfederhalter auf und setzte seine Unterschrift unter den Haftbefehl.
Zu Hause stellte Ainslie seinen Wecker auf funf Uhr.
Um 5.50 Uhr, noch vor Tagesanbruch, fuhr Ainslie mit Jorge Rodriguez in einem neutralen Dienstwagen vor der Villa der Davanals vor. Hinter ihnen hielt ein mit zwei uniformierten Beamten, einer davon ein Sergeant, besetzter Streifenwagen der Miami Police.
Nachdem die vier Polizeibeamten ausgestiegen waren, ubernahm Rodriguez wie vereinbart die Fuhrung. Er marschierte zu dem massiven Portal, fand den Klingelknopf und druckte ihn mehrere Sekunden lang. Nach kurzer Pause klingelte er nochmals. Dieser Vorgang wiederholte sich in immer kurzeren Abstanden, bis eine Mannerstimme rief: »Schon gut, schon gut, wer immer Sie sind! Ich komme!«
Drinnen wurden Riegel zuruckgezogen. Dann offnete sich einer der Turflugel, so weit es die eingehangte Sperrkette zulie?. Im Turspalt war das Gesicht des Butlers Holdsworth zu erkennen.
»Polizei!« erklarte Rodriguez ihm laut. »Hangen Sie bitte die Kette aus.«
Die Tur wurde geschlossen, damit Holdsworth die Sperrkette aushangen konnte. Als sie wieder aufging, war zu erkennen, da? der Butler sich in gro?er Eile angezogen hatte: Sein Hemd war nicht ganz zugeknopft, und er schlupfte erst jetzt in seine Jacke. Als er die Vierergruppe vor dem Hausportal sah, protestierte er: »Um Himmels willen! Was ist denn so dringend?«
Jorge trat einen Schritt naher an ihn heran und sagte mit lauter, deutlicher Stimme: »Humphrey Holdsworth, ich habe einen Haftbefehl gegen Sie wegen Mordes an Byron Maddox-Davanal. Ich mache Sie darauf aufmerksam, da? Sie das Recht haben, die Aussage zu verweigern... Sie brauchen sich mir gegenuber nicht zu au?ern oder Fragen zu beantworten...«
Holdsworth stand der Mund offen; aus seiner Miene sprach unglaubiges Entsetzen. »Einen Augenblick! Bitte!« flehte er atemlos. »Das mu? ein Irrtum sein! Sie konnen mich nicht meinen... «
Jorge sprach unbeirrbar weiter: »Sie haben das Recht auf einen Anwalt... Konnen Sie sich keinen Anwalt leisten, wird Ihnen einer gestellt... «
»Nein! Nein! Nein!« rief Holdsworth erregt. Er wollte nach dem Schriftstuck greifen, das Jorge in der Hand hielt, aber Ainslie war schneller. Er trat auf den Butler zu, packte ihn am Arm und wies ihn an: »Mund halten und zuhoren! Hier liegt kein Irrtum vor.«
Als Rodriguez mit seiner Belehrung fertig war, forderte er Holdsworth auf: »Hande auf den Rucken!«
Bevor Holdsworth wu?te, wie ihm geschah, war er mit Handschellen gefesselt. Ainslie nickte den uniformierten Beamten zu. »Sie konnen ihn wegbringen.«
»Oh,
Aber die Uniformierten schoben ihn bereits zu ihrem Streifenwagen. Sie offneten die hintere Tur und stie?en Holdsworth hinein, wobei sie seinen Kopf nach unten druckten, damit er ihn sich nicht am Turrahmen anschlug. Dann fuhr der Streifenwagen mit dem heftig protestierenden Verhafteten auf dem Rucksitz davon.
Die Streifenwagenbesatzung lieferte Holdsworth bei der Mordkommission ab, wo er in einem Vernehmungsraum mit Handschellen an einen Metallstuhl gefesselt wurde. Ainslie und Rodriguez, die wenig spater eintrafen, lie?en ihn eine halbe Stunde lang schmoren. Dann kamen sie gemeinsam herein und setzten sich Holdsworth an dem gro?en Metalltisch gegenuber.
Der Butler funkelte sie an, aber als er sprach, klang seine Stimme beherrschter als zuvor in der Villa. »Ich will sofort einen Anwalt und verlange, da? Sie mir... «
»Halt!« Ainslie hob eine Hand. »Sie wollen einen Anwalt, und Sie bekommen einen. Aber bevor Ihr Anwalt hier eingetroffen ist, konnen wir Sie weder vernehmen noch Ihre Fragen beantworten. Zuerst sind jedoch noch einige Formalitaten zu erledigen.«
Ainslie nickte Rodriguez zu, der seine Mappe mit einem Notizblock und mehreren Vordrucken aufschlug.
»Ihr vollstandiger Name?« fragte er den Butler.
»Sie wissen genau, wie ich hei?e!« fauchte Holdsworth.
Ainslie beugte sich nach vorn und sagte ruhig: »Wenn Sie mit uns zusammenarbeiten, geht alles viel schneller.«
Eine Pause. Dann: »Humphrey Howard Holdsworth.«
»Geburtsdatum?«
Sobald die Angaben zur Person des Verhafteten vollstandig waren, schob Rodriguez ihm den Vordruck hin. »Unterschreiben Sie bitte rechts unten. Hier steht, da? Sie uber Ihre Rechte belehrt worden sind und sich dafur entschieden haben, Fragen erst in Anwesenheit Ihres Rechtsanwalts zu beantworten.«
»Wie
Rodriguez nahm ihm die Handschellen ab.
Wahrend Holdsworth sich sein Handgelenk rieb und den ausgefullten Vordruck mi?trauisch studierte, stand Ainslie auf. »Bin gleich wieder da«, erklarte er Jorge. Er ging zur Tur, streckte den Kopf hinaus und tat so, als rufe er jemandem zu: »Hey, la? die alten Fingerabdrucke aus England vorlaufig liegen! Wir warten auf seinen Anwalt, deshalb brauchen wir sie erst spater.«
Holdsworth hob ruckartig den Kopf. »Was fur Fingerabdrucke aus England sind das?«
»Sorry.« Ainslie schuttelte den Kopf, als er an den Tisch zuruckkam. »Wir durfen nicht miteinander reden, bevor Ihr Anwalt hier ist.«
»Augenblick!« sagte Holdsworth scharf. »Wie lange dauert das?«
Rodriguez zuckte mit den Schultern. »Hangt ganz von Ihrem Anwalt ab.«
