Jahre noch immer hellwach. Wie man hort, entgeht ihm nicht viel von dem, was in dem gro?en alten Haus passiert. Du solltest unbedingt mit ihm reden.«

Senil, hatte Felicia behauptet. »Ja, das tue ich.«

»Jedenfalls«, fuhr Beth fort, »ist die Familie mit jeder Generation reicher geworden. Das gilt auch fur Theodore und Eugenia Davanal, die beide Tyrannen sind.«

»Die Davanals scheinen uberhaupt alle Tyrannen zu sein.«

»Nicht unbedingt. Schuld daran ist nur der Stolz, von dem sie alle beherrscht werden.«

»Stolz worauf?«

»Alles. Ihr offentliches Erscheinungsbild ist ihnen schon immer sehr wichtig gewesen. Ihr Auftreten mu? untadelig sein, damit sie als hochwertige, sogar perfekte Menschen dastehen. Und etwa vorhandene schmutzige kleine Geheimnisse werden so tief vergraben, da? sogar du als Detective-Sergeant Muhe hattest, sie zu finden.«

»Was du mir erzahlt hast«, sagte Ainslie, »beweist aber, da? Felicia sich nicht immer untadelig benimmt.«

»Das kommt daher, da? sie eine moderne Frau ist. Trotzdem hat sie ihren Stolz und mu? au?erdem spuren, weil das Familienvermogen noch in Theodores und Eugenias Handen ist. Wegen der Sache mit Byron hat sie Krach mit ihren Eltern gehabt. Kein Au?enstehender sollte erfahren, da? ihre Ehe gescheitert war; deshalb hat Byron seine Apanage bekommen -als eine Art Schweigegeld. Und ihren Eltern ist's egal, was fur ein Leben Felicia fuhrt, solange sie es gut verbirgt.«

»Ist es wirklich gut verborgen?«

»Nach Theodores und Eugenias Meinung nicht gut genug. Wie ich gehort habe, hat's einen Familienkrach und ein Ultimatum gegeben: Sollte Felicia durch eine ihrer Eskapaden den Familiennamen diskreditieren, will man ihr die Fernsehstation wegnehmen, die sie so liebt.«

Im weiteren Verlauf ihres Gesprachs erzahlte auch Ainslie nahere Einzelheiten uber den Mordfall Maddox- Davanal. Als sie dann beide aufstanden, sagte er: »Vielen Dank, Beth. Ich nehme wie immer vieles mit, uber das sich nachzudenken lohnt.«

Able, Baker und Charlie, die wieder aus ihrem Gefangnis befreit wurden, tollten aufgeregt klaffend um ihn herum, als er ging.

Als Malcolm Ainslie in die Villa der Davanals zuruckkam, wurden eben die sterblichen Uberreste Byron Maddox-Davanals in einem Leichensack abtransportiert - zur Autopsie in der Dade County Morgue. Dr. Sandra Sanchez, die schon weggefahren war, hatte die Vermutung geau?ert, sein Tod sei zwischen funf und sechs Uhr morgens eingetreten - etwa zwei Stunden vor dem Anruf, mit dem Felicia Maddox-Davanal den Leichenfund gemeldet hatte.

Im Arbeitszimmer war die bisherige Aktivitat etwas abgeklungen, aber Julio Verona, der Chef der Spurensicherung, war noch auf der Suche nach Beweismaterial. Zu Ainslie sagte er: »Ich mochte Ihnen etwas zeigen, sobald Sie einen Augenblick Zeit haben.«

»Okay, Julio.« Als erstes ging Ainslie jedoch zu Jorge Rodriguez und Jose »Pop« Garcia und fragte seine Kriminalbeamten: »Was gibt's Neues?«

Jorge nickte grinsend zu Garcia hinuber. »Er halt den Butler fur den Tater.«

»Sehr witzig!« sagte Pop Garcia murrisch. Ainslie erklarte: »Ich traue diesem Holdsworth nicht, das ist alles. Ich habe ihn vernommen, und mein Instinkt sagt mir, da? er lugt.«

»In welcher Beziehung?«

»In jeder Beziehung - da? er keinen Schu? oder irgendwelche Gerausche gehort hat, obwohl er hier unten im Erdgescho? wohnt, und nicht am Tatort gewesen ist, bevor die Ehefrau des Toten ihn verstandigt hat, nachdem sie neuneinseins angerufen hatte. Er wei? mehr, als er zugibt; darauf wurde ich meinen Kopf verwetten.«

»Haben Sie ihn uberpruft?« fragte Ainslie.

»Naturlich. Er ist nach wie vor britischer Staatsburger; er lebt seit funfzehn Jahren mit einer Green Card in Amerika und ist nie irgendwie aufgefallen. Ich habe die Einwanderungsbehorde in Miami angerufen; sie hat eine Akte uber Holdsworth.«

»Irgendwas Brauchbares?«

»Nun, das ist nicht wirklich wichtig, aber Holdsworth ist in England vorbestraft und hat das clevererweise angegeben, als er seine Green Card beantragt hat. Das ware rausgekommen, wenn er's nicht zugegeben hatte, aber die Sache ist eine Bagatelle gewesen.«

»Namlich?«

»Als Achtzehnjahriger - vor dreiunddrei?ig Jahren - hat er vom Rucksitz eines Autos ein Fernglas geklaut. Ein Polizeibeamter hat ihn dabei erwischt und verhaftet; Holdsworth hat sich schuldig bekannt und ist als Ersttater mit einer Bewahrungsstrafe davongekommen. Der Mann von der Einwanderungsbehorde hat mir erklart, da? solche lange zuruckliegenden Verfehlungen kein Hindernis fur die Ausstellung einer Green Card sind, wenn sie ehrlich angegeben werden. Ich hab' damit meine Zeit vergeudet, nehme ich an.«

Ainslie schuttelte den Kopf. »Die ist nie vergeudet. Heben Sie sich Ihre Notizen auf, Pop. Was ist bei den ubrigen Befragungen rausgekommen?«

»Nicht viel«, antwortete Jorge. »Zwei Personen - die Frau des Chauffeurs und einer der Gartner - glauben jetzt, einen Schu? gehort zu haben, haben ihn aber fur eine Fehlzundung gehalten. Einen Zeitpunkt konnen sie nicht angeben; sie wissen nur, da? es drau?en noch dunkel gewesen ist.«

»Hat schon jemand mit dem Alten gesprochen - mit Wilhelm Davanal?«

»Nein.«

»Gut, das ubernehme ich selbst«, entschied Ainslie.

Er ging gemeinsam mit Garcia und Rodriguez zu Julio Verona hinuber.

»Sehen Sie sich diese Uhr hier an«, sagte Verona. Er zog Latexhandschuhe an, offnete einen Plastikbeutel und zog eine kleine goldene Uhr heraus, die er auf Byron Maddox-Davanals Schreibtisch stellte. »Sie hat genau hier gestanden«, erlauterte er. »Das sieht man auf diesem Foto.« Er zeigte Ainslie eine Polaroidaufnahme.

»Auf der Ruckseite der Uhr«, fuhr Verona fort, »ist Blut zu erkennen - fur eine so kleine Flache ziemlich viel Blut. Aber...«, er machte eine Pause, um seiner Feststellung Nachdruck zu verleihen, »...wenn wir annehmen, da? dieses Blut von dem Toten stammt, kann es unmoglich auf die Ruckseite einer weit von ihm entfernt auf dem Schreibtisch stehenden Uhr gelangt sein.«

»Welche Theorie haben Sie also?« fragte Ainslie.

»Bei der Tat oder gleich danach ist die Uhr vom Schreibtisch ins Blut auf dem Fu?boden gefallen. Spater hat jemand -vielleicht der Morder - sie aufgehoben und an ihren Platz zuruckgestellt. Dort hat sie sich befunden, bis meine Leute dieses Foto gemacht haben.«

»Fingerabdrucke?«

»Klar - sogar recht gute. Alle stammen offenbar von einer Person, zwei davon sind blutig.«

»Finden Sie also eine Ubereinstimmung«, meinte Jose Garcia aufgeregt, »haben wir unseren Killer!«

Verona zuckte mit den Schultern. »Das mu?t ihr entscheiden, Leute - aber wer diese Abdrucke hinterlassen hat, sollte in die Mangel genommen werden, finde ich. Wir sind dabei, sie mit den gespeicherten Abdrucken zu vergleichen, und das Ergebnis mu?te bis morgen fruh vorliegen. Ob das Blut an der Uhr von dem Ermordeten stammt, wissen wir dann ubermorgen.« Er machte eine Pause. »Ich wollte Ihnen ubrigens noch etwas zeigen... Dort druben.«

Der Chef der Spurensicherung ging zu einem Wandschrank aus polierter Eiche. »Der ist abgesperrt gewesen, aber wir haben in einer Schublade des Schreibtischs einen Schlusselbund gefunden.« Er offnete die Tur und zeigte Ainslie das mit rotem Filz ausgekleidete Schrankinnere, das Schu?waffen enthielt. Eine Schrotflinte der Marke Browning, eine halbautomatische Bockbuchse der Marke Winchester und ein Schnellfeuergewehr Kaliber 22 der Marke Grossmann standen durch Metallklammern gehalten senkrecht darin. Daneben ruhte auf mehreren Metallhalterungen eine Glock, eine 9mm-Pistole. Leere Halterungen uber ihr lie?en erkennen, da? dort eine Handfeuerwaffe fehlte.

Unten im Schrankinnern waren mehrere Schubfacher eingebaut. Verona zog zwei davon auf. »Maddox- Davanal ist offenbar ein begeisterter Schutze gewesen, und hier liegt reichlich Munition fur die Schrotflinte, die beiden Gewehre und die Glock, in der ubrigens ein volles Magazin steckt. Au?erdem steht hier eine Schachtel mit

Вы читаете Der Ermittler
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату