Ainslie antwortete nicht gleich. »Nein, das haben wir nicht.«
»Aus sehr guten Grunden«, warf Jorge ein. »Die Terrassentur ist aufgebrochen worden, und wir haben Fu?abdrucke, aber keinen Revolver gefunden, der bei einem Selbstmord noch dagelegen hatte... «
»Detective«, unterbrach Sanchez ihn, »mein Gehor ist noch ziemlich gut, und wie ich eingangs erwahnt habe, bin ich eine Stunde lang am Tatort gewesen und habe zugehort.«
Jorge wirkte verlegen. »Entschuldigung, Doktor; ich werde uber Ihre Fragen nachdenken. Aber noch etwas anderes - an der Schu?hand von Selbstmordern sind immer Pulverschmauchspuren festzustellen. Auch in diesem Fall?«
»Nein«, antwortete Sandra Sanchez, »obwohl ich mir beide Hande vor der Autopsie genau angesehen habe. Aber wer etwas von Schu?waffen versteht, kann Schmauchspuren abwaschen. Das wirft eine weitere Frage auf, uber die Sie nachdenken sollten, Malcolm: Ist es denkbar, da? alle sonstigen Spuren gefalscht worden sind?«
»Ja, das ist denkbar«, gab Ainslie zu, »und nach allem, was ich von Ihnen erfahren habe, werden wir sie uns noch einmal ansehen.«
»Gut.« Dr. Sanchez nickte zustimmend. »Ich stufe den Tod inzwischen als >ungeklart< ein.«
Zu den Anrufen, die fur Malcolm Ainslie wahrend seiner Abwesenheit vom Schreibtisch eingegangen waren, gehorte einer davon Beth Embry. Sie hatte keinen Namen angegeben, aber er erkannte ihre Telefonnummer und rief sofort zuruck.
»Ich habe einige meiner alten Quellen angezapft«, erklarte sie ihm ohne Vorrede, »und zwei Tatsachen uber Byron Maddox-Davanal erfahren, die dich interessieren durften.«
»Beth, du bist ein Schatz! Was hast du fur mich?«
»Der Kerl hat in gro?en finanziellen Schwierigkeiten gesteckt - sogar in sehr gro?en. Au?erdem hat er einer jungen Frau ein Kind gemacht, und ihr Anwalt ist wegen Unterhaltszahlungen hinter Byron hergewesen - ersatzweise hinter der Familie Davanal.«
Ainslie holte tief Luft. »Das klingt allerdings verdammt nach Schwierigkeiten«, antwortete er. »Und ich denke gerade an etwas, das du bei meinem Besuch gesagt hast - da? es dich nicht wundern wurde, wenn Byron Selbstmord verubt hatte.«
»Sieht's danach aus?« fragte Beth uberrascht.
»Das ist eine Moglichkeit, allerdings vorerst noch nicht mehr. Erzahl mir von seinen finanziellen Schwierigkeiten.«
»Spielschulden. Byron hat hohe Schulden bei der hiesigen Unterwelt gehabt. Uber zwei Millionen Dollar. Die Mafia hat ihm gedroht, sich an Theodore Davanal zu wenden.«
»Der ihr keinen Cent gezahlt hatte.«
»Oder vielleicht doch. Wer einen steilen Aufstieg wie die Davanals hinter sich hat, hat auch einiges zu verbergen, von dem die Mafia bestimmt wei?. Aber mit Byrons luxuriosem Drohnendasein war's vorbei gewesen, wenn Theodore sie hatte auszahlen mussen.«
Ainslie bedankte sich erneut bei Beth und versprach ihr, sie auf dem laufenden zu halten.
Jorge war an seinen Schreibtisch neben Ainslies zuruckgekehrt. »Was ist mit dieser Selbstmordtheorie? Nehmen Sie die ernst?«
»Ich nehme Sandra Sanchez ernst. Und die Theorie ist eben plausibler geworden.« Ainslie berichtete von seinem Gesprach mit Beth Embry.
Jorge stie? einen leisen Pfiff aus. »Stimmt das alles, hat die Davanal gelogen. Ich hab' sie im Fernsehen gesehen - sie hat von dem >brutalen Mord an meinem Ehemann< gesprochen. Was will sie also verbergen?«
Eine mogliche Antwort kannte Ainslie bereits. Sie hing mit etwas zusammen, das Beth Embry bei seinem Besuch erwahnt hatte, und bestand aus einem einzigen Wort:
»Ja, aber nicht gleich. Wir forschen erst mal weiter.«
An diesem Mittwoch ubergab das Dade County Coroner's Department die Leiche Byron Maddox-Davanals seiner Ehefrau Felicia, die bekanntgeben lie?, der Trauergottesdienst fur ihren verstorbenen Ehemann mit anschlie?ender Beerdigung werde am Freitag stattfinden.
Am Donnerstag war der Haushalt der Davanals uberwiegend mit den Vorbereitungen fur die Beisetzung beschaftigt, und die Beamten der Mordkommission machten sich rucksichtsvollerweise rar. Malcolm Ainslie fuhr jedoch mit dem Lift in den zweiten Stock der Villa hinauf, um das Ehepaar Vazquez kennenzulernen, das den Patriarchen Wilhelm Davanal versorgte. Er traf die beiden in ihrer Dachgescho?wohnung an. Sie waren freundlich und hilfsbereit und hatten ihren Schutzbefohlenen offensichtlich gern. Naturlich hatten sie von der Ermordung Byrons gehort und waren schockiert. Auch »Mr. Wilhelm« wu?te davon, wurde aber nicht zur Beerdigung kommen, weil das zu anstrengend fur ihn gewesen ware. Ainslie konnte ihn bei diesem Besuch leider nicht kennenlernen, weil Mr. Wilhelm schlief.
Karina Vazquez, von Beruf Krankenschwester und eine zuverlassige, mutterliche Frau Mitte Funfzig, erklarte ihm: »Der alte Gentleman hat nicht mehr viel Kraft und schlaft vor allem tagsuber viel. Aber wenn er wach ist, hat er - im Gegensatz zu dem, was seine Angehorigen wahrscheinlich behaupten - seine funf Sinne so gut beieinander wie Sie oder ich.«
Ihr Mann Francesco fugte hinzu: »Manchmal kommt Mr. Wilhelm mir wie eine hochwertige alte Uhr vor. Sie bleibt irgendwann stehen, aber bis dahin funktioniert ihr Werk tadellos.«
»Hoffentlich kann man das spater auch von mir behaupten«, sagte Ainslie. Er fuhr fort: »Glauben Sie, da? der alte Gentleman mir irgend etwas uber den Todesfall sagen kann?«
»Das wurde mich nicht wundern«, antwortete Mrs. Vazquez. »Was Angelegenheiten der Familie betrifft, ist er immer auf dem laufenden, aber er behalt sein Wissen fur sich, und Francesco und ich fragen ihn nicht aus. Ich wei?, da? Mr. Wilhelm nachts oft wach liegt, deshalb konnte er etwas gehort haben. Aber wir haben nicht mit ihm daruber gesprochen, also mu?ten Sie ihn selbst fragen.«
Ainslie bedankte sich und vereinbarte mit dem Ehepaar, da? er ein andermal zuruckkommen wurde.
Obwohl Felicia nicht viel Zeit fur die Vorbereitungen hatte, tat sie ihr Bestes, um ihrem verstorbenen Mann eine gro?artige Beerdigung auszurichten. Der Trauergottesdienst fand in der geraumigen St. Paul's Episcopal Church in Coral Gables statt.
Angekundigt wurde er durch eilige Pressemitteilungen und in den Abendnachrichten der Fernsehstation WBEQ. Die Hauser der Warenhauskette Davanal's im Gro?raum Miami blieben fur drei Stunden geschlossen, damit die Angestellten am Gottesdienst teilnehmen konnten; intern wurde bekanntgemacht, die Namen aller Mitarbeiter, die diese Zeit anders nutzten, wurden notiert. Die Kirche war uberfullt, aber Theodore und Eugenia Davanal, die ihre Italienreise nicht abgebrochen hatten, glanzten durch Abwesenheit.
Auch Malcolm Ainslie, Jorge Rodriguez und Jose Garcia kamen zur Beerdigung - nicht als Trauergaste, sondern als Beobachter, um die Trauergemeinde unter die Lupe zu nehmen. Obwohl die Theorie, Byron Maddox- Davanal konnte Selbstmord verubt haben, neue Nahrung bekommen hatte, war bisher nicht auszuschlie?en, da? er ermordet worden war, und wie die Erfahrung zeigte, kam es vor, da? Morder den morbiden Drang verspurten, bei der Beerdigung ihres Opfers dabeizusein.
Au?er den Kriminalbeamten waren auch drei Personen von der Spurensicherung anwesend, die mit getarnten Kameras Fotos von Anwesenden und ihren Autokennzeichen machten.
Als die Kriminalbeamten am spaten Nachmittag wieder an ihren Schreibtischen sa?en, tauchte ein uniformierter Beamter der Einwanderungsbehorde auf, der zu Garcia wollte.
Sie schuttelten sich die Hand. »Ich wollte Ihnen das hier gleich vorbeibringen«, sagte der Mann von der Einwanderungsbehorde. Er ubergab dem Kriminalbeamten einen Umschlag. »Das sind die gewunschten Fingerabdrucke. Sie sind vorhin als E-Mail aus London gekommen.«
»Wunderbar, vielen Dank!« sagte Garcia uberschwenglich wie immer. Nachdem sie sich kurz unterhalten hatten, begleitete er den Besucher hinaus.
Detective Garcia wartete darauf, da? Ainslie ein Telefongesprach beendete, gab dann auf und ging zur Spurensicherung hinuber, um mit Julio Verona zu sprechen.
Zehn Minuten spater kam Garcia sichtlich aufgeregt zuruck. »Hey, Sergeant!« rief er schon von der Tur aus. »Ich hab' was fur Sie - eine hei?e Spur.«
