betraf, war sie ein wandelndes Lexikon - nicht nur in bezug auf Verbrecher, sondern auch auf Politiker, Geschaftsleute und sonstige Angehorige der Oberschicht Miamis, weil Verbrechen und diese Bereiche miteinander zu tun hatten. Jetzt lebte sie halb im Ruhestand, was bedeutete, da? sie gelegentlich ein Buch schrieb, das bereitwillig verlegt und gekauft wurde, obwohl sie in letzter Zeit weniger schrieb und lieber dasa? und ihren Erinnerungen nachhing oder mit ihren Hunden spielte - sie hatte drei Pekinesen, die Able, Baker und Charlie hie?en. Aber ihr Verstand und ihr Gedachtnis waren scharf wie eh und je.

Sie hie? Beth Embry, und obwohl sie ihr Geburtsdatum sogar im Who's Who in America geheimhielt, mu?te sie weit uber Siebzig sein. Sie lebte in den Oakmont Tower Apartments in Miami Beach, mit Meerblick, und Malcolm Ainslie gehorte zu ihren zahlreichen Freunden.

Bei seinem zweiten Telefongesprach aus der Villa der Familie Davanal hatte er Beth gefragt, ob er sie besuchen durfe. Jetzt empfing sie ihn an der Wohnungstur. »Ich wei?, warum du kommst; ich habe in den Morgennachrichten gesehen, wie du bei den Davanals aufgekreuzt bist. Du hast wieder mal eine Reporterin niedergemacht.«

»Dich habe ich nie niedergemacht«, protestierte er.

»Weil du Angst vor mir hattest.«

»Stimmt genau«, gab er zu. »Sogar noch heute.« Sie lachten, und er ku?te sie auf die Wange, wahrend Able, Baker und Charlie klaffend um sie herumtollten.

Obwohl Beth Embry nach herkommlichen Ma?staben nie schon gewesen war, strahlte sie eine Vitalitat aus, die sich in ihrem Mienenspiel und in jeder Bewegung zeigte. Sie war gro? und schlank, trotz ihres Alters noch immer sportlich, und trug nie etwas anderes als Jeans und bunte Baumwollhemden - heute ein wei?gelb kariertes.

Die beiden hatten sich vor zehn Jahren kennengelernt, als Beth als Reporterin an Tatorten aufkreuzte, an denen Ainslie ermittelte, und nach ihm zu fragen begann. Nach anfanglichem Mi?trauen entdeckte er, da? ihre Ideen und ihr Hintergrundwissen oft ebenso wertvoll waren wie die Informationen, die sie von ihm erhielt. Als sich zwischen ihnen ein Vertrauensverhaltnis entwickelte, sorgte Ainslie dafur, da? Beth einige sensationelle Erstmeldungen landen konnte, weil er wu?te, da? sie ihren Informanten geheimhalten wurde. Gelegentlich kam er auf der Suche nach Informationen zu Beth, um ihren Rat einzuholen, so auch diesmal.

»Augenblick«, sagte sie jetzt. Sie sammelte die drei klaffenden Pekinesen ein, trug sie in ihr Schlafzimmer und machte die Tur hinter ihm zu.

»Ich habe gelesen, da? du bei Elroy Doils Hinrichtung gewesen bist«, sagte Beth, als sie zuruckkam. »Wolltest du dich davon uberzeugen, da? er seine gerechte Strafe bekommt?«

Ainslie schuttelte den Kopf. »Ich bin nicht freiwillig dabeigewesen. Doil wollte mit mir reden.«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Ein Gestandnis im Angesicht des Todes? Rieche ich eine Story?«

»Vielleicht spater. Jetzt noch nicht.«

»Ich schreibe noch immer gelegentlich. Versprichst du mir diese Story?«

Ainslie uberlegte, dann sagte er: »Okay, falls ich damit befa?t bin, erfahrst du irgendwelche Neuigkeiten als erste. Aber streng vertraulich.«

»Naturlich. Habe ich jemals nicht Wort gehalten?«

»Nein.« Aber bei Beth Embry ging es nie ohne ein gewisses Feilschen um Gegenleistungen ab.

Die Erwahnung Doils erinnerte Ainslie daran, da? Ruby Bowe inzwischen ihre Nachforschungen begonnen haben mu?te. Er konnte nur hoffen, da? es ihnen gelingen wurde, diesen neuen Mordfall rasch aufzuklaren. Zunachst fragte er Beth: »Reden wir jetzt inoffiziell uber die Davanals?«

»Ohne Quellenangabe, okay?« schlug sie statt dessen vor. »Ich schreibe wie gesagt nicht mehr viel - die jungen Kriminalreporter sind ziemlich gut -, aber manchmal juckt's mich doch wieder, und besonders die Davanals sind ein Thema, das mich reizen konnte.«

»Wei?t du viel uber sie? Okay, ohne Quellenangabe.«

»Die Davanals sind ein Teil unserer Geschichte. Und Byron Maddox-Davanal, wie er sich hat nennen mussen, ist eine traurige Gestalt gewesen. Mich wundert's nicht, da? er ermordet worden ist; mich hitte's nicht gewundert, wenn er Selbstmord begangen hatte. Habt ihr schon einen Verdachtigen?«

»Noch nicht. Bisher sieht's nach einem fremden Tater aus. Warum ist Byron eine traurige Gestalt gewesen?«

»Weil er die schmerzliche Wahrheit >Der Mensch lebt nicht vom Brot alleinc, selbst wenn dick Butter drauf ist, am eigenen Leib erfahren hat.« Beth lachte. »Kommt dir das irgendwie bekannt vor?«

»Klar. Allerdings gibt's dafur mehrere Quellen - vom funften Buch Mose bis hin zu Matthaus und Lukas.«

»Hey, ich bin beeindruckt! Anscheinend hat das Priesterseminar dich furs Leben gepragt. Glaubst du, da? du irgendwann als Geistlicher wiedergeboren wirst?« Beth, die regelma?ig zur Kirche ging, lie? keine Gelegenheit aus, Ainslie wegen seiner Vergangenheit zu necken.

»Dir halte ich auch die andere Wange hin«, sagte Ainslie lachelnd. »Das steht ebenfalls bei Matthaus und Lukas. Aber jetzt will ich alles uber Byron horen.«

»Okay. Anfangs ist er die gro?e Hoffnung der Familie gewesen und sollte eine neue Generation Davanals zeugen; darum hat er seinen Namen andern mussen, als er Felicia geheiratet hat. Sie ist ein Einzelkind, und wenn sie kinderlos bleibt, was in ihrem Alter wahrscheinlich ist, stirbt die Dynastie Davanal mit ihr aus. Nun, Byron hat sein Sperma gro?zugig in ganz Miami verteilt und wohl auch Felicia etwas davon abgegeben, aber es scheint nicht angeschlagen zu haben.«

»Wie ich gehort habe, hat er auch in den Familienunternehmen erfolglos mitgewirkt.«

»Byron ist eine Niete gewesen. Aber ich nehme an, da? Felicia dir davon erzahlt hat - und von seiner Apanage, die er furs Nichtstun bezogen hat.«

»Ja.«

»Das erzahlt sie jedem. Durch ihre Verachtung ist sein Leben noch leerer und sinnloser geworden.«

»Traust du Felicia zu, ihren Mann ermordet zu haben?«

»Traust du ihr das zu?«

»Im Augenblick nicht.«

Beth schuttelte nachdrucklich den Kopf. »Sie hatte ihn nie umgebracht. Erstens ist Felicia zu klug, um etwas so Dummes zu tun. Zweitens ist Byron fur sie nutzlich gewesen.«

Ainslie erinnerte sich an Felicias Aussage: Unser Arrangement hat beide zufriedengestellt... unsere Ehe hat mir eine Art Freiheit gegeben.

Welche »Freiheit« sie gemeint hatte, war nicht schwer zu erraten.

Beth musterte ihn prufend. »Na, hast du's begriffen? Solange sie mit Byron verheiratet gewesen ist, hat sie niemals befurchten mussen, einer ihrer vielen Manner konnte den Kopf verlieren und sie unbedingt heiraten wollen.«

»Einer ihrer vielen Manner?«

Beth warf ihren Kopf in den Nacken und lachte schallend. »Unzahlige! Felicia verschlingt Manner. Aber sie wird ihrer rasch uberdrussig, sto?t sie wieder ab. Hat einer sie allzusehr bedrangt, war ihre Antwort: >Danke, ich bin schon verheiratet.««

Sie betrachtete Ainslie nochmals forschend. »Hat Felicia dir Avancen gemacht?... Sie hat's getan! Mein Gott, Malcolm, du wirst ja rot!«

Er schuttelte den Kopf. »Es hat nur einen Augenblick gedauert, und ich hab's mir wahrscheinlich blo? eingebildet.«

»Das glaube ich nicht, mein Freund, und wenn du ihr gefallen hast, versucht sie's bestimmt wieder. Aber la? dich warnen -Felicias Honig mag su? sein, aber sie ist eine Bienenkonigin, die stechen kann.«

»Du hast von der Dynastie Davanal gesprochen. Wie alt ist sie?«

Beth uberlegte. »Ihre Geschichte in Amerika beginnt kurz vor der Jahrhundertwende - 1898, wenn ich mich recht erinnere. Ich habe mal ein Buch uber die Familie gelesen. Simon Davanal und seine Frau Maria sind aus dem damals noch deutschen Oberschlesien eingewandert. Er hat ein bi?chen Geld gehabt, nicht viel, und damit ein Geschaft fur Haushaltswaren aufgemacht. Bis zu seinem Tod war daraus Davanal's Department Store geworden: der Grundstock des Familienvermogens. Simon und Maria haben einen Sohn gehabt - Wilhelm Davanal.«

»Der nur noch dahinvegetiert, nicht wahr?«

»Das klingt wieder nach Felicia. Wilhelm ist seit vielen Jahren Witwer, aber trotz seiner siebenundneunzig

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